NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Unsichtbarer Hausherr

© Heinz Unger
Designstücke als Gebrauchsware im hellen, offenen Wohnraum. Linktext
Ein strenger Apotheker? Eine grosszügige Familie mit Gärtner?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier sitzen mehrere zu Tisch, mindestens eine vierköpfige Familie. Alles wirkt sehr gepflegt, aufgeräumt, aber nicht leergefegt. Diesen Bewohnern gelingt ein gekonnter Mix zwischen Sichausbreiten und Platzlassen. Sie legen Wert auf das Innenleben der Wohnung und ebenso aufs Zusammenleben; man nimmt sich Zeit zum gemeinsamen Familienbrunch mit Gipfeli und Frühstücksei.

Das Haus ist modern eingerichtet ohne modische Allüren, arrivierte, aber nicht für die Ewigkeit etablierte Menschen wohnen hier; grosszügig – nicht nur in der Vertikalen – sind sie vermutlich auch in ihrer Lebenshaltung, keine kleinkarierten Gemüter.

Die Designstücke sind keine Schaustücke, sondern Gebrauchsware, Kunst gehört zum Alltagsleben. Ob sie vielleicht auch im beruflichen Alltag der Bewohner eine Rolle spielt?

Man vermutet Menschen mit einem interessanten Beruf, Menschen, die Wert auf ein schönes Daheim legen, aber auch ausserhalb der eigenen vier Wände die Welt spannend finden. Machen sie beruflich Ausflüge in ferne Länder, Kultur- oder Kunstwelten? Die Dame des Hauses hat vermutlich noch andere Betätigungsfelder als Spiegelpolieren in der Küche, das nicht spärliche Grünzeug vor der Wohnung will auch gehegt und gepflegt sein. Ob das sie oder er oder der Gärtner macht? Der Hausherr lässt sich nirgendwo so richtig orten, ist er vielleicht viel abwesend oder zieht sich gern zurück?

Die Tochter des Hauses, den Trolleyrucksack griffbereit, hat ein weltenbummlerisches Gen, behängt sich gern mit Geschmeide aus fernen Landen, schläft in fernöstlichem Rattan, flankiert von Buddhas und Teddyteppich.

Eine relaxte Unordnung, wo jeder und jedes seinen Platz hat. Eine glückliche Familie mit ein oder zwei Eltern, mit zwei oder drei Kindern?

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Die Bewohner haben das Glück, ein Einfamilienhaus oder Reihenhaus bewohnen zu dürfen, dazu noch eines mit einem grosszügigen doppelgeschossigen Raum. Bodenlange doppelflüglige Fenster bringen Licht in Küche, Ess- und Wohnraum und erlauben auch von der im ersten Stock auf der Galerie gelegenen Sitzecke den Blick in den Garten.

Der roten Ziegelfassade mit Betonsockel nach zu urteilen, könnte das Haus aus den späten 1980er Jahren stammen. Beim Ausbau gibt man sich bürgerlich schlicht, bei der Ausstattung dann schon eher designbewusst.

Die Wohnräume wirken eher streng, wie auch der dunkle Esstisch mit Metallkanten und -beinen, kombiniert mit schwarzen Lederstühlen. Die eher spärliche Kunst hat da keine Chance. Selbst die Pendelleuchte ist auf das Minimum reduziert und wirkt mit der weissen Küchenfront eher laborhaft. Ist der Hausherr vielleicht in der Medizin tätig? Ein Landarzt oder ein Apotheker?

Stringenz beweisen die Bewohner auch in der Auswahl der Möbel. Sie sind fast alle vom selben Hersteller: Team by Wellis. Esstisch, Esstischstühle, Sofa, Fauteuil, Beistelltisch und Containermöbel sind sogar vom selben Designer, Kurt Erni.

Interessant ist die Reaktion der Tochter darauf, sie mag es eher stimmungsvoll und inszeniert ihre bunte Schmuck- und Foulardsammlung als atmosphärischen Teil ihrer Einrichtung und beleuchtet diese Szene mit einem farbigen Glaskristall-Kronleuchter.

Stefan Zwicky


Kurt Erni, Designer, und Familie

«Das Mühsamste ist das Aufstehen. Bei sehr viel Arbeit versuche ich auch mal um fünf Uhr das Bett zu verlassen, was wenig bringt, da ich dann bereits um zehn Uhr nicht mehr produktiv bin. Ich stehe um viertel nach sechs auf, gehe ins Badezimmer, frühstücke gemütlich. Morgens brauche ich meine anderthalb Stunden, um in Gang zu kommen.

Bevor wir nach Schinznach Bad zogen, wohnten wir in Windisch, in einem überalterten Quartier. Alles sehr nette Leute, aber für die Kinder eher langweilig. Hier gab es kiloweise andere Kinder zum Spielen. Schinznach Bad ist weniger ein Dorf als eine Durchgangsstrasse. Und doch leben wir mittlerweile zwanzig Jahre in unserem Doppeleinfamilienhaus.

Der Freund, der uns diese Siedlung empfahl, ist seither auch unser Nachbar – er hat wie wir dieselben hohen Fensterfronten, die sehr aufwendig zu putzen sind. Wir teilen uns dafür eine Spezialleiter. Bisher war immer ich für das Putzen dieser Fenster zuständig. Dieses Jahr hoffen wir auf den Einsatz von Sariah.

Vom Grundrissvolumen ist das Haus relativ klein, durch die vier offenen Stockwerke wirkt es jedoch grosszügig. Für eine lebhafte Familie ist dieses ‹Offene› eher von Nachteil. Wenn einer telefoniert, bekommt man das im ganzen Haus mit. Die Mädchen würden gerne ausziehen, was aber aus finanziellen Gründen noch nicht in Frage kommt. Wenn meine Frau und ich weggehen, sagen sie immer: Bleibt ruhig etwas länger weg.

Unser Haus sehe ich auch als Experimentierfeld. Den Wohnraum verändere ich immer wieder. Ich nehme ab und zu Möbel von meiner Arbeit mit nach Hause, um festzustellen, wie es sich mit ihnen lebt. Bei selbstentworfenen Stücken lässt sich damit testen, ob sie funktionell sind.

Im Gegensatz zum Rest der Familie mag ich es sehr puristisch. Das wenige, was herumsteht, soll voll zur Geltung kommen. Ich fühle mich erst dann wohl, wenn es sauber und aufgeräumt ist. Wenn man Familie hat, ist das manchmal ein frommer Wunsch. Kurt, du wohnst nicht in einer Ausstellung, das ist unser Zuhause! sagen die drei Frauen dann.

Die letzten Sommerferien mieteten wir im Engadin eine Ferienwohnung, in der ich mich total unwohl fühlte. Das war so eine typische schweizerische Durchschnittswohnung – dazu gibt es ja so Studien: blaues Sofa mit Alcantara-Bezug, Wohnwand usw. In einer solchen Umgebung werde ich aggressiv.

Ich habe meine Frau schockiert, indem ich ihr sagte, ich könnte in einem weiss gekachelten Wohnzimmer leben, in dessen Mitte ein Abfluss wäre, um regelmässig alles abspritzen zu können. Natürlich müsste auch jede Fuge und jedes Plättli exakt aufeinander abgestimmt sein. Vermutlich mag ich deshalb auch die Atmosphäre in einem Spital. Dort ist alles so organisiert und aufgeräumt, das empfinde ich als schön.

Meiner Frau geht das natürlich oft zu weit. Sie entspannt sich mit Yoga und Nordic Walking – überhaupt in der Natur. In unserem Garten sind wir beide gern, dort wohnen auch unsere vier Hasen in einem selbstentworfenen isolierten Häuschen. Seit einigen Jahren arbeitet meine Frau, wenn sie Zeit und Lust hat, in einer örtlichen Gemüseverpackerei. Diese andere Welt, in der man dem anderen ohne Vorurteile begegnet, schätzt sie. Meine Frau und ich lernten uns an der Fasnacht kennen, obwohl wir keine Fasnächtler sind. Mittlerweile sind wir 23 Jahre verheiratet.

Zum Mittagessen komme ich nicht heim. Ich arbeite in Willisau, das sind vierzig Minuten Arbeitsweg. Mein Beruf erfüllt mich. Für meine Familie ist das manchmal problematisch, da Beruf und Freizeit nahtlos ineinander übergehen, etwa dann, wenn wir zusammen unterwegs sind und es für mich immer etwas anzuschauen gibt – hier noch eine Ausstellung, dort noch einen neu eröffneten Laden –, bis die Familie sagt, jetzt ist aber genug!

Wenn immer möglich, essen wir alle zusammen zu Abend. Oft kocht Sariah, das ist eine ihrer Leidenschaften. Meine Frau ist momentan sehr froh, dass ich beruflich so überlastet bin, da ich dadurch keine Zeit habe, zu Hause zum Staubsauger zu greifen. Obwohl alles blitzblank ist, ist es mir ein Anliegen, noch einmal nachzuwischen. Das bringt sie auf die Palme. Ob ich mich jetzt wohl fühle? Doch, sehr. Würde ich allein leben, würde hier zwar weniger herumstehen, aber alles andere wäre eine Katastrophe.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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