HELGA NOWOTNY, 1937 in Wien geboren, ist Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Seit 1998 hat sie auch die Leitung des Collegium Helveticum übernommen, einer Institution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Austausch zwischen den verschiedenen Wissenschaften zu fördern. «Die Menschen und ihre Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt der Forschung stehen», sagt Helga Nowotny.
Helga Nowotny, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Ich habe zuerst Jura studiert und war dann Assistentin bei einem Professor für Strafrecht und Kriminologie, der auch Gutachten schrieb. Das fehlende Mitgefühl und die arrogante Sicherheit dieser Gutachten berührten mich unangenehm. Es wurden Urteile gefällt, die unantastbar dastanden, obwohl doch auch andere Interpretationen möglich gewesen wären. Da habe ich kennengelernt, was ich den kalten Blick der Wissenschaft nenne.
Eine typisch weibliche Reaktion?
Ich glaube nicht, dass man ohne die Fähigkeit zum Mitgefühl der Gerechtigkeit näher kommen kann.
Typisch weiblich aber, dass Sie Ihre eigene Karriere zurücksteckten und Ihrem Mann, einem Diplomaten, nach New York folgten?
Das Recht gibt einem bestimmte Kategorien vor. Ich wollte aber noch andere Sichtweisen und Methoden kennenlernen, der Welt zu begegnen. So entschloss ich mich, in den USA ein Ph.D. in Soziologie zu machen. Ist das typisch weiblich? Man könnte das ja auch als Zeichen von Offenheit und Neugier sehen. Verglichen mit einer durchschnittlichen Männerkarriere ist mein Weg vielleicht voller Brüche, dafür habe ich das interessantere Leben.
Geburt der Tochter, Scheidung, dann das King's College in Cambridge, wo Sie Ihrem heutigen Forschungsgebiet zum ersten Mal begegneten.
Ich musste mein Leben neu organisieren, privat, aber auch beruflich. Anthony Giddens und ich waren da die einzigen Soziologen. Mein Vorsprung auf die Studenten betrug jeweils nur zwei Wochen. Ich hatte mich mit moderner Wissenschaft, aber auch mit Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Das faszinierte mich sehr.
Danach verlief Ihre Karriere rasant: Professorin in Wien, der Ruf ans Wissenschaftskolleg in Berlin, dann Budapest. Seit 1995 lehren Sie an der ETH Zürich. Wozu braucht es Sie da?
Mein Vorgänger war der ikonoklastische Paul Feyerabend. Ich bringe einen mehr empirischen Zugang mit und arbeite viel mit Fallstudien. Weil ich nicht zehn Stunden täglich im Labor stehen muss, bin ich in der privilegierten Position zu sehen, was Wissenschafter tun. Wissenschafter brauchen ein Bewusstsein von ihrer gesellschaftlichen Rolle und wie die sich verändert.
Sie konstatieren gegenwärtig einen Autoritätsverlust der Wissenschaft.
Der Weg zum Wissen ist kein geradliniger. Irrwege, Ungewissheiten und harte Arbeit sind damit verbunden. Wissenschaft ist Teamarbeit, und das ist nicht immer leicht. Zwischen Konkurrenz und Kooperation sollte eine Balance herrschen. Es gibt Kollegen, die meinen, nur das Resultat zähle. Ich aber meine, dass gerade das Aufzeigen des wissenschaftlichen Prozesses Verständnis in der Öffentlichkeit schafft.
Wissenschaft, sagte Ihr Vorgänger, sei laut und teuer. Sonst aber sei sie eine relativ nutzlose Lebensform.
Früher war Wissenschaft gleichbedeutend mit Fortschritt. Heute aber gibt es ein Wissen, das manche gar nicht wollen. Die Ängste, die etwa mit der Gentechnologie verbunden sind, darf die Wissenschaft nicht als irrational abtun. Sie muss sich ernsthaft um die Nutzer kümmern, die Mitsprache fordern. PR und Werbung schaffen nur kurzfristig Erfolge.
Ethikkommissionen und Co. sind wie die Beulen bei der Pest. Sie zeigen, dass es zu spät ist. Was gemacht werden kann, wird gemacht.
In den USA gibt es Ethikkurse für Wissenschafter. Was lernt man da? Wie man sich Klagen vom Hals hält. Das meine ich natürlich nicht, wenn ich sage, dass Wissenschafter während der Ausbildung lernen müssen, viel mehr über die Gesellschaft, für die sie forschen, zu wissen. In diese Richtung muss es gehen. Besonders in Zeiten der Globalisierung, in denen nationalstaatliche Grenzen und Gesetze ignoriert werden können. Da produzieren die Amerikaner ihre Abtreibungspille halt in China aus Angst vor militanten Abtreibungsgegnern im eigenen Lande, Software entwickelt man in Bangalore, dort ist es billiger.
Erforscht wird nur, was Geld bringt.
Deshalb darf sich der Staat nicht zurückziehen. Er sollte dort investieren, wo die Industrie Lücken schafft. Malariaforschung etwa interessiert die Industrie nicht: zu wenig gewinnversprechend. Die Gerontotechnologie, also Hörgeräte oder Schreibwerkzeug für Zitternde, ist auch nicht sehr prestigeträchtig und wird vernachlässigt.
Sind Sie an der ETH eine Alibifrau?
Bestimmt werde ich manchmal nur eingeladen, weil man noch eine Frau braucht. Doch wenn ich glaube, einen wissenschaftlichen Beitrag leisten zu können, nehme ich gerne an. Mein Selbstvertrauen ist intakt.