Seit nunmehr sechs Jahren befindet sich die Schweizer Wirtschaft in einer hartnäckigen Stagnation. Die ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie letztmals in der schweren Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre, und eine Trendwende ist vorerst nicht in Sicht. Die Lage ist zunehmend ungemütlich. Die Nervosität in Politik, Wirtschaft und Bevölkerung steigt, das Wort Krise ist in aller Munde, und die Diskussion über Ursachen und Therapien wird mit zunehmender Heftigkeit geführt.
An Diagnosen, Lösungsvorschlägen und wohlfeilen Appellen für Mut und Vertrauen in die Zukunft fehlt es dabei nicht. Nur geschehen ist bis jetzt herzlich wenig. Lohnkürzungen und Entlassungen verbreiten Angst und Unzufriedenheit. Vor dem Bundeshaus und anderswo sind in steigender Kadenz Demonstrationen zu registrieren, und selbst am Revers der Bähnler prangt neuerdings ein Protestknopf. (Aber noch fahren die Züge einigermassen pünktlich.)
Was an dieser Krise bedrückt, ist nicht allein die Dauer der Rezession, sondern auch das Fehlen überzeugender Rezepte. Das in erster Linie auf Ausgleich und Konkordanz angelegte System der Schweiz sieht sich mit einemmal mit der Tatsache konfrontiert, dass der zu verteilende Kuchen nicht mehr grösser wird, und es verbraucht sich in zunehmend härteren Verteilkämpfen. Die Wirtschaft beklagt sich über die Politik und rechtfertigt alles und jedes - auch Fragwürdiges - mit der unerbittlichen Globalisierung der Märkte. Und die Bevölkerung klammert sich - wie vor kurzem die Abstimmung über das Arbeitsgesetz mit aller Deutlichkeit gezeigt hat - hartnäckig an lieb gewordene Strukturen aus vergangenen Zeiten.
Die Schweiz im Jammertal? Mit dramatischen Zuspitzungen ist allerdings niemandem gedient. Aber zweifellos sind das Land und seine Bevölkerung auf eine Probe gestellt wie schon lange nicht mehr. In Politik und Wirtschaft spricht man von einer «neuen Herausforderung». Das ist es wohl auch. Denn von selbst wird sich diese Krise, die mehr als nur eine wirtschaftliche ist, sicherlich nicht erledigen.
Wer aber ist am meisten gefordert?