Eine grüne Waise, das Kind einer grünen Witwe, bin ich. Mein Vater war der Rasenmäher. Meine Kindheit ist von Jäten verdüstert, meine Jünglingsjahre sind von Rasenmähen vergällt. Ich wuchs als Kindersklave auf. Ich schuftete eine Jugend lang im Dienste der alleinseligmachenden Schweizerreligion, ich war ein Zögling des Hüsliglaubens. Denn das Hüsli ist keine Lebensform, sondern eine religiöse Überzeugung. Es gibt viele handfeste Gründe, die für das Hüsli sprechen, aber sie sind blosse Rechtfertigungen für den Glauben an das Hüsli. Das Wirkliche ist das Wirkende. Der Hüsliglaube wirkt.
Wie jede Religion hat auch der Hüsliglaube eine Theologie, die sich zu einem Katechismus eindicken lässt. Der stellt zuerst die richtigen Fragen, gibt darauf endgültige Antworten und ergänzt sie mit Erläuterungen. Das Ganze ist ein Glaubensgebäude.
Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um das Hüsli zu erkennen, ihm zu dienen, im Garten zu wirken und dereinst beerbt zu werden.
Der Hüsliglaube begründet die wahre Schweizerart, denn nur wer im Hüsli lebt, kann wahrer Schweizer sein. Das beweist die Geschichte. Schon die allerersten Schweizer lebten im Hüsli: die Pfahlbauer. Seither sind wir Pfahlbauer im Geiste. Orgetorix, der Tiguriner, die Familien Tell, Fürst und Stauffacher wohnten im Hüsli, die Bauernbuben Zwingli und Platter wuchsen darin zu ihrer Grösse auf. Gotthelf sass im Pfarrhüsli, der edle Wilde im Sennhüsli, der fröhliche Welsche im Winzerhüsli, der staatstreue Sozialdemokrat im Arbeiterhüsli, der Ständerat im Stöckli.
Kurz, zieht man von der Schweiz das Hüsli ab, bleibt nichts Schweizerisches mehr übrig. Im Hüsli muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland. Erst das Hüsli macht aus Menschen Schweizer und aus Müttern Stauffacherinnen.
Woher kommt das Hüsli? Das Hüsli hat eine proletarische Vergangenheit, ist heute aber eine Schrumpfform der Villa.
Am Anfang stand die Mietskaserne. Das Hüsli war ihr Gegenprogramm und hiess zuerst Kleinhaus. Mit diesem Hüsli, genügend Pflanzland und einem Stall für eine Ziege machte man aus dem Proleten einen Arbeiter. Aus dem Arbeiter wurde durch Schlucken von Sozialdemokratie ein Kleinbürger, heute sind die Kleinbürger die halbleitenden Angestellten der Dienstleistungsgesellschaft geworden.
Von ihren Vorfahren haben die Halbleiter die Hüslireligion übernommen, sie haben aber die Herkunft gefälscht. Anstelle des Arbeiterhüslis usurpierten sie die bürgerliche Villa. Die Halbleiter spielen altes Bürgertum, nur fehlen ihnen dazu leider Besitz sowie Bildung. Ihre Häuser wurden daher zu Schrumpfformen der Villa, zur formalen Hochstapelei.
Warum ist das Hüsli ein Glaube und nicht vielmehr ein Gebäude? Das Hüsli ist das Gefäss des Heils. Ausserhalb des Hüslis ist kein Heil.
Die Urschweizer lebten im Bauernhüsli, und die Hüslifamilie war eine Erwerbsgemeinschaft, die drei Generationen umfasste, auf ihrem Boden bauerte und sich mühsam davon nährte. Hüsli und Boden waren Produktionsmittel. Das «Eigen» bedeutete früher Eigenproduktion, heute bezeichnet «Eigentum» ein Genussmittel. Boden und Haus produzieren keinen agrarischen Mehrwert mehr. Die Bauern sind ausgestorben.
Doch uns ist der Glaube geblieben, den die Urschweizer uns ins Herz gepflanzt haben, dass nämlich eine Familie nur im Gehäuse des Hüslis eine sei. Das Hüsli heiligt. Es erst macht aus Mami, Papi und de Chind eine Familie. Später erkannten wir: Nur im Hüsli wird der Zustand der bürgerlichen Gnade erreicht. Die Heiligung der Familie ist die staatstragende Leistung des Hüslis. Nur ein Volk im Hüsli macht einen Staat. Ein Kind, das nicht in einem Hüsli gross wird, ist verloren. Aus ihm wird kein anständiger Mensch. Nur das Hüsli entwickelt. Es ist die moralische Anstalt zur Aufzucht der Anständigen.
Wer sind die Anständigen? Die Anständigen sind die, die standesgemäss wohnen .
Anstand ist mit «standesgemäss» zu übersetzen. Der Mensch ist, wie er wohnt. Nur wenn der Halbleiter im Hüsli lebt, wird er ein ganzer Mensch. Das Hüsli ist sein künstlerischer Ausdruck und seine Trutzburg gegen die Arglist der Gesellschaft. Anstand ist Abstand: Wer ein Hüsli hat, hat den Gebäudeabstand, also mehr Anstand. Er hat Anteil am überwältigenden Normalzustand der Agglomeration. Das Hüsli beweist: Die Banalität adelt.
Warum schadet das Hüsli dem Charakter? Das Hüsli ist der Ort der Indoktrination. Dort wird der Anstand hergestellt.
Die Heiligung der Familie geschieht durch Indoktrination. Das Kind wird mit Anstand vergiftet. Es lernt dem Hüsli zu entsprechen, ihm zu dienen und dereinst ein Hüslimensch zu werden. Die Dumpfheit wird durch Erziehung übertragen. Nur wer dem Hüsliglauben abschwört, kann sich retten. Zum Glück ist die Schweiz voll von ehemaligen Hüslikindern, die trotzdem aufgeweckte Erwachsene wurden. Sie haben den Sperrkreis der Beschränktheit überwunden und sind freie Mieter geworden.
Warum ist der Hüslischweizer trotzdem der bessere Mensch? Der Hüslischweizer ist ein Eigentümer, kein Mieter.
Der Unterschied zwischen Mieter und Eigentümer ist fundamental. Der Mieter, so der Hüsliglaube, ist ein Knecht des Hausbesitzers, der Hüslimensch hingegen ein freier Schweizer auf seinem eigenen Grund. Der Freie ist der Bessere.
Frei wovon, fragt der Glaube nicht. Dass schon die Urschweizer Schuldenbauern waren, darf keine Rolle spielen, ebenso wenig die lebenslängliche Schuldknechtschaft der Hypothekarbelastung. Der Hüsliglaube verlangt seine Opfer. Zuerst geopfert wird die persönliche Freiheit. Die Sorge um das Hüsli ist die Garantie des gesellschaftlichen Wohlverhaltens. Wer Hypothekarzins zahlt, kann nicht mehr Nein sagen. Wer ein Hüsli hat, kündigt weder Stelle noch Hypotheken, noch Überzeugungen – und schon gar nicht den Hüsliglauben. Die Hypothekarbelastung bindet die Schweiz zusammen. Der Staat gründet auf Verlustangst.
Was ist die Freiheit des Hüslimenschen? Der Hüslimensch ist frei, die Hypothekarzinsen zu bezahlen und den Mehrwert zu kassieren.
Um den Zustand bürgerlicher Gnade zu erringen, nehmen die Gläubigen grosse Entbehrungen auf sich. Sie sperren sich selber freiwillig ein Leben lang in den Kerker der Hypotheken. Denn ihr Glaube, ihre Liebe und ihre Hoffnung ist das Hüsli. Das Grösste aber ist die Hoffnung: die auf den Mehrwert. Hüslipreise steigen naturnotwendig, das ist der wahre Seinsgrund des Hüslimenschen. Das Vertrauen in die Zukunft ruht auf der Gewissheit der steigenden Hauspreise. Das gibt dem hochverschuldeten Eigentümer die moralische Kraft, die sein Wesen stabilisiert. Wo der Mehrwert wegen Fluglärm oder abseitiger Lage nicht mehr eintritt, bricht der Hüsliglaube ein. Ohne steigende Hüslipreise gibt es in der Schweiz keine Freiheit mehr.
Der Hüslischweizer ist Eigentümer, doch wem gehört das Hüsli? Das Hüsli gehört heute der Bank und morgen den Erben.
Jedes Hüsli wird zur Erbschaft, und erst als Erbschaft hat das Hüsli seine Bestimmung erreicht: Es wird liquid. Das Heilsgefäss verwandelt sich in einen Geldtopf. Die Erben sind des Hüslis lange schon entwöhnt und wollen nicht dahin zurück. Im Hüsliglauben sterben nur die Eltern. Da sie mit ihrem Hüsli ein Heilsgefäss für ihre Familie schufen, wollen sie diese in seinen Mauern weiterhin gefangen halten. Sie meinen, das Hüsli sei ein Familiensitz, aber es ist bloss ein Hüsli.
Warum hat das Hüsli einen Garten? Der Garten ist der Ort der Erlösung durch Naturgenuss.
Ein Rasenstück, das von Blumenrabatten begleitet ist, dient als Kultstätte des vorgeschriebenen Naturgenusses und zur Rezitation von profanen Gebeten. Sie haben alle denselben Inhalt: O Natur, wie bist du so schön! Unter Natur versteht der Hüslimensch das von Dünger vergiftete Stück Erdoberfläche, dem er Grundstück sagt. Neben dem Hüsli und dem Auto ist es der Garten, der dem Hüslimenschen vor seinesgleichen Achtung verschafft. Diese aber muss durch rastlose Gartenarbeit mühsam erworben werden. Man sieht den Anstand des Pflegers dem Rasen an.
Der Naturgenuss ist obligatorisch und kann nicht umgangen werden. Denn er erlöst. Er befreit von den Zwängen des falschen Lebens. Da der Hüslimensch philosophisch nicht haltbar ist und keineswegs nachhaltig lebt, befreit ihn das wohlgetrimmte, gutgedüngte, grasgrüne Stück Rasen vom Übel der Welt. Durch Gartenarbeit erreicht er den Zustand einer selbstbetrügerischen Unschuld wieder. Wer einen Garten hat, kann nicht schlecht sein.
Warum ist der Hüslimensch philosophisch nicht haltbar? Der Hüslimensch konsumiert mehr, als er zahlt.
Das Hüsli ist die verschwenderischste Art des Wohnens. Nicht für den Hüslimenschen allerdings, denn der zahlt nie alles, was er konsumiert. Der Hüslimensch ist der gesellschaftlich anerkannte Zechpreller. Von den zwei Autos, die er braucht, abgesehen, belastet er die Allgemeinheit mit längeren Zu- und Ableitungen, höherem Strassenanteil als sonstige Menschen. Er produziert mehr Schadstoffe und verbraucht mehr Energie. Der Einwand, er bezahle das mit seinen Steuern, gilt, wenn überhaupt, nur in seiner Wohngemeinde. Dort, wo der Hüslimensch aber arbeitet, braucht er dieselbe Infrastruktur ein zweites Mal, zahlt aber nichts dafür. Der Hüslimensch ist der Parasit der Eidgenossenschaft, der sich ständig über den Wirt beklagt.
Was ist des Hüslimenschen Natur? Der Hüslimensch kennt keine Natur, er kennt nur das Grüne. Da will er hin, und dort vernichtet er die Natur.
Urspünglich waren die Hüslimenschen Nutzgärtner, heute sind sie Grünanbeter. Ins Grüne wollen alle Hüslimenschen, im Grauen kommen sie an. Das Grauen packt, wer ihnen folgt. Sie quellen aus den Städten und erobern sich Stück um Stück unschuldiges Landwirtschaftsland, das vom Fluch der Einzonung getroffen wurde. Der erste Hüslimensch, der ankommt, schwärmt von seiner Aussicht, bis der zweite sie ihm nimmt. Noch der fünfte redet vom Alleinsein, bis der fünfzigste ihm am Haus vorbeifährt. Das, was der einzelne Hüslimensch sucht, vernichten die Hüslimenschen als Herde. Aus dem unschuldigen Landwirtschaftsland machen sie eine Einfamilienhaushalde. Wo der Hüslimensch baut, da macht er ganze Arbeit. Von der Natur, die er zu lieben vorgibt, bleibt nichts mehr übrig. Nirgends wird sie so radikal und nachhaltig ausgetilgt wie im Hüsligürtel. Die endgültige Art, die Natur zu vernichten, ist der Bau einer Hüsliplantage. Da wächst nur noch Gras.
Das Grün braucht der Hüslimensch nicht für sich, er benötigt es für die Aufzucht seiner Kinder. Nur im Grünen krümmt sich der Wurm in die richtige Form.
Warum sind auch die Mieter Hüsligläubige? Mieter sind verhinderte Hüslimenschen.
Nur ein Drittel des Schweizervolkes sind Hüslimenschen. Trotzdem regieren diese das Land. Denn der Glaube an die Heiligung der Familie und den Naturgenuss beschränkt sich keineswegs auf die Hüslimenschen. Alle Schweizer träumen von ihrem Hüsli.
Wir erkennen: Das Hüsli ist kein Wohnhaus, sondern ein Sehnsuchtsapparat. Das Hüsli ist eine Verheissung: Kaufe ein Hüsli, und du wirst der Erlösung teilhaftig. Du wirst eine intakte Familie haben, wirst von deinesgleichen geachtet werden, wirst deine Brut zu Anstand erziehen, wirst im Grünen leben, ein besserer Mensch sein und für dein Auto immer eine Garage haben. Dieses Versprechen ist keine Lüge, nur hat sie ihren Preis: Du bist geliefert. Dein Leben ist vorbei, du musst es nur noch absitzen, im Hüsli. Der Hüsliglaube hat mehr Märtyrer, als seine Priester zugeben.
Warum braucht es Hüsli? Das Hüsli ist die Werkstatt, worin der Staat geschmiedet wird.
Die Scheidungsrate ist der Glücksmesser des Hüslis. Keines kann halten, was es verspricht. Kaum ist es fertig, ist es auch die Ehe. Das Glücksgehäuse vertreibt das Glück oder sperrt die Kernfamilie in die selbstverschuldete Unmündigkeit ein.
Trotzdem hat das Hüsli einen hohen gesellschaftlichen Nutzen. Es ist unentbehrlich. Das Hüsli ist das Fundament des Staates. Wo sonst wäre die Brutstätte des Familienterrors, der Hort des Zwangs, der Pflanzblätz der Beschränktheit, die Zurichtwerkstatt der Dumpfheit? Ohne das Hüsli gibt es keine Schweiz, weil ohne das Hüsli alle jene fehlen, die diesen Staat in Gang halten: die Präsidentin der Gemeinde und des Turnvereins, der Hündeler und der Hobbyfunker, der Infanterieoberleutnant und die Oberschwester.
Nichts in diesem Staat ginge ohne Hüslimenschen. Der Hüsliglaube ist das Band, das die Nation zusammenhält. Das Hüsli ist der Baustein des Staates, und auch der ist ein Glaubensgebäude. Hüsliglaube ist Schweizerglaube.
So weit der Hüslikatechismus. Den Hüsliglauben muss man in seiner Jugend verinnerlicht haben, den kann man nicht mit ökonomischen Argumenten später dazulernen. Ich war ein glühender Ministrant der Hüslireligion, denn ich bin eine grüne Waise, das Kind einer grünen Witwe. Doch mit neunzehn floh ich aus dem Hüsli und bin seither nie wieder zurückgekehrt.
Benedikt Loderer, Redaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre», lebt in Zürich.