Er sass in der Küche seines Hauses in Syracuse, New York, da hörte er das erstemal diese Stimme. Und die Stimme sprach: «David, heute beginnt dein zweites Leben, David, mach dich auf nach Jerusalem und verkünde meine Botschaft. Denn mein Sohn wird kommen.» Und David tat, wie ihm geheissen, denn was er hörte, war die Stimme des Herrn. Er verkaufte sein Haus, sein Geschäft, legte seinen Familiennamen ab, reiste ins Gelobte Land und nannte sich fortan Brother David.
Zwanzig Jahre sind seit jenem Tag vergangen, als David ein zweitesmal geboren wurde und in eine neue Identität schlüpfte, aber irgendwie doch derselbe blieb. Mit dem gleichen Geschick, mit dem er einst Wohnmobile vermietete, managt der Amerikaner heute in Israel eine von Spenden genährte Zufluchtsstätte für verlorene Seelen: das House of Prayer in Bethanien. «Wiedergeborene Christen» aus aller Welt sind zum Propheten der Wiederkunft Jesu ins Gelobte Land gekommen, gut zwei Dutzend sind für immer geblieben. «Jedes Jahr wird unsere Gemeinschaft grösser», stellt der 58jährige Prediger befriedigt fest. «Unsere Botschaft geht um die Welt. Das Ziel ist nahe.»
Bethanien, wo Maria Jesus die Füsse salbte, bevor er nach Jerusalem seiner Kreuzigung entgegenritt, ist heute ein ziemlich heruntergekommenes Palästinenserdorf hinter dem Ölberg von Jerusalem. Als wir ankommen, ist es bereits stockdunkel. Jugendliche lungern in den staubigen Strassen herum. Die wenigen Läden haben dichtgemacht. Nur die Türen von Brother David's House of Prayer unterhalb der Hauptstrasse stehen weit offen.
Eine paar Araberkinder werfen neugierige Blicke in dieses seltsame Haus, wo sich ein buntes Häufchen von Fremden eingefunden hat: ein junger Mann mit Tätowierungen an beiden Unterarmen, eine Amerikanerin in orientalischem Gewand, ältere Damen und Herren im Freizeitlook. Achtzehn Wiedergeborene Christen sitzen im Kreis, in der Mitte Brother David in Sonntagskluft.
Es ist Zeit für den Abendgottesdienst, der wie immer mit einer Grussbotschaft an den Herrn beginnt. Bunte Flaggen werden verteilt, und wie der Prediger ein «Hallelujah to the Lord» anstimmt, erhebt sich die Runde, um sie tüchtig durch die Luft zu schwenken. «Move the banner by the spirit!» ruft der Sektenführer, «Hallelujah.» Alle tanzen mit geschlossenen Augen und wehenden Fahnen. Es braucht nicht viel, dass die Gruppe in Stimmung kommt, und dann braucht es nicht mehr viel, dass der Heilige Geist zu wirken beginnt.
Wilma, eine Frau um die Siebzig aus Australien, kniet in die Mitte des Kreises. Sie habe sich gestern den Fuss verstaucht, erklärt sie, und möchte den Allmächtigen bitten, dass er ihre Schmerzen lindere. Brother David weiss, wie man das macht. Er legt der Frau die Hand auf den Kopf und beginnt in seinen Bart zu murmeln und zu brabbeln, das heisst: in Zungen zu reden. Katharina, eine kugelrunde Engländerin, drängt es, über ihre Einsamkeit und ihre letzte spirituelle Erfahrung zu berichten. Seit zwei Jahren, sagt sie, habe sie ihre beiden Enkelkinder nicht mehr gesehen, die Schwiegertochter habe jeden Kontakt mit ihr abgebrochen. Nun sei sie gestern bei einer palästinensischen Familie mit vier Kindern eingeladen gewesen. «Die Kinder waren zu mir wie zu einer Grossmutter. Gott hat mir meine Enkelkinder zurückgegeben, und dies gleich doppelt.»
Als alle ihr Herz ausgeschüttet haben, übernimmt wieder Brother David das Zepter. Triumphierend hält er die aktuelle Ausgabe der «Jerusalem Post» in die Höhe: «Wir erhalten Kunde von einem weiteren grossen Erdbeben, diesmal in Taiwan. Was sagt uns das?» ruft er in die Runde. Er zückt die Bibel und zitiert ausgewählte Textstellen aus der Johannes-Offenbarung, und aus der Endzeitrede des Matthäus, wo Erdbeben als Vorboten der Apokalypse genannt werden. «Jeder Buchstabe in der Bibel ist wahr», verkündet der Prediger. «Wir leben in prophetischen Zeiten.»
Das gehäufte Auftreten von Erdbeben, die diesjährige Sonnenfinsternis, aber auch Aids, die Gründung des Staates Israel, die Wiedererschaffung des Römischen Reiches in Gestalt der EU - all dies sind für den Sektenführer unmissverständliche Zeichen, dass das Tausendjährige Reich, das Jüngste Gericht und die Herrschaft des Erlösers nicht mehr fern sind: «Jesus wird kommen, hier in Bethanien, der Ölberg wird sich teilen, Jesus wird nach Jerusalem schreiten und zum König aller Könige gekrönt werden, das Tausendjährige Reich wird beginnen. Selig die Gläubigen, die dann von ihren Leiden erlöst sind und von Gott geholt werden. Amen.»
«Wenn wir von Gott geholt werden, fahren wir dann eigentlich mit den Kleidern in den Himmel?» möchte Sharon, eine Amerikanerin mit hüftlangem blondem Haar, noch wissen. Brother David braucht nicht lange nachzudenken. «Die Kleider bleiben hier», erklärt er in väterlichem Ton. «Die Kleider bleiben hier, ganz bestimmt.»
Brother David, der Prophet, weiss auf jede Frage eine Antwort. Aber auch er vermochte nicht vorauszusehen, dass seine Mission im Heiligen Land schon bald ein abruptes Ende nehmen würde. Wenige Wochen nach unserem Besuch fuhren in Bethanien israelische Gefängniswagen vor, die Sektenmitglieder wurden festgenommen, wie Schwerverbrecher abtransportiert und drei Tage später in ihr jeweiliges Heimatland zurückgeschafft. Offizielle Begründung: Die Ausländer verfügten über keine gültigen Papiere, und es stehe zu befürchten, dass die Gruppierung, sollten sich die Prophezeiungen des Sektenführers nicht erfüllen, zu einem Sicherheitsrisiko werden könnte; selbst ein Massenselbstmord sei nicht auszuschliessen.
Die Razzia gegen den bis anhin als harmlos geltenden Jesus-Freak zeigt die wachsende Nervosität der israelischen Sicherheitsbehörden angesichts des nahenden Millenniums; wer in Israel in diesen Tagen das Ende aller Tage verkündet, dessen Tage sind gezählt. Dasselbe Schicksal wie Brother David ereilte eine Gruppe aus Denver, die sich Besorgte Christen nannte, eine Sekte namens Brother Salomon sowie den «Propheten Elia», der das Gerücht gestreut hatte, am Tempelberg sei Wasser ausgetreten und damit sei die Zeit gekommen, die Araber von diesem Ort zu vertreiben.
«Wir sind für alle Eventualitäten gewappnet», sagt der Polizeichef von Jerusalem. Gegen vier Millionen Pilger erwarten die israelischen Behörden für das Jahr 2000, darunter auch eine stattliche Schar, die sich im Heiligen Land nicht nur mit Sightseeing und stiller Kontemplation begnügen dürfte. Um Endzeitsekten möglichst bereits bei der Einreise abzufangen, ist schon letztes Jahr eine Task-Force aus Vertretern der Polizei, des Mossad und des Aussenministeriums gebildet worden. Wer sich auffällig benimmt und sich Prophet nennt, wird des Landes verwiesen. Polizisten wurden in Psychologie- und Sprachkurse geschickt, damit sie mit Besuchern besser umgehen können, die an den heiligen Stätten die Kontrolle über sich verlieren.
In keiner andern Stadt der Welt, heisst es, sei die Hoffnung auf den Weltuntergang und die Angst davor so präsent wie in Jerusalem. Nach Zion werden in der apokalyptischen Vorstellung die Juden und die andern Völker zurückkehren, um endgültig Gott als den Mächtigen anzuerkennen. In Jerusalem erwarten fundamentalistische Christen die Parusie, die Wiederkunft des erhöhten Herrn Jesus Christus. Dies ist die Heilige Stadt dreier Religionen, ein Kraftzentrum für Gläubige aus aller Welt. Nach Jerusalem strömen Millionen von Pilgern, darunter auch Scharen von religiösen Extremisten, die hier auf die Erfüllung biblischer Prophezeiungen warten - die Rückkehr des Messias, die letzte grosse Schlacht zwischen den Mächtigen Gottes und der Saat des Bösen. «Der Anbruch des neuen Jahrtausends ist ein Datum, das die Phantasie vieler fundamentalistischer Christen beflügelt», sagt der Publizist Gershom Gorenberg, der an einem Buch mit dem Arbeitstitel «Das Ende aller Tage» arbeitet. «Die Luft ist geschwängert mit endzeitlichen Heilserwartungen. Es herrscht wieder eine Stimmung, in der für gewisse Leute jedes Gerücht glaubwürdig erscheint und Heilsverkünder aus aller Welt zu uns treibt.»
Tatsächlich begegnet man in Jerusalem beinahe auf Schritt und Tritt allerlei Figuren, die sich für Heilige, Propheten, Apostel oder gar für den Erlöser halten. Im «Petra Hostal» beim Davidsturm, einer beliebten Absteige für solche «Erleuchtete», treffen wir einen 67jährigen Holländer, der in der Heiligen Stadt seit bald fünf Jahren auf den Weltuntergang wartet und an einem neuen Evangelium schreibt, das er dem Erlöser höchstpersönlich überreichen will.
Im «Black Horse Hostal», einer versifften Pension unweit der Via Dolorosa, machen wir Bekanntschaft mit Joe, mit «Gottes Prophet». Mit aufgeregter Stimme erzählt der ehemalige Hilfsarbeiter und Lastwagenchauffeur aus Arizona, wie er eines Tages Hunderte von toten Vögeln vor seinem Fenster auffliegen sah. «Es war Gottes Zeichen, dass ich nach Jerusalem gehen soll, um hier auf das Ende aller Tage zu warten.» Vier Jahre wartet Joe, der sich seinen Lebensunterhalt als Nachtportier verdient, nun bereits. Er ist immer noch überzeugt, dass Gott ihm schon bald, spätestens im nächsten Jahr, ein weiteres Zeichen senden wird. Dann werde er auf den Tempelberg steigen und die Auferstehung der Hebräer verkünden: «Die Gräber werden sich öffnen, zuerst jenes von Abraham und dann 40 Millionen weitere, und die Hebräer werden nach Jerusalem kommen, und der König aller Könige wird gekrönt werden.» Jedem, der es hören will, und auch allen andern erzählt der Mann mit dem strähnigen Bart und der schwungvollen Haartolle diese Geschichte.
Für die Therapeutin Ziva Strauss ist Joe ein klarer Fall einer religiösen Wahnvorstellung, die in Jerusalem häufiger anzutreffen ist als anderswo und deshalb auch «Jerusalem-Syndrom» genannt wird. Um die 70 Patienten, die an dieser Störung leiden, werden in der Psychiatrieklinik im Westen der Stadt jährlich behandelt, 470 Fälle waren es bisher insgesamt. Da gab es die «Königin der Nacht», eine Argentinierin, die sich die Kleider vom Leib riss und nackt auf den Mauern der Altstadt tanzte, um den verdorrten Boden Israels zu befruchten. Oder «Samson den Starken», einen Kanadier, der glaubte, einen Stein aus der Klagemauer versetzen zu müssen. Einem Lehrer aus Kopenhagen wiederum erschien ausgerechnet auf der Kuppel des Felsendoms die Heilige Jungfrau, worauf er den Wärter der Moschee mit Fäusten traktierte, da der sich geweigert hatte, die Gottesmutter gebührend zu empfangen.
Auch allerlei biblischen Figuren ist die Therapeutin schon begegnet: «Wir hatten schon einen Moses, einen Elias, einen Johannes, eine Maria Magdalena. Relativ häufig sind auch Frauen, die glauben, die Ehefrau von Jesus zu sein. Sie kommen nach Jerusalem, um hier auf seine Rückkehr zu warten.»
Die meisten der Patienten, sagt Ziva Strauss, seien Leute, die bereits vor ihrer Reise nach Jerusalem an psychischen Störungen litten. Sie kommen ins Heilige Land, um hier eine Mission, die sie schon lange umtreibt, zu erfüllen. Bei rund einem Zehntel ihrer Patienten ist sie jedoch sicher, dass die Wahnvorstellungen erst in Jerusalem eingetreten sind.
Im allgemeinen erscheinen die ersten Symptome am zweiten Tag des Aufenthalts in der Heiligen Stadt. Eine rätselhafte Ängstlichkeit und Nervosität befällt die Aspiranten. Sie sondern sich von ihrer Gruppe ab und suchen die Einsamkeit. Am dritten Tag beginnen sich viele zwanghaft zu reinigen. In Minutenabständen waschen sie sich die Hände. Sie baden und duschen. Fünfmal, zehnmal, zwanzigmal. Dann schneiden sie sich die Finger- und Zehennägel, manchmal rasieren sie sich auch alle Körperhaare ab. Schliesslich schneidern sie sich aus den Laken des Hotelbetts eine Robe und machen sich auf zu Prozessionen durch Jerusalem.
Meist suchen sie Stätten aus dem Leben Jesu auf, wo sie magische Zeremonien abhalten. Einige identifizieren sich mit einer biblischen Gestalt, andere trachten danach, einen Vers des Neuen Testaments wortgetreu auszuführen. Und manche wollen wie Luther das Christentum reinigen und beschimpfen katholische oder orthodoxe Pilger.
Solche Anwandlungen allein führen in der Regel noch nicht zu einer Einweisung in die Klinik. Oft verschwinden die Symptome wie von selbst, wenn die Menschen die Stadt wieder verlassen. Nur wenn sie ihre Verrücktheit zu weit treiben und die öffentliche Ordnung stören, werden sie in die Klinik gebracht. Oder wenn sie ihre eigene Gesundheit gefährden, die Nahrung verweigern, tage- und nächtelang in der Stadt umherirren oder, lediglich in ein Laken gehüllt, Richtung Totes Meer aufbrechen und dann in der Wüste von Beduinen aufgegriffen werden, halb verdurstet und mit einem gewaltigen Sonnenbrand.
Die Behandlung unterscheidet sich nicht von jener anderer Psychosen. Die Patienten erhalten Beruhigungsmittel, die Familie wird informiert, eine Gesprächstherapie beginnt. Spätestens nach vier oder fünf Tagen sprechen die meisten auf die Behandlung an. Sie fühlen sich wieder als Betty Miller oder Hans Schmidt und können die Klinik verlassen.
Dass Jerusalem in den Köpfen von Pilgern derart starke Reaktionen auszulösen vermag, kommt für Ziva Strauss nicht von ungefähr. Allen Patienten gemeinsam ist, dass sie mit enorm hohen Erwartungen nach Jerusalem kommen. Viele haben während Jahren für diese Reise gespart, viele kommen aus einfachen Verhältnissen, entstammen bigotten, vornehmlich protestantischen Familien, in denen Bibellesungen und Lobpreisungen des göttlichen Jerusalem zum Alltag gehören. Wenn diese Menschen dann das wirkliche Jerusalem betreten, eine Stadt voller Widersprüche, kann die Diskrepanz einen Schock auslösen.
Wo endet die Frömmigkeit? Wo beginnt der Wahn? Nicht immer ist der Befund so klar, und dass man in dieser Stadt bisweilen etwas den Kopf verlieren kann, verwundert wenig. Denn es gibt Momente, da erscheint die ganze Stadt, dieses Gewirr von Kirchen, Moscheen, Synagogen, Reliquien und andern Heiligtümern, als eine einzige religiöse Phantasmagorie.
Es ist Freitag nachmittag. Während von der Al-Aksa-Moschee in ohrenbetäubender Lautstärke der Gebetsruf des Muezzins ertönt, macht sich am Fusse des Tempelbergs ein Pulk von Pilgern auf, die Via Dolorosa abzuschreiten. Die Freitagsprozession auf der «Strasse der Schmerzen», auf der Jesus sein Kreuz zur Hinrichtung auf den Hügel Golgatha geschleppt haben soll, wird angeführt von drei Franziskanermönchen, die an jeder der vierzehn Stationen in Englisch und Italienisch verkünden, was sich an der jeweiligen Stelle einst abgespielt hat: die Verurteilung, die Geisselung, die Begegnung mit der Mutter.
Nach der dritten Station, wo Jesus das erstemal hinfiel, zwängt sich die bunte, Psalmen singende Menge in den arabischen Souk, vorbei an Souvenirläden mit Stoffschafen, Jesus-Kugelschreibern und Holzkreuzen mit eingebautem Thermometer, vorbei an Teppichläden und Konditoreien mit honigtriefenden Süssigkeiten, vorbei an Metzgereien, in denen ganze Schafe am Fleischerhaken baumeln. Beim Schild Toshiba World geht es rechts hinauf zur neunten Station, wo Jesus zum drittenmal zusammenbrach. Auch die Pilger kommen jetzt unter ihren Sonnenhütchen ordentlich ins Schwitzen.
Dann geht es endlich zur Grabeskirche auf dem Hügel Golgatha, dem heiligsten Ort der Christenheit, wo das Gedränge seinen Höhepunkt erreicht. Nur wenige Schritte vom Haupteingang steht der Salbstein, auf dem der Leichnam Jesu angeblich gesalbt wurde. Fromme Pilger küssen ihn und fahren mit den Haaren über seine Oberfläche. Rechts davon führt eine Treppe zur Kreuzigungskapelle, wo die Pilger unter einen Altar kriechen, um die Stelle zu berühren, an der das Kreuz stand. Das eigentliche Grab Christi liegt schliesslich hinter der Engelskapelle, dem letzten Nadelöhr der Prozession. Mit leerem Blick warten die Pilger, bis sie von den griechisch-orthodoxen Priestern in Dreiergruppen in die Grabkammer vorgelassen werden. «Hurry up!» mahnt der Priester. Mehr als eine halbe Minute wird keinem zugestanden. Mit Tränen in den Augen verlassen einige Pilger die Stätte. Soldaten mit Maschinenpistolen patrouillieren vor der Kirche.
Nicht der Tod Jesu, sondern seine Wiederkunft steht im Zentrum jener Organisation, die sich Christliche Botschaft nennt und unter ihrem Dach vor allem evangelikale Christen versammelt. Gegen 5000 Gläubige aus 100 Nationen - darunter auch 150 Schweizer - sind zum jüdischen Laubhüttenfest nach Jerusalem gekommen, um im Gelobten Land den Schöpfer anzubeten und die baldige Wiederkunft Jesu zu verkünden. Gleichzeitig setzt sich die Christliche Botschaft tatkräftig für die israelische Politik ein - weil Gott das Land Israel den Juden geschenkt habe - und ist somit als einflussreiche proisraelische Lobby in Jerusalem hoch willkommen.
Die Christliche Botschaft würde sich dagegen verwahren, mit Sekten wie der Brother David Community verglichen zu werden. Sie hält sich für seriös und verpackt ihre religiösen Bekenntnisse in softe Unterhaltung, wie man das vor allem aus den Vereinigten Staaten kennt. Im topmodernen Kongresszentrum im Westen der Stadt sorgen adrett gekleidete Damen und geschniegelte Herren für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. Ohne Registrierung kein Zutritt! Dann wird der Besucher mit Broschüren und einem dicken Programmheft überschüttet. Die sich über eine Woche hinziehenden Veranstaltungen bieten für jeden Geschmack etwas: Seminarien zu Themen wie «Israel und die Endzeit», «Israel, Bibelprophezeiungen und aktuelle Ereignisse» oder «Jesus über Jesus»; kreative Workshops mit Tänzen, Bannerprozessionen durch Jerusalem und Ausflügen zu biblischen Stätten. An Ständen werden Kreuze und siebenarmige Leuchter, Videos und Bücher feilgeboten. Eine Organisation sammelt Geld für jüdische Siedlungen, eine andere für die Bekehrung der Juden zum Christentum.
Anführer der Bewegung ist der Südafrikaner Johann Lückhoff, ein charismatischer Prediger, und wenn er abends auf die Bühne steigt, um seine Botschaft zu verkünden, hängen alle an seinen Lippen. «Die Gründung des Staates Israel sowie die Eroberung Jerusalems im Sechstagekrieg», sagt Lückhoff, «ist ein Anzeichen dafür, dass die Wiederkunft des Erlösers bevorsteht. Wir leben in besonderen Zeiten.» Viele biblische Prophezeiungen hätten sich bereits erfüllt. «Der Erlöser wird kommen, und das unfehlbarste Zeichen hierfür ist das Einsammeln des jüdischen Volkes in das Land Israel.» Nach der Predigt des «Direktors» spielt eine Combo lüpfige Gospelmusik. Es wird gesungen, es wird in die Hände geklatscht und getanzt, mit empor gestreckten Armen, als gälte es, ein Stück vom Himmel herunterzuholen.
Während im Kongresszentrum das himmlische Jerusalem gepriesen wird, herrscht in der Altstadt gespenstische Stille. Die Souvenirläden sind verriegelt, die Gassen der Altstadt menschenleer. Beim Jaffa-Tor steht eine Frau im güldenen Glitzerkleid und steckt uns ein Flugblatt zu, das Grosses verkündet. «The Temple Mount and Land of Israel Mouvement», heisst es da, habe beschlossen, nicht mehr länger zu warten. Am nächsten Tag um 9 Uhr werde an der Westmauer der Grundstein zum dritten Tempel gelegt und damit die Prophezeiung Isaihas erfüllt. Ein viereinhalb Tonnen schwerer Marmorklotz soll mit einem Lastwagen an den Platz gebracht werden. «Ein historischer Moment», verspricht der Zettel.
Doch auch diesmal wird es bloss bei der Ankündigung bleiben. Die Westmauer ist anderntags von israelischen Soldaten abgeriegelt, weit und breit kein Tempelstein, nur ein paar Schaulustige. Sie warten vergeblich.