NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Ein Leben auf Rezept

Ohne Pillen wäre Dieter Bosshardt nicht mehr da.

Von Cornelia Kazis

Der Tag war kalt, das Dorf schien leer, und ich war schon etwas spät. Bis nach Wisen stimmte die Ortsbeschreibung noch, aber dann konnte ich sein Haus nicht finden. Wirtesonntag in der Dorfbeiz. Ein paar Krähen über den Feldern. Ein von Flöhen geplagter fleckiger Hund auf der Kreuzung. Und da sass ich nun, suchend in einem Stück Schweiz, wo die Kantonsgrenzen zwischen Baselland, Solothurn und Aargau für die Städterin gar undurchschaubar wurden. Es war der 8. Februar, der Tag seines 61. Geburtstages. Deshalb hatte er ausnahmsweise etwas freie Zeit. Zwei Stunden waren vereinbart.

Ein Mann hielt an. Ich fragte nach dem Weg. Er sass in seinem grossen Volvo Break, neben sich ein paar Akten und ein eingewickelter Kuchen. Er lachte freundlich und fragte, zu wem ich müsse. «Zu Dieter Bosshardt», sagte ich. Da streckte er mir seine grosse Hand entgegen: «Dann kommen Sie zu mir.»

Er wohnt in einem Ökohaus am Hang. Es ist nicht seins. «Immobilien machen immobil», sagt er und stellt mir seinen kalbsgrossen Neufundländer vor. Ich hatte mir den Mann nicht so stattlich vorgestellt, nicht so vital, nicht so jugendlich und auch nicht so heiter. Dieter Bosshardts Leben hängt seit Jahren jeden Tag an ein paar Milligramm medikamentöser Chemie. Ein paar wenige Tage ohne seine Pillen genügten, und Dieter Bosshardt müsste sterben.

Drinnen im Haus ist seine Frau mit russischen Leckereien beschäftigt. Sie kocht vor für Dieters Fest in zwei Tagen. Freunde sind eingeladen. Es soll gemütlich werden. Ein bisschen ist der 61. Geburtstag auch der 5. Jahrestag im neu geschenkten Leben. Vor fünf Jahren nämlich bekam der erfolgreiche Bauingenieur und Gemeindepräsident eine neue Niere in seinen Leib, und seither fühlt er sich immer wieder mal wie neugeboren.

Wir sitzen am Holztisch bei Pfefferminztee und Nussbrot, das die Gemeindeschreiberin für ihren Chef gebacken hat. Schnauzbärtig, mit freundlich furchigem Gesicht sitzt er da, krault hin und wieder lässig im aschbraunen Fell das vorbeitrottenden Riesenviehs, lässt sich Zeit und gibt sich Mühe, mir die verschlungene Geschichte seiner Krankheit verständlich zu machen.

«Es war eine reine Routinesache, als ich mit gut 54 Jahren zum Arzt ging. Das Blutbild war schlecht. Also mussten alle anderen Säfte auch untersucht werden. Zwei Wochen später kam der Verdacht: IgA- Nephritis.» Wenig später, nach einer Gewebeanalyse, wurde aus dem Verdacht Gewissheit: Dieter Bosshardt war krank, sehr krank.

Woher die Krankheit IgA-Nephritis kommt, weiss man noch nicht genau. Klar ist, dass sie mit einem ausser Rand und Band geratenen Immunsystem zu tun hat. Überaktive Zellen erkennen das Nierengewebe nicht mehr als eigen und zugehörig und sagen ihm den Kampf an. So wird das zarte Gewebe in den Nieren petit à petit vernichtet, Narben entstehen, die Filter werden verstopft, und die Giftausscheidung ist behindert. «Aber zum Glück ist die Niere ja ein gutmütiges Organ», sagt der Bauingenieur, «auch mit neunzigprozentiger Einschränkung tut sie ihren Dienst noch einigermassen. Möglicherweise ist gar keine Beeinträchtigung zu spüren, aber darunter, also mit weniger als zehn Prozent Funktionsfähigkeit, hört der Spass dann ziemlich schnell auf.»

Melancholisch und müde war Bosshardt schon länger. Dazu kam ein unerträgliches Kribbeln in allen Gliedern. Ameisenstaaten im Leib. Der medizinisch zuständige Professor entschied, auf Dieter Bosshardts Körper eine Riesenmunition Cortison abzufeuern. Das Ziel dieses Beschusses war, die hunderttausend kleinen Entzündungsherde im Feingewebe wegzubekommen und dann das überaktive Immunsystem zu unterdrücken.

Der Patient schluckte fortan 40 Milligramm Prednison pro Tag. Acht Wochen lang hegte er Hoffnung und spürte doch, dass etwas nicht mehr gut war. Dieter Bosshardt fühlte sich dumpf, schlapp und schwer. Und sagte nichts. Wie es Männer seiner Machart zu tun pflegen, liess er keinen Termin aus, setzte auf die eigene Effizienz, kämpfte sich durch den Tag und durch die Verpflichtungen. Ein Mann, ein Wort. Indianer spüren keinen Schmerz.

Nach einer langen Sitzung kam er kurz vor Mitternacht nach Hause. Die Beine bleiern, schaffte der Manager die Treppe kaum mehr und schleppte sich mit letzter Kraft ins Bett. Nach ein paar Stunden Schlaf schien alles wieder gut. Bosshardts Über-Ich rief am anderen Morgen wieder zur Arbeit. Kurz danach aber war es aus. Todmüde kämpfte er sich nach Hause, dort fiel er ins Bett und schlief wie ein Stein. Die besorgte Frau hatte zum Notarzt geraten. Der Bauingenieur fand das übertrieben und schlief sich so fast aus dem Leben weg. Am nächsten Morgen, wach geworden wie üblich durch den Wecker, war es so weit: «Ein schwarzer Vorhang schob sich vor mein Gehirn, und weg war ich. Aus. Fertig. Fast.»

Die Frau rief den Hausarzt an. Der versprach, um halb zehn zu kommen. Es war noch früh. Also ging die Frau mit dem grossen Hund aus dem Haus, um zur Visite rechtzeitig wieder da zu sein. Nun war Bosshardt alleine. Er hörte, wie jemand an die Türe klopfte, und konnte nicht öffnen. Er hörte, wie jemand Kiesel ans Fenster warf, und konnte keinen Wank tun. Es war der Hausarzt, der dachte: Wenn dieser Mann einmal Hilfe anfordert, dann ist die höchste Alarmstufe angesagt. Deshalb hatte er beschlossen, doch früher als versprochen zu kommen.

Der Rest ging schnell: Blaulicht. Spital. Sechzigprozentiger Blutverlust. Gewaltige, in den Bauch hineinblutende Zwölffingerdarmgeschwüre. Eine beinahe tödliche Nebenwirkung des Cortisons. Der Lebensfaden wäre fast gerissen. Dieter Bosshardt bekam viel Blut und träumte in der Lebensretternacht auf der Intensivstation vom Diesseits und vom Jenseits und von der Reise zwischen diesen Welten. Als er ganz ruhig erwachte, dachte er: So ist es, wenn es vorbeigeht.

«Ich war bereit zu sterben», erinnert sich der Überlebende. «An jenem Samstagmorgen hatte ich kein Brösmeli Reue über das kurze Leben. Es ist gar nicht schlecht, sich zu ergeben, dachte ich. Und auch andere Leben wären möglich. Ein Leben als Schafzüchter in Sardinien. Oder in Sizilien. Wenn es noch ein Leben gibt. Viel Zeit für liebe Menschen zu haben, wäre auch schön.»

Schon bald waren die Blutwerte besser. Das Prednison, das ihn fast umgebracht hatte, wurde abgesetzt. Es gab noch ein Leben. Nach drei Wochen konnte Bosshardt wieder nach Hause. Und wurde nicht Schafzüchter. Er blieb das, was er war: ein Projektfreak, einer, der leidenschaftlich gerne arbeitet, einer der über die eigenen Grenzen geht, einer, der manchmal mit der Arbeit nicht aufhören kann. Nur erwacht er seither anders. Bewusster. Jeden Morgen streckt er sich, atmet ruhig durch und freut sich an seinem Leben.

Das Geburtstagskind erzählt schnörkellos, aber nachdenklich, zugewandt und ohne auf die Uhr zu schauen. Madeleine, die Frau, kommt mit dem gutmütig sanftäugigen Neufundländer vom Spaziergang zurück und setzt sich im dämmrig gewordenen Wohnraum auf die Ofenbank. Die Geschichte, die ihr Mann erzählt, ist auf eine ganz bestimmte Weise auch ihre Geschichte. Besonders der zweite Teil davon.

Bosshardts Professor skizzierte zwei Auswege: Dialyse oder Nierentransplantation.

Die Blutwäsche kam für den tüchtigen Macher kaum in Frage. «Zweimal wöchentlich während vier Stunden Blutwäsche, zusätzlich Medikamente, nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.»

Bosshardt hatte Glück. Zwei blutsverwandte Menschen stellten in Aussicht, ihm eine ihrer Nieren zu schenken. Seine Cousine und sein Bruder. Und Madeleine, seine Frau, auch. Sie zögerte keinen Moment.

Medizinische Abklärungen ergaben, dass die rechte Niere der Frau als Transplantationsorgan ideal war. Die Zeit drängte. Dieter Bosshardts Werte waren wieder im Keller. Er fühlte sich schlapp. Nach der Arbeit konnte er nur noch liegen. Sich in der Küche ein Glas Wasser zu holen, wurde zum anstrengenden Projekt. Das Ameisenlaufen auf dem ganzen Körper hatte wieder begonnen. Ein Zeichen für die wachsende Vergiftung des Körpers.

Am 29. 2. 1996 war der Termin. Madeleine und Dieter Bosshardt hatten ihre beiden erwachsenen Kinder über die bevorstehende Operation knapp und unsentimental informiert. Dann, am Vorabend, sind sie im Spital zusammengesessen und haben schweigend «die letzte Zigarette» gepafft. Danach waren sie bereit für den Weg unters Messer.

Erst kam sie dran. Eine Stunde später er. Angst hatten sie keine. Die Gunst der Chemie hatte ihre Seele beruhigt. Wie ein dicker Schutzmantel hatte sich die präoperative Medikation über ihre Angst gelegt.

Wenige Stunden später erwachten sie weit voneinander getrennt. Dieter Bosshardt auf der Intensivstation. Seine Frau auf einer anderen Abteilung. Schmerzen hatten beide nicht. Dank Pillen und Infusionen.

Sie erholte sich schnell und konnte nach einer guten Woche wieder nach Hause. Ihr Mann fühlte schon wenige Stunden nach der Transplantation, dass das Organ, das ihm seine Frau geschenkt hatte, in ihm den Dienst angetreten hatte. «Es ging mir so gut wie schon lange nicht mehr. Ich war beseelt von einem Glücksgefühl und vom Unwohlsein erlöst.» Die medizinischen Werte bestätigten sein Gefühl. Zwanzig Tage nach dem Eingriff konnte er wieder heim nach Wisen.

Es ist dunkel geworden, und während Dieter Bosshardt erzählt, lächelt seine Frau. Ich gratuliere ihr zu ihrem Heldentum. Das will sie nicht. «Nichts als eine Selbstverständlichkeit», sagt sie. Bei Bosshardts werden die Dinge nicht weichgespült.

Heute hat Dieter Bosshardt drei Nieren, die zwei eigenen und diejenige seiner Frau. Die wurde ihm neben der Blase implantiert. Seither lebt er auf Rezept. Seit fünf Jahren kämpft er schon vor dem Frühstück mit medikamentösen Granaten gegen die Abstossung des verpflanzten Organs.

Bosshardts Chemie-Speisezettel sieht so aus: morgens und abends 1000 Milligramm Cellcept. Dieses Hauptmedikament soll Bosshardts Körper bis ans Lebensende daran hindern, das lebensrettende Geschenk seiner Frau wieder abzustossen. Cellcept, der gewaltige Immunreaktionsunterdrücker, ist bisher wirkungsvoll und bei Dieter Bosshardt erstaunlicherweise auch nebenwirkungsfrei.

Aber der Nierenpatient hat immer mal wieder Herzrasen, ein Begleitsymptom der langjährigen Niereninsuffizienz. Cordarone muss da Abhilfe schaffen. Täglich beim Frühstück. 200 Milligramm.

Dieter Bosshardt steht auf und holt die Rezeptur aus dem Bauernschrank. Die lebensrettende Chemie breitet sich neben meinem kalt gewordenen Pfefferminztee aus. Dazu ist auf Beipackzetteln jede Menge Kleingedrucktes zu lesen und zu beherzigen, Informationen über Wirkungen, Nebenwirkungen, Vorsichtsmassnahmen, Kontraindikationen und sinnvolle Dosierungen. Die Lektüre ist nichts für zarte Gemüter.

Auch Prednison gehört wieder zum täglichen Pillenkick. 7,5 Milligramm sollen genügen, um den alltäglichen Kampf gegen die Entzündungserreger zu gewinnen. Dumm ist nur, dass dieses Cortisonpräparat mit seinen Nebenwirkungen geschwürbildend sein kann. Das muss natürlich verhindert werden. Mit einer Portion Antra jeden zweiten Tag. Dazu täglich vor dem Frühstück ein Milligramm Amaryl, das die Insulinproduktion anregt.

Aber Prednison hat noch eine Nebenwirkung: Bluthochdruck. Deshalb ist auch noch Cosaar nötig. Täglich morgens eingenommen, soll es gegen den hohen Blutdruck angehen.

Das sind Bosshardts morgendliche Lebens-Mittel.

Sie sind kostspielig. Was der Mann tagtäglich zu schlucken hat, läppert sich monatlich auf 2000 Franken zusammen. Diese Kosten übernimmt die Krankenkasse. Für den Patienten bleibt ein kleiner Selbstbehalt.

So ist das jetzt halt», sagt der 61-Jährige zu seiner Situation. «Es bringt nichts, sich zu weigern. Was soll ich mich grämen? Ich fühle mich gut und bin doch sehr krank. Ich weiss, dass ich das nehmen muss, bis ich sterbe. Und wenn ich es nicht nehme, sterbe ich ziemlich schnell. Es gibt wirklich Schlimmeres, und in fünfzig Jahren ist sowieso alles vorbei.»

So spricht der Macher über seine Abhängigkeit.

Vielleicht wird er einmal weniger zu schlucken haben. Das handelt der Bauingenieur bei jedem Arztbesuch aus. Mit Erfolg. Es war nämlich auch schon mehr.

Seine Frau sitzt noch immer auf der Ofenbank. Geduldig hat sie zugehört und hie und da ein Detail berichtigt oder beigefügt. Das russische Essen ist bereit zum Fest. Dieter Bosshardt wird sich feiern lassen.

Es ist spät geworden an diesem Geburtstagsnachmittag. Weit mehr als die zwei geplanten Stunden sind verstrichen. Der Neufundländer muss wieder an die Luft. Seine untertassengrossen Pfoten versinken in der weichen Erde draussen. Bosshardt liebt diesen ruhigen Hund. Ein nerviges Vieh könnte der Bauingenieur nicht gebrauchen.

Freundschaftlich reicht er mir die Hand zum Abschied, dann fahre ich über die Autobahn zurück in die Stadt, durch «seinen» Tunnel, der nun endlich fertiggestellt ist und Staus verhindert.

Cornelia Kazis, Basel, ist Redaktorin bei Radio DRS.


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