DER «MAUS» wurde der Nagezahn schon gezogen, aus braungebrannten «Surfern» hat die EDV reichlich blasse Geschöpfe gemacht. Nichts ist vor ihr sicher. Vor unseren Augen verwandelt sie ein tropisches Inselparadies namens Java still, leise und unheimlich in eine Programmiersprache. Südamerikanischen Musikern wird man früher oder später schonend beibringen müssen, dass «Marimba», «Bongo» und «Castanet» geschützte Trademarks einer höchst einfallsreichen kalifornischen High-Tech-Firma sind, mit denen sie illegal ihre Instrumente bezeichnen. Technik ist gefrässig, der Hunger nach neuen Begriffen gross. Bald werden uns die Muttersprachen aller Herren Länder wie veraltete Varietäten des Fachchinesischen vorkommen.
In Frankreich hat man die Bedrohung erkannt und schützt sich per Ministerialerlass: Offiziell legt die Grande Nation statt einer CD eine disque compact in den Computer, der nicht Computer, sondern ordinateur heisst, verwendet keine Software, sondern logiciel, und geht auch nicht online, sondern en ligne. Wenn man bedenkt, dass aus dem Loch Internet beinahe stündlich Wortungeheuer wie die «Very High Speed Integrated Circuit-Hardware Description Language» auftauchen, «genormt nach IEEE 1076», wird der für die französische Sprachplanung zuständige Sektionschef bald einmal den Spitznamen «Sisyphe» tragen.
Lexika, die auf sich halten, sollten wenigstens hunderttausend Begriffe parat haben. Auf diese schiere Menge ist der Wortschatz der Datenverarbeitung angewachsen. Dabei ist noch nicht einmal geklärt, ob es nach der neuen deutschen Rechtschreibung künftig zulässig ist, zu käschen, zu mäppen und zu bänschmarken. Die behutsame Eindeutschung häufig verwendeter Fachbegriffe ist ab August 1998 ausdrücklich vorgesehen.
«QLINE/ADIS unterstützt kooperative Netzwerke aufgrund von intelligenten Depots.» - Egal, wie man es künftig schreibt, Computerdeutsch bleibt eine herrliche Sprache. Sie macht aus Lösungen schweisstreibende Rätsel, indem sie jeden Sinn ebenso sperrig und widerborstig ummantelt wie die Kartonschachtel das High-Tech-Produkt. Sie macht es möglich, statt Blech Styropor zu reden.
Für viele Nuancen des Lebens ist das die zeitgemässe Verpackung. Schon sind innovative Personalchefs dazu übergegangen, Mitarbeiter zu «canceln». Seit «Absturz» ein Verhängnis in den Untiefen der Arbeitsspeicher bezeichnet, hat das Wort seinen Beigeschmack von Bodenlosigkeit ohnehin verloren. Es gibt ein Leben nach dem Crash, sagt der Support: Alles lässt sich wieder hochfahren, notfalls mit Kaltstart.