NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Einfach weg

Von Peter Haffner

In einer Runde, in der von Kindern die Rede war, wusste jemand vom Sohn eines Zauberers zu berichten, der mit dem Phänomen des Verschwindens gewissermassen gross geworden ist. Die Kunststücke des Vaters gaben den Zweijährigen keine Rätsel auf, er war es gewohnt, dass Papa Dinge weg- und wieder hervorzauberte; aber jedesmal, wenn die Kugel, über der sich die väterlichen Finger eben geschlossen hatten, noch in der Hand war, wenn er sie wieder öffnete, quietschte der Knirps vor Vergnügen. Dass etwas vorhanden war, über dessen Verschwinden er sich nie sonderlich zu wundern vermochte, verblüffe den Kleinen ungemein.

Es ist nicht anzunehmen, dass der Sprössling des Magiers das Staunen über das Nichtverschwinden in reiferen Jahren beibehalten wird. Grund genug hätte er zwar - und wir mit ihm. Bedenken wir, was alles mit welcher Geschwindigkeit verschwindet: wir müssten ununterbrochen quietschen (nicht immer vor Vergnügen), staunen über die Tatsache, dass das, was gestern stand, heute noch immer steht. Wir tun es nicht. Das Sich-wundern über die Erscheinung des Verschwindens - wiewohl es im Laufe der Zeit selbst von der Furie bedroht ist - verschafft sich in jedem Einzelfall erneut Geltung. Der Reiz der Neuigkeit besteht darin, einer nächsten Platz zu machen; dies mag eine Ursache dafür zu sein, dass die Medien, die unser Bild der Welt prägen, in der Regel mehr dem Vergessen dienen als dem Erinnern.

Nicht zuletzt solche Überlegungen haben uns bewogen, dem Thema ein Heft zu widmen. Das Verschwinden gibt, was immer es sonst noch tut, dem Erinnern eine Chance. Tom Sawyer und seine Kumpanen, die auf dem Eiland im Mississippi, wo sie untergetaucht sind, den Umstand geniessen, vermisst zu werden, wussten davon so gut wie der Zauberkünstler, der unsere Aufmerksamkeit an etwas fesselt, um es hernach vor unseren Augen in Luft aufzulösen.

Am Anfang allen Staunens -und ohne diesem etwas zu nehmen - steht die Entzauberung. Am Bermudadreieck, so leid es uns tut, ist wirklich nichts dran. Entlarvt ist der Schwindel längst - aber verschwunden? Es wäre zu wahr, um schön zu sein.


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