NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Der mafiose Geist

Die Verfilzung von Mafia und Politik.

Von Michele Pantaleone

Die Mafia ist Ende des 18. Jahrhunderts in Sizilien zur Verteidigung der Feudalansprüche entstanden, zu einer Zeit, als sich im Zuge der grossen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die damals ganz Europa erschütterten, die Massen der sizilianischen Bauern gegen die Ausbeutung erhoben, die den sizilianischen Baronen jahrhundertelang Sonderrechte und Privilegien gesichert hatte. Im historischen, politischen, ökonomischen und sozialen Kontext einer Wirklichkeit, die aus stillschweigenden Übereinkünften zwischen Grossgrundbesitzern und Mafiabossen bestand, hat sich der mafiose Geist gebildet, jener Wille und jene Fähigkeit, jederzeit, gegenüber jedermann und mit jedem möglichen Mittel die Oberhand zu behalten; ein Geist, der rasch auch die verschiedenen staatlichen Kompetenzbereiche durchdrang. Deshalb setzt sich die Mafia traditionsgemäss aus Exponenten aller Gesellschaftsschichten zusammen, die sich solidarisch darum bemühen, auf gesetzeswidrigem und gewalttätigem Weg Reichtum anzuhäufen, und die sich um das Recht nie zu scheren brauchten, da die herrschende Klasse, Inhaberin der ökonomischen und staatlichen Macht, sie stets deckte. So nimmt diese kriminelle Organisation weltweit unter den Verbrecherbanden eine Sonderstellung ein.

In den Augen der Mafiosi verhält sich das Prestige eines Bosses proportional zu seiner Fähigkeit, möglichst vielen namhaften Politikern und hohen Staatsbeamten aus möglichst vielen Parteien mit scheinbar legalen Machenschaften die Hände zu binden. Auf diesen Beziehungen gründen die Schutzmassnahmen zugunsten der Mitglieder und die Garantie ihrer Immunität; sie fangen die periodischen Repressionen der Ordnungskräfte auf und sind Voraussetzung für Begünstigungen jeder Art. Nicht zufällig gilt als eine Maxime der Mafiakultur das sizilianische Sprichwort: Calati juncu chi passa la china, was etwa bedeutet, dass das widerspenstige Schilfrohr sich unter dem Gewitterregen zu beugen hat und warten muss, bis es sich, genährt und gekräftigt von den mit dem Wasser aufgenommenen organischen Substanzen, wieder aufrichten kann. Um sich selbst zu schützen, beugen sich einflussreiche Persönlichkeiten dem Willen der Mafia, die von ihnen Protektion verlangt.

Zu diesem Zweck schrecken die Mafiabosse vor nichts zurück, was ihnen mehr oder weniger offene Verbindungen, Freund- und Komplizenschaften mit oder Vorzugsbehandlung von politischen Machthabern einbringt, die dann bei den Wahlen jeweils für solche Dienste belohnt werden. Die Mafia beschafft Wählerstimmen für «befreundete» Kandidaten, um andere Kandidaten, die ihre Macht beeinträchtigen könnten, von politischen Ämtern fernzuhalten.

Seit je ist die Mafia regierungsfreundlich gewesen; sie war es während der Herrschaft der Bourbonen in Sizilien; sie war es auch später, nach der italienischen Einigung, als sie gleichzeitig zwei erbitterte Gegner im Kampf um die Vorzugsposition bei der nationalen Machtverteilung unterstützte: sowohl den Republikaner Francesco Crispi als auch Antonio Rudini, einen sizilianischen Adligen aus traditionsbewusster Familie mit monarchistischer Gesinnung. Während über vierzig Jahren, von 1880 bis nach dem Ersten Weltkrieg, stand die Mafia dann im Dienst jener Parlamentarier, denen nichts an einer Veränderung der Zustände in Sizilien lag.

Anfang der zwanziger Jahre stellte sich die Mafia auf die Seite der Faschisten, die es nicht verschmähten, sich von Don Calò Vizzini, dem Oberhaupt aller sizilianischen Mafiafamilien, unterstützen zu lassen. Dazu passte, dass Vizzini gegen Bezahlung des Erlöses, den er aus dem Verkauf eines Landgutes erzielte, am Marsch auf Rom teilnehmen durfte. Einmal selbst an der Macht, entmachtete Mussolini die Mafia und übernahm ihre Aufgabe: Der Staat sorgte nun selbst dafür, dass den Grossgrundbesitzern ihre Rendite erhalten blieb. Diese erlebten zwei ruhige Jahrzehnte, ohne Gewerkschaftsunruhen und genossenschaftliche Forderungen fürchten zu brauchen. Mit dem Niedergang des Faschismus, in den Jahren 1943 bis 1945, verfolgte die Mafia separatistische Ziele; zur Anhängerschaft des «Movimento per l'Indipendenza della Sicilia», der Bewegung für ein unabhängiges Sizilien (die Operationsbasis der amerikanischen Truppen war, welche die Insel besetzten), gehörten bekannte Gangsterbosse. Die Bewegung ist dann weitgehend in der Democrazia Cristiana aufgegangen, als diese sich in den Jahren 1945 bis 1948 als stärkste und wichtigste Partei etablieren konnte.

Anfang der sechziger Jahre veränderte sich das Verhältnis von Mafia und Politik. Verschiedene Bosse dehnten ihren Einfluss jetzt auch auf laizistische Parteien aus: auf die republikanische, die sozialdemokratische und die liberale Partei. Es war dies eine Reaktion auf das Verhalten prominenter Christdemokraten, die unter dem Druck der parlamentarischen Antimafia-Kommission Deckung suchten und die Beziehungen zu jenen Wahlhelfershelfern abbrachen, von denen nachweislich bekannt war, dass sie zur Mafia gehörten. Es ist dies der Moment, in dem sich die Sozialisten, diejenige politische Kraft also, welche im Kampf gegen das Feudalsystem Hunderte von Opfern zu verzeichnen hatte, auf Geschäfte mit der Mafia einlassen; und es ist der Moment, in dem - im Zeichen einer vage als consociativismo, als Teilhaberschaft, umschriebenen und von der kommunistischen Partei geförderten Tendenz - Bündnisse zwischen Kommunisten und Unternehmern mit mafiosem Ruf zustande kommen. Die einzige politische Kraft, die sich rühmen kann, von der Mafia nicht verseucht worden zu sein, ist der neofaschistische «Movimento Sociale Italiano» (M. S. I.), allerdings nicht durch eigenes Verdienst, sondern weil die Partei gar nie an der Regierung beteiligt war, weder auf nationaler noch auf regionaler Ebene.

In den letzten zwanzig Jahren begann sich in den Beziehungen zwischen Mafia und öffentlichen Ämtern eine Trendwende abzuzeichnen: Es sind nicht mehr die Bosse, die auf Politiker angewiesen sind, um sich bereichern zu können, sondern es sind nun einzelne Strömungen innerhalb der Parteien und ihre Wahlkandidaten, die sich mit Mafiageldern finanzieren lassen. Die schnell erworbenen Riesensummen aus dem Drogenhandel ermöglichen der Mafia, politische Macht zu kaufen; etwa in Form von Lizenzen für legitime Aktivitäten, mit denen sie ihre Einnahmequellen tarnen kann. Wählergunst ist bekanntlich wie Geld: «Non olet»; und Parteien und Kandidaten befleissigen sich im Wahlfieber, ohne allzu zimperlich zu sein, ihren jeweiligen Listen Stimmen zu verschaffen. Alle Parteien haben deshalb im geheimen Schulden bei der Mafia, auch wenn einige weniger tief in ihrer Schuld stehen als andere.

Früher pflegten sich zum Beispiel die Wahlsieger bei ihren mafiosen Helfershelfern zu bedanken, indem sie sie in bekannte Trattorien einluden, wo dann in aller Öffentlichkeit fröhliche Gelage gefeiert wurden. In den letzten Jahren setzten die durch Unterstützung der Mafia gewählten Parlamentarier alles daran, sich nicht in kompromittierender Gesellschaft blicken zu lassen; sie verlegen selbst ihren Wohnsitz nach Rom, obwohl sie dadurch in Kauf nehmen müssen, ihre Wählerschaft zu vernachlässigen; und die Parteien reagieren indigniert, sobald ihnen «Kontiguität», d. h. Nähe, nachgesagt wird.

Ein Mafiaboss, der sich während der Wahlkampagne für eine Liste und innerhalb dieser für einen einzelnen Kandidaten einsetzt, tut dies weder aus ideologischen Gründen noch aus freundschaftlichen Gefühlen, sondern aus pragmatischem Kalkül: Er kann mit pünktlichen Gegenleistungen der Partei rechnen, die auf diese Art mit ihm und seiner Organisation verquickt bleibt. Die Initiative zur Aufnahme von Beziehungen mit der Mafia geht seitens der Politiker indessen nie von nationaler Ebene aus. Ohne dass die Partei davon Kenntnis hatte, war es stets Sache der Fraktionschefs und der lokalen Parteifunktionäre, den Umfang der politischen Tätigkeiten für ihre Wahlbereiche festzulegen, ihren - leiblichen - Söhnen sowie ihren «Patenkindern», das heisst ihren Schützlingen, Stellen zu verschaffen, die Vergabe öffentlicher Gelder und all die anderen Dinge zu kontrollieren, die der instinkthaften und brutalen Solidarität unter den Angehörigen der «Ehrenwerten Gesellschaft» förderlich sind.

Auf diesem Boden gedeiht die verfilzte Zusammenarbeit zwischen Mafia, Führungsklasse, mafiosen Unternehmern, Finanz- und Geschäftskreisen, Wahlkandidaten und Wählern. Um die Stimmen dieser Wähler zu kaufen, geben einzelne Parlamentarier während einer Wahlkampagne das Zehnfache der Summe aus, welche die ins Parlament Gewählten als Gehalt für eine ganze Legislaturperiode erhalten. Rund 20 000 Stimmen kaufte die Mafia beispielsweise bei den letzten sizilianischen Regionalwahlen im Juni dieses Jahren allein in Catania den von ihr unterstützten Politikern. Bezahlt wurde mit Geld (bis zu 200 000 Lire pro Stimme), Baubewilligungen, vorzeitigen Pensionierungen, Theaterabonnementen und Diensten des ältesten Gewerbes - das übliche Spiel, das diesmal durch eine Telefonabhöraktion ans Licht kam.

So kommt es, dass sich politische Führungskräfte, Minister, Staatssekretäre plötzlich in ein Netz von «hilfsbereiten Freunden» verstrickt finden und anfangen, Briefe und Briefchen an andere einflussreiche Amtspersonen zu schreiben, an Präfekten, Polizeichefs, Richter, Bürgermeister und Carabinieri-Befehlshaber - Briefe und Briefchen, die Anlass geben zu eifrigen und mühseligen Recherchen seitens der Begünstigten sowie deren Gegner mit dem Ziel, je nachdem entweder die kompromittierenden Dokumente zu zerstören oder aber mit ihrer Hilfe die politischen Feinde öffentlich in Misskredit zu bringen. Diese «Jagd nach Beweisstücken» hat Mitglieder des sizilianischen Antimafia-Pools dazu bewogen, aus den Archiven der parlamentarischen Kommission, die sich mit der Mafia befasst, Hunderte solcher Dokumente zu entwenden und sie nach und nach dem stets skandalhungrigen Pressewesen zu verfüttern.

Was die Antimafia-Dokumentation aufzuweisen hat, grenzt in der Tat ans Unglaubliche. Dem Verfahren über das Gut «Polizzello» von Mussomeli, hinter dem der Mafiaboss Giuseppe Genco Russo nebst einer endlosen Reihe weiterer Mafiosi stand, ist ein Brief beigelegt, in dem der Minister Emilio Colombo sein «wohlwollendes Verständnis» ausdrückt; in der Akte über die Ausstellung einer Lizenz, die in Palermo den Betrieb einer Kette von Tankstellen ermöglichen sollte, findet sich ein an den Bürgermeister der Stadt gerichtetes Schreiben von Angelo La Barbera, dem berüchtigten Boss, der in Mailand knapp einer Falle entkam, kurz darauf aber in Palermo umgebracht wurde; ein Baugesuch, das auf den Namen des ehemaligen Fuhrknechts und späteren mächtigsten Bauherren der Stadt, Francesco Vassallo, lautet, hat an einem einzigen Tag - dem 20. Juli 1960 - die Büros aller Ämter, den ganzen komplizierten Dienstweg bis zur Legung des Grundsteins, durchlaufen. Das Verfahren betraf das Baugelände eines ehemaligen Senators, und zwar des Schwiegervaters von Giovanni Gioia, Vizesekretär der Democrazia Cristiana.

Wo immer die Mafia Wurzeln schlägt und zu operieren beginnt, wird sie zu einem Phänomen der moralischen Verschmutzung und zerrüttet die politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Strukturen. In den Ländern, die in den Drogenhandel verwickelt sind, ist es den Bossen gelungen, die alte Taktik durchzusetzen, die im frühen 19. Jahrhundert in Sizilien angewandt wurde, als die Mafia der herrschenden Grossbauernklasse die skrupellose Aufrechterhaltung ihrer Privilegien sicherte und dafür substantielle Unterstützung erhielt. Vom Ende des letzten Weltkrieges bis heute hat es die sizilianische Mafia mit teuflischer Gewandtheit fertiggebracht, aus dem nationalen und internationalen Geschehen ihren Vorteil zu ziehen. Sie ist zu einer grossen Holdinggesellschaft des Verbrechens geworden. Diese unglückliche Entwicklung nahm 1943, während der Besetzung Siziliens durch anglo-amerikanische Truppen, ihren Anfang, erstarkte in den Jahren der ideologischen Konflikte, die das politische Klima bis in die fünfziger Jahre hinein charakterisierte, festigte sich im folgenden Jahrzehnt, als ein paar sizilianische Politiker, denen man Kontakte zur Mafia nachsagte, zu Ministern der Handelsmarine und des Aussenhandels ernannt wurden - die beiden Schlüsselpositionen für den Ausbau der Bandenaktivitäten des sizilianischen und amerikanischen Handels mit dem Mittleren und dem Fernen Osten.

Zu Beginn der siebziger Jahre ist es der Mafia, obwohl sie die Zielscheibe von offiziellen Anschuldigungen wurde, in Italien und Amerika gelungen, sich im politischen System so tief einzunisten, dass sie die demokratischen Verhältnisse in beiden Ländern ernstlich bedrohte. Die politischen Machthaber müssen sich eingestehen, dass der Niedergang der politischen Moral den Boden, in dem das Unkraut Mafia gedeiht, immer fruchtbarer werden lässt.

Michele Pantaleone, geboren in Villalba (Sizilien), hat seit den fünfziger Jahren zahlreiche Bücher über die Mafia publiziert; er lebt als Schriftsteller und Journalist in Palermo und Villalba.


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