NZZ Folio 01/12 - Thema: Agglo   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Die Dreckpartie des Joseph Goldberger

Vor hundert Jahren fand der amerikanische Epidemiologe Joseph Goldberger mit unappetitlichen Ver­suchen heraus, wie die
Krankheit Pellagra entstand.

Von Reto U. Schneider

Am 25. Juni 1916 schrieb Joseph Goldberger seiner Frau Mary: «Heute mittag hielten wir unsere abschliessende Dreckparty ab, Wheeler, Sydenstricker und ich. Wenn jemand Pellagra auf diesem Weg bekommen kann, dann wir. Wir labten uns am Dreck. Es ist das letzte Mal. Nie wieder.»

Was Goldberger Dreckparty nannte, bestand darin, Urin und Kot von Pellagrakranken mit etwas Weizenmehl zu kleinen Kugeln zu formen und diese auf leeren Magen zu schlucken. Mary Goldberger hatte bei einem früheren Versuch darum gebeten, auch von den Kugeln zu bekommen, «aber die Männer waren nicht einverstanden», wie sie später enttäuscht schrieb. «Aber ich bekam eine Spritze mit dem Blut einer sterbenden Patientin ins Bauchfell.» Auch diese Prozedur war Teil der Dreckparties.

Sieben solche Parties veranstaltete Joseph Goldberger mit 16 seiner Kollegen, die sich freiwillig meldeten, nur um zu belegen, was er längst wusste: Pellagra ist nicht ansteckend.

Pellagra nannte man die im Süden der USA und Europas verbreitete Krankheit, die sich durch Ekzeme, Vergesslichkeit und Durchfall äusserte und oft zum Tod führte. Anfang des 20. Jahrhunderts breitete sich das Leiden epidemisch aus. In den Südstaaten Amerikas erkrankten über 3 Millionen Leute daran, 100 000 starben. Die Ärzte wussten weder, was Pellagra verursachte, noch, wie sie die Krankheit heilen konnten.

Als Joseph Goldberger 1914 vom Gesundheitsministerium beauftragt wurde, der Sache auf den Grund zu gehen, vermuteten die meisten Mediziner, Pellagra sei eine Infektionskrankheit und damit ansteckend.

Goldberger war Epidemiologe. Er hatte in Kuba, Mexiko und Texas Gelbfieber, Typhus und Denguefieber erforscht und war an allen dreien erkrankt. Für ihn war bald klar, dass Pellagra keine ansteckende Krankheit sein konnte. Wie liess sich sonst erklären, dass in psychiatrischen Anstalten oft die Insassen daran litten, aber nie das Personal?

Das Personal bekam das bessere Essen serviert, und darin, glaubte Goldberger, musste der Schlüssel zum Verständnis der Krankheit liegen. Um seine Vermutung zu prüfen, setzte er 1914 in zwei Waisenhäusern frisches Fleisch, Milch und Gemüse auf den Speisezettel. Tatsächlich zeigten ein halbes Jahr später 171 von 172 Pellagrakranken keine Symptome mehr.

Mörder auf Diät

Noch bevor dieses Experiment zu Ende war, startete Goldberger auf der Rankin Farm des Staatsgefängnisses Mississippi sein nächstes: Er brachte den Gouverneur von Mississippi dazu, 12 Gefangenen die Freiheit zu versprechen, wenn sie sechs Monate auf Milch, Fleisch und Eier verzichteten und nur assen, was Goldberger ihnen vorsetzte: Maisbrot, Süsskartoffeln, Reis, Griess, Kaffee, Zucker. Das schien eine leicht verdiente Begnadigung zu sein. Doch kurz bevor die sechs Monate um waren, begannen die Männer zu leiden. Es wurde ihnen schwindlig, sie hatten Rückenschmerzen und Hautausschläge. Einer sagte, er würde lebenslange Zwangsarbeit einem solch «höllischen Experiment» vorziehen. Die Männer litten an Pellagra.

Doch bevor Goldberger die Versuchspersonen seinen Kritikern präsentieren und zeigen konnte, dass die Symptome verschwanden, wenn sie sich wieder normal ernährten, verschwanden die Männer – in die Freiheit.

Goldberger hatte gezeigt, dass vielseitige Ernährung Pellagra im Waisenhaus zum Verschwinden bringt, dass mangelhafte Ernährung im Gefängnis Pellagra hervorruft und dass Körperausscheidungen von Kranken nicht ansteckend sind.

Dass Pellagra keine Infektionskrankheit war und sich durch eine Änderung der Ernährung heilen liess, war eigentlich eine gute Nachricht, doch anstelle von Dankbarkeit erfuhr Goldberger Kritik. Nicht nur, weil unter den freigelassenen Versuchsteilnehmern sechs Mörder gewesen waren, sondern auch, weil er Pellagra als soziales Problem sah, das mit der Armut im amerikanischen Süden zusammenhing. Goldberger war darum überzeugt, dass letztlich nur eine Landreform Abhilfe schaffen konnte. Das hörten die Politiker im Süden nicht gern. Die Darstellung des Südens als Armenhaus nagte an ihrem Stolz.

Der Chemiker Conrad A. Elvehjem fand 1937 schliesslich den Stoff, dessen Mangel für Pellagra verantwortlich war: Nikotinsäure, ein Vitamin aus dem B-Komplex. Es war kein Zufall, dass Pellagra um 1900 häufig im Süden der USA auftauchte: Die Bauern begannen damals wegen der höheren Erträge anstelle von Gerste oder Weizen Mais anzupflanzen. Mais enthielt aber keine verwertbare Nikotinsäure. Goldberger hatte selber nach dem auslösenden Faktor gesucht, starb aber 1929, ohne das Rätsel gelöst zu haben.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von Folio.



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