NZZ Folio 10/08 - Thema: Gratis   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Echte Gardenie

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Laut dem Parfumhistoriker Octavian Coifan (sehen Sie sich sein Blog an, es gibt nichts, was dieser Mann nicht weiss oder demnächst herausfindet) gab es einst echte, aus Blüten gewonnene und nicht von Chemikern hergestellte Gardenien-Absolues zu kaufen, die allerdings enorm teuer waren. Seit 1938 wurde kein solches Absolue mehr gesichtet, doch siebzig Jahre später taucht wieder ein Gardenienöl auf. Es stammt von einer Farm in Fusagasugá, Kolumbien, genau 48 Kilometer südwestlich von Bogotá, wenn man dem Flug des Kolibri folgt.

Darauf aufmerksam gemacht hat mich Trygve Harris, die in New York ein kleines Geschäft namens Enfleurage führt, das auf erstklassige Duftöle spezialisiert ist. Im Gegensatz zu vielen Parfumkoryphäen, die angeblich ständig auf der Jagd nach exotischen Essenzen sind, jedoch nie über die Peripherie von Paris hinauskommen, sucht Harris’ Spürnase die abgelegensten Winkel des Planeten auf. Sie schickte mir einen Milliliter Gardenienöl und einen Teelöffel Gardenienbutter.

Das Verfahren, mit dessen Hilfe diese Wunder gewonnen wurden, ist neu: Enfleurage in kaltem Palmöl (wenn das kein Fortschritt ist: bei der klassischen Enfleurage werden die Blütenausdünstungen in Schweineschmalz gebunden). Das Duftöl wird in Alkohol gelöst und unter Luftabschluss destilliert. Der Sinn des Kaltextraktionsverfahrens ist, die Blüten schonend zu behandeln und ihren Duft ohne Verlust in die Flasche zu bannen.

Gardenie gehört zu den wenigen Dingen, bei denen ich zynisch werde: Wie oft habe ich an Gardenienparfums gerochen, von Chanels gleichnamigem Kraut und Rüben bis hin zu Guerlains bitterem Scherz – keines roch auch nur entfernt nach echter Gardenie. Darum betrachte ich alle «Gardenien» mit demselben Argwohn wie Yetis Fussstapfen, Vakuum­energiemaschinen oder guten Wein aus Savoyen. Darauf eingestellt, einmal mehr meinem Ärger Luft zu machen, benetzte ich meinen Handrücken – und stürzte für einige Sekunden in tiefe Verwirrung ob der intensiv krautigen Kopfnote, die meine Tochter «Pasta» nennen würde, einer Mischung aus Thymian und Lorbeer.

Dann materialisierte sich vor mir mit tadelloser Präsenz ein betörendes Gardenienhologramm, vom Bouquet de Provence über Tuberose bis zu jener berühmten Pilznote, durch die sich Gardenien radikal von allen anderen weissen Blumen unterscheiden. Mein nächster Gedanke war eines Universitätsabsolventen und phasenweise vernunftbegabten Wesens unwürdig. Ich weiss, dass Darwin recht hat und die Kreationisten unrecht haben; ich weiss, dass all das Schöne in der Natur auf einen Patzer in grauer Vorzeit zurückgeht. Aber wann immer ich Gardenien rieche, höre ich eine trockene Stimme am Esstisch der Dozenten in Cambridge fragen: «Sie glauben nicht ernsthaft, dass das ein Zufall ist, oder?»

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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