«HIER IM ALPENGARTEN wir bessrer Zeiten warten» steht, als Sinnspruch eingeschnitzt, auf einem wohl zu Kriegszeiten in Spiez am Thunersee erbauten Chalet. Krieg ist in Spiez, einem Ort, der auf der Liste schweizerischer Postkartenidyllen weit vorne rangiert, ein Dauerthema. Das Schweizerische AC-Laboratorium, eine Fachstelle der Gruppe für Rüstungsdienste im Eidgenössischen Militärdepartement, hat hier seinen Sitz. Das inmitten von saftigen Matten gelegene Institut befasst sich mit den Auswirkungen von und dem Schutz vor atomaren (A) und chemischen (C) Bedrohungen und Risiken und verfügt weiter über die Stabsstelle B, wo Abwehr- und Schutzmassnahmen gegen biologische Waffen dokumentarisch ausgearbeitet werden.
Um an die Ursprünge der Kriegsführung mit biologischen Waffen zu gelangen, blättert der für die Stabsstelle B zuständige Biologe, Marc Fässler, weit in der Geschichte zurück. Aus römischer Zeit ist bekannt, dass die Krieger ihre Pfeilspitzen an Leichen infizierten, um den Geschossen eine tödliche Wirkung zu verleihen. Ob dieser Praxis magische Vorstellungen zugrunde lagen, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Fest steht jedoch, dass jene römischen Feldherren, die feindliche Heere in morastige Gebiete jagten und sie dort dem tödlichen Sumpffieber überliessen, die Vision einer todbringenden Krankheit als Waffe vor Augen hatten.
Der erste überlieferte Akt gezielter biologischer Kriegsführung stürzte Europa in die wohl grösste Katastrophe seiner Geschichte und kostete einem Drittel der damaligen Bevölkerung des alten Kontinents das Leben. Nach langer erfolgloser Belagerung der genuesischen Handelsniederlassung Kaffa auf der Halbinsel Krim durch die Tataren liessen sich die Angreifer eine List einfallen. Mit einem Katapult schleuderten sie Leichen von Pesttoten über die Stadtmauern. Überlebende der kurz darauf gefallenen Stadt gelangten in genuesischen Handelsschiffen im Oktober 1347 in Sizilien an Land. Von da aus breitete sich der in Europa vorher unbekannte Schwarze Tod innerhalb eines Jahres über den ganzen Kontinent aus und forderte etwa 18 Millionen Opfer.
Dieser Vorfall verdient nicht nur wegen der ungeheuren Zahl an Toten Erwähnung, er zeigt auch die militärischen Unwägbarkeiten, die sich im Zusammenhang mit B-Waffen ergeben. Absicht der Tataren war es nicht, ein Drittel der Europäer hinwegzuraffen. Mit ihrer Kriegslist schossen sie weit über das gesteckte Ziel hinaus. Das ist, militärisch gesehen, auch heute noch das Problem von B-Waffen. Sie sind zwar billig und einfach herstellbar - darum gelten sie als Atombombe der Armen -, doch wegen ihrer unberechenbaren Wirkung passen sie schlecht ins taktische Konzept moderner Kriegsführung. Für begrenzte Erstschläge ist anderes Kriegsgerät tauglicher.
Psychologisch jedoch vermögen B-Waffen immense Wirkung zu erzielen. Die Angreifer lassen sich wegen der verzögerten Wirkung biologischer Kampfstoffe nicht unbedingt identifizieren. Im mittelalterlichen Europa beispielsweise galten die Juden in ihrer Rolle der ewigen Sündenböcke als Verursacher der Pestepidemie. Aus der Moderne sind zahlreiche angebliche B-Waffen-Einsätze bekannt: Kuba bezichtigte die USA, auf der Zuckerinsel heimlich den Sugarcane-Rust-Erreger verbreitet zu haben, um damit Castro wirtschaftlich in die Knie zu zwingen; laut kurdischen Anschuldigungen haben die Schergen Saddam Husseins im Nordirak gezielt Cholera- und Typhusepidemien ausgelöst, und den Russen wurde vorgeworfen, die Wirkung ihrer B-Kampfstoffe an afghanischen Kriegsgefangenen getestet zu haben.
Wegen des, wie wir seit kurzem wissen, wohlbegründeten Verdachts, es existiere ein irakisches B-Waffen-Arsenal, wurden im letzten Golfkrieg 150 000 amerikanische Soldaten gegen Milzbrand (Anthrax) geimpft. Der Anthrax-Erreger gilt als der geläufigste bakterielle Kampfstoff. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation würden beim Versprühen von 50 Kilogramm Milzbranderregern über einer Stadt mit 500 000 Einwohnern etwa 60 000 Personen erkranken, 24 000 davon tödlich. Während der Operation Desert Storm wurden zusätzlich 8000 Amerikaner mit einem bisher wenig erprobten Impfstoff gegen Botulismus geschützt. Botulinus ist das stärkste bekannte Bakteriengift. Optimal eingesetzt, etwa in einer Trinkwasserversorgung, reicht ein Gramm des Gifts aus, zehn Millionen Menschen zu töten. Die Herstellung eines Kilogramms dieser tödlichen Substanz kostet 500 Franken. Erhebungen über die Auswirkungen von B-Kampfstoffen basieren auf wenig gesicherten Ergebnissen. England verseuchte zu Testzwecken während des Zweiten Weltkriegs die vor Schottland gelegene Insel Gruinard mit Milzbranderregern. Erst fünfzig Jahre danach konnte die Insel wieder betreten werden. Mit der Gentechnologie hat sich seit den siebziger Jahren nun auch die - derzeit noch theoretische - Möglichkeit eröffnet, Krankheitserreger resistent zu machen. Nicht einmal Impfungen vermöchten dann zu schützen vor ihrer tödlichen Wirkung. Um sinnvoll zu impfen, müsste man ohnehin wissen, welcher Art der vom Feind verwendete Erreger ist. Als die unter den bekannten B-Kampfstoffen am wahrscheinlichsten zum Einsatz kommenden Stoffe gelten Milzbranderreger und Botulinus-Toxin; rund zwanzig verschiedene Viren sind als mögliche B-Waffen aufgelistet.
Unter den Veteranen des Golfkriegs wurden 46 000 Krankheitsfälle erfasst. Ein Viertel der untersuchten Personen litt an rätselhaften Symptomen. Obwohl keine diesbezüglichen medizinischen Diagnosen erstellt werden konnten, stellen einige der Betroffenen einen Zusammenhang zwischen ihren Leiden (oder Missbildungen ihrer Nachkommen) mit den während des Golfkriegs erhaltenen Impfungen her. Ihren Klagen wurde bisher von offizieller Seite kein Glaube geschenkt. Das «Golfkriegs-Syndrom», so steht für die untersuchenden Ärzte fest, sei ein psychosomatisches Leiden. Den Mutmassungen über die wenig bekannten Wirkungen todbringender biologischer Kampfstoffe allerdings wurde mit diesem behördlichen Bescheid kein Ende gesetzt.
In der praktischen Erprobung der tödlichen Wirkung von B-Waffen an Menschen sind die Japaner bisher am weitesten gegangen. Ab 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unterhielt Japan ein entsprechendes Waffenprogramm in der Mandschurei. Die verheerende Wirkung biologischer Waffen wurde an einigen tausend Kriegsgefangenen getestet. In elf Städten kamen laut chinesischen Angaben beim probeweisen Einsatz von B-Waffen rund 700 Personen ums Leben. Zur Verbreitung der Pest sollen von den Japanern Versuche mit «binären», aus Porzellan gefertigten Bomben durchgeführt worden sein. Die Porzellanbomben trugen in einer Kammer eine Ladung Reis und in einer zweiten von der Pest befallene Flöhe. Beim Aufprall am Boden zerbarst das Porzellan. Die vom verstreuten Reis angezogenen Nagetiere wurden von den Flöhen befallen und trugen den Erreger weiter zum Menschen. Nach Kriegsende gelangte die amerikanische Armee in den Besitz der japanischen Forschungsunterlagen und begann, ihr eigenes B-Waffen-Programm zu entwickeln. Wohl wegen der zweifelhaften Bilanz bezüglich Aufwand und Ertrag verzichteten die USA 1969 freiwillig auf eine Weiterführung dieses Programms und zerstörten ihr Arsenal an B-Waffen. Die militärische Bedeutung biologischer Kriegsführung hatte damit einen Tiefpunkt erreicht. Es setzten weltweite Verhandlungen ein, um ein generelles Verbot dieser Waffengattung zu erreichen. Wohl weil eine Ächtung chemischer Kampfstoffe nicht zur Diskussion stand, konnte in überraschend kurzer Zeit bereits 1972 in Genf die B-Waffen-Konvention verabschiedet werden. Der Erwerb, die Entwicklung, Herstellung und Lagerung bakteriologischer Kampfstoffe inklusive der auch chemisch herstellbaren Toxinwaffen wurde damit verboten; Versuche zu Zwecken der Abwehr sind allerdings erlaubt. Seither fanden drei Überprüfungskonferenzen statt. Als gravierender Mangel der Konvention zeigte sich, dass die Verifikationsinstrumente ungenügend waren; niemand konnte überprüfen, ob sich die Vertragsunterzeichner auch tatsächlich an den Vertrag hielten. Ein Experte bezeichnet darum das Vertragswerk als Hund ohne Zähne. Über das gegenwärtig weltweit vorhandene Potential an biologischen Kampfstoffen bestehen nur Mutmassungen.
Eine weitere Tücke in den weltweiten Anstrengungen zur Ächtung sämtlicher B-Waffen erlebten die Anwohner der Firma Bioengineering in der Kleinstadt Wald im Zürcher Oberland. In den frühen Morgenstunden des letzten Sonntags im Februar 1993 explodierten in einer Montagehalle dieser Firma, deren Zweck laut offiziellen Angaben Engineeringaufgaben mit biologischer Verfahrenstechnik umfasst, mehrere Sprengsätze, die einen Schaden von rund anderthalb Millionen Franken verursachten. Ein Sprecher der Kantonspolizei stellte fest, der Anschlag lasse auf das Werk von Profis schliessen. Am Tatort wurde ein Bekennerschreiben gefunden, das auf eine nahöstliche Täterschaft hinwies. Eine nebulöse iranische Oppositionsgruppe bekannte sich nachträglich zum Anschlag und behauptete, die Zürcher Oberländer Firma liefere dem Teheraner Regime Laborgerätschaften zur Herstellung von B-Waffen, die an politischen Häftlingen getestet würden.
Die Walder Firma gilt als einer der weltweit wichtigsten Produzenten von Medikamentenherstellungs-Maschinen, auch bekannt als Bioreaktoren; innerhalb eines Jahres wurde sie dreimal von Anschlägen auf lieferfertige, zum Export bestimmte Geräte betroffen. Ein Firmenvertreter äusserte die Vermutung, Geheimdienstleute stünden hinter der Tat. Waren es israelische Agenten, die den Aufbau eines iranischen B-Waffen-Programms an der Wurzel zu verhindern versuchten? Zwei israelische Journalisten, die in dieser Angelegenheit recherchierten, sind davon überzeugt. Das nach dem Anschlag von der Bundesanwaltschaft eingeleitete Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Wie die meisten anderen Industrieländer führte auch die Schweiz 1993 ein Exportbewilligungsverfahren ein, das sowohl für mikrobiologische Apparate als auch für menschliche und tierische Krankheitserreger gilt. Seither werden Bewilligungen für Exporte in verdächtige Regionen von offizieller Seite genau überprüft. Auf einer unveröffentlichten Liste des amerikanischen Geheimdienstes sind mindestens zehn Staaten der Dritten Welt aufgeführt, die über ein geheimes B-Waffen-Programm verfügen sollen. Trotz Anstrengungen zur Verhinderung einer Proliferation im B-Waffen-Bereich werden aber weder Fabrikanten noch Regierungsstellen in Zukunft verhindern können, dass für die B-Waffen-Produktion geeignete Infrastruktur über Zweit- und Drittkäufer in falsche Hände gerät. Denn mit beinahe allen zur zivilen Nutzung vorgesehenen Geräten lassen sich, so wird einem versichert, auch Kampfstoffe herstellen. Die damit wegen fehlender Sicherheitsvorkehrungen für das Bedienungspersonal verbundenen Risiken scheinen in Dritte-Welt-Verhältnissen vernachlässigt zu werden.
Es ist seit längerem bekannt, dass der Irak im Januar 1989 bei einer deutschen Chemikaliengrosshandlung zu einem völlig übersetzten Preis je 100 Milligramm zweier verschiedener Pilzgifte kaufte. Damals bestand die Vermutung, dass die gelieferten Toxine für die irakischen Forscher darum von Interesse waren, weil sie sie mit den eigenen isolierten Schimmelpilzprodukten vergleichen konnten. Seit der Flucht von Saddam Husseins Schwiegersohn wissen wir, dass der Irak am 1. Dezember 1990 ein Rüstungsprogramm begann, das unter anderem den Einsatz von Milzbranderregern und Botulinus-Toxin vorsah. Die während der letzten Jahre gegenüber den Uno-Waffeninspektoren abgegebenen Beteuerungen, wonach das Land über keine B-Waffen verfüge und Nährlösungen für bestimmte Bakterienkulturen einzig zu medizinischen Zwecken eingeführt habe, erwiesen sich als Lüge. Laut Berichten des deutschen Bundesnachrichtendienstes, der sich auf neuste offizielle Angaben aus Bagdad beruft, verfügte Saddam über 14 000 Liter des Kampfstoffs Botulinus-Toxin und 5000 Liter mit Milzbranderregern. Andere Quellen vermuten gar ein wesentlich umfangreicheres Arsenal. 190 irakische Sprengsätze, so berichtete der von der Uno als Chefüberwacher in den Irak entsandte schwedische Diplomat Rolf Ekeus, seien bereits mit B-Kampfstoffen versehen worden.
Nicht auszudenken ist, was im Falle eines Einsatzbefehls aus Bagdad passiert wäre. Stand die Welt am Rande einer Katastrophe? Hätte die Golfkoalition oder Israel auf einen irakischen B-Waffen-Erstschlag mit atomarer Gewalt reagiert? Es sind Gedankenspiele des Grauens, die einem in Spiez durch den Kopf gehen. Wie vergleichsweise schön war doch die Zeit, als Krieg sich einigermassen an geographische Grenzen hielt; als man es sich bangen Herzens noch leisten konnte, im Alpengarten bessrer Zeiten zu warten.