NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

«Erst kommt das Foto, dann die Moral»

Der Fotograf Robert Lebeck über sein Metier.

Von Harald Willenbrock

Nie war der Ruf von Fotoreportern so schlecht wie heute. In ganz Europa werden seit dem Tod von Lady Diana schärfere Auflagen für Bildberichterstatter diskutiert. Dagegen Einspruch erhebt Robert Lebeck, einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsfotografen, der über 30 Jahre lang für den «Stern» unterwegs war.

Es war Anfang der fünfziger Jahre, bei der Beerdigung einer Heidelberger Lokalgrösse. Während ich, ein Anfänger, mit den anderen Fotografen auf die Erlaubnis zum Fotografieren wartete, fiel mir auf, dass der Pastor von der Kanzel einen wunderbaren Blick auf die Trauergemeinde haben musste. Kaum hatte er seine Predigt beendet, stürmte ich die Kanzel hinauf und drückte ab.

Das «Heidelberger Tageblatt» druckte das Bild. Ein paar Tage lang passierte gar nichts, dann erhielt ich einen Brief der Witwe: Die Dame bestellte 100 Abzüge im Postkartenformat. Und ich lernte: Erst kommt das Foto, dann die Moral.

«Fotografieren heisst die Regeln verletzen», hat der Fotograf Robert Doisneau einmal postuliert, und wer zuviel nach den Regeln fragt, wird es als Fotoreporter tatsächlich nie weit bringen. Churchill bei Adenauer im Palais Schaumburg, Jackie Onassis allein am Sarg von Robert Kennedy, Ayatollah Khomeiny, der im Gedränge seinen Turban verliert - diese und unzählige weitere Bilder gelangen mir nur dank zum Teil groben Regelverstössen.

Die Regel des Regelverletzens gilt auch für Paparazzi. Ihre Arbeit ist eine schmutzige, und ich möchte mit keinem dieser Kollegen tauschen, die ihre Zeit vor Hoteleingängen, auf Jachten oder hinter den Hecken irgendwelcher Promivillen verbringen. Ich habe auch bis heute noch kein interessantes Paparazzo-Foto gesehen. Doch wenn ich im letzten Sommer zufällig im Tunnel unter der Place d'Alma auf eine sterbende Prinzessin getroffen wäre, hätte ich ebenfalls meine Arbeit getan. Natürlich wäre ich ihr zu Hilfe geeilt, wenn niemand anderes dagewesen wäre. Doch dann hätte ich fotografiert. Das ist mein Job.

Mir hat noch niemand erklären können, warum eine Prominente, die zeitlebens Publicity bewusst instrumentiert hat, im Augenblick ihres Todes ein stärkeres Persönlichkeitsrecht geniessen sollte als ein namenloses Bürgerkriegsopfer oder ein x-beliebiger Unglücksfahrer, den das Schicksal vor die Kameras geschubst hat. Jeden Morgen sehen wir sie in der Zeitung, jeden Abend bekommen wir sie im Fernsehen präsentiert. Dort erscheint uns die Berichterstattung von einem Unglück, einem Krieg, einer Tragödie ganz selbstverständlich. Die Toten von Rwanda, die Sterbenden in Sarajewo, die Opfer eines Unfalls auf der A 7 - sie alle werden uns frei Haus geliefert, und nicht selten werden Fotografen und Kameramänner für diese Arbeit ausgezeichnet.

«Das optische Zeitalter ist ein obszönes Zeitalter. Es ist ein Zeitalter, das Grausamkeiten liebt», erklärt der Soziologe Paul Virilio und fordert eine «Ökologie der Bilder». Ich teile seine Einschätzung, doch seine Forderung beruht auf einem Missverständnis unserer Aufgabe. Ein Fotograf ist Auge plus Gedächtnis. Mehr nicht. Man überfordert ihn, will man ihn auch noch als Schiedsrichter, Katastrophenhelfer oder Moralprediger instrumentalisieren. Falls sein Foto irgend jemand bewegt oder irgend etwas bewirkt: Gut. Falls nicht: auch gut. Ich habe nie fotografiert, damit andere das Taschentuch rausholen.

Aus diesem Missverständnis resultiert auch ein schwerwiegender Irrtum bei der Rezeption von Bildern. Als Lady Diana starb, münzten die Menschen ihren Schock kurzerhand in Empörung um über jene Berichterstatter, die dieses Sterben dokumentierten. Ein verständlicher Irrtum, ein zutiefst menschlicher zudem; aber auch einer, der - da bin ich sicher - mit der Trauer vergehen wird. Man braucht nur an Arthur Fellig zu denken, der in den dreissiger und vierziger Jahren in Manhattan jede Nacht Blut und Leichen ablichtete. Damals schalt man seine Arbeit «vampiristisch», heute werden seine Bilder zu Höchstpreisen gehandelt, und Weegee, wie er genannt wurde, gilt als Künstler. Voyeurismus? Leichenfledderei? Ein Skandal? Mitnichten. Ein gutes Foto ist wie das Leben - facettenreich, eindrucksvoll und manchmal schwer zu ertragen.

Wichtig scheint mir, fotografische Motive zu respektieren. Romy Schneider zum Beispiel habe ich immer so fotografiert, dass ich wiederkommen konnte - auch in der Entzugsklinik, auch noch kurz vor ihrem Tod. Als ich sie in Quiberon traf, war sie überreizt, verzweifelt und nicht mehr in der Lage, ihre zitternden Augenlider zu kontrollieren. Und trotzdem erblickt man auf den Bildern, wie ich finde, eine immer noch schöne Frau.

Ich will damit sagen: Jener alte Indianerglaube, ein Foto stehle einem Menschen einen Teil seiner Seele, ist völliger Unsinn. Das Gegenteil ist richtig. Ein gutes Foto macht unsterblich. Auch wenn das Motiv tot ist.


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