An Versuchen, die Mafia zu verstehen, hat es nie gefehlt. Historiker und Soziologen haben das Phänomen dokumentiert und analysiert, parlamentarische Kommissionen - die erste 1867 - lieferten immer wieder ihre Berichte ab, Justiz und Polizei ermitteln gegen die Mafia, vor allem im Kampf gegen den weltweiten Drogenhandel, seit Jahrzehnten.
Die jüngsten Erkenntnisse über das Ausmass mafioser Aktivitäten in Italien geben zu keinen Hoffnungen Anlass. Kaum ein Bereich des gesellschaftlichen Lebens, den die Mafia nicht infiziert hat, kaum eine Institution, die sie nicht korrumpiert, kaum ein Wirtschaftszweig, den sie nicht infiltriert. Eindeutig lokalisierbar ist sie dabei nicht mehr, längst hat sie ihren Vormarsch aus dem Süden Italiens in die urbanen Zentren des Nordens angetreten. Und aus jeder vermeintlichen Niederlage, etwa aus dem grossen Prozess gegen 500 Angeklagte 1986 in Palermo, ist die Mafia letztlich gestärkt hervorgegangen.
Wäre die Mafia allein eine straff geführte Organisation, wäre sie nicht unangreifbar; im organisierten Verbrechen wird aber nur eine ihrer Erscheinungsformen sichtbar, wenn auch eine besonders brutale und medienwirksame. Zur Mafia zu gehören bedeutet nicht in erster Linie, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein. Mafia meint auch ein bestimmtes Verhaltensmuster. Der Mafioso bewegt sich in einem sozialen System, das auf dem Prinzip von Gefolgschaft und Protektion basiert; das heisst auf der informellen Ordnung des Clientelismus, der einst als Überlebensstrategie diente, da der Staat dem Einzelnen weder Schutz noch Sicherheit bot.
Der Clientelismus hat die Jahrhunderte überdauert, indem er sich der Modernisierung der Gesellschaft anpasste und immer neue Bereiche fand, in denen er, diesseits und jenseits der Legalität, seine Effizienz bewies. Dieses Heft erklärt diese Entwicklung nicht zur italienischen Spezialität, obwohl es sich weitgehend auf die Mafia in Italien beschränkt. Es bemüht sich vielmehr um die Darstellung von Mechanismen, die - wie die Aktualität täglich zeigt - vor keiner Landesgrenze haltmachen. Cosa Nostra.