NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Paradiese für Spinner und Spinnen

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Von Wolf Schneider
Was das Paradies ist, scheint sonnenklar: nach der altpersischen Herkunft des Wortes ein königlicher Lustgarten wie die Hängenden Gärten der Semiramis; nach Dante ein Reich der Engelsglocken, der Jubelchöre und der unnennbaren Seligkeit; bei den Wikingern «Walhall», die Halle der Toten, die stets aufs Neue erwachen, um zu kämpfen, zu zechen und zu sterben; für zeitgenössische Paradiesvögel mit Steuersorgen aber die Cayman-Inseln oder Liechtenstein – kurz: «Paradies» ist eines jener Wörter, die fast alles besagen und folglich fast nichts.

Unterscheiden sollte man mindestens die Paradiese der Religionen von den irdischen Heilsversprechungen der Utopisten und beide von den Werbesprüchen über Ferien-, Ski- oder Einkaufsparadiese. Der schlesische Lyriker Johann Christian Günther, gestorben 1723, sprach sogar von «des Ehestandes Paradies …», fuhr freilich fort: «… wird oft zum Klagetal».
Schon aus der Bibel kennen wir zwei Paradiese: das vorzeitliche, den Garten Eden, in dem Adam und Eva keine Chance hatten, eine Sünde zu begehen, so lange, bis ein Apfel sie in Teufels Küche brachte; und das endzeitliche, das Jenseits, den «Himmel», den Wohnsitz Gottes, der Engel und der Auferstandenen. Anschaulich macht uns die Bibel beide nicht. Adam und Eva lebten ohne Schmerzen, ohne Kummer, ohne Schweiss (1. Mose 3) – und folglich, falls Immanuel Kant recht hat, auch ohne Vergnügen: Denn dem müsse der Schmerz vorhergehen, «der Schmerz ist immer der Erste».

Über das endzeitliche Paradies, das Jenseits, teilte Paulus nur mit: Die Seligen würden verwandelt werden «in die Herrlichkeit und die Unverweslichkeit» (1. Korinther 15). Der Kirchenvater Augustinus wollte «nicht so kühn sein, zu sagen, wie der verklärte Leib sich dort bewegen wird»; aber es werde keine Not mehr herrschen, nur reines, ewiges Glück.

Dieses merkwürdige Vakuum an vorstellbaren Zuständen hat die Ketzer auf den Plan gerufen: Vielleicht, malt sich eine Figur Dostojewskis aus, werde die Ewigkeit nur wie eine Badestube auf dem Lande sein, verräuchert und in allen Winkeln voller Spinnen. Jean Paul bekam es mit der Angst «vor der Menge von gemeinem Volk in der Ewigkeit», vor dem Wiedersehen der Urgrossväter, der Embryonen, der Hunde und der Katzen. Und Karl Kraus wollte für den Fall, dass er die Unsterblichkeit «mit gewissen Leuten» würde teilen müssen, «eine separierte Vergessenheit vorziehen».

Wo der Glaube stark und die Schilderung des Paradieses von schöner Konkretheit ist, haben solche Gedankenspiele keinen Platz. Den Muslim erwartet ein «Garten der Ewigkeit», in den Suren 55 und 56 des Korans so beschrieben: sprudelnde Wasser und schattige Bäume, Ströme von Honig, Milch und Wein, und der Wein wird «den Kopf nicht schmerzen und den Verstand nicht trüben». Auf golddurchwirkten Seidenkissen werden die Frommen ruhen, und gazellenäugige Jungfrauen, schön wie Rubine, werden sie verwöhnen mit keusch gesenktem Blick. «Das Ende steht bevor, und das Himmelsversprechen ist zum Greifen nah!», stand im Vademecum der Selbstmordattentäter vom 11. September 2001. «Dies ist die Stunde, in der du Allah treffen wirst. Engel rufen deinen Namen.»

So wird die Verheissung des Paradieses ein Aufruf zur Tat, ein Kunstwerk aus goldenen Worten eine schrecklich wirkende Kraft. Wo die Verkünder des Heils indessen nicht ein jenseitiges, sondern ein irdisches Paradies versprechen, nimmt das Unheil noch zu.

Karl Marx prophezeite als Endphase der Menschheit ein Reich ohne Mangel, in dem sich jeder «nach seinen Bedürfnissen» entfalten könne. Das war erstens ähnlich vage umschrieben wie das christliche Jenseits und zweitens nicht zu Ende gedacht: Denn wie, wenn ein durstiger Mensch statt des Bedürfnisses nach Wasser eines nach Bier oder Champagner entwickelte – wäre die kommunistische Gesellschaft fähig und willens, es auch in dieser Form zu befriedigen?

Natürlich nicht. Also muss der Mensch vorher umerzogen werden!, hiess es im sowjetischen Parteiprogramm von 1961; nur der Umerzogene bietet die Chance, sich vom Kommunismus beglückt zu fühlen. «Manchmal packt mich die Angst, ich wäre schon im Paradies», schrieb 1966 der polnische Satiriker Stanislav Jerzy Lec.

Wer das irdische Schlaraffenland herbeizwingen will, steht ja gleich vor drei Problemen: Lässt sich ein Zustand, den alle Menschen als Wonne erleben würden, auch nur definieren? Und wenn: Würde er sich durchsetzen lassen ausser um den Preis des Terrors? Und was durch eine Schreckensherrschaft erzwungen worden wäre – könnte das noch «Paradies» heissen?

Schon das Wort also sollte uns warnen. Überlassen wir es den Gläubigen. Wo es uns den Himmel auf Erden verspricht oder in eine Redensart für Hotelprospekte abgeglitten ist, möge es verwesen. Eigentlich, sagt der englische Philosoph John Locke, sollten die Leute «nur über Dinge reden, von denen sie klare Vorstellungen besitzen»; dafür aber müsste man die Menschen dazu bringen, «entweder sehr einsichtsvoll oder sehr schweigsam zu sein». Für Einsichtsvolle wird das nächste Folio an der «Gleichheit» hobeln.



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