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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn die Schweiz die EU gegründet hätte
Von Klaus Harpprecht
Winston Churchill, der Retter Grossbritanniens, ja der abendländischen Welt – den seine Landsleute im Sommer 1945, wenige Wochen nach dem Waffenstillstand, in einer Wahl der grandiosen und zugleich so grundnüchternen Undankbarkeit aus dem Amt des Regierungschefs gescheucht hatten –, hielt am 19. September 1946 in der Aula der Universität Zürich eine der grossen Reden, die den Völkern unseres Kontinents in ihrem Elend zum ersten Mal eine Vision der Hoffnung vermittelten. (Erst im Juni 1947 legten die USA mit dem Marshallplan ein Programm für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft vor.)
In Zürich rief der Kriegspremier zur Vereinigung Europas auf, die «wie ein Wunder in wenigen Jahren ganz Europa – oder doch den grösseren Teil – so frei und so glücklich machen würde, wie es die Schweiz heutzutage ist… Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten Europas bauen.» «Ich werde Ihnen etwas sagen», rief er, «was Sie erstaunen wird. Der erste Schritt für die Wiedergeburt einer europäischen Familie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein.»
Die Sensation war vollkommen. Churchill wurde mit einer stehenden Ovation für den Mut und die Gewalt seiner Worte gefeiert. Zwar kommentierte die «Neue Zürcher Zeitung» mit der blattüblichen Vorsicht, es sei schwer zu sagen, wieweit die Rede des hohen Gastes durch «die gebotene Rücksicht auf die Schweiz und die besondere Stellung unseres Landes» beeinflusst worden sei. Der Autor des Leitartikels lobte immerhin die Mahnung zu «konstruktivem Denken», doch er fragte am Ende mit leicht beklommener Stimme: «Kommt sein prophetischer Ruf noch zu früh – oder schon zu spät?» «Le Monde» – damals entschlossen links-national – wies immerhin darauf hin, dass M. Churchill die Schweiz als Tribüne seiner Rede gewählt habe, weil sie beide Sprachen und beide Kulturen teile, die französische und die deutsche.
Alles in allem: eine eher resignativ-negative Reaktion. Zum Schluss die zage Bemerkung: «Die Umstände können sich ändern – und vielleicht hat M. Churchill für die Zukunft gesprochen.» Immerhin verwies die «Times» auf das Vorbild der Schweizer Föderation, zugleich aber auch auf die Neutralität des Landes, und meinte mit einer Prise Sarkasmus: «Wenn Churchills Vereinigte Staaten von Europa je verwirklicht werden, wird die Schweiz kaum ein Gründungsmitglied sein.» Warum nicht? fragen wir uns mehr als sechs Jahrzehnte später. Warum hat die Regierung in Bern nicht die Chance genutzt, Churchills Aufruf zur «Gründung eines Europarates» (als «ersten Schritt») zu nutzen und ohne Zögern eine Versammlung der Willigen nach Genf einzuberufen? (Der Rat wurde schliesslich im Mai 1949 in London gegründet, und er tagte fortan in Strassburg.)
Eine Schweizer Initiative hätte keineswegs das Prinzip der Neutralität verletzt, das ohnedies immer mehr zur Fassade verkam – eine praktische Formel für diplomatische Exerzitien von minderer Bedeutung, im Zweiten Weltkrieg vor allem eine Formel des Selbstschutzes, die mit der Wandlung von einer eher prodeutschen zu einer eher proalliierten Neutralität (und vor allem durch die Zurückweisung todgeweihter Flüchtlinge) ein gut Teil ihrer moralischen Autorität eingebüsst hatte.
Die Schweiz hätte fraglos die Führung im Prozess der europäischen Einigung übernehmen können, mit Genf und Zürich (statt Brüssel und Strassburg) als Hort der Institutionen. Die Gretchenfrage nach der Neutralität hätte sich erst bei der Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft gestellt, die womöglich 1954 vor der Sabotage der französischen Kommunisten und Gaullisten gerettet worden wäre, hätte sich die deutsche Bundeswehr nach eidgenössischem Vorbild als Miliz um den Kern einer professionellen, europäisch integrierten Truppe organisiert.
Das Beispiel der funktionierenden Schweizer Föderation hätte der Entwicklung vom europäischen Staatenbund zum Bundesstaat ihren Schrecken genommen. Sie hätte den Weg zu einem wirksamen Schutz der Minderheiten und ihrer Sprachen gewiesen. Zürich wäre natürlich Sitz der Europäischen Zentralbank geworden, was den Schmerz über den Verlust des heiligen Schweizerfrankens ein wenig gelindert hätte. Ohnedies erträumt sich eine Mehrheit der Europäer die Union als eine Gross-Schweiz. Und hat die helvetische Föderation nicht in der Tat das vereinte Europa längst schon vorgelebt?
Wäre die Schweiz an der geistigen und politischen Führung Europas intensiv beteiligt gewesen, hätte sich die latente Gefahr der psychologischen Einigelung gegenüber seinen grossen Nachbarn im Westen und Norden von selber gebannt. Zumal das antideutsche Ressentiment, das sich – aus welchen Gründen auch immer – in den letzten Jahrzehnten in so vielen schweizerdeutschen Seelen festfrass, hätte kaum zu wuchern begonnen und damit so manchem arm-reichen Tropf die chronische Selbstvergiftung erspart.
Die Schweiz wäre – als Mitlenkerin des europäischen Vereinigungsprozesses – das, wonach sie sich heimlich schon lange gesehnt haben mag: eine Macht, die sich nicht länger als ein Touristenidyll zu tarnen brauchte, das in Wahrheit ein edelweiss- und enzianüberwachsener Grossbunker der Nummernkonten ist. Die Deutschschweizer hätten auch keinen Anlass, das Hochdeutsche samt den Reizen des Konjunktivs aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen. Welch köstliche Vision. Sir Winston spreizte im Grabe Mittel- und Zeigefinger zum Victory-Zeichen.
Klaus Harpprecht ist Journalist und Buchautor; er lebt in La Croix Valmer (F).
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