NZZ Folio 11/04 - Thema: Marken   Inhaltsverzeichnis

Vornehme Wischtechnik

Von Richard Reich

Curling «is a game of skill and traditions» (Curling-Weltverband). Ziel: mög lichst viele eigene Steine möglichst mitten ins «Haus» zu bringen. Wichtige Regel: «Nur die Skips (oder ihre Stellvertreter) dürfen im Hause stehen» (Schweizer Curling-Verband).

VORNEHMHEIT ist ein Derivat von Differenz. Wer vornehm ist, divergiert naturgemäss von anderen. Oft macht dabei das Detail den Unterschied: ein feiner Stoff, ein bisschen (blaues) Blut oder ein paar Millimeter.

Der vornehmste Sport der Welt ist Curling. Seine Wiege stand irgendwann im 16. Jahrhundert irgendwo in Schottland. Seine Spielsteine stammen traditionell aus dem Granit der sagenhaften Vulkaninsel Ailsa Craig, die irgendwo zwischen Schottland und Irland im Atlantik herumtrödelt. Curlingspieler stammen traditionell aus guten Familien, aus guten Heimen, wo (einst) guter Tweed zu Hause war und es (heute) teure Thermowäsche ist; schliesslich will den eisigen Spielfeldern getrotzt werden.

Richtige Curler reden andauernd vom «Spirit of Curling». Dieser unterscheidet den echten Sportsman nämlich vom ordinären Steinschieber. Wer von solchem Geist beseelt ist, steht über banalen Kriterien wie Sieg und Niederlage: Lieber elegant verlieren als fies gewinnen! Lieber ein ästhetisch befriedigender Stein als ein Dutzend mies erkämpfter Punkte! Lieber einen Schluck Single Malt als eine Blase voll Bier!

Auch der Fachsprache des Curlings wohnt gelassene Gediegenheit inne. Das Ziel des Spiels ist kein kantiges Tor, kein löchriger Korb, sondern ein formvollendeter Kreis, Haus genannt. Das Erfolgserlebnis heisst im Curling darum nicht Schlag oder Treffer, sondern im Idealfall Viererhaus, was kein Wohnblock ist, sondern eine Versamm lung schön im Zielkreis liegender Steine gleicher Abstammung, also gleicher Couleur. Dieses häusliche Idyll wird meist von einem sogenannten Guard geschützt, einer Art Securitas-Stein. Der wird von weitsichtigen Curlern dergestalt vor dem Haus placiert, dass kein Fremdling eindringen kann.

Wie es sich in besseren Wohngegenden gehört, wird vor jedem Haus regelmässig gründlich gewischt. In alter Zeit taten die Curlingspieler dies, um das Eis von bremsenden Hindernissen zu befreien, von Schnee, Laub, Ästen, toten Fischen und so weiter.

Später merkte man, dass es auch von Vorteil ist, sauberes Eis nach Kräften zu wischen. Denn die so erzielte Reibung hinterlässt einen feinen Wasserfilm, auf dem der Stein schwerelos dahingleitet wie ein Tragflügelboot über dem Meer. Jedenfalls konnte der Zürcher Sportlehrer Ernst Kuhn 1989 in seiner Diplomarbeit «Wie und wie viel bewirkt das attraktive Wischen?» nachweisen, dass die Laufbahn eines Curlingsteins durch richtigen Beseneinsatz um bis zu vier Meter verlängert wird.

Dabei ist Besen aber nicht gleich Besen. Während kanadische Reisigbesen beim Wischen womöglich neuen Schmutz hinterlassen, leisten schottische Bürsten in jeder Hinsicht saubere Arbeit. Und gar noch schönere Erfolge können mit sogenannten Kissen erzielt werden. Dabei handelt es sich um Bürs tenbesen, deren Borsten (wie die Federn eines Ohrensessels) mit Stoff über zogen werden: «Zwei Wischer mit Bürsten können durch einen mit Kissen gleichwertig ersetzt werden», schreibt Kuhn begeistert. Und so sei der Stein dann vorsätzlich «immer etwas kürzer zu spielen, damit er verlängert werden kann». Durch heftiges Wischen eben.

Wenn man das so liest, dann kann man kaum umhin, zwischen diesem doch sehr zentralen raumpflegerischen Aspekt des Curlings und den ausserordentlichen Schweizer Erfolgen in dieser Sportart einen Zusammenhang zu vermuten. Hingegen wäre es verfehlt, den Aufschwung des schweizerischen Frauen-Curlings in jüngster Zeit deshalb gleich als Folge unserer immer noch konservativen Familienpolitik zu sehen.


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