NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Ein fernes Klingen

Das Musikdosen- und Automatenmuseum in Sainte-Croix.

Von Urs Bruderer

SAINTE-CROIX LIEGT auf dieser runden Welt in einer Randregion: Waadtländer Jura, 1100 Meter über Meer, 600 Meter über dem Neuenburgersee, 197 Bahnminuten von Zürich entfernt. Im 19. Jahrhundert wurde der Ort mit der Produktion von Musikdosen gross. Später stellte man Schreibmaschinen (Hermes), Rechenmaschinen (Precisa), Kameras (Bolex) und Grammophone (Thorens) her, bis die elektronische Konkurrenz aus Japan diese Kapitale der Feinmechanik im rauen Niemandsland an der Grenze zu Frankreich ausbootete.

Heute gibt es in Sainte-Croix nur noch eine Musikdosenfabrik. Als deren Patron Guido Reuge 1994 starb, hinterliess er eine phantastische Dosen- und Automatensammlung. Das CIMA (Centre International de la Mécanique d'Art), einige hundert Meter von der Fabrik entfernt, wäre der perfekte Ort gewesen, um die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch das Dorf, dessen Handwerker und Arbeiterinnen die Firma Reuge gross gemacht hatten, musste zuschauen, wie die Witwe Reuge die Sammlung 1995 nach Japan verkaufte. Ausgerechnet Japan.

Ein Besuch im CIMA lohnt sich trotzdem, schon der Anreise wegen. In einer Waldschneise arbeitet sich das Eisenbähnchen von Yverdon-les-Bains aufwärts, bis die Landschaft flach und weit wird. Die Tannen weichen moosgrünen Matten, der Blick öffnet sich: weisser Jurakalk, in der Tiefe der See, in der Ferne die Alpen - ein neuer Tag beginnt, auch wenn es drei Uhr nachmittags ist. Und hat man sich eben noch gefragt, ob Fuchs und Hase diese Ecke überhaupt schon entdeckt haben, fährt das Züglein in Sainte-Croix ein, und man steht auf der Rue de l'industrie, zwischen mächtigen, rechteckigen Fabrikgebäuden. Nichts regt sich, abgesehen vom Wind.

Die meisten Fabriken stehen leer. Eine dient als Unterkunft für Asylsuchende, aus einer anderen ist das CIMA geworden. Klar, dass man hier Musikdosen nicht nur ausstellt, sondern auch ihre Herstellung erklärt. Im Saal, der einen in eine Werkstatt um 1920 zurückversetzt, wirft Roméo Jenni, unser Museumsführer, den Motor an. Mit tausend Rädern, Achsen und Transmissionsriemen werden Drehbänke, Zentrifugen und Walzen angetrieben. Ein Höllenlärm. «Und hier drin wurde zwölf Stunden am Tag gearbeitet, Sechstagewoche, meine Damen und Herren!»

Im nächsten Saal geht es um die Details. Ein Tonkamm will geschnitten, gefräst, gesägt, vergütet und gestimmt sein. Das Holzgehäuse braucht 15 Lackanstriche. Die Messingzylinder sind mit den kleinen Stiften zu bestücken, die dann die Zähne des Kamms heben. «Das war Arbeit für Frauenhände. Für hundert Stifte gab es 27 Rappen. Eine gute Goupilleuse schaffte 700 Stifte in der Stunde.» Also keine zwei Franken Stundenlohn.

Dann lässt Roméo Jenni die Dosen erklingen, und alle Ausführungen werden überflüssig. Man kommt, sieht, und versteht - eine Erfahrung, die im Zeitalter des Mikrochips immer seltener wird. Hier eine schwere Kiste mit sechs dicken Walzen und 144 Melodien, dort ein kurzes Wiegenlied. Die Musikdose ist das offenbare Geheimnis: Die Feder drückt, die Walze dreht, der Kammzahn schwingt - alles folgt den Gesetzen der Mechanik, doch das entrückte Pling und Plong tönt wie aus einer anderen Welt.

Der Zauber der Automaten hingegen ist lautlos. Den hundertjährigen Elefanten muss Roméo Jenni durch Aufziehen erst zum Leben erwecken. Wenn er dann seinen Rüssel in einem Becken schwenkt, wieder hebt und Seifenblasen in die Luft bläst, verrät ihn nur ein gelegentliches Klicken. Der Kolibri bewegt seinen Schnabel, die Zunge wackelt, der Kolibri pfeift und verschwindet wieder in der Dose. Colombine surrt leise, während sie ihren Liebesbrief schreibt; sie atmet schwer, man sieht es an ihrer Brust, die sich hebt und senkt. Nun führt Roméo Jenni das Lochstreifenklavier vor, ehe ein Orchestrion richtig laut wird. Echte Trommeln, Glocken und sogar ein Akkordeon sind in diese Maschine eingebaut, und alle spielen sich selbst. Und zusammen.

Und nach dieser Jahrmarktsmusik von Geisterhand steht man wieder auf der Rue de l'industrie, wo nichts sich bewegt.


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