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Marmor, Stein und Eisen bricht
Die Liebe misst sich an ihm. Ohne Anfang, ohne Ende will sie sein. Kostbar und unverbrüchlich. Doch der goldene Ring ist meist ausdauernder als die Eheleute.
Von Anja Jardine
Dass ein Ring nicht nur ein Ding ist, spürt spätestens, wer ihn los zu werden versucht. Allein im Jahr 2008 standen in der Schweiz schätzungsweise 38 000 Menschen vor dieser Aufgabe, denn landesweit wurden 19 300 Ehen geschieden, was Pi mal Daumen doppelt so viele nutzlos gewordene Ringe ergibt – all die nicht formal autorisierten, ebenfalls abgestreiften Partnerringe nicht inbegriffen. Nach durchschnittlich sieben bis zwölf Jahren findet die Ewigkeit in aller Regel ein jähes Ende, und mindestens einer grübelt wie Buddy Miller in seinem Song:
Does my ring burn your finger?
Did my love weigh you down?
Was a promise too much
to keep around?
Doch es hilft nichts, der Ring hat ausgedient. Wohin also damit? «Auf einem Spielplatz verbuddeln, einem Bettler schenken», lauten Ratschläge in Internetforen, wo die Entsorgung von Liebes- und Eheringen diskutiert wird, oder «auf Ebay versteigern». Dort harrt ein «breiter Herren-Ehering, Aussendurchmesser 23,2 mm, innen 22,1 mm, Breite 17,3 mm. Gewicht 5,30 Gramm, 18 Karat Gelbgold, mit Punze und Widmung ‹Brigitte 28.7.62›» einer zweiten Chance. Idealerweise mit einer neuen Brigitte, Jahrgang 62. Das Höchstgebot lag sieben Tage und drei Stunden vor Angebotsende bei 3 Franken und 5 Rappen.
Lukrativ ist das nicht, allein der Schmelzwert des Ringes liegt beim aktuellen Goldpreis bei 100 Franken, also besser als Altgold verhökern. Wer jedoch noch darauf hofft, dass mit Brigitte alles wieder ins Lot kommt, wäre im Pfandleihhaus besser bedient. Dort bekäme er für das Liebespfand immerhin ein sechsmonatiges Darlehen von 6 Franken pro Gramm 18-karätigen Goldes, macht in diesem Fall 30 Franken.
Unter den rund 10 000 Pfändern, die in kleinen Schachteln im sogenannten Andachtsraum des Zürcher Pfandleihhauses lagern, befinden sich einige hundert Eheringe, sagt Direktor Urs Lusti. Manche sind gewissermassen Stammgäste, werden des öfteren gebracht und wieder abgeholt. Lusti weiss sogar von Fällen zu berichten, da beide Ehepartner ihren Ring zu ihm tragen, heimlich natürlich, wenn sie mal wieder Bares brauchen, nicht ahnend, dass das Pendant schon da ist. Über den Zustand einer Ehe sagt derlei nichts aus. Über den einer Wirtschaft schon. Die Zahl der gewährten Darlehen ist mehr als doppelt so hoch wie noch vor fünf Jahren, und von einem Ehering trennt sich wohl niemand leichtfertig, schon gar nicht für 30 Franken.
Wer also das Ende mit einer imposanteren Geste markieren möchte, ist hier am falschen Ort. «Mach doch den Frodo!» schlägt ein Zeitgenosse im Forum vor. Soll heissen: Such dir einen Vulkan und gib den Goldreif den Elementen zurück, wie der kleine Hobbit aus «Herr der Ringe», dem die Bürde auferlegt ist, sich zum Schicksalsberg nach Mordor aufzumachen, jenem Ort, an dem «The One» geschmiedet wurde – «ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden». Nur dort lässt er sich zerstören.
Der Gedanke, etwas am Entstehungsort zu Ende zu bringen, leuchtet ein. Und so pilgert mancher zu jenem Bergsee, an dem er die Verflossene das erste Mal küsste, um den Ring zu versenken, mit tränengetrübtem Blick. Beliebt sind auch Flüsse und Meere, «ab damit in den Marianengraben». Doch Vorsicht. Selbst 12 000 Meter Meerestiefe sind kein Garant dafür, dass ein Ring nicht wieder auftaucht. Wie wir aus Märchen und Sagen zuverlässig wissen, verschlucken Fische mit Vorliebe Goldringe und befördern sie zurück an Land. So wie den Lieblingsring des Tyrannen Polykrates, der ihn ins Meer geworfen hatte, um den Neid der Götter von sich abzuwenden. Doch daraus wurde nichts, die Götter wollten ihn nicht. Denn, und das ist das Einzigartige an diesem Gegenstand: Ihn zu verschenken, ist schon allerhand, aber erst die Annahme verleiht ihm seine Bedeutung.
Schon in der Antike galt der Ring – wie überhaupt der Kreis – als Symbol für Vollkommenheit und Unendlichkeit. Ihm wurde die Kraft zugeschrieben, Glück zu bringen oder Schaden abzuwenden. Einzuschliessen oder zu verbannen. Zwar steckte Homo sapiens sich bereits vor 21 000 Jahren Kreisrundes aus Mammutelfenbein an die Finger, doch erst mit der Entwicklung der Metallverarbeitung gewann der Ring an Bedeutung. Als Schmuck, als Siegel, als Amulett und als Symbol der Verbindung. Um 2500 v. Chr. verfügten die Goldschmiede Ägyptens und Vorderasiens nicht nur über ausgeklügelte Methoden, um das Gold von Silber und unedlen Metallen zu scheiden, sondern beherrschten sämtliche Verfahren der Metallverarbeitung.
Wenn eine Goldschmiedemeisterin wie Claudia Neuburger in ihrem Atelier «Punctum Aureum» in Bern heute einen Ring fertigt, macht sie es genauso wie ihre Kollegen vor 5000 Jahren. Ein Stück Gold wird leicht erhitzt, zu einem Streifen geschmiedet und auf einer Ziehbank durch ein Zieheisen gezogen. Das ist eine Art Schablone, die dem Ring sein Profil gibt. Gleichzeitig wird der Streifen länger und dünner, wird zum Goldband. Zurechtgeschnitten auf die Länge des Ringumfangs, wird dieses Band entweder mit einer Ringzange oder mit Hilfe eines Metalldorns kreisrund gebogen, bevor die Enden verbunden werden. Das geschieht – wie in der Antike – indem man sie feuerverlötet.
Claudia Neuburger hält die Ring-Enden auf dem Feilnagel vor sich zusammen und sägt durch die Schnittstelle, um die Passform zu optimieren. Die Goldspäne werden von einem Fell unter dem Arbeitsplatz aufgefangen und zum Einschmelzen an den Goldlieferanten zurückgegeben. Neuburger bestreicht die Enden mit Lötwasser, fügt das Lot – ein winziges Metallblättchen – dazwischen und erhitzt die Verbindungsstelle. Das Lot besteht aus einer Goldlegierung mit einem tieferen Schmelzpunkt als demjenigen des Goldrings. Enthält das Lot beispielsweise mehr Kupfer und Silber, schmilzt es schon bei 850 Grad Celsius, während reines Gold nicht unter 1063 schmilzt. So lässt sich eine saubere Fuge erstellen anstelle eines Klumpens. «Es ist das Archaische an diesem Handwerk, das mir gefällt», sagt Neuburger, «vor allem die Arbeit mit der Flamme.»
In der Schmuckbranche hat die industrielle Fertigung das Handwerk bis heute nicht ersetzen können. Manufakturen wie Meister in Wollerau, dem nach eigenen Angaben grössten Trauringhersteller der Schweiz, setzen auf die Kombination von Hightech und traditioneller Goldschmiedekunst. Meister erhält das Gold als Ringrohlinge von zertifizierten Metallscheideanstalten. Das Ringprofil sowie die Wandstärke des Ringes werden maschinell gefräst. Je präziser die Wölbung auf der Innenseite eines Ringes, desto komfortabler sein Sitz. Sollen zwei verschiedene Metalle verbunden werden, geschieht auch die sogenannte Diffundierung maschinell: dieses Verfahren, so erklärt Juniorchef Fabian Meister, erlaube eine hauchzarte, mit dem Auge nicht wahrnehmbare Verschmelzung beider Materialien.
Sobald der Grundring fertig ist, beginnt wie bei Claudia Neuburger die Handarbeit: das Schleifen, Feilen, Schmieden, Juwelenfassen, Gravieren und Polieren. Meister beschäftigt zudem einen hauseigenen Gemmologen. Der sitzt hochkonzentriert über einem Häufchen von 3000 krümelgrossen Diamanten und untersucht jeden einzelnen auf Reinheit, Schliff, Farbe und Gewicht. Steine, die den Ansprüchen nicht genügen, werden dem Lieferanten zurückgegeben. Ein Grossabnehmer wie Meister kann sich das leisten. 100 Mitarbeiter beschäftigt der Schmuckhersteller am Zürichsee und in Deutschland. Er liefert Ringe in europäische Staaten, nach Japan und Taiwan.
Gut zwei Drittel der weltweiten jährlichen Goldfördermenge werden für Schmuck verwendet. Die Krise scheint zumindest dem Geschäft mit Trauringen nichts anzuhaben, ganz im Gegenteil: «Es wird wieder mehr in Familie investiert», sagt Fabian Meister, «im ideellen Sinne.» Selbst der Verlobungsring erfreue sich wachsender Nachfrage, ebenso der Memoirring, der an jedem Etappensieg eines Ehelebens einen neuen Diamanten aufnimmt.
Steine, egal ob edel oder nur aus Glas, kamen übrigens etwa 800 v. Chr. ins Spiel und erlebten im Mittelalter ihre grosse Zeit. Alle erdenklichen Mächte und Kräfte wurden ihnen zugeschrieben. Man glaubte, Saphir wirke gegen Neid, Smaragd gegen Augenleiden und Diamanten machten Mut. Nicht nur die Oberschicht, sondern alle durften Ringe tragen und taten es hemmungslos. Ihre Bedeutungsvielfalt veranschaulicht das Erbe des John Baret. Als der wohlhabende Kaufmann 1463 starb, vermachte er folgende Ringe: seiner Frau einen Goldring mit dem Bild der Dreifaltigkeit, einem Freund seinen Krampfring mit schwarzem Email, der vor Epilepsie und Krämpfen schützte, seiner Nichte einen Goldring, in den der Name Jesus eingraviert war, und seinem Neffen einen Ring, in dem neben den Initialen sein Motto stand: «Gottes Gnade leitet mich.» Zu guter Letzt hinterliess er der Dame Margaret Spurdance einen doppelten Goldring mit einem Rubin und einem Türkis und der Inschrift zur Erinnerung an ihre Liebe, die «zu allen Zeiten tugendhaft und zu Gottes Freude verlaufen» war.
Kein Zweifel: Ringe führen ein Eigenleben, pochen auf ihr einmal verliehenes Recht. Als besonders hartnäckig erwies sich der Ehering des Gemüsebauern Rüdiger zur Horst aus einem Dorf nahe Osnabrück. Vor über 30 Jahren, als der Bauer noch Rindvieh hielt, half zur Horst seiner Kuh beim Kalben. Dabei muss ihm der Ring vom Finger gerutscht und in den Gülleabfluss gefallen sein. Mit der Gülle jedenfalls gelangte er hinaus aufs Feld. Dort wuchsen Jahrzehnte später Möhren, und einer gefiel es, mitten durch den Ring hindurchzuwachsen. Beim Sortieren allerdings fiel die geschmückte Möhre niemandem auf. Der Bauer verkaufte sie als Pferdefutter ins 110 Kilometer entfernte Bad Zwischenahn, wo der Pferdehalter sich wunderte, was im Futtertrog so glänzte. Er fragte den Bauern nach dem eingravierten Namen und dem Hochzeitsjahr, und so bekam Rüdiger zur Horst seinen Ring nach über 30 Jahren zurück. Was lernen wir daraus? Wer einen Ring endgültig los werden, seinen Ringgeistern fristlos kündigen möchte, der macht tatsächlich am besten den Frodo.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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