«DIE GRÖSSTEN ELEFANTEN bringt Indien hervor, wie auch die in beständiger Feindschaft mit ihnen lebenden Schlangen, die ihrerseits ebenfalls von einer solchen Grösse sind, dass sie einen Elefanten leicht umschlingen und in den Windungen des Knotens ersticken können. Der Kampf aber findet zugleich sein Ende für beide, denn der Besiegte erdrückt im Fallen durch sein Gewicht die Schlange, die ihn umschlungen hat.» So das Kräftemessen der zoologischen Giganten, wie es uns die «Naturkunde» des römischen Gelehrten Plinius Secundus vermittelt.
Der Leser erfährt weiter, die indischen Riesenschlangen verschluckten ganze Hirsche und Stiere. Selbst hoch über die Kriecher hinwegfliegende Vögel würden schnappend herabgerissen und verschlungen. Als Rekordexemplar zitiert Plinius jenes 120 Fuss (fast 40 Meter) lange Biest, welches im Punischen Krieg wie eine Festung mit Wurfgeschossen und Belagerungsmaschinen bezwungen werden musste.
Im Laufe der Jahrtausende wurden die Riesenschlangen in den Expeditionsberichten zwar etwas kürzer. Zwanzig bis dreissig Meter lang waren sie aber noch allemal, wenn sie vom Ast eines Urwaldbaumes herunter blitzschnell den ahnungslosen Menschen umwickelten und ihm sämtliche Knochen im Leibe zermalmten, falls nicht mutige Helfer das Monster rasch in Stücke schnitten.
Erst Naturforscher wie Humboldt und Brehm fanden im letzten Jahrhundert das richtige Mass: Riesenschlangen werden höchstens um die zehn Meter lang. Und was sie verschlingen können, ist nicht grösser als ein junges Reh. Für Brehm waren die feuerspeienden Drachen der alten Völker unsere züngelnden und zischenden Riesenschlangen, wobei die Todesangst wohl die realen Dimensionen ins Gigantische aufblähte.
Die Herkunft der Riesenschlangen aus dem Drachenland ist nicht abwegig, denn sie haben sich vermutlich in der Kreidezeit vor 100 Millionen Jahren aus waranartigen Sauriern entwickelt. Das Echsenerbe tragen die Riesenschlangen noch heute im Leib: Am Skelett sind knöcherne Reste eines früheren Beckengürtels vorhanden, und beidseits vom After treten als Überbleibsel der Hinterbeine kleine, mit einer hornartigen Spitze versehene Sporne hervor. Eine Wirbelsäule mit einigen hundert Wirbeln sowie Rippen, die sich einzeln mit Muskeln vor- und rückwärts bewegen lassen, machen den mächtigen Körper enorm agil und schmiegsam. Zdenek Vogel, einer der besten Kenner der Riesenschlangen, argumentiert, der Verlust der Gehfähigkeit im Laufe der Evolution habe den Tieren insofern Vorteile gebracht, als sie sich nun ohne vorstehende Gliedmassen viel behender im Dickicht bewegen und noch durch engste Löcher gleiten können.
So sind Riesenschlangen immer wieder an Orten entdeckt worden, wo kein Mensch sie vermutete. Auf Borneo fand ein Forscher in einer Hütte einen sieben Meter langen Netzpython. Er lag in einer von Zweigen bedeckten Grube dicht neben den Pritschen, wo Jäger gelegentlich schliefen. Nachts schlüpfte das Riesenviech zur Futtersuche jeweils durch ein Erdloch aus der Hütte, ohne die schlummernden Männer zu wecken. In Bangkok gehörten noch in diesem Jahrhundert Pythonschlangen zum Stadtinventar: «An den belebtesten Stellen am Menam, wo Dampfboote pfeifen und lärmende Kulis hin und her eilen, suchen sie sich in einem Gebäude oder in der Uferböschung ein Loch, um darin den Tag zu verbringen. Nachts aber führen sie ein vergnügtes Leben und machen Jagd auf Hühner, Enten, Katzen, Hunde und sogar Schweine», berichtet Alfred Brehm. Dabei kannten die Schlangen keine Standesgrenzen: «Ein drei Meter langes Exemplar verschlang im Mai 1907 im Königspalast eine siamesische Hauskatze, die man, da die Schlange im vollgefressenen Zustand nicht mehr durch das Loch, das ihr Einlass ins Haus gewährte, entweichen konnte, nach deren Erlegung noch mit einem Glöckchen um den Hals im Magen ihrer Mörderin vorfand.»
In Asien und Südamerika werden Riesenschlangen bis heute wie Haustiere gehalten. Boa Constrictor, die bis zu 4,5 Meter lange und 60 Kilogramm schwere Abgottschlange, war Kulttier sowohl der Indianer als auch der nach Amerika verschleppten Negersklaven. Die brasilianischen Kaufleute und Pflanzer hielten sich Abgottschlangen als Mäuse- und Rattenfängerinnen in den Speichern. Auf den Dschunken der Chinesen waren es die Pythonschlangen, die ihre Nützlichkeit bewiesen. Verliess die Schlange das Schiff, fürchtete man auch des Glücks verlustig zu gehen.
Tierkenner und erfahrene Jäger wussten trotz aller Schauergeschichten schon immer, dass der Mensch für Riesenschlangen keine Beute ist und sich deshalb nicht zu fürchten braucht. In der Regel. Aber Riesenschlangen sind eben von Kopf bis Schwanz ein einziges Kraftpaket. Und da sich auch Tiere täuschen können, kann es schon einmal vorkommen, dass der Schlange ein falscher Happen zwischen die Kiefer gerät. Wie jenem Python im Tiergarten zu London, dem ein Wärter während der Fütterung ein Huhn vor die Schnauze hielt. Da die Schlange gerade kurz vor der Häutung stand, war ihr Auge getrübt. Sie erwischte beim Vorschnellen den linken Daumen des Wärters, und schon waren Arm und Hals des Verdutzten umschlungen. Der Wärter wäre wohl erdrosselt worden, wenn nicht zwei Kollegen ihn nach längerem Ringkampf aus den tödlichen Windungen geschält hätten.
Ähnliches weiss fast jeder Pfleger und Fänger von Riesenschlangen zu berichten. In der Branche gilt der Erfahrungswert, dass es zur sicheren Handhabung von Riesenschlangen pro Laufmeter Tierkörper einen kräftigen Mann braucht.
Trotz solchem Berufsrisiko soll in zoologischen Gärten noch nie ein Mensch von einer Riesenschlange umgebracht worden sein. Eine gebrochene Rippe kann es aber schon mal geben. Auch einer Schlangentänzerin knackte vor Jahren ihr Riesenspielzeug zwei Rippen. Deshalb greift man im Variété zum Trick, den Muskelprotz vor dem Auftritt abzukühlen und somit lethargisch zu machen.
Besonderen Respekt erheischen Anakondas, eine in den Urwaldflüssen Südamerikas heimische Gattung der Boa-Schlangen. Als Rekord werden 11,3 Meter Länge und 200 Kilogramm Körpergewicht zitiert. Die Indianer haben gelernt, sich insbesondere beim Schwimmen im trüben Wasser in acht zu nehmen. Der Schlangenexperte Franz Werner berichtet, wie er wiederholt von nervösen Anakondas gebissen wurde. Zwar versuchten die Tiere, die ungewohnte Beute rasch wieder loszulassen. Die hundert nach hinten gebogenen, nadelscharfen Zähne können indes wie Widerhaken festsitzen. Um die Schlangen zu motivieren, die Kiefer wieder weit aufzureissen und allfällige Schlingen zu lösen, trug Werner ein Fläschchen mit Salmiakgeist auf sich, den er dem Tier dann auf die Schnauze tröpfelte.
Wie die Riesenschlange ihre reguläre Beute überwältigt, ist von höchstem Feingefühl. Sie gleitet derart ruhig auf das Kaninchen zu, dass dieses nur etwas zur Seite hoppelt, um dem rutschenden Leib Platz zu machen. Schliesslich nimmt die Schlange mit der Zungenspitze am Körper der Beute Mass. Das ahnungslose Wesen mag seinerseits neugierig das Reptil beschnuppern. Zack. Und eine Sekunde später sitzt das Opfer in der Muskelspirale fest. Die Schlange zerquetscht nun keinesfalls ihre Beute. Vielmehr hält sie einen der Grösse der Beute subtil angepassten Druck aufrecht. Und immer wenn das Opfer ausatmet, wird der Gürtel etwas enger geschnallt. Es kann eine halbe Stunde dauern, bis die Schlange die Schlingen lockert und schliesslich die leblose Beute mühsam Zentimeter um Zentimeter in den Schlund schiebt. Zum Verdauen lässt sich das Tier dann alle Zeit. Im Frankfurter Zoo hat ein vollgefressener Netzpython 570 Tage lang gewartet, bis er erneut nach Futter schnappte.