NZZ Folio 05/01 - Thema: Transatlantik   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Jean Belloni, Bahnhofvorstand

Von Peter Rüedi

CH-6828 BALERNA ist als verstädtertes Dorf keine touristische Attraktion, es ist eine Art Vorort von Chiasso, und was ist Chiasso? Die Banken haben die Fluchtgeldburgen geräumt und nach Lugano verlegt, am ehemaligen Grenzbahnhof rauschen die schnellsten Schnellzüge vorbei. Den Bahnhof Balerna haben die SBB als bemannte Dienstleistungsstation längst geschlossen. Die zerzauste Platanenallee, durch die man zum Billettautomaten gelangt, ist wie von Simenon erfunden. Kleinindustrie im Westen, die Reste des alten Dorfkerns im Osten, nördlich aber, che sorpresa: Reben (sozusagen als Denkmal für die piccola Toscana, welche das Mendrisiotto einmal war).

Zwei Tessiner Weinhäuser haben ihren Sitz noch in Balerna, Corti und Fumagalli. Dazu importiert die Firma Borgovecchio, neben dem Kaffeeröster Chicco d'Oro buchstäblich unter der Autobahn begraben, grosse Quantitäten und einige bemerkenswerte Qualitäten aus Italien. So ist doch einigermassen logisch, dass Jean Belloni, 46, engagierter Journalist (in Zeitungen, Radio und Fernsehen) und enragierter Weinliebhaber, sich zum Risiko entschloss und vor keinem Jahr für monatlich 300 Franken die ehemalige Biglietteria des Statiönchens mietete. Seine Enoteca heisst lapidar «bere bene», und das ist auch schon Programm. So nah an der Grenze, und eingedenk der Tatsache, dass sich die weintrinkenden gebildeten Stände immer mehr spezialisieren und also auch einem bescheidenen Vermittler wie ihm ein erkennbares Profil abverlangen, setzt Belloni die Politik fort, die er schon im «Ateneo del Vino» in Mendrisio mit vertrat: französische Weine mit optimalem Verhältnis von Preis und Qualität, also hauptsächlich solche aus dem Süden/Südwesten, nebst kleinen, also bezahlbaren Bordeaux. Und ein Schaufenster fürs einheimische Schaffen: neben Corti und Fumagalli an die 20 weitere Produzenten, die für den Aufschwung des Tessiner Weinbaus stehen.

Ein paar Ausrutscher nach oben kann sich der undogmatische Linke nicht verkneifen. Zum Angebot gehören auch zwei Meursaults (Bernard Morey und Domaine Michelot), Gevrey- und Charmes-Chambertins von Geantet-Pensiot, Jahrgangschampagner, gehobene Burgunder und Bordeaux, einige Italiener. Allein, keine der sogenannten Spitzenweine, kein Romanée-Conti, Latour, Tignanello, Gaja, dafür Entdeckungen, zumindest für Nichtmitglieder des Lausanner Weinclubs Divo, dessen Mann im Tessin Belloni auch ein bisschen ist. Wein («das ist meine Philosophie, wenn Sie so wollen») ist in erster Linie ein Bestandteil des Alltäglichen. Und was man täglich braucht, muss gut sein (wie eine Anzeige für VW einst verkündete, auf welcher ein als Käfer geformtes Brot zu sehen war).

Zum Beispiel dieser erfreuliche Minervois La Livinière «Château Sainte-Eulalie La Cantilène» 1998, der auf der Etikette etwas pompöser erscheint, als er ist: 70% Syrah, 15% Grenache und 15% Carignan, ein austarierter, fruchtiger (schwarze Beeren), aber nachhaltiger Wein mit langem Abgang, schon trinkfertig, aber auch in fünf Jahren noch in guter Verfassung. «Viel Wein für 15 Franken», meint Jean, der die ersten drei Lebensjahre in La-Chaux-de-Fonds verbrachte, wo sein Vater als Typograph arbeitete, dann aber immer in Balerna lebte und hier jeden kennt. Mit den 180 000 Franken Umsatz im ersten Jahr ist er, als Einmann- und Halbtagesbetrieb, ganz zufrieden. «Ich kann leben und bin mein eigener Herr.»

Solange in Balerna Stazione nicht eines Tages doch die Alte Dame dem unplanmässig haltenden Cisalpino entsteigt.


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