NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Der noble Riesling vom Niersteiner Brudersberg

Von Philipp Schwander

DER RIESLING ist eine äusserst eigenwillige und gleichzeitig sensible Traubensorte. Wie sein burgundisches Pendant, der Pinot noir, ist er vom Klerus für den Weinbau auserwählt und verfeinert worden, auf dass er die Unterschiede der Böden und des Klimas wie ein Seismograph wiederzugeben vermöge. Das Holz seines Weinstocks hingegen ist eher robust, erträgt auch bittere Kälte. Und vermutlich als einzige Sorte ist der Riesling auch noch im frühen Winter in der Lage, bei Sonnenschein Zucker in den Traubenbeeren zu bilden. Dies alles sind ideale Eigenschaften für kühlere Weinregionen, und dort bringt der Riesling auch seine besten Ergebnisse: Weine, die sich auszeichnen mit einem raffinierten Spiel von Säure und Süsse. Ist der Riesling jedoch zu alkoholreich, gleicht sein Auftritt einem ranken Jüngling mit Bierbauch.

Der lediglich 1,26 ha grosse Niersteiner Brudersberg, eine Steillage mit Südexposition in der Nähe von Mainz, gilt als bester Rebberg Niersteins, dessen Name bei manchem Weinfreund zu Unrecht keinen guten Klang mehr hat. Grund dafür ist das deutsche Weingesetz von 1971, das die Verwendung miserabler, eher für Kartoffeln geeigneter Lagen in Verbindung mit dem Namen Nierstein zuliess. Peter von Weymarn, Leiter des Weingutes Freiherr Heyl zu Herrnsheim, gilt denn auch als dezidierter Gegner dieses bürokratischen, gleichmacherischen Gesetzes. So engagierte sich der ehemalige Raketenphysiker lange Zeit als Präsident im Verband deutscher Prädikatsweingüter, einer Vereinigung, welche die simplifizierende Formel «Öchslegrade gleich Qualität» vehement bekämpft. Die speziellen, nur einer grossen Weinberglage innewohnenden Qualitäten wurden denn auch an der kürzlich in Zürich durchgeführten Vergleichsdegustation von fünfzig Jahrgängen Niersteiner Brudersberg zurück bis 1945 eindrücklich dargestellt - und auch die Tatsache, dass hervorragende Rieslingweine mindestens so haltbar wie ihre derzeit berühmteren Genossen aus dem Bordelais sind.

Mit der dem Forscher eigenen Beobachtungsgabe erläuterte Peter von Weymarn die Entstehungsgeschichte der einzelnen Weine: hervorzuheben ist da etwa die 93er Spätlese trocken mit reifen Aromen verschiedenster Früchte. Interessant der Kontrast zwischen dem 89er und dem 90er, beides Jahre mit fast identischem Witterungsverlauf, jedoch unterschiedlichem Wetter im Herbst. Der Riesling zeichnet dies präzis und unbestechlich nach: verhaltener, weniger brillant der 89er, klar und rein der 90er, ein Ebenbild der kühleren, jedoch sonnigeren Herbsttage in diesem Jahr. Gerade in weniger guten Jahren tritt die Stilistik einer grossen Lage besonders deutlich hervor; denkwürdig ist in dieser Hinsicht der erste trockene Brudersberg, der 87er, dessen Säure den schlanken, fein ziselierten Wein immer noch stützt.

Bei den Brudersberg-Weinen mit natürlicher Restsüsse gefielen unter den jüngeren Weinen die überragende 93er Spätlese sowie der 90er mit seiner beinahe explosiven Konzentration. Erstaunlich der immer noch frische 84er «Jungfernwein» der ersten Ernte nach der «Flurbereinigung», bei der Steillagen neu terrassiert und damit zugänglicher gemacht wurden. Einen Höhepunkt bildete die 76er Beerenauslese mit einem exquisiten Säure-Süsse-Spiel. Der sogenannte Bikini-Jahrgang wurde 1973 geerntet. Im Herbst war es derart warm, dass die Weinleserinnen leichtbekleidet zur Arbeit erschienen.

Die Retrospektive offenbarte eine Fülle von aussergewöhnlichen Gewächsen: von raffinierter Fruchtigkeit ist die 64er «feine Spätlese», nobel, fast trocken die 61er Spätlese, die sich im Charakter ähnlich wie die überaus aristokratische «hochfeine 45er Auslese» präsentiert. Vermutlich zu den grössten Süssweinen überhaupt gehört die 53er Trockenbeerenauslese, ein Wein von berückender Dichte, köstlicher, reich nuancierter, überaus delikater Süsse, mit einer geradezu vibrierenden, filigranen Säure.


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