Am Wochenende, wenn das Rauschen der Nationalstrasse im Tal nicht mehr zu überhören ist und Gleitschirmflieger am Himmel ihre Kreise ziehen, am Wochenende, wenn der moderne Mensch sich mit seiner Freizeit beschäftigt, hat Johann Pirovino erst recht alle Hände voll zu tun.
Pirovino ist Nebenerwerbsbauer, ein Pendler zwischen Strasse und Scholle: Unter der Woche verdient sich der 58jährige Bündner mit italienischen Vorfahren seinen Lohn als Vorarbeiter für den Strassenunterhalt im Bezirk 7 des kantonalen Strassenverkehrsamts; in seiner Freizeit bestellt er mit seiner Frau Agnes und einem Knecht aus Ex-Jugoslawien, der als Saisonnier im Sommer aushilft, seinen Hof.
In engen Kurven klettert die Strasse von Thusis nach Schauenberg in der Gemeinde Tartar empor. Ein Natursträsschen zweigt von der Landstrasse ab, führt hinunter zu einem einfachen Steinhaus, daneben der Stall aus verwittertem Holz. Unter dem Kirschbaum spielen junge Katzen; zwei Hühner huschen hinter den akkurat geschichteten Miststock.
Der Betrieb der Pirovinos liegt 900 Meter über Meer in der Bergzone 3. Fünfeinhalb Hektaren Fläche bewirtschaftet die Familie. Vier Kühe und acht Galt (trächtige Jungtiere) sind derzeit auf der Alp im Avers, nur Gina, Theo, Dani, Jan, Dino, Hedi, Eva und Scheggi sind noch da - eine Kuh, ein Kuh- und ein Stierkälbchen, ein Galt, drei Muneli sowie ein Pony, das man einst den beiden mittlerweile ausgeflogenen Töchtern gekauft hatte. Mehr kann uns Pirovino bei unserem Besuch nicht zeigen, und fast entschuldigend bemerkt er, dass er leider noch keine Zeit gefunden habe, die Stallwände frisch zu weisseln. Dass Theo, Dani, Jan, Dino und Eva den Stall zum ersten Mal verlassen werden, wenn es zum Metzger geht, sagt Pirovino von sich aus nicht. Seine Hände graben in den Hosensäcken.
Der Hof der Pirovinos gehört zu den grösseren Nebenerwerbsbetrieben in dieser Gegend; andere müssen sich auf ein halbes Dutzend Kühe oder weniger beschränken, wieder andere halten ein paar Schafe. «Viele Betriebe sind so klein, dass man sich fragen muss, ob sich das Ganze überhaupt lohnt», sagt der Nebenerwerbsbauer, «viele mussten in den letzten Jahren auch aufgeben, weil die junge Generation nicht mehr wollte.»
Die Milch von Pirovinos Kühen, die im Sommer die Alp bestossen, wird verkäst; die auf dem Hof gemolkene wird selber konsumiert oder den Kälbern verfüttert. Aufzucht und Mast sind denn auch der wichtigste Ertragspfeiler des Betriebs.
In der Stube, die Wände geschmückt mit einem Wandteppich mit Hirschmotiv, mit Familienfotos und einer Luftaufnahme von Haus und Stall, rechnet Pirovino vor: Ein rechtes Muneli löst bei der Annahme im Schlachthof um die 6000 Franken. Der Aufwand für die zehn Monate dauernde Mast beträgt um die 5000 Franken. Verbleiben 1000 Franken plus 1000 Franken an Unterstützungsbeiträgen von Bund und Kanton. Im Jahr verkauft Pirovino in der Regel soviel Vieh, dass er, alle Flächenbeiträge und Subventiönchen eingerechnet, im ganzen rund 20 000 Franken an Einkommen erwirtschaftet. «Für den Verdienst machen wir das alles natürlich nicht», sagt Johann Pirovino. «Eher aus Liebe zu den Tieren, aus Freude am Bauern.»
Schon der Vater und der Grossvater waren Nebenerwerbsbauern; denn der Lohn allein war knapp, und zu Hause waren acht Kinder zur Kost. Für Johann Pirovino hingegen, der als einziger Interesse zeigte, das elterliche Gut zu übernehmen, ist das Bauern zu einem guten Teil auch die Verwirklichung eines Traums. Zwar lernte er nach der Schule Dachdecker und wechselte später zum Kanton - «doch irgendwie bin ich immer ein Bauernbub geblieben».
Heute steht für ihn fest, dass er sich so früh wie möglich pensionieren lassen will, um sich ausschliesslich seinem Hof zu widmen. Und obwohl keine der beiden Töchter bis jetzt Anstalten macht, den Nebenerwerbsbetrieb weiterzuführen, möchte Johann Pirovino weitermachen, solange er die Kraft noch hat. Daran werde ihn weder das Gatt noch sonst etwas hindern.