NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Bad Guy, good Man

Oscar B. Goodman, Ex-Mafia-Anwalt, Bürgermeister.

Von Daniel Weber

Gut gelaunt betritt er den Raum. Mit gespielter Ergebenheit hebt er die Arme, um sich von der Fernsehtechnikerin ein Mikrophon anschnallen zu lassen, mit zwei, drei Schritten ist er am Stehpult, dann legt er los: «Folgendes hat euer Bürgermeister letzte Woche getan.» Wie jeden Donnerstag Morgen informiert Oscar Goodman die lokale Presse über seine Amtsführung: Er geht seine Agenda Tag für Tag durch, berichtet, wen er in welcher Angelegenheit traf, wo er Ansprachen hielt, mit wem er Sitzungen hatte, was für Verhandlungen er führte. Die Journalisten fragen nach, die wichtigsten Geschäfte, die Goodman erwähnt, werden am nächsten Tag auf den Frontseiten stehen.

Weitere Fragen? Der Reporter vom «Las Vegas Review Journal» kratzt sich am Kopf. «Na los, seien Sie doch ein bisschen tough!», sagt Goodman mit einem Grinsen. Das «Review Journal» ist unter den Lokalmedien das kritischste, was Goodman betrifft. «Und verpasst heute Abend nicht meine TV-Show, ich erwarte einen ganz speziellen Gast: Joe Pesci! Ich habe ihn gestern an einer Party getroffen, und er versprach mir, vorbeizukommen. Ich hoffe, er erinnert sich, er hatte ein Gläschen zu viel. Anderseits hoffe ich, dass ich mich richtig erinnere, ich hatte wohl auch ein Gläschen zu viel.» Die Journalisten lachen. Goodman hat aus seiner Schwäche für Beefeater Gin (und für Wetten) nie ein Hehl gemacht. Seine Nase würde ihn sowieso verraten.

Im Lift nach oben in sein Büro im zehnten Stock der City Hall scherzt er mit einer Sekretärin und dem Boten der Hauspost. Er ist ein Bürgermeister zum Anfassen. «Ich liebe die Menschen», sagt er, während er sich hinter seinen imposanten geschwungenen Schreibtisch setzt, «und sie lieben mich.» Aber das war nicht immer so. «Vor meiner Wahl hatte ich mehr Feinde, als man sich überhaupt vorstellen kann.»

Am 8. Juni 1999 wurde Oscar B. Goodman zum Bürgermeister von Las Vegas gewählt, mit einer deutlichen Mehrheit von 64 Prozent. Dabei war seine Kandidatur heftig umstritten gewesen. «Jeder, nur nicht Oscar», hatte das «Review Journal» getitelt und ihn als «Katastrophe» und «Albtraum» bezeichnet. Einen solch liebenswürdigen, leutseligen Mann? «Als Anwalt war ich nicht liebenswürdig, ich war tough.» Wie tough? Die Antwort kommt blitzschnell: «Der Toughste. Niemand mochte mich.» Goodman war nicht einfach ein brillanter Strafverteidiger - seine Berufskollegen wählten ihn unter die besten 15 Anwälte der USA -, sondern er war über dreissig Jahre lang ein loyaler Mafia-Anwalt, ein «Consigliere», wie böse Zungen behaupten. Er verteidigte Meyer Lansky, Nick Civella, Big Chris Richichi und immer wieder Tony (the Ant) Spilotro, den Mann fürs Grobe, den das Chicagoer Syndikat nach Las Vegas geschickt hatte. Spilotro, dem über 20 Morde nachgesagt werden und der selber 1986 liquidiert wurde, war Goodmans Freund und bester Klient - in all den Jahren sass Tony the Ant dank ihm nur gerade eine Woche im Gefängnis. In Martin Scorseses Film «Casino» (1995) wird Spilotro von Joe Pesci verkörpert, und die Rolle Oscar B. Goodmans spielt - Oscar B. Goodman.

Heute macht sich der Bürgermeister einen Spass daraus, mit seiner Mafia-Vergangenheit zu kokettieren. «Ich brauche meinen Einfluss, um die richtigen Leute zu erpressen», sagt er und lacht auf den Stockzähnen. Im Wahlkampf, in dem er als Aussenseiter antrat, war er vorsichtiger. Er werde sich als Bürgermeister für die Bevölkerung von Las Vegas einsetzen wie zuvor als Anwalt für seine Klienten, versprach er. «Ich führte eine sehr saubere Kampagne. Ich sagte nichts Schlechtes über meine Gegner, das wurde belohnt.» Die beiden politisch einflussreichsten Kräfte, die Casinos und die Gewerkschaften, unterstützten ihn nicht. «Weil ich kein Politiker bin. Ich war zu unberechenbar. Ich schuldete niemandem etwas.» Und die Millionen, die er vom Casino-König Steve Wynn erhalten hat? «Der kam erst nach den Primaries, er setzte einfach auf den Sieger.»

Wie kommt ein erfolgreicher Anwalt überhaupt dazu, sich mit 60 ein solches Amt mit all seinen Mühen aufzuhalsen? «Ich war sehr erfolgreich, ich habe pro Jahr 1,5 Millionen gemacht. Jetzt verdiene ich 49 000 Dollar. Das war also nicht der Grund. Ich war 35 Jahre lang Anwalt, ich wollte einfach etwas anderes tun, das Leben ist kurz. Ich habe den Staat als Anwalt von aussen bekämpft, jetzt will ich von innen Gutes für ihn tun.»

Unweigerlich kommt nun, was Goodman überall zu betonen nicht müde wird: «Ich arbeite zwar noch mehr als früher, aber für mich ist es nicht Arbeit, sondern Fun. Ich bin der glücklichste Bürgermeister, den es gibt. Als Verteidiger war ich gestresst, ich hatte schweissnasse Hände, ich schlief schlecht, hatte ständig Kopfweh - das ist alles vorbei. Ich liebe meinen Job! Ich liebe ihn!» Das hat er auch einer Reporterin des «New Yorker» gesagt und sie mit einer Anekdote schockiert, die er laut einem Lokaljournalisten mindestens schon fünfzigmal erzählt hat: «Wissen Sie, wer der einzige Mensch ist, von dem ich je hörte, dass er so oft sagte: I love it!, wie ich es von meinem Job sage? Nicodemo Scarfo, wenn er jemanden mit Blei vollpumpte.»

Tatsächlich ist Goodman mit seiner unverblümten Art, mit seiner Schlagfertigkeit und seinem schrägen Humor, seiner Begabung für öffentliche Auftritte die ideale Besetzung für das Amt. «Die Leute, die nach Las Vegas kommen», hatte er im Wahlkampf gesagt, «wollen Glamour, wollen das Schillernde. Dafür bin ich der Mann. Ich bin nicht einer von diesen langweiligen Politikern. Wenn die Leute so einen wollen, können sie ja einen wählen. Dann gehe ich fischen.»

Und welche politischen Ziele hat sich der Bürgermeister gesteckt? «Schauen Sie aus dem Fenster», sagt Goodman und kommentiert mit grosser Geste den spektakulären Blick, den man aus seinem Büro hat: «Das ist Downtown, der alte Teil von Las Vegas. Mein Traum ist es, Downtown zu revitalisieren, wieder zum Glänzen zu bringen, konkurrenzfähig zu machen mit dem Strip. Diese Stadt braucht ein gesundes urbanes Zentrum, sonst ist sie wie ein Apfel, der von innen heraus fault. Wir sind ökonomisch eine sehr gesunde Gemeinde. Aber das Zentrum ist unsere Zukunft. Der Rest braucht mich nicht zu kümmern, der kann auf sich selber achtgeben. Als ich in Summerlin an die Türen klopfte und die Leute fragte: Falls ich als Bürgermeister gewählt werde, was kann ich für euch tun? sagten sie: uns in Ruhe lassen.» Zu ergänzen ist, dass Goodman für den grössten Teil des Rests auch gar nicht zuständig ist: was man gemeinhin Las Vegas nennt, gehört politisch zu einem wesentlichen Teil zu Clark County (darunter der Strip, der Flughafen, die Universität und viele neue Siedlungen).

Seine Vision malt Goodman in den leuchtendsten Farben. Er versucht, Hightech-Firmen anzulocken, Internet-Unternehmen, Vertreter der zukunftsträchtigen Branche der Biomedizin, moderne Dienstleistungsunternehmen. Er träumt von Las Vegas als Zentrum für die Filmproduktion, er sucht Investoren für ein Stadion mitten in Downtown. Er möchte für die Stadt ein Profi-Sportteam haben und verhandelt mit einem Teambesitzer der National Basketball Association. Er liebäugelt auch mit Baseball, der eine neue Schicht von Touristen anziehen würde. Downtown soll ein Angebot entstehen, das die Leute aus den Vorstädten anzieht, Kulturhäuser, Galerien, Restaurants, Parks. Goodman hat sich auch dafür eingesetzt, dass Las Vegas als erste amerikanische Stadt vom Pen-Club als «City of Asylum» für verfolgte Schriftsteller ausgewählt wurde.

«Las Vegas wird immer die ultimative Unterhaltungsstadt für Erwachsene bleiben», sagt Goodman, und er weiss, woher in seiner Stadt die Steuereinnahmen kommen. Aber er möchte versuchen, zu diversifizieren. «Natürlich liebe ich die gute alte Zeit», sagt er, der in einer jüdischen Mittelstandsfamilie in Philadelphia aufgewachsen ist und sich mit seiner Frau vor 36 Jahren mit 87 Dollar in der Tasche in Las Vegas niederliess. «Ich liebe aber auch die Gegenwart. Las Vegas ist reifer geworden, eine andere Stadt. Und hoffentlich wird es auch in zehn Jahren wieder eine andere Stadt sein.»

Seit Jahren schon ist Las Vegas die am schnellsten wachsende Metropole der USA. Wie die Politik damit umgehen soll, ist umstritten. Niemand propagiert Wachstum um des Wachstums willen, und auch Goodman spricht von «smart growth», aber damit sind noch keine Probleme gelöst: 5000 Zuzüger pro Monat bedeuten mehr Verkehr, mehr Luftverschmutzung, mehr Wasserverbrauch - und eine Belastung für die Infrastruktur der Stadt, die beispielsweise jeden Monat eine neue Schule baut und zurzeit Mühe hat, genügend Lehrer zu finden. «Wir wachsen in jeder Hinsicht am schnellsten», sagt Goodman, und ein Blick in die Zeitungen gibt ihm Recht. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von irgendeiner Bevölkerungsgruppe in Las Vegas gemeldet wird, sie sei die am schnellsten wachsende im ganzen Land: Schüler, Senioren, Juden, Hispanics. Aber auch die Selbstmordrate ist hier landesweit am höchsten, der Alkoholkonsum, die Kriminalität, die Zahl der vorzeitigen Schulabgänger. Und nirgendwo, wen wundert's, wird so oft geheiratet wie in Las Vegas. Aber auch nirgendwo so oft geschieden.

Mit seinem Downtown-Entwicklungsprogramm weibelt der Bürgermeister unermüdlich. «Heute Mittag halte ich eine Rede an der Versammlung der Anwälte von Clark County. Kommen Sie doch mit, Sie werden ein paar gute Anekdoten hören.» Diese sind es denn auch, die seine ehemaligen Berufskollegen im Golden Nugget in schallendes Gelächter ausbrechen lassen, nachdem sie seine politischen Pläne - von denen sie wohl nicht zum ersten Mal hörten - mit höflicher Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen haben.

Einmal mehr setzt der Bürgermeister erfolgreich auf die Mafia-Karte: «Ein Mob-Anwalt wirst du nicht über Nacht!», ruft er in den Saal. Es sei denn, man heisse Oscar B. Goodman. Pointensicher gibt er seinen ersten Mafia-Fall zum Besten, der damit begann, dass der junge Anwalt spät nachts einen Anruf erhielt und in ein Haus bestellt wurde, wo ihm ein Mann einen Umschlag mit 3000 Dollar in die Hand drückte - «so viel Geld hatte ich noch nie gesehen!» - und ihm klarmachte, was er von ihm erwartete: «Ich rate dir, diesen Fall zu gewinnen.» Als Goodman wortreich beteuerte, er werde sein Bestes geben, unterbrach ihn der Mann: «Nein, ich rate dir, diesen Fall zu gewinnen.» Einen hoffnungslosen Fall: Ein in Arizona gestohlen gemeldetes Auto tauchte in Las Vegas auf, und am Steuer sass sein Klient.

Aber natürlich gewann Goodman seinen ersten Mafia-Prozess - und hält jetzt das Publikum mit Müsterchen seiner Schlitzohrigkeit bei Laune, die jeder andere Politiker aus seiner Vergangenheit zu tilgen versuchen würde. Er kannte alle Schlupflöcher, nutzte jeden Verfahrensmangel und ging mit den Behörden, der Polizei und dem FBI alles andere als zimperlich um. Er sähe es lieber, wenn seine Tochter mit Tony Spilotro ausgehen würde als mit einem FBI-Agenten, sagte Goodman einmal (er ist Vater von vier adoptierten Kindern). Und «Ratten», Angeklagte, die gegen Straffreiheit bereit waren auszupacken, verteidigte er prinzipiell nie.

«Glauben Sie mir, ich weiss, dass Sie harte Arbeit leisten. Wenn ich etwas für Sie tun kann, zögern Sie nicht, mich in der City Hall anzurufen. Greifen Sie einfach zum Hörer. Ich bin für jeden von Ihnen da. Und verpassen Sie heute Abend nicht meine TV-Show, ich erwarte einen ganz speziellen Gast: Joe Pesci!»

Damit, dass er für jeden ein offenes Ohr habe und für jeden erreichbar sei, hat Goodman nicht nur Wahlkampf betrieben. Offenheit ist sein Credo als Bürgermeister, das er überall durchsetzen will. Dazu gehört die Bereitschaft, sich den Fragen der Bürger zu stellen. «Ich antworte, so gut ich es kann, und bis jetzt habe ich weder mir noch der Stadt damit Schande gemacht. Viel zu wenige Politiker ergreifen die Gelegenheit, direkt zu den Leuten zu sprechen. Ich rede mit jedem.» Darum hat er auch einen monatlichen Open-House-Tag in der City Hall eingeführt. Da stehen von 10 bis 13 Uhr alle Büros allen Bürgern offen und alle Beamten Red und Antwort. Die Aktion ist ein Grosserfolg.

Wie auch Goodmans vierzehntägliche TV-Show, zu der er auch heute hinausfährt in ein Gebäude der städtischen Feuerwehr, wo aus einem kleinen Studio zwischen 19 und 20 Uhr live die Sendung übertragen wird: Die Bürger fragen, der Bürgermeister antwortet. Im dunklen Anzug mit bunt gemusterter Krawatte sitzt er da, gelöst und doch aufmerksam die Anliegen hörend, die ihm am Telefon vorgetragen werden. «Herr Bürgermeister, wie geht es Ihnen?», fängt einer an. «Es könnte mir nicht besser gehen, mein Freund!» Wiederum beweist er sein Genie im Umgang mit Menschen. Ob eine sich über die gefährliche Signalisation bei einer Baustelle erregt oder einer sich über Fluglärm beklagt: Der Bürgermeister nimmt jedes Anliegen ernst, verspricht, einer Sache persönlich nachzugehen oder die Zuständigen zu informieren, und appelliert immer wieder an den Bürgersinn der Anrufenden: «Geht an Versammlungen, schaut den Verantwortlichen in die Augen, stellt unangenehme Fragen.»

Selbstverständlich klopft der Bürgermeister auch Sprüche und reisst Witze, über die sich die Techniker an ihren Monitoren auf die Schenkel klopfen. Joe Pesci taucht leider nicht auf, aber Goodman kann's nicht lassen: «Du musst Joe Pesci sein!», sagt er einem Anrufer, dessen Stimme an den Schauspieler erinnert, «komm schon, gib's zu.» Nach einer Stunde ist die Sendung vorbei, die Telefonistin vertröstet die vielen Anrufer in der Warteschlange aufs nächste Mal. Der zur Sicherheit vorbereitete Werbeblock wurde auch heute nicht benötigt. Im kleinen Studio schüttelt Oscar Goodman Hände. «Ah, der Journalist aus der Schweiz ist auch hier! Schaut her, auch er liebt den Bürgermeister!»




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