Es begann alles vor einer Kirche. Der Pfarrer war da, die Brauteltern waren da, meine Mutter, nur mein Vater fehlte. Vierzig Minuten herrschte der seltsame Ausnahmezustand, den fehlende Hauptdarsteller verursachen: der Geruch nach Skandal und Sensation lag in der Luft. Ich glaube, dass die meisten Gäste glücklich waren, bis das Taxi mit meinem Vater um die Ecke bog.
Er sagte etwas von einer Autopanne. Man glaubte ihm, obwohl meine Eltern damals wegen ihrer Unpünktlichkeit gefürchtet waren. Vierzig Minuten waren noch heilig. Der Unpünktlichkeit verdanke ich meine Existenz. Zum Zeitpunkt meiner Zeugung hätten sie eigentlich schon seit einer halben Stunde bei Verwandten zum Essen sein sollen. Da meine Mutter sich am Nachmittag eine Turmfrisur gemacht hatte und diese wieder hochstecken musste, erschienen sie statt um zwanzig um zweiundzwanzig Uhr. Dafür zu dritt.
Ich wurde im Februar und zwei Wochen zu früh geboren - blau, mit eingedrückter Nase, - und das muss mir eine Lehre gewesen sein. Es war das erste- und letztemal, dass ich in meinem Leben zu früh kam.
Soweit die Legende meiner Geburt. Sie ist wahr, aber trotzdem tückisch - ein Geburtsfluch ist eine hervorragende Entschuldigung für alles: Der Mensch ist das Tier, das sich rechtfertigt. Und gute Entschuldigungen haben immer einen Hauch von Mythos und Schicksal. Unangenehm ist nur, dass ein paar hundert Leute die Geschichte kennen. Freundinnen, Freunde, Arbeitskollegen, Auftraggeber. Und das mit gutem Grund: Bei allen bin ich zu spät gekommen - um Minuten, Stunden, Tage. Weiss Gott, warum, ich habe an die zweihundert Züge, Hunderte von Bussen und zwei Flugzeuge von hinten gesehen. Ich bin gehasst und gefürchtet.
Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin und noch im Beruf. Wahrscheinlich deshalb, weil die Mordlust von Bekannten und Auftraggebern gerade dann auf dem Höhepunkt ist, wenn (und weil) ich nicht da bin. Ausserdem bekommt man für die ersten Minuten, in denen man auf die Tobenden, Erbitterten oder Eisigen trifft, Routine. Es ist immer der gleiche Job: so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Langweilige erste Entschuldigungen sind besser als originelle: im Stau steckengeblieben, Tram kam nicht, verschlafen. Selbst wenn die originelle Entschuldigung stimmen sollte: Sie reizt nur. Dazu kommt das richtige Outfit - bei Arbeitskontakten möglichst unrasiert, übernächtigt, überarbeitet; beim Rendez-vous frisch gebadet, rasiert, die Haare eingegelt, in Schale und Rüstung, mit blauem Kinderblick. Wichtig ist vor allem, dafür zu sorgen, dass dem wutentbrannten oder verzweifelten Gegenüber schnell die Argumente ausgehen. «Ich weiss», «Es tut mir leid», «Ich bin schrecklich» sind so nichtssagende Worte, dass sie kein Öl ins Feuer des Zorns giessen. Senk dein Haupt, lass die Ohren hängen und bleib blass, Junge.
Wenn schliesslich die ersten Vorwürfe vorbei sind, ist eine ablenkende und neutrale Geschichte angebracht, möglichst Klatsch. Wird sie angehört, ist die Zeit der Schande wieder einmal ausgestanden. Bis zum nächstenmal. Das klingt nicht sehr einfühlsam - und das ist es auch nicht. Der Zwang, sich vor Arbeitgebern, Verwandten und Freunden wieder und wieder zu blamieren, macht nicht Spass, sondern zu einem Profi des Canossagangs. Die rituelle Demütigung ist schlicht ein dreckiger Routinejob, der wieder und wieder getan werden muss, damit man danach über Geld, Freundschaft oder Liebe sprechen kann. Wirklich schlimm an konstanter Unpünktlichkeit ist die halbe Stunde vorher: der Hinweg.
Es beginnt mit dem Augenblick hellen Entsetzens beim Blick auf die Uhr. Es folgt ein intensiver Gefühlscocktail, gemixt aus Panik, Selbsthass, Hass auf öffentliche Verkehrsmittel, Hass auf die Uhrenerfinder, Hass auf die Nichterfinder des Beamens, Hass auf Gott. Man ist zum 3578stenmal zu spät, man kennt die eigenen Ausreden, das schiefe Grinsen und den Versuch, dabei erbärmlich und bemitleidenswert auszusehen. Der Täter als Opfer.
Aber wozu das Schmierentheater? Als ich mit Malaysian Airlines nach Japan flog (Gott sei dank, dieses Flugzeug nicht verpasst!) und auf den Bordbildschirm sah, weinte ich. Auf dem Schirm stand eine eingeblendete Karte, und die zeigte die Spur des Flugzeugs: den zurückgelegten und den noch zu fliegenden Weg. Man sah die Wüste Gobi, Malaysia, Burma und den indischen Subkontinent. Ich hatte eine ganze Kindheit damit verbracht, von der Wüste und vom Dschungel zu träumen. Ich verbrachte Nachmittage auf der Toilette und las Kipling und Maugham und Stevenson und Reiseromane. Meine Familie dachte, seit ich fünf war, ich hätte Verstopfung.
In Wahrheit war ich ein Milchbubi mit abenteuerlichem Herzen. Ich schwor mir damals zwei Dinge: Wenn ich erwachsen wäre, wären Gummibärchen und Lakritze mein Hauptgericht und ich würde im Dschungel leben, in Asien, im Amazonas oder in Afrika.
Oben im Flugzeug stellte ich fest, dass ich nur den ersten Vorsatz gehalten hatte. Ein Drittel meines Lebens war absolviert - und da ich neben Gummibärchen und Fast food die Vitamine hauptsächlich aus Zigaretten beziehe: eher die Hälfte -, und ich hatte nie den Dschungel, nie Afrika, nie Asien gesehen. Und jetzt überflog ich in 10 000 Kilometer Höhe die Träume meiner Kindheit, die ich verraten hatte.
Erst als ich gelandet war und den richtigen Zug in Narita Airport verpasst hatte, kam mir - verschwitzt und verärgert - der Verdacht, dass ich meine Träume vielleicht doch verwirklicht hatte; dass ich schon die ganze Zeit im Dschungel lebe, einer unmenschlichen, schweisstreibenden Gegend, besiedelt von gefährlichen Tieren. Und tatsächlich, mit der Unkenntnis in organisatorischen und zeitspezifischen Dingen lebe ich in diesem Dschungel, zurückgeworfen auf mich selbst, mich mit der Machete durch die Widrigkeiten meines Lebens hauend, bedroht von Rechnungen und Arbeitgebern, immer wieder in Panik und von der Gefahr umzüngelt, von Freunden und dem Verstand verlassen zu enden.
Pardon: Schon wieder ein Rechtfertigungsversuch - je absurder, je tiefer in der schicksalshaften Vergangenheit verankert, desto besser -, er geht aber nicht ganz an der Sache vorbei. In den Worten des Literaturprofessors Peter von Matt: «Seit der frühesten Kindheit werden wir erzogen, geschult und getrimmt, uns den geltenden Geschwindigkeitsregeln anzupassen und Abschied zu nehmen von der natürlichen Geschwindigkeit unserer Person. Es gibt Geschwindigkeitsregeln allüberall, und was immer geschieht und was immer geleistet wird, hat sich in diese einzufügen. Dass die Arbeit nur zählt in Relation zur darauf verwendeten Zeit, dass der Wert eines Produkts sich bemisst nach der Minutenzahl seiner Herstellung, ist einerseits eine Binsenwahrheit der Ökonomie, andererseits aber ist es eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die wir als Kinder, als Heranwachsende, als Erwachsene immer wieder neu machen müssen, lautlos, denn darüber wird nicht gern gesprochen.»
Gesprochen wird davon nur unter Rebellen. Ich kannte zwei Kollegen und eine Freundin, die längere Zeit die gleiche unökonomische, verantwortungslose Zeitstruktur hatten wie ich. Sie waren dauernd unpünktlich. Schon die Abmachungen waren eine Freude: Man verabredete sich um acht und traf sich um neun. Auch zehn war kein Problem. Eine ihrer erfreulichsten Eigenschaften war, dass sie nicht ihre eigenen Fehler an anderen korrigierten. Sie alle arbeiteten nicht ganz unzufällig als Freiberufler, in Werbung, Grafik und Design. Eines Abends verfassten wir gut gelaunt und leicht betrunken eine «Typologie der chronisch Achronischen». Sie lautete - aus dem Gedächtnis zitiert - etwa wie folgt:
Erstens. Chronisch Achronische versetzen Normalpünktliche in Panik. Sie werden als Monstren im Zeitplan begriffen. Doch Panik ist ein Spiel für zwei: Godzilla sieht nur unwesentlich weniger verzweifelt aus als die ihn bekämpfende japanische Armee. Auch Monster leiden.
Zweitens. Um sozial zu überleben, sind chronisch Achronische fast alle mit grossem Charme bewaffnet. Du musst das Gegenüber schnell und gründlich faszinieren, nachdem es durch deine Schuld gelitten hat. Sonst hat dein Adressbuch nur noch leere Seiten.
Drittens. Chronisch Achronische sind und waren Rebellen wider Willen. In organisierten Gemeinwesen sind sie die Vertreter des Chaos, in der Maschinerie der Human Factor. Allgegenwärtige Pünktlichkeit gibt es nur bei der Post und im Faschismus.
Viertens. Chronisch Achronische sind unschuldig schuldig. Sie haben einfach eine andere innere Uhr: eine 10-Dollar-Rolex aus Taiwan.
Fünftens. Chronisch Achronische sind nützlich. Durch ihre Ausfälle und Skandale geben sie allen Normalpünktlichen a) etwas zu reden, b) das Gefühl von Überlegenheit und c) eine Ahnung von der Unplanbarkeit der Welt. Analog zum Witz, in dem der Professor für Statistik dem Teufel erklärt, wie er die Hölle organisieren solle. Worauf der Teufel lacht: «Aber Professor! Organisation - das ist die Hölle.»
Sechstens. Ungeeignet für Routinearbeit, sind chronisch Achronische vor allem in kreativen Jobs tätig. Sie sind dort oft begabter oder zumindest bessere Hochstapler als der Rest: Wer unregelmässig liefert, muss unersetzbar sein. Zusätzlich schützt chronisch Achronische der kleinbürgerliche 19.-Jahrhundert-Mythos, dass geniale Dinge nur durch Chaos entstehen. Das ist zwar Unfug, aber es nützt uns.
Siebtens. Das Zeitgefühl des chronisch Achronischen tendiert auf den Moment, wo er zufällig am richtigen Ort ist: Er lebt im und für den Flash. Was zählt, sind die Höhepunkte, nicht der Alltag. Analog zum arabischen Sprichwort: «Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber Gott liebt mich, wenn ich singe.»
Achtens. Die Gefahr für die chronisch Achronischen ist dabei, zu faszinierende oder zu belügende Normalpünktliche nur als Publikum zu betrachten. Oder zu sehr an die eigene Perfektion zu glauben und nichts mehr zu tun.
Neuntens. Dieses System ist anfällig, die Ausfälle sind unberechenbar.
Zehntens. Die Ausfälle sind die Hölle.
So weit unsere Clubsatzung, ein Dokument des Optimismus und der frühen neunziger Jahre, als der Sommerhit noch frohlockte: «I'm a loser, baby!»
Mittlerweile hat sich einiges geändert, nicht zuletzt die Einstellung in den Kunst-, Design- und Hochstapler-Jobs. In der Rezession ist die Ideologie des kreativen Chaos von der Ideologie des Professionalismus abgelöst worden. Die Chaoten haben den smarten, fronttauglichen, geschäftstüchtigen Künstlern mit elektronischen Agenden Platz gemacht. Fast alle Schauspieler, Schriftsteller und Musiker, die ich kenne, sind perfekt organisiert. Man trinkt Vitaminsäfte, geht in die Oper, nimmt Anti-Glatzen-Pillen und trägt schimmernde Rüstungen. Loser sind heute wirklich welche.
Der Club ist geschrumpft: S., ehemals eine Prinzessin von einer Punk-Schlampe, hat heute ein Kind, riecht nach Milch und ist so pünktlich, wie meine Eltern es durch mich wurden. Und M., ein begabter Grafiker, der aber ganze Tage weiss, fett, schweigend und fast unbekleidet in seinem Zimmer dahindämmerte, ist durch alle Jobs gefallen und arbeitet nun am Flughafen als Handgepäckwagenschieber, selbst hier von Entlassung bedroht. Das hatte unser Club nie besprochen: dass man nicht nur die Schlachten, sondern auch den Krieg verlieren kann.
Und fast unbesprochen blieb auch, ausser im Scherz, die Hölle. Katastrophale Ausfälle passierten, das genügte zur Mitgliedschaft. Aber worin bestanden die? Ausreden einmal weggelassen: Was macht ein unzuverlässiger Bastard eigentlich, bevor er zu spät kommt, bevor er den Text erst zwei Minuten vor der absoluten Deadline abliefert? Im guten Fall etwas anderes, als was er tun sollte. Ein Buch lesen, mit jemand anderem reden, etwas anderes arbeiten, die Zeit vergessen.
Im schlechten Fall geht man durch die Hölle. Man macht einfach nichts. Man ringelt sich embryohaft ein, schläft oder sieht sich durch das Nachmittags- und dann durch das Abendprogramm, zappend, vom TAF-Minigame über die Ein-Uhr-Nachrichten über Wickie über Kosmetiktips zu den Simpsons, dann Al Bundy, dann dreimal die Nachrichten, dann der Abendfilm, dann die Late-Night-Shows. Man sieht es sich an, erfüllt von Grauen vor dem Duschen, der Arbeit und dem Telefon. Late heisst auf englisch nicht umsonst nicht nur «spät», sondern auch «verstorben».
Das Grauen gehört notwendig zum Beruf. Der harte Punkt an intelligenter oder hochstaplerischer Arbeit ist, dass sie einen zwingt, der eigenen Unfähigkeit ins Gesicht zu sehen. Sätze zerbrechen, Ideen crashen, das meiste ist nur schlecht. Oder Normalform, und das genügt nicht. Wenn man nicht voll auf der Höhe ist, ist man nur menschlicher Schrott. Zugegeben: Es geht nicht allen so, sondern nur dem Typ Schreiber oder Mensch, dessen kritisches Potential grösser ist als das kreative: Man versteht mehr von der Sache, als man kann.
In dem Moment hat man das Gefühl: Was man war, ist weg für immer, häng dich am Duschschlauch auf. Es ist der Moment, in dem man sich als Parasit erweist, der Energie von aussen abzapft. Denn todsicher funktioniert nun die Sicherheitsleine: das Telefon. Das Wirtstier, also der Mensch, mit dem man abgemacht hat, beziehungsweise die Redaktion meldet sich. Man hebt ein-, zwei-, fünfmal nicht ab, beim siebtenmal dann doch. Die Feigheit, zu lügen, rettet einen: das «Bin schon unterwegs» oder «Der Text ist fast fertig», verbunden mit der schrillen Nervosität des Wartenden, löst einen verzweifelten Adrenalinstoss aus. Man hat zwar noch keine Zeile fertig, aber es geht nun nicht mehr um Stil, Erkenntnis, Cleverness, Wahrheit, es geht ums Überleben. Es ist ein grossartiges Gefühl, ein Flash, eine Droge: drei Tage sitzt man tot, schwer und selbstmörderisch herum - und dann erledigt man die Sache in einem Anfall in den letzten drei Stunden.
Das Erschiessungskommando immer wieder zu überleben ist ein derartiges High, dass man süchtig wird. Dass dabei andere unfreiwillig das ausrückende Erschiessungskommando spielen müssen und am Ende nicht einmal die Befriedigung einer sauber durchlöcherten Leiche bekommen, ist bedauerlich. Doch das Abenteuer aller Abenteuer ist: Überleben. Und dazu braucht es Gefahren, echte Gefahren. Und diese muss man sich in einem Land wie der Schweiz selbst organisieren.
Der zu spät kommende Neurotiker braucht wirkliche Angst und wirkliche, zu wilden, kannibalischen Tieren gemachte Menschen, um sich seinen Dschungel zu bauen. So gesehen führt er ein souveränes, glückliches und abenteuerliches Leben.
Emil Stefan Blofeld, Journalist, lebt in Zürich.