NZZ Folio 11/04 - Thema: Marken   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Vorauseilender Vandalismus

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

SEIT ETWA EINEM halben Jahr zirkulieren unter Parfumeuren schreckliche Gerüchte. Guerlain soll beschlossen haben, alle seine klassischen Düf te (14) zu verändern, um sie den Normen der International Fragrance Association anzupassen. Die IFRA ist ein Gremium der Industrie, das beim Gebrauch von Parfums auftretende Gesundheitsprobleme wie Allergien überwacht.

IFRA-Beschlüsse sind Empfehlungen. Stellt sie fest, dass ein Stoff bei wenigen Menschen Allergien auslöst, kann man den Stoff entweder aus dem Parfum entfernen oder einen Hinweis auf der Packung anbringen. Es ist bran chenüblich, dass nur neue Parfums den IFRA-Richtlinien vollständig entsprechen müssen, während man die alten belässt, wie sie sind. Schliesslich darf man auch mit seinem 1949er Armstrong Siddeley auf öffentlichen Strassen fahren, ohne Airbags einzubauen.

Niemand hat einen solchen Schritt von Guerlain verlangt. Guerlains grosse Düfte sind erstens schon seit längerem auf dem Markt, und zweitens raunen einem vergleichsweise selten auf einer Beerdigung die Freunde der Verstorbenen ins Ohr: «Was hast du erwartet, sie benutzte L’Heure Bleue!» Nein, weit davon entfernt, durch das Gesetz dazu gezwungen zu werden, entschliesst sich das altehrwürdige Haus zu diesem Akt von vorauseilendem Vandalismus, statt einfach ein kleines Etikett aufs Flacon zu kleben.

Drei Stoffe werden komplett aus dem Verkehr gezogen: Cumarin, Eichenmoos und Birkenteer. Dies ist das Ende von Mitsouko und Shalimar, die künftig nach Eau du Soir beziehungsweise nach Vanilla Fields riechen werden. Synthetischen Ersatz für diese Stof fe zu finden, ist kei ne triviale Aufgabe. Für Cumarin gibt es keinen guten. Die Komposition eines brauchbaren Äquivalents für Eichenmoos ist in etwa das parfumistische Gegenstück zum mathematischen Beweis der Riemannschen Vermutung. Die grössten Geister haben sich daran versucht. Nur ein einziger Meisterparfumeur, Arcadi Boix Camps, behauptet, es sei ihm gelungen.

Man sollte meinen, Guerlain bemühe sich um Talente von solchem Kaliber, um diese erfurchtgebietende Aufgabe zu lösen. Mitnichten: Soeben haben sie eine Anzeige ins Internet gestellt, in der sie nach einem «technischen Parfumeur» zwischen 25 und 28 Jahren suchen, der die Sache erledigen soll. Das Rührendste dabei ist: Der junge Mann soll sich gut mit Computern auskennen und fliessend Englisch sprechen. Als könnte ihm dies dabei helfen. Das ist etwa so, als gäben Sie dem Typ, der gerade Ihr Badezimmer gefliest hat, den Auftrag, die Mosaiken von Ravenna zu restaurieren.

Und Guerlain ist nicht einmal konsequent: Während sie die Zerstörung jener Düfte planen, die jeder von uns kaufen kann, führen sie ein Dutzend grosser Klassiker wieder ein (nach der Originalrezeptur, samt Allergien und allem), die sie ausschliesslich in ihrem Laden in den Champs-Elysées 68 verkaufen. Falls Sie in dieser Sache genauso empfinden wie ich, senden Sie eine Nachricht an Guerlains Kundenbetreuerin Isabelle Rousseau, mailto:irousseau@guerlain.fr.




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