NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Der letzte Patron

© Suzanne Schwiertz, Zürich
Dieter von Ziegler mit seiner Frau Esther in der alten Spinnerei Murg: «Statt einer Fabrik habe ich eine Geschichte geerbt.» Linktext
Als Dieter von Ziegler, verheiratet mit einer Steinfels-Erbin, in vierter Generation die Leitung der Spinnerei Murg übernahm, stellte er fest: Er hatte ein schwieriges Erbe angetreten.

Von Andreas Heller 

Die Fabrik ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. In der zum Loft umgebauten Eingangshalle, der ehemaligen Öffnerei der Spinnerei, wird Weisswein ausgeschenkt. Im grossen Fabrikationssaal, wo einst Maschinen ratterten, sind eine Bühne und ein Stahlgerüst mit 500 Sitzplätzen aufgebaut worden. Es ist der letzte Abend des Jahrhundertsommers 2003, und im Rahmen der 200-Jahr-Feier des Kantons St. Gallen wird das Musical «Ufbruch» in Murg am Walensee uraufgeführt.

Das Stück spielt in der Frühzeit der Industrialisierung. Schauplatz: ein verschlafenes, schattiges Dorf. Die Protagonisten: der Fabrikant von Steig, der seine Angestellten knechtet, sowie ein namenloser Franzose, der Liberté, Egalité et Fraternité verkündet und die gefügte Ordnung ins Wanken bringt. Doch am Ende – der schönen Agnes sei’s gedankt – löst sich alles in Minne auf: Es siegt die Vernunft, und gemeinsam gelingt der Aufbruch in eine neue, friedliche Welt.

Dieter und Esther von Ziegler, die Besitzer der alten Spinnerei, zeigen sich von der Aufführung angetan – obwohl sie beide aus Erfahrung wissen, dass im wirklichen Leben auch das Unternehmerdasein nicht immer ein Honigschlecken ist. «Einiges wird in diesem Stück schon schwer überzeichnet», meint Dieter von Ziegler. «Aber die Aufführung zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn etwas geboten wird, kommen die Leute auch nach Murg.»

Es ist noch nicht lange her, da war Dieter von Ziegler in dieser Fabrik, wo heute Theater gespielt wird, der Patron. 1992 hatte er die Leitung des Familienbetriebs übernommen, der vom Urgrossvater auf die Grossmutter und von der Grossmutter auf den Vater und den Onkel weitervererbt und zum stattlichen Betrieb mit 200 Angestellten herangewachsen war. Die Spinnerei war die wichtigste Arbeitgeberin und Immobilienbesitzerin im Dorf. Das feine Baumwollgarn aus Murg ging an grosse Textilverarbeitungsbetriebe wie Calida, Müller Seon oder Huber Tricot.

Und alle dachten, dass es immer so weitergehen würde. Noch Ende der achtziger Jahre, als bereits eine ganze Reihe von Spinnereien in der Schweiz dichtmachen mussten oder zu Spekulationsobjekten wurden, investierte die Familie einen zweistelligen Millionenbetrag in neue Gebäude, Maschinen und in ein neues Kraftwerk. Aber schon bald darauf zeichnete sich ab, dass in der Schweiz kaum mehr zu konkurrenzfähigen Preisen Garn zu spinnen war.

Als es die Nachfolge zu regeln galt, die Stabsübergabe von der dritten an die vierte Generation, war Dieter von Ziegler der Einzige der neunköpfigen Nachkommenschaft, der Interesse zeigte, die Geschicke des Familienunternehmens in die Hand zu nehmen. Er hatte sich mit einem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen und einem MBA dafür empfohlen, und unter den Sprösslingen war er auch am ehesten der Typ, der merkantiles Flair verriet. 1992 zogen sich der Vater und der Onkel von der operativen Führung zurück. Dieter von Ziegler, damals 33, übernahm die Leitung – und musste schon bald feststellen, dass er ein schweres Erbe angetreten hatte.

Anfang der neunziger Jahre verschärfte sich der Wettbewerb zusehends. Die Krise der einheimischen Textilindustrie brachte den Garnabsatz ins Stocken, günstigere Angebote aus Schwellenländern liessen die Margen schmelzen. Eilig baute der Junior Kooperationen mit indischen Partnerunternehmen auf. Aber auch damit konnten die in Murg anfallenden Verlustlöcher nicht mehr gestopft werden. Zu allem Überfluss erhöhten nun auch noch steigende Zinsen die Schuldenlast. Schliesslich waren die Banken nicht mehr bereit, die Mittel für eine tiefgreifende Umstrukturierung bereitzustellen, worauf die Aktionäre schweren Herzens die Einstellung des Betriebs beschlossen.

Das Aus war für alle Beteiligten ein Schock. 140 Angestellte verloren die Arbeit, die Gemeinde den wichtigsten Steuerzahler, die Familie den Betrieb, der unter Aufsicht der Hauptgläubiger «still liquidiert» werden musste.

Wäre Dieter von Ziegler einer gewesen wie der Herr von Steig auf der Bühne der ehemaligen Fabrik, hätte er nun wohl das Weite gesucht. Als Ökonom mit MBA hätte er problemlos eine neue Karriere in Angriff nehmen können. Doch irgendwie packte es ihn nun erst recht. Er nahm die Liquidation der Firma selber an die Hand. Um einen ersten Teil der Schulden zu tilgen, verkaufte er die Maschinen, das Mobiliar und die Angestelltenwohnungen – all das, was einmal aus Tradition weitervererbt werden sollte. Es war eine Zeit, die Dieter von Ziegler kein zweites Mal erleben möchte, auch wenn er heute alles etwas gelassener sieht: «Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Auch Unternehmen leben nicht ewig.» Und was seine persönliche Situation betrifft, hält er trocken fest: «Statt eines Industriebetriebs habe ich nun eine Geschichte geerbt. Daran will ich anknüpfen. Ich spüre eine Verantwortung gegenüber diesem Ort, mit dem meine Familie seit Generationen verbunden ist.»

Landauf, landab haben in den letzten Jahren traditionsreiche Industriebetriebe ihre Produktion reduziert, ins Ausland verlagert oder eingestellt. Unzählige Familienbetriebe, geführt in dritter oder vierter Generation, sind verschwunden: Webereien wie Honegger in Wald, Brauereien wie Hürlimann in Zürich, Schuhfabriken wie Hug in Dulliken. Oder Waschmittelhersteller wie die Firma Steinfels – eine Geschichte, die Dieter von Ziegler dank seiner Ehefrau Esther, geborene Steinfels, aus nächster Nähe kennt, eine Geschichte mit erstaunlichen Parallen zu seiner eigenen.

Wie die Spinnerei Murg war die 1832 gegründete Friedrich Steinfels AG mit den bekannten Marken Maga, Niaxa und Dish-Lav bis in die achtziger Jahre ein florierendes Familienunternehmen, trotz heftigen Querelen unter den Nachkommen. Die Brüder Eric und Marc Steinfels, die das Unternehmen in vierter Generation führen sollten, konnten es gar nicht miteinander. Die Leitung der Firma wechselte vom einen zum andern, je nachdem, wer gerade in der Gunst des Vaters stand. Esther von Ziegler-Steinfels, die Tochter von Eric Steinfels, spricht ungern von diesem Streit. Tatsache ist, dass die nie enden wollende Auseinandersetzung um die Nachfolge wichtige Entscheide stets von neuem verhinderte, derweil Grosskonzerne den Schweizer Markt immer aggressiver attackierten.

Als Eric Steinfels von seinem Bruder Marc wieder das Zepter übernahm, verlegte er die Produktion aus dem Zürcher Industriequartier nach Wetzikon. Mit Eigenmitteln und Bankkrediten kaufte er im In- und Ausland weitere Firmen zusammen – in der Hoffnung, den Konkurrenzkampf auf dem Waschmittelmarkt besser bestehen zu können. Ein Irrglaube, wie sich zeigen sollte. 1993 musste auch er den Sessel wieder räumen, diesmal nicht auf Geheiss des Vaters, sondern auf Befehl der Banken. Seine Geschwister beschlossen, der Waschmittelfabrikation den Rücken zu kehren, verkauften Maga, Niaxa und Dish-Lav an Henkel, den Bereich Grossverbraucher und Industriereinigung an Coop und veräusserten schliesslich die Produktionsanlage in Wetzikon an einen Schweizer Nischenproduzenten.

Geblieben vom einst stolzen Industriebetrieb ist das Areal der ehemaligen Seifenfabrik in Zürich. Ein erster Teil ist in den neunziger Jahren unter Eric Steinfels umgebaut worden. Er hatte als Erster das Potential des ehemals verpönten und heute so trendigen Zürcher Industriequartiers erkannt. Aus ihrer Familiengeschichte hat Esther von Ziegler, die während vier Jahren im Familienbetrieb als Marketingleiterin arbeitete, gelernt: «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Wo eine Tradition zu Ende geht, entsteht Raum für Neues.»

In Murg waren nach erfolgreicher Liquidation der Spinnerei Murg AG die früheren Fabrikationsgebäude übriggeblieben. Die Hausbank drängte auf eine Lösung. Als sich kein Käufer finden liess, entschlossen sich Dieter und Esther von Ziegler, selber aktiv zu werden. Warum sollten sie in Murg nicht etwas Ähnliches versuchen wie Steinfels senior im Zürcher Industriequartier? 1999 erwarb das Paar mit Krediten einer anderen Bank und eigenen Ersparnissen die einstigen Fabrikliegenschaften. Es kaufte sich zurück, was der Familie von Ziegler gehört hatte. Die übrigen Familienaktionäre wollten kein neues Geld investieren, was, wie Dieter von Ziegler sagt, auch Vorteile hat: «Jetzt können wir unsere Ideen verwirklichen, ohne dass zuerst alle Familienmitglieder davon überzeugt werden müssen.»

Neben verschiedenen kleinen Umbauten haben die neuen alten Besitzer als erstes grösseres Projekt die ehemalige Sägerei direkt am See zu einem Restaurant umgebaut. Die im Frühling 2002 eröffnete «Sagibeiz» bringt mit Bar, Lounge und Vinothek eine Brise von Urbanität an den Walensee. Für Dieter und Esther von Ziegler, die sich nicht zu fein sind, im Restaurant selber zum Rechten zu schauen, ist die «Sagibeiz» der erste Baustein eines Konzepts mit dem Ziel, die Attraktivität der Fabrikliegenschaften und der Region zu steigern sowie neue Arbeitsplätze zu schaffen. Ein kleiner Teil des Fabrikareals – eine Nutzfläche von 30 000 Quadratmetern – konnte inzwischen an Gewerbe-, kleinere Produktionsbetriebe und Start-up-Unternehmen vermietet werden, und ab und zu werden die Räume für Kulturveranstaltungen genutzt. Vor allem die oberen Stockwerke mit Blick auf den See möchten die Eigentümer aber zu Lofts ausbauen.

Dieter von Ziegler ist sich im Klaren, dass ihm auch in diesem Geschäft die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen. Mittlerweile wimmelt es nachgerade von nicht mehr gebrauchten Fabrikgebäuden, Bahnhöfen, Zeughäusern, Lagerhallen. Und alle wollen zu Kulturstätten und Lofts umgebaut werden.

Am Tag nach der Uraufführung von «Ufbruch» sitzt die junge Familie auf der Terrasse der «Sagibeiz». Der Walensee glitzert im Spätsommerlicht, die Kinder Florence, Carole und Annick vergnügen sich unten am Wasser. Natürlich haben sich Esther und Dieter von Ziegler auch schon Gedanken gemacht, was sie ihren Töchtern weitergeben wollen. Es sind weniger materielle Werte, die – wie ihre Geschichte zeigt – vergänglich sind, als ihre Lebenseinstellung: Mut für Neues, ohne traditionelle Grundwerte ausser Acht zu lassen. «Alles Weitere ist ohnehin nicht planbar.»

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.




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