ALS AM 1. JUNI 1980 der Kabelfernsehveranstalter Robert Edward (Ted) Turner III. in Atlanta mit seinem Cable News Network (CNN) auf Sendung ging, wurde er von der Branche nur belächelt. Als «Chicken Noodle Network» bezeichneten die etablierten Fernsehgiganten den ersten Spartenkanal für Nachrichten, dessen Redaktion im Kellergeschoss eines ehemaligen Klublokals hauste. Doch Ted Turner hatte offensichtlich eine Marktlücke entdeckt. Mitte der achtziger Jahre erreichte CNN bereits über 30 Millionen Haushalte. 1991 krönte das amerikanische Magazin «Time» den Unternehmer und Weltklassesegler zum «Mann des Jahres». CNN beschäftigte nun über 1700 Angestellte, erreichte mit seinen Bulletins 75 Millionen Haushalte und erwirtschaftete dabei einen Profit von 134 Millionen Dollar.
CNN brachte neuen Wind in die Newsbranche, und das nicht nur in den Vereinigten Staaten. Nach dem amerikanischen Publikum umgarnt CNN mittlerweile auch die TV-Konsumenten und die Werbekundschaft in Europa und Asien. So soll das internationale Programm von CNN ausgebaut und «entamerikanisiert», das heisst besser auf die einzelnen kontinentalen und sprachregionalen Märkte abgestimmt werden. Gemäss einem internen Verteilsystem dürften dann nur mehr maximal 30 Prozent aller Nachrichten aus den USA stammen. Weiteres Nachrichtenmaterial will CNN von seinen Geschäftspartnern beziehen, und die externen Nachrichtenbüros - gegenwärtig 19 ausserhalb der USA - möchte der Sender ebenfalls ausbauen.
Ein Zwischenziel dieser Globalisierung der Fernsehnachrichten hat CNN mit der Sendung «CNN World Report» bereits erreicht. Die fallweise täglich oder wöchentlich programmierte Sendung ist der erste ernsthafte Versuch einer «Welt-Tagesschau»: Programmveranstalter aus allen Ländern sind hier eingeladen, englisch gesprochene Nachrichtenfilme einzuschicken, die dann - thematisch geordnet - ohne weitere Bearbeitung gesendet werden. Um die 10 000 solcher Nachrichtenfilme wurden in den letzten fünf Jahren gesendet, Beiträge über Ereignisse und zu Themen aus über 130 Ländern, die sonst nur in Ausnahmefällen die eigenen Landesgrenzen überschritten hätten. Dazu gehörten zum Beispiel auch Berichte über die jüngsten Ereignisse im Jura.
Ausserdem sucht CNN ganz bewusst auch Kooperationen mit regionalen Programmveranstaltern, um so direkten Zugang zu den Märkten zu erhalten. Teil dieser Strategie ist etwa das Engagement des US-Senders als Hauptaktionär beim neuen deutschen Sender n-tv. Unausgesprochen ist CNN das Vorbild dieses ersten deutschsprachigen Nachrichtenkanals. CNN ist an n-tv mit einem Anteil von 27,5 Prozent beteiligt; Time Warner, der grösste Medienkonzern der Welt, hält mit 19,6 Prozent das zweitgrösste Aktienpaket und ist seinerseits an CNN beteiligt. Seriosität und Zuverlässigkeit wie bei den Nachrichtensendungen der Konkurrenz aus dem öffentlichrechtlichen Lager ist das Ziel der n-tv-Nachrichtensendungen: Kein Schnickschnack, keine Newsshow, kein Infotainment. Vor allem mit Wirtschafts-, Finanz- und Börsennachrichten soll ein gehobenes, kaufkräftiges (und in erster Linie männliches) Publikum angesprochen werden. Die rund um die Uhr gesendeten Informationen sind in 12 Minuten lange Nachrichtenblöcke aufgeteilt und damit den Bedürfnissen gestresster Entscheidungsträger, die wenig Zeit zum Fernsehen haben, angepasst. n-tv steht ein Budget von rund 100 Millionen Franken zur Verfügung, die Verantwortlichen hoffen, 1994 schwarze Zahlen zu schreiben.
Gewissermassen die europäische Antwort auf den Vorstoss der Amerikaner ist der Nachrichtenkanal Euronews, der nur einen Monat nach n-tv, im Januar 1993, seinen Betrieb aufgenommen hat. An diesem in Lyon domizilierten Sender sind einige Mitglieder der Union europäischer Rundfunkanstalten (UER) - vor allem aus Mittelmeerländern - finanziell und programmlich aktiv beteiligt. Euronews, dem der Tessiner Dario Robbiani als Chefredaktor vorsteht, versucht mit rund 90 Millionen Franken ein 18-Stunden-Programm zu realisieren, und das erst noch in fünf Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch). Nicht Eigenproduktionen stehen dabei im Vordergrund, sondern das über die Eurovision ausgetauschte Material soll, neu aufbereitet und portioniert, einer Mehrfachverwertung zugeführt werden.
Bei Euronews werden unmoderierte viertelstündige Nachrichtensendungen mit Filmbeiträgen und Schlagzeilen aus der Tagespresse sowie Wetterinformationen angeboten. Neben der Wiederholung von Tagesschauen verschiedener europäischer und aussereuropäischer Fernsehunternehmen produziert der Sender auch längere Direktsendungen aus wichtigen europäischen Institutionen (EG, Europarat usw.). Allerdings möchte sich Euronews keineswegs als blosse «Nachrichtenwiederaufbereitungsanlage» verstanden wissen; der Sender nimmt für sich auch in Anspruch, in Krisenzeiten eine ähnliche Rolle zu spielen wie CNN während des Golfkriegs.
Das Konzept der Nachrichtenkanäle - diese sind übrigens nicht nur eine Sparte des Fernsehens: Unter dem Motto «Die schnellste Art, Bescheid zu wissen» sendet seit fast zwei Jahren der Bayrische Rundfunk ein Nachrichtenprogramm - ist auf den ersten Blick bestechend. Mit aktuellen Meldungen im Taktfahrplan sollen die Erfolgreichen, die Mobilen, die Aufgeschlossenen unserer Gesellschaft umfassend informiert werden. Die Nachrichtensender versprechen, mit ausgedehnten Sendezeiten eine Fakten vermittelnde und Hintergrund ausleuchtende Orientierungshilfe in der komplexen Gegenwart zu leisten, und zwar - anders als die Hauptausgaben der Tagesschauen - zeitungebunden. Bei genauerem Hinsehen klaffen allerdings Anspruch und Wirklichkeit bei diesen neuen Dienstleistungen noch weit auseinander.
Nur schon aus finanziellen Gründen sind die 24-Stunden-Spartenkanäle kaum in der Lage, eine grössere Zahl von «Stories» zu produzieren als die Nachrichtenredaktionen der öffentlichen und privaten Vollprogramme. Da die Nachrichtenkanäle in der Regel bloss über wenige eigene Reportercrews verfügen, müssen sie sich auf dasselbe Material stützen, das auch der Konkurrenz zur Verfügung steht. Untersuchungen zeigen: Die Nachrichtenkanäle bringen ihren Zuschauern die Meldungen bestenfalls etwas früher, ein unterschiedliches Nachrichtenmenu präsentieren sie nicht. Dass die neuen Nachrichtenkanäle Entscheidendes zur publizistischen Vielfalt beitragen, dafür gibt es jedenfalls keinerlei aussagekräftige Indikatoren. Ihr Vorteil gegenüber den Vollprogrammen besteht einzig darin, permanent eine Nachrichtenzusammenfassung anbieten und gleichzeitig im Bedarfsfall, wenn es ein Ereignis erfordert, längere Direktschaltungen machen zu können - und das, ohne die Zuschauer mit verspäteten oder sogar entfallenden Programmteilen zu verärgern. Die permanente bis penetrante Wiederholung von Schlagzeilen und Kurzfilmen wichtiger Tagesereignisse verhindert geradezu die Etablierung von anspruchsvollen Nachrichtenkonzepten.
Die Grenzen liegen selbstverständlich - darauf kapriziert sich heute jeder Programmveranstalter - beim Publikum, das weder Zeit noch Lust verspüre, länger als 20 Minuten seine Aufmerksamkeit den dargebotenen Hard- und Softnews zu widmen. Deshalb sind die Nachrichtenkanäle auch gar nicht gezwungen, das Versprechen einzuhalten, dem Publikum ungehinderten Zugang zu wichtigen Ereignissen zu ermöglichen und damit Gelegenheit zu verschaffen, direkt an wichtigen Debatten Anteil zu nehmen. Weder Standpunkte von gesellschaftlichen Minoritäten noch alternative Informationsquellen finden Eingang in die unendlichen Nachrichtenschleifen. Nicht nur im Bereich der Unterhaltung, sondern auch zunehmend bei den Informationskanälen geht der Trend zum vielgeschmähten «more of the same».
So bleiben praktisch alle Fernsehstationen und TV-Nachrichtenkanäle mehr oder weniger auf die führenden Grossisten von Filmnachrichten angewiesen, die sie in der Regel im Abonnement beziehen. Neben CNN gehören dazu Reuters Television und Worldwide Television News (WTN). Reuters Television - bisher unter dem Namen Visnews operierend und heute in die Reuters Holding eingegliedert - bedient von der Zentrale in London aus rund 650 Programmveranstalter in 80 Ländern mit Fernsehnachrichten. Die amerikanische National Broadcasting Company (NBC) und British Broadcasting Corporation (BBC) hatten ihre Minderheitsbeteiligungen an der Agentur Visnews im vergangenen Herbst an Reuters verkauft. WTN ist zwar eine amerikanische Firma und gehört zu 80 Prozent der American Broadcasting Company (ABC), hat aber ihr Hauptquartier ebenfalls in London. Rund 500 eigene oder im Auftragsverhältnis arbeitende Filmgruppen sowie 28 Büros in Hauptstädten auf allen fünf Kontinenten unterhält WTN, um die mehr als 1000 Kunden in 85 Ländern täglich mehrmals mit Aktualitäten beliefern zu können. Praktisch alle Fernsehveranstalter in Westeuropa nehmen die Dienste von WTN in Anspruch. Selbst CNN bildet keine Ausnahme; lediglich die BBC kann es sich leisten, auf WTN-Filme zu verzichten.
Für die Sender europäischer Länder ist ausserdem die Eurovision eine der wichtigen Bildinformationsquellen. Diese bietet ihren angeschlossenen Mitgliedern jährlich rund 15 000 Nachrichtenfilme an. Etwa die Hälfte des Nachrichtenmaterials wird von den beteiligten Fernsehveranstaltern für den Austausch zur Verfügung gestellt, die andere Hälfte stammt von den Fernsehnachrichtenagenturen. Selbstverständlich kann jede Nachrichtenredaktion selbständig entscheiden, inwieweit sie das angebotene Material bearbeiten und präsentieren will.
Auch was das geschriebene Wort betrifft, sind die Weltagenturen vielfach die einzigen Quellen internationaler Informationen. Der Markt wird mehr oder weniger beherrscht von den grossen Nachrichtenagenturen Associated Press (AP), Reuters und Agence France Presse (AFP), deren Einfluss auf das Nachrichtenmenu der kleineren Agenturen und der Nachrichtenredaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen beträchtlich ist. Nur die grossen Agenturen aus den Vereinigten Staaten, England und Frankreich sind in der Lage, in allen Teilen der Welt Nachrichten zu sammeln und sie ebenso weltweit wieder zu verbreiten - eine Struktur, die sich bereits in der Gründungszeit der ersten Nachrichtenagenturen Mitte des letzten Jahrhunderts ergeben hat: Um einem ruinösen Wettbewerb in der Branche zu entgehen, teilten die europäischen Gründeragenturen Havas, Wolff und Reuters die Welt in Einflussgebiete auf, wobei Reuters - entsprechend der wirtschaftlichen und politischen Macht des British Empire - sich den Löwenanteil sicherte. Für Regierung und Privatwirtschaft waren die Agenturen wichtige Instrumente zur Erschliessung neuer Märkte. Die Mitglieder des kartellähnlichen Zusammenschlusses regulierten den Nachrichtenfluss nach ihren Interessen, wiesen mögliche Konkurrenten früh in die Schranken und schafften strukturelle Abhängigkeitsbeziehungen, die heute noch zum Teil wirksam sind.
Reuters zum Beispiel unterhält weltweit rund 118 Büros mit über 1200 Journalistinnen und Journalisten und versorgt fast 3000 Kunden, vorwiegend Banken und Nachrichtenredaktionen. Mit britischem Understatement wird in Jahresberichten und Festschriften darauf aufmerksam gemacht, dass in den zehn führenden Tageszeitungen 1989 58 Prozent aller Wirtschaftsnachrichten von Reuters stammten, während die Konkurrenz sich mit 21 Prozent (AP) beziehungsweise 11 Prozent (AFP) zufrieden geben musste. Fast drei Fünftel aller Nachrichten von Reuters betreffen Nachrichten von und über Wirtschaftsunternehmen. Auch bei den übrigen Nachrichten hatte Reuters bei dieser Auszählung die Nase vorn, wenn auch mit einem Anteil von 36 Prozent nur knapp vor AP mit 33 Prozent. Und noch einen Erfolg hat die Agentur zu vermelden: Den Versuch eines Staatsstreichs während der Abwesenheit Gorbatschews konnte Reuters drei Minuten vor der Konkurrenz an die Kunden in den Finanzmärkten und an die Nachrichtenredaktionen weitergeben. Die russische Agentur Tass hingegen, die zu ihren besten Zeiten immerhin rund 100 Büros im Ausland hatte und einen täglichen Dienst im Umfang von vier Millionen Wörtern in sieben Sprachen verbreitete, hat an Bedeutung stark eingebüsst.
Auch die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) ist bei ihrer Auslandsberichterstattung in hohem Masse auf Reuters, AFP und die Deutsche Presseagentur (DPA) angewiesen; Reuters ist mit eigenen Büros in 78, AFP in 70 und DPA in 87 Ländern präsent.
Nach welchen Gesetzmässigkeiten funktioniert der internationale Nachrichtenmarkt? Wird die Nachricht zur schnell verderblichen Ware, die sich finanzkräftige Programmveranstalter leisten können, während die Interessen finanzschwacher Rundfunkanstalten oder Zeitungsredaktionen aus der Dritten Welt unter den Tisch fallen? Von wo wird berichtet? Von wo nicht? Wie wird ausgewählt? Wer entscheidet, worüber berichtet wird? In welchem Interesse oder nach welchen Kriterien werden diese Meldungen gesammelt, aufbereitet und verkauft? Sind Nachrichten immer mehr nur noch eine «Ware»?
Solche Fragen wurden und werden immer wieder diskutiert. Mitte der siebziger Jahre erreichte diese Diskussion im Rahmen der Debatte um eine «neue internationale Informations- und Kommunikationsordnung» (NIIKO) einen letzten Höhepunkt. Auf der Anklagebank befanden sich die grossen Nachrichtenagenturen AP, Reuters und AFP, deren Berichterstattung sich naturgemäss stark an den Interessen ihrer jeweiligen Kunden, also an den Geschehnissen in deren Herkunftsländern, orientierte.
Kritisiert wurde von Politikern und Medienwissenschaftern vor allem das qualitative und quantitative Ungleichgewicht im Nachrichtenfluss zwischen den entwickelten Ländern des Nordwestens und den Ländern der Zweiten, Dritten und Vierten Welt. Die Dominanz der westlichen Medien bei den Printmedien, bei Werbung, Film, Video, bei Radio und Fernsehen führte zum Vorwurf des «kulturellen Imperialismus»; gemeint war damit, dass der Nachrichtenfluss die globale militärische, ökonomische, und politische Machtverteilung widerspiegle und die bestehenden Abhängigkeiten zementiere. Von seiten der Entwicklungsländer wurden Forderungen nach gerechten und ausgeglichenen Nachrichtenflüssen laut; auf der anderen Seite fürchteten die westlichen Staaten, dass genau diese Forderungen eine Einladung an staatliche Organe seien, die weltweite (kommerzielle) Sammlung und den Verkauf von Nachrichten zu unterbinden.
Vor allem die blockfreien Staaten kritisierten den freien Nachrichtenfluss als Einbahnstrasse von Norden nach Süden. Nachrichten aus den Ländern des Südens würden in der Regel ein «verzerrtes Bild» liefern. Die westlichen Agenturen nähmen keine Rücksichten auf die kommunikativen Bedürfnisse und Interessen der Länder der Dritten Welt. Man bemängelte, die Nachrichten von dort würden in erster Linie von westlichen Journalisten gesammelt, aufbereitet und verbreitet, von Leuten also, die vielfach wenig Verständnis für die Probleme und Eigenheiten des Landes zeigten. Der McBride-Report aus dem Jahre 1980 vereinigte alle Vorwürfe und Forderungen, bestätigte gewisse Verzerrungen der Weltnachrichtenagenturen, stellte aber gleichzeitig fest, dass deren Meldungen zum grossen Teil zuverlässig und von professioneller Qualität seien. Schliesslich wurde die Verantwortung für eine ausgewogene Berichterstattung den Zeitungen, den Radiostationen und Fernsehkanälen zugeschoben; sie sollten durch eine sorgfältige Selektion der Informationsquellen mögliche Verzerrungen korrigieren.
Dennoch haben einzelne Länder aus den blockfreien Staaten reagiert, um die Defizite im weltweiten Nachrichtenmarkt zu reduzieren. Der 1975 entstandene Non-Aligned News Agencies Pool (Nanap) ist zwar keine Nachrichtenagentur, aber ein Zusammenschluss von nationalen Nachrichtenagenturen und Pressediensten von Regierungen aus rund 100 blockfreien Staaten. Sein Hauptziel besteht darin, den Nachrichtenfluss unter den Blockfreien zu intensivieren und zu verbessern. Von allen Nanap-Mitgliedern stellt die ehedem jugoslawische Agentur Tanjug das leistungsstärkste Übersetzungs- und Verteilzentrum mit einem täglichen Ausstoss von über 100 Meldungen beim englischsprachigen Dienst dar. Inwieweit die heute serbische Agentur diese wichtige Position auch in Zukunft halten kann, ist zurzeit allerdings fraglich.
Auch im Fernsehbereich entstanden regionale Vereinigungen nach dem Vorbild der Eurovision, mit dem Ziel, den Nachrichtenaustausch untereinander zu fördern. Nach Asiavision, Arabvision und Caribvision tauschen seit Januar 1991 auch zehn nationale Fernsehstationen aus Algerien, Ägypten, Tunesien, Senegal, der Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun, Nigeria, Simbabwe und Angola per Satellit täglich eine halbe Stunde lang ihre Nachrichtenfilme aus. Nicht nur über Sensationen, Aids, Katastrophen und Kriege zwar, dafür aber zuviel «Hofberichterstattung» über protokollarische Staatsbesuche und Regierungsgeschäfte. Wenn allerdings alle in der Union der staatlichen Rundfunkanstalten in Afrika zusammengeschlossenen Fernsehstationen mitmachen würden, dann könnte Afro-Vision zu einer attraktiven und kostengünstigen Programmquelle heranwachsen, sofern strukturelle Probleme des Austausches überwunden werden können. Bloss, mehr als eine Ergänzung zum Angebot aus den ehemaligen Kolonialmächten kann Afro-Vision auch im besten Falle nicht sein. Die Tatsache, dass beispielsweise die französischsprachigen Länder Afrikas täglich ein achtstündiges Programm per Satellit kostenlos aus Paris übermittelt erhalten, zwingt den Leiter der Afro-Vision zur realistischen Einschätzung: «Es ist natürlich für jeden Redaktor verführerisch, wenn er die Wahl hat zwischen einem rohgeschnittenen Beitrag der Afro-Vision und einem fertigen Bericht aus Frankreich, den man auf Kassette nur noch in die Maschine zu schieben braucht.»
Gegründet wurden auch regionale Nachrichtenagenturen wie 1979 die Panafrikanische Nachrichtenagentur (Pana). Oder die Caribbean News Agency (Cana) in den frühen siebziger Jahren. Bereits seit 1964 hatte sich durch einen Zusammenschluss von Journalisten die alternative Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) mit einer starken Ausrichtung auf Lateinamerika etabliert. Das primäre Ziel dieser Gründungen ist die Förderung des Nachrichtenaustausches innerhalb einer Region und die qualitative und quantitative Verbesserung des Nachrichtenflusses durch die Erschliessung neuer Informationsquellen. Zwar scheint der innovative Zugang von IPS zu Nachrichten aus der Dritten Welt fallweise zu einem besseren Verständnis der Probleme von Entwicklungsländern geführt zu haben, doch keinem der Dienste ist es gelungen, substantielle Marktanteile oder ausreichend zahlungskräftige Kunden auf Dauer an sich zu binden. Eine ganze Reihe von Gründen verhindern nach wie vor einen wirkungsvollen «Gegenfluss» zur «Einbahnstrasse». Finanzielle Probleme, hohe Übertragungskosten, nicht angepasste Technologien, mangelnde Professionalität, vielfältige politische, religiöse, kulturelle und sprachliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Entwicklungsländern, staatliche Zensur und ein offensichtliches Desinteresse der Medien aus dem Nordwesten tragen dazu bei, dass die hierarchischen, global wirksamen Marktstrukturen bei der Produktion, beim Vertrieb und bei der Rezeption kaum aufgebrochen werden können.
Auch in Europa ist die Medienlandschaft mehr und mehr durch ein Nebeneinander von öffentlichrechtlichen und privaten Programmveranstaltern (duales Rundfunksystem) gekennzeichnet. Die Finanzierung der Medieninhalte durch Werbung hat auch im elektronischen Medienbereich einen immer höheren Anteil erlangt. Während bei Tageszeitungen rund 80 Prozent der anfallenden Kosten von der werbetreibenden Wirtschaft übernommen werden, sind es bei kommerziellen Rundfunkunternehmen sogar 100 Prozent. Zusätzlich hat das duale System den ökonomischen Wettbewerb innerhalb der stark angestiegenen Zahl von Programmveranstaltern angeheizt. Die immer stärker umworbenen Zuschauer und Zuhörer mit ihrem begrenzten Aufmerksamkeitsbudget helfen bei der Finanzierung der Medien, indem sie sich bestimmten Programmen zuwenden und indem sie die an den Sendern beworbenen Produkte und Dienstleistungen kaufen. Und Nachrichten scheinen ein geeignetes Mittel zu sein, bestimmte kaufkräftige Zuhörer, Zuschauer- und Leserschaften mit relativ geringen Streuverlusten an die werbetreibende Wirtschaft verkaufen zu können. Die Medienkonsumenten sind bei diesem Deal ausgeschlossen, werden aber durch publizistische Leistungen bei Laune gehalten.
Das zweite wichtige Charakteristikum ist die an sich banale Feststellung, dass Nachrichten durch den Gebrauch nicht zerstört werden, sondern bloss ihren Wert leicht vermindern. Dazu kommt, dass die Produktionskosten mehr oder weniger unabhängig von der Zahl der Medienkonsumenten sind. Umgekehrt können die Programmveranstalter aber einen bedeutend höheren Preis bei der werbetreibenden Wirtschaft verlangen, wenn die Reichweite ihrer Programme steigt. So tendieren vor allem kommerziell ausgerichtete Programmveranstalter dazu, eine möglichst grosse Zahl solcher Zielgruppen zu erreichen, die von ihren Werbekunden prioritär angepeilt werden. Solange also die Medienkonsumenten nicht einen grösseren Anteil an die anfallenden Produktionskosten bezahlen, bleibt der wirtschaftliche Zwang zur Massenattraktivität bestehen.
Hinzu kommt ein drittes Charakteristikum. Während Konsumenten, falls sie sich an den Produktionskosten beteiligen, an einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis beziehungsweise an einer gewissen Qualität des Produktes ein direktes Interesse haben, ist die werbetreibende Wirtschaft nicht bereit, die Programmqualität ihres Werbeumfeldes zu bezahlen, sondern lediglich die Quantität und Qualität der jeweiligen Zuschauerschaft. Für die Wirtschaft ist in erster Linie die Aufmerksamkeit des Publikums für ihre Botschaft entscheidend; die Nachrichten selbst sind bloss Werbeumfeld.
Die werbetreibende Wirtschaft und die Werbewirtschaft fühlen sich denn auch nicht im geringsten für die gesellschaftlichen Folgen dieses Mechanismus verantwortlich. Für den Programmveranstalter stellt sich nun die Aufgabe, mit möglichst niedrigen Programmkosten eine für die Wirtschaft optimale Konsumentenschaft vor den Radio- oder Fernsehapparat zu locken. Folglich haben journalistisch anspruchsvolle Nachrichtensendungen, die die höheren Produktionskosten nicht durch Massenattraktivität wettmachen können, längerfristig aus ökonomischen Gründen nur geringe Überlebenschancen.
Das Programmumfeld ist für die werbetreibende Wirtschaft insofern von Bedeutung, als die Aufmerksamkeit der Zuschauer und Zuhörer im Hinblick auf den Kauf der beworbenen Produkte nicht durch die Art der Nachrichten negativ beeinflusst werden sollte. Diese Erwartungen führen zwangsläufig zu Konflikten, denn viele Nachrichten - jene über eine Umweltkatastrophe etwa oder der Bericht über die möglichen Gefahren und Langzeitfolgen von am Markt erhältlichen Produkten und Dienstleistungen - schaden eher, als dass sie zum Kauf beworbener Produkte stimulieren.
Die Folgen der beschriebenen Charakteristika sind offensichtlich. Qualität in den Nachrichtensendungen zahlt sich für kommerzielle Programmveranstalter nur dann aus, wenn sie mit Massenattraktivität oder mit entsprechenden Reichweiten für bevorzugte Zielgruppen korrespondiert. Zugespitzt bedeutet dies, dass - entgegen demokratischen Vorstellungen - nicht alle Gesellschaftssegmente den gleichen Stellenwert haben. Während für aktive, kaufkräftige 30- bis 50jährige Personen eine Vielzahl von Medien mit werbe- und informationsmässig angepassten Inhalten zur Verfügung steht, werden quantitativ und kaufkraftmässig schwächere Gruppen zwangsläufig vernachlässigt. Doch nicht nur «Aussenseiter» haben es schwer, ihren Interessen entsprechende Medieninhalte zu finden, sondern auch bevorzugte Zielgruppen, denn die Programmveranstalter sind bei weitem in der komfortableren Lage, ihre kommerziellen und programmlichen Interessen wahrzunehmen und durchzusetzen, als der einzelne Konsument. Ob eine Nachricht genau, angemessen, sachgerecht und vollständig ist, kann jener meist erst aus einer gewissen zeitlichen Distanz und auch dann bloss annäherungsweise beurteilen; oft bleibt ihm überhaupt nur der Glaube an die Qualität, Nützlichkeit und Wichtigkeit der angebotenen Information.
Nachrichtenredaktionen und Medienkonsumenten sind sich durchaus darin einig, dass die täglichen Nachrichtensendungen in der Tendenz zu unterhaltend, zu hektisch, zu oberflächlich, unstatthaft verkürzt, zu emotional und zu routinehaft präsentiert werden. Dass sich das Publikum trotzdem durch das Fernsehen gut informiert fühlt, obwohl Aufnahme- und Informationsverarbeitung in der Regel unzureichend sind, ist ein weiterer problematischer Widerspruch. Sowohl Programmveranstalter als auch die Mehrheit des Publikums sind nämlich kaum bereit, ihr Verhalten zu ändern. Wie sollte sich der Konsument eine geschlagene Stunde lang in ein qualitativ hochwertiges Nachrichtenmagazin mit aufwendig recherchierten Hintergrundinformationen vertiefen, wenn ihm die Zeit dazu fehlt und er auch beim besten Willen keinen persönlichen Bezug zum brisanten Thema herstellen kann? Der Programmveranstalter wird sich hüten, sein bis anhin erfolgreiches Konzept der kurzen und raschen Nachrichten aufzugeben, um bei erhöhten Programmkosten zu riskieren, dass die verbesserte Ausgabe bedeutend weniger Publikum vor den Kasten zu locken vermag.
Aus diesen medienökonomischen Überlegungen ergibt sich eine plausible Behauptung: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis oder ein Thema zur Nachricht wird, ist umgekehrt proportional zu den dabei entstehenden Kosten und direkt proportional zu der erwarteten Attraktivität für solche Zuschauer, die die Werbewirtschaft zu erreichen sucht. Diese Strategie der Kostensenkung und Attraktivitätssteigerung führt bei Nachrichtenkanälen und Nachrichtensendungen zu einer Reihe programmlicher Konsequenzen. So tendiert man dazu, Filmmaterial bei vorgelagerten Informationsdiensten anzufordern, Nachrichten mit anderen Programmveranstaltern auszutauschen oder bei einem Grossisten einzukaufen.
Dieses Vorgehen ergibt oft eine bessere Kosten-Attraktivitäts-Relation, als wenn die eigene Redaktion recherchiert und die «Story» selbst produziert. Der Aufwand für Eigenleistungen wird deshalb auf ein Minimum reduziert, und die Chance sinkt, dass die journalistisch-professionelle Strategie sich durchsetzt, weil diese sich nicht um Kosten und Finanzierungsmodus kümmert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis oder ein Thema zur Nachricht wird, wächst mit der Grösse der Zuschauerschaft, die davon betroffen ist. Allerdings ist der Produktionsaufwand bei Nachrichten, die für eine grosse Zahl von Personen und Institutionen eher negative Konsequenzen haben, oft sehr gross, weil eventuell starke Interessengruppen eine Thematisierung eher zu verhindern suchen. Ähnlich verhält es sich mit wichtigen politischen Vorgängen und Entscheidungsprozessen. Diese sind vordergründig relativ langweilig und unspektakulär und verlangen für eine medien- und nachrichtengerechte Aufarbeitung viel professionelles Können und Kreativität. Solche folgenträchtigen Nachrichtenstoffe sind häufig bezüglich Informationsquellen, Gegenstand, beteiligten Interessen und involvierten Personen - beispielsweise bei Technikfolgenabschätzungen oder in kriegerischen Auseinandersetzungen - sehr komplex und erfordern eine entsprechende Bearbeitung. Doch die wenigsten Programmveranstalter sind bereit, ihren Nachrichtenredaktionen die notwendige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, gerade dann nicht, wenn damit das Risiko wächst, dass durch die Berichterstattung bestehende Erwartungen enttäuscht, Mythen zerstört, starke gesellschaftliche Kräfte provoziert oder weitherum akzeptierte Vorurteile in Frage gestellt werden.
Dass «Anti-Status-quo-Nachrichten» für Programmveranstalter und Nachrichtenjournalisten heikel werden können, bekam auch Peter Arnett, CNN-Journalist und Pulitzerpreisträger, zu spüren, als er aus Bagdad Bilder einer zerstörten Babymilchfabrik zeigte. Präsident Bush wertete die CNN-Berichterstattung als «eklatante und schädliche antiamerikanische Propaganda», und sein Sprecher warnte, dass solche Berichte «Saddam Hussein in die Hände spielen». Bei allem Respekt für die journalistische Suche nach Wahrheit: Keine Fernsehstation, auch CNN nicht, war bereit, gegen die fragwürdigen amerikanischen Zensurbestimmungen während des Golfkrieges gerichtlich vorzugehen. CNN weigerte sich sogar, Werbespots mit Antikriegspropaganda zu akzeptieren - die mit einer amerikanischen Flagge bedeckten Särge waren dem Sender zu «reisserisch». Der gleiche Kanal war nicht bereit, auf von Kuwait finanzierte Propaganda zugunsten einer militärischen Intervention zu verzichten.
«Nachrichtenmedien sind Agenten derer, die politische und wirtschaftliche Macht haben, und der Inhalt der Nachrichtenmedien spiegelt stets die Interessen von denjenigen, die die Medien finanzieren», schreibt der amerikanische Journalist und Medienwissenschafter Herbert Altschull. Das gilt freilich für Tass und für Afro-Vision genauso wie für CNN, n-tv oder WTN.
Werner A. Meier ist Mitglied der Arbeitsgruppe für Kommunikationsforschung und -beratung in Zürich und Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.