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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre wenn Sigmund Freud Anwalt geworden wäre
Von Judith Rich Harris
Sigmund Freud wurde 1856 geboren und wuchs in Wien auf. Als Jugendlicher wollte er Jura studieren, dann überlegte er es sich anders und immatrikulierte sich an der Medizinischen Fakultät. Eine Weile lang erwog er, Biologe zu werden, und verbrachte einige Zeit damit, Aale zu sezieren. Dann trieb es ihn allmählich zu jenem Beruf, in dem er berühmt wurde. Was wäre, wenn Freud seinem ursprünglichen Plan treu geblieben wäre? Er wäre zweifellos ein hervorragender Anwalt geworden, denn er war nicht nur sehr intelligent, sondern besass auch die rätselhafte Gabe, andere Menschen von den abwegigsten Dingen zu überzeugen. Aber ich bezweifle, dass ihm ein revolutionärer Beitrag zur Theorie oder Praxis des Rechts gelungen wäre. Wenn Freud Anwalt geworden wäre, sähe die heutige Welt anders aus, weil er dann die Psychoanalyse nicht erfunden hätte.
Von der Existenz des Unbewussten (oder Unterbewusstseins) wüssten wir auch ohne Erfindung der Psychoanalyse. Dass diese Idee Freud vorausging, lässt sich vielfach belegen. Aber der Gedanke, dass die emotionalen Probleme der Menschen auf die Verdrängung unangenehmer Erinnerungen zurückzuführen seien und dass man diese Erinnerung ausgraben müsse, damit die Patienten sich besser fühlten, dieser Gedanke war eine originäre Leistung Freuds. Da es dafür keinerlei Beweise gibt, ist es durchaus denkbar, dass niemand sonst auf diese Idee verfallen wäre.
Ohne Freuds Einfluss wäre möglicherweise niemand darauf gekommen, die Eltern für alles verantwortlich zu machen, was mit ihren Kindern schiefgeht. Die Nachfolger Freuds redeten bekümmerten Müttern ein, dass sie an der Schizophrenie oder dem Autismus ihres Kindes schuld seien. Väter wurden bezichtigt, ihre Töchter sexuell missbraucht zu haben, und diese wurden in der Therapie dazu ermuntert, sich an entsprechende Szenen zu erinnern. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ideen ohne Psychoanalyse so dominant geworden wären.
Ohne die psychoanalytische Theorie wären wahrscheinlich wesentlich früher wirksame psychotherapeutische Methoden entwickelt worden. Die Menschen, denen diese Methoden zugute gekommen wären, hätten die Welt auf vielfache Weise in Politik und Kunst bereichern können. Leute, die den Gang der Welt hätten verändern können, vergeudeten Jahre ihres Lebens damit, sich auf der Couch von Psychoanalytikern auszuheulen und Erinnerungen an Mutter und Vater ans Licht zu zerren. Was, wenn diese Leute aufgehört hätten, über sich selbst nachzudenken, und stattdessen ermutigt worden wären, sich wichtigeren Dingen zu widmen?
Indirekt muss man Freud auch dafür verantwortlich machen, den Fortschritt der amerikanischen Psychologie gebremst zu haben. Die Popularität seiner Theorien in den USA in den 1920er Jahren begründete eine Gegenbewegung: eine psychologische Schule namens Behaviorismus. Der Behaviorismus war eine Überreaktion auf die psychoanalytische Theorie. Die Behavioristen warfen nicht nur Freuds Es und Über-Ich über Bord, sondern das gesamte bewusste Denken. Infolge dieses Overkills wurden viele Forschungsjahre vergeudet. Wichtige Fragen blieben unbeantwortet, während Psychologieprofessoren Reflexe studierten und ihren Laborratten und Tauben Futterkügelchen verabreichten. Hätten sie ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf nützlichere Forschungsgegenstände gerichtet, wüssten wir heute besser über den menschlichen Geist Bescheid. Vor allem wüssten wir mehr über den Einfluss der Gene auf das menschliche Verhalten.
Ein Grossteil der Forschung, die in den letzten fünfzig Jahren von Kinderpsychologen betrieben wurde, beruhte auf der Annahme, dass die Persönlichkeit von Kindern durch ihre Eltern geprägt werde. Es hat viel zu lange gedauert, bis die Psychologen erkannten, dass diese Annahme ein Mythos ist. Für diese Verzögerung dürfen wir die psychoanalytische Theorie verantwortlich machen. Wie anders sähe die Welt heute aus, wenn all die Energien, die auf die Erforschung der Erziehungspraktiken der Eltern zielten, stattdessen der Erforschung jener Aspekte der Umwelt gewidmet worden wären, die wirklich die kindliche Persönlichkeit formen? Was, wenn man versucht hätte herauszufinden, wie man die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen verbessern, wie man die Drangsalierereien auf den Schulhöfen unterbinden und Jugendliche von der Zusammenrottung in asozialen Banden abhalten könnte?
Die Welt wird diese Probleme am Ende auch so in den Griff bekommen – aber wir könnten bereits so weit sein, wenn doch Freud nur Anwalt geworden wäre.
Judith Rich Harris ist Psychologin und Autorin von «Ist Erziehung sinnlos?» (Rowohlt 2000); sie lebt in Middletown, New Jersey.
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