NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Was fasziniert an den «Faits divers»?

Von Franziska Wanner-Müller

Laurent Delaloye, 1955 in Lausanne geboren, ist Journalist und befasst sich seit 21 Jahren mit dem Phänomen der «Vermischten Meldungen», der «Faits divers». Er hat im Verlauf der Jahre rund 10 000 unglaubliche Zeitungsmeldungen untersucht und analysiert. Auf die Erforschung phantastischer Kurznachrichten - ihrer Mechanismen, Funktionen und Auswirkungen - kam Delaloye während seiner Ausbildung im Welschschweizer Verlagshaus Edipresse. Ernsthafte Themen, etwa die Entführung Aldo Moros, beschäftigten damals die Welt, aber Delaloyes Augenmerk galt bereits den als banal geltenden Kurzmeldungen, die via Nachrichtenagenturen zu Hunderten auf den Redaktionstischen landeten. Seither sammelt der ehemalige Klosterschüler pro Tag zwischen einem und drei «Faits divers» aus schweizerischen, belgischen und französischen Publikationen und analysiert sie nach genauen Qualitätskriterien. Die oft skurrilen Kurzinformationen halten der Gesellschaft einen Spiegel vor, sagt Delaloye. Die «Faits divers» hält er für den meist konsumierten Lesestoff überhaupt. Zu diesem Thema hat Laurent Delaloye das Buch «Quelle planète» verfasst (Filipacchi-Verlag, Paris 1994).

Mit Laurent Delaloye sprach Franziska Wanner-Müller.

Eine Meldung über ein verhaftetes Schwein, eine andere über eine Frau, die mit 105 Jahren vergewaltigt wurde, eine dritte über einen, der vor Lachen gestorben ist: Herr Delaloye, spinnt die Welt?

Bizarre Kurzmeldungen existieren seit je und reflektieren vortrefflich die Lage der Welt und die Verhaltensweisen der Zeitgenossen. Jede Epoche, jede Generation, jede Familie produziert ihre eigenen «Faits divers». Die verrückten Geschichten werden heute einfach öfters recherchiert und publiziert, weil sich das Bedürfnis nach unterhaltsamer, schneller Information verstärkt hat.

Was sind «Faits divers» genau?

«Faits divers», auch als «Vermischte Nachrichten» bezeichnet, sind nicht klassifizierbare Informationen aus allen Lebensbereichen. Journalistisch gesehen, ist ein «Fait divers» die einzig perfekte, weil abgeschlossene Information. In wenigen Sätzen wird da dem Leser mitgeteilt, wo sich das Unglaubliche abspielte, wie es dazu kam; er ist über den Verlauf der Angelegenheit informiert und darüber, wie die Sache ausgegangen ist.

Was unterscheidet das «Fait divers» von der Boulevardmeldung?

Das «Fait divers» hat Übertreibungen nicht nötig, es ist in sich schon sensationell genug und zudem von subtiler Originalität. «Faits divers» sind in der Regel wahr, und sie banalisieren mit der Form den Nachrichteninhalt nicht. Zwar pflegen beide eine ähnlich klare Volkssprache. Superlative und Kampfausdrücke fehlen nicht. Das «Fait divers» bezweckt damit aber keine Polemik. Es gibt zwar Fälle, in denen aus einer Kurzmeldung die Titelgeschichte wird, meist bleibt das «Fait divers» aber eine simple Kurzmeldung ohne grosse Lettern.

Welche Voraussetzungen muss ein Vorkommnis erfüllen, damit es zum «Fait divers» wird?

Das «Fait divers» berichtet über Abweichungen von der Norm und ist darum oft skurril. Es repräsentiert den Unterbruch des Alltäglichen, ist also rar. Je unlogischer die Geschichte, je grösser die Diskrepanz zwischen Ereignis und Reaktion, desto besser die Qualität des typischen «Fait divers». Eine Frau, die ihren Ehemann von ihrem Liebhaber umbringen lässt, ist etwas. Lässt sie ihren Liebhaber vom Ehemann umbringen, handelt es sich aber schon um ein «Fait divers» erster Güte. Oft wird über eine dünne Story ein vielversprechender Titel gesetzt. Beispiel: Hund verhaftet Einbrecher. Toller Titel, aber keine Geschichte, weil nämlich der Einbrecher im Gang bloss über das Tier gestolpert ist, sich dabei den Fuss gebrochen hat und liegengeblieben ist.

Wer liest solche Schauermärchen, und wer publiziert sie?

«Faits divers» - voller Fehler und höchst menschlich - sind der meistkonsumierte Lesestoff überhaupt. Alle lesen ihn. Sämtliche Zeitungen, auch die seriösen, intellektuellen, wissen das und placieren sie oft diskret zwischen den Seiten. Als Horror-Rubrik möchte ich die «Faits divers» übrigens nicht verstanden wissen. Poesie, Liebe und Fröhlichkeit sind ihnen nicht fremd, und bei aller Dramatik haben sie oft eine versteckte amüsante Seite.

Sind «Faits divers» banal?

Nein! Trotz ihres Images der Seichtigkeit und Oberflächlichkeit behandeln die «Faits divers» fundamentale, universelle und dauerhafte Themen - das Leben, den Tod, das Schicksal, die menschliche Natur. «Faits divers» rekonstruieren, was das Leben an glücklichen und traurigen Extremen zu bieten hat, und sind auch als Nachrichtenquellen keineswegs unwichtig.

Gibt es prädestinierte «Faits-divers-Verursacher»?

Religiöse Würdenträger, Mediziner, Polizisten, Kriminelle, Selbstmörder, Opfer jeglicher Art, Ausländer, Verliebte, Paare und Tiere scheinen besonders häufig in Ausnahmesituationen zu geraten. Sie provozieren unverblümte Reaktionen, die man im Leben sonst krampfhaft vermeidet. «Faits divers» sind tiefsinnig, sie halten der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Und was sehen wir darin?

Wir sehen, dass sich weder die Welt noch die Menschen, noch ihre Attitüden verändern. Nur das Dekor wechselt hin und wieder.

Pistolen anstelle von Hellebarden?

Genau. Früher kam es bei persönlich motivierten Dramen höchstens zu fünf oder sechs Toten. Heute häufen sich Fälle von Amokläufern, die in ein Fast-food-Restaurant spazieren und mit vollautomatischen Maschinenpistolen Dutzende von Menschen niedermähen. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die erste Giraffe in einem Pariser Zirkus vorgeführt wurde, war dies das skurrile Ereignis des Jahres. Heute braucht es dazu schon lesbische Gnus, wie sie in der «Peep-Show» im Zoo von Osaka zu sehen sind. Eine Frau ersticht ihren Mann, weil er sie beim Fernsehen gestört hat, ein Mann wird auf der Autobahn dreissigmal überfahren, bevor jemand anhält. Das sind die typischen «Faits divers» des 20. Jahrhunderts . . .

. . . die bisweilen auch zu Nachahmungen inspirieren?

Die Gefahr besteht. Auf die detaillierte Beschreibung des Tathergangs sollte man darum verzichten.

Gibt es «Faits divers», die man nicht veröffentlichen sollte?

Ja. Solche, die die Volksmeinung negativ beeinflussen könnten.

Zum Beispiel?

Tendenziöse Ausländergeschichten. Afrikaner, die alten Frauen das Trambillet wegnehmen und es aufessen, damit diese eine Busse bekommen. Mein grosses Kapitel über gesammelte «Faits divers», in denen Kinder vorkommen, kippte der Verleger aus ähnlichen Überlegungen aus dem Buch. Man wollte nicht, dass Kinder - schon genug malträtierte Geschöpfe - auf die Täterseite wechseln.

Dafür sind Frauen in Ihrem Buch zahlreich vertreten . . .

Ja, die Hemmschwelle war hier wohl niedriger. Frauen geraten anscheinend öfter als andere Leute in Bedrängnis und reagieren in ihrer Not offenbar extremer, brutaler, irrationaler. Das gleiche gilt für die Beteiligten der in Drittweltländern produzierten «Faits divers». Die von ihnen verursachten Skurrilitäten sind aber wiederum tabu. Es wäre politisch unkorrekt, in der Form der Kurzmeldung zu berichten, was Armut an abstruser Energie bewirken kann.

Welche «Faits divers» sind für die Schweiz typisch?

Arbeitsunfälle, wie der jenes Bäckers, der in seiner eigenen Teigrührmaschine verunglückte. Auch aberwitzige Rechtsfälle um Geld, ferner sexuelle Abartigkeit.

Und welche wären in der Schweiz nicht denkbar?

Etwa die Geschichte jenes indischen Bauern, der geduldig 15 Jahre auf den Tod seiner (heiligen) Kuh gewartet hat, ehe er an sein einziges Vermögen - den verschluckten Hochzeitsschmuck seiner Frau - im Bauch des Tieres kam. In der Schweiz hätte man das Vieh, und hätte es nur ein paar Fünfliber vertilgt, wohl ganz rasch notgeschlachtet. Was im einen Land als selbstverständlich und banal gilt, kann anderswo eine Sensation sein. In Asien beispielsweise staunt man über die Zeitungsmeldung, dass sich die Schweizer Schneewittchen und die sieben Zwerge aus Plastik in den Garten stellen.

Simple Kurzinformationen können tiefsinnig sein, wann sind sie ein Zeichen der Verrohung?

Die Nachrichtenbanalisierung wird gefährlich, wo sie auf der seriösen Informationsebene Einzug hält. Das ist dann Sensationsjournalismus. Aids etwa oder der Krieg in Bosnien sind gute Beispiele für eine solche Simplifizierung. Diese Themen wurden anfänglich dermassen oft behandelt, dass man sie heute infolge Abhärtung oft nur noch als Kurzmeldungen präsentiert. Diese haben mit den ursprünglichen «Fait divers» nichts mehr zu tun. Die Dreizeilennachricht - aidsinfizierter Fixer bedroht Apotheker mit blutgefüllter Spritze - zeigt die Ignoranz dem Thema gegenüber und provoziert natürlich Polemik.

Welche Umstände lassen ein «Fait divers» zur grossen Story werden?

Ein Flugzeugabsturz zum Beispiel wird zur grossen Geschichte, wenn ein Attentat dahintersteckt, wenn also der Leser mehr über die Affäre erfahren will. Auch Informationsflaute kann eine Meldung «vergrössern» oder ihr Aktualität verschaffen, wie das etwa bei der Affäre Bobbit der Fall war. Lorena Bobbit, die ihrem Mann das Geschlechtsteil abgeschnitten hatte, wurde zur Identifikationsfigur der vieldiskutierten Gruppe geschlagener und in der Ehe vergewaltigter Frauen. Die Story - anfänglich eine kleine Agenturmeldung, die ich aufbewahrt habe - dominierte weltweit monatelang den gelben Blätterwald. Und das Ende der Geschichte ist auch ein prächtiges «Faits divers»: Herr Bobbit arbeitet seit seiner «Wiederherstellung» als Pornodarsteller, und Lorena ist Feministin.

Meist finden sich sensationelle Meldungen versteckt in Randspalten, Rubriken, auf Zeitungsrückseiten. Sind die Leser der «Faits divers» Voyeure?

Auch seriöse Zeitungen werden gekauft, weil darin «verbotene» Unterhaltung stattfindet. Achten Sie sich einmal, wie viele Leser diese «leichten» Seiten zuerst aufschlagen. Bei allem Interesse an der seriösen Information existiert ein Bedürfnis nach Abnormem, Ungeheurem. Es ist eine Form des Trostes, wenn man vom Unglück und den Missgeschicken der anderen liest. Es erlaubt die Analysierung des eigenen Lebensweges. Das «Fait divers» sagt dem Leser, was gut und was böse ist.

Ein bisschen wie die Bibel?

Ja, wieso nicht? Nach Lektüre der «Faits divers» wird einem doch bewusst, was schändliches Tun zur Folge haben kann. Sie haben eine Botschaft, wenn man so will.

Ein in Frankreich lanciertes Journal zur ausschliesslichen Behandlung von «Faits divers» war ein Flop und wurde nach nur zwei Nummern eingestellt. Warum?

Solche Direktheit schadet dem «Fait divers» und zerstört seinen Mythos. An taktlosen Details ist der Leser nur soweit interessiert, als Raum für eigene Interpretation bleibt. Aufdringliche Anhäufung ist dem «Fait divers» nicht dienlich. Der Reiz liegt ja gerade darin, dass man diskret konsumiert, wofür man sich eigentlich zu gut hält.


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