DIE MESA VON LA JOLLA im Norden San Diegos gilt als ein Weltzentrum naturwissenschaftlicher Forschung. Hier findet sich seit 1965 - von Louis Kahn in monumentaler Strenge hoch über dem Meer inszeniert - das Salk Institute for Biological Studies. Diesem Höhepunkt der Baukunst unseres Jahrhunderts antwortet, etwas versteckt am Ostabhang der Mesa, ein zweites architektonisches Juwel: das Neurosciences Institute (NSI) des New Yorker Architektenpaars Tod Williams und Billie Tsien.
Das vor 15 Jahren vom Nobelpreisträger Gerald M. Edelman in New York gegründete NSI fasste 1991 den Beschluss, auf den Campus des Scripps Institute im südkalifornischen La Jolla zu wechseln und dort nach den Plänen von Williams & Tsien ein eigenes Gebäude zu errichten. Die Auftraggeber hatten sich wohl kaum erhofft, dass aus dem vergleichsweise bescheidenen 16-Millionen-Dollar-Projekt ein Hauptwerk der zeitgenössischen US-Architektur werden sollte. Denn die begabten New Yorker waren damals ähnlich wie ihr Kollege Steven Holl im kommerziellen Klima der Metropole nie richtig zum Zuge gekommen und konnten daher neben einigen aufsehenerregenden Arbeiten im Grenzbereich von Innenarchitektur und Bühnenbild erst wenig vorweisen: eine Villa, die Feinberg Hall in Princeton, das meisterhafte, zu jener Zeit aber noch nicht vollendete Hereford College der University of Virginia sowie den Entwurf eines Skulpturenpavillons für das Phoenix Art Museum, der demnächst realisiert werden soll.
Der für 45 Mitarbeiter und mehrere Gastwissenschafter bestimmte Neubau des Hirnforschungsinstituts will als «monastery for sciences» eine Atmosphäre der Kontemplation, aber auch unterschiedliche architektonische und räumliche Erlebnisse bieten. Williams & Tsien schufen einen Gebäudekomplex zwischen Kloster, Burg und Bastion, der sich nicht auf der höchsten Stelle des Areals erhebt, sondern - der Lehrmeinung Frank Lloyd Wrights entsprechend - sanft an den Hang schmiegt. Das Motiv der tektonischen Verschiebung prägt den Plan: Wie auseinanderdriftende Kontinente lassen das Theoriegebäude, der Labortrakt und das Auditorium in ihrer Mitte einen Platz entstehen, der als Ort der Kommunikation das eigentliche Herz der Anlage ist. Auch Kahns Salk Institute holt seine Kraft aus einer zentralen Plaza. Doch während dort die zum Meer weisende Symmetrieachse eine strenge Hierarchie erzeugt, fliesst beim NSI alles organisch ineinander.
Wie ein Zen-Garten wirkt diese abstrakte, bläulich kühle Betonlandschaft, die - durch sich windende Wege und corbusianische Rampen erschlossen - je nach Licht und Standort mit einem stets wechselnden Schauspiel, aber auch mit Ausblicken überrascht: hier auf eine einsame Torrey- Pinie zwischen hohen Mauern, dort auf die Stadt oder in das weite Tal.
Eine Brücke aus Rotholz führt zwischen Riesenschachtelhalmen über einen Pool zum elegant eingerichteten Theoriegebäude mit Büros, Bibliothek, Vortragssaal und Kantine. Wie eine kubische Skulptur aus Beton, Sandstein und Glas erhebt sich dieser Bau auf einer Bastion hoch über dem Tal und erinnert mit seinen Auskragungen an Richard Neutras Lovell Health House oder an Wrights Falling Water. Der in den Hang eingekerbte Labortrakt thematisiert mit seinen schräggestellten Glaswänden die Topographie, während das sich mit einer schattigen Loggia öffnende Auditorium monolithische Präsenz markiert. Das Haus mit seinen 352 Sitzen kann dank einer Luigi Nervi verpflichteten Faltdecke mit einer ausgezeichneten Akustik aufwarten und wird für Symposien, Theater und Konzerte genutzt.
Der visuelle Reichtum dieser Architektur beruht auf dem minimalistischen Spiel mit Raum und Volumen. Im perfekten Materialeinsatz - Beton, Stahl, türkis leuchtendes Glas, elfenbeinfarbener Stein und Holz - nähert sie sich Carlo Scarpas künstlerischer Haltung. Indem sie frei über Vorbilder von Aalto und Kahn bis Le Corbusier und Wright verfügt und daraus etwas höchst Genuines schafft, wird sie zum positiven Beispiel eines neuen Eklektizismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Ihre Stärke erweist sich zudem darin, dass sie sich harmonisch in die Landschaft fügt, ganz ohne sich zu ducken, und dass sie aller Detailversessenheit zum Trotz nie das Ganze aus dem Blick verliert.