Im September 1993 führte die anthropologische Forschungseinrichtung der Universität Tennessee ein Experiment durch, dessen Resultat nie in einer Fachzeitschrift publiziert wurde. Wer wissen will, wie der Versuch mit der Leiche 4-93 ausging, muss vielmehr Patricia Cornwells Krimi «The Body Farm» (deutsch «Das geheime ABC der Toten») lesen.
Cornwell hatte 1990 mit grossem Erfolg ihren ersten Krimi publiziert und damit eine neue Gattung ins Leben gerufen: den forensischen Polizeiroman. Ihre Heldin Kay Scrapetta ist Gerichtsmedizinerin und löst ihre Fälle mit geballtem Wissen über das Einsetzen der Leichenstarre und die Schädelbeschaffenheit nach einem Schlag auf den Kopf.
Ein Grossteil dieses Wissens hatte Patricia Cornwell aus erster Hand: Bevor sie Schriftstellerin wurde, hatte Cornwell als Gerichtsreporterin gearbeitet und als Computerspezialistin am gerichtsmedizinischen Institut von Virginia. Selbst Experten zollen ihr Respekt für die realistische und exakte Darstellung der forensischen Methoden in ihren Büchern. Über ihre Arbeit schreibt sie: «Wenn ich Ihnen zeige, wie ein Tatort gesichert, eine Autopsie ausgeführt, ein wissenschaftliches Instrument verwendet wird, dann können Sie mir glauben, dass ich Ihnen die Wahrheit sage.»
Dieses Versprechen wollte Cornwell auch bei «The Body Farm» einlösen, und dazu brauchte sie die Leiche 4-93. Für die Lösung des Falls, den sie sich ausgedacht hatte, musste sie wissen, welche Spuren ein Geldstück auf der Haut einer Leiche hinterlässt, wenn diese einige Tage in einem Keller darauf gelegen hat. Kein Forensiker konnte ihr diese Frage beantworten. Cornwell kannte nur einen Mann, der ihr helfen konnte: Bill Bass, der Bürgermeister der Farm der Leichen, wie er scherzhaft genannt wurde.
Bass war forensischer Anthropologe an der Universität von Tennessee und untersuchte seit langem die Verwesung von Leichen. Cornwell hatte ihn auf einem Kongress kennengelernt, als sie noch in der Gerichtsmedizin arbeitete. 1 9 8 1 richtete Bass fünf Minuten von seinem Büro in Knoxville entfernt auf einer halben Hektare Land die Anthropology Research Facility ein, ein Gelände, auf dem er die Zersetzung von Leichen unter realistischen Bedingungen beobachten konnte. Polizisten sprachen bald nur noch von der Farm der Leichen. Der ersten gab er die Nummer 1 - 81.
Bass hoffte, in seinem Freiluftlabor Fragen zu beantworten wie etwa: Nach welcher Zeit fällt ein Arm ab? Wann lösen sich Zähne aus dem Schädel? In welcher Reihenfolge besiedeln Insekten Leichen? Wie lange dauert es, bis von einem Körper nur noch das Skelett übrigbleibt? Heute bringt er mit seinen Erkenntnissen Verbrecher zur Strecke: als Sonderberater der Staatspolizei von Tennessee.
Protest gegen Skelette
Die Farm der Leichen brockte ihm aber auch Probleme ein. Vier Jahre nach ihrer Gründung protestierte die lokale Patientenorganisation «Solutions to Issues of Concern to Knoxvillians» (SICK) gegen die Forschungseinrichtung: Die Farm der Leichen lag nicht weit von einem Spital. Man einigte sich schliesslich darauf, das Gelände besser einzuzäunen. Bis dahin erschreckten sie offenbar immer wieder Spaziergänger, die ungewollt einen Blick ins Totenreich erhaschten.
Als Bass den Anruf von Cornwell erhielt, wusste er noch nicht, dass die Schriftstellerin im Begriff war, ihn und die Farm der Leichen weltberühmt zu machen. In seinen Memoiren «Der Knochen leser» (Goldmann 2003) schreibt Bill Bass, dass er zuerst ablehnen wollte, das Experiment für Cornwell durchzuführen. «Aber als sie mir näher erklärte, was ihr vorschwebte, war meine wissenschaftliche Neugier geweckt.» Es ging darum, die Verwesung einer Leiche in einem kühlen, geschlossenen Raum zu studieren.
Bis dahin hatte Bass seine Leichen meist vergraben oder im Freien liegen lassen. Dass er den Versuch schliesslich machte, hatte wohl auch mit Cornwells Prominenz zu tun. Obwohl Bass schrieb, «Cornwells Anfrage eröffnete ein ganz neues Forschungsgebiet», hat er die Studie nie in einer Fachzeitschrift publiziert.
Der Mord in Cornwells Geschichte sollte im Keller eines Hauses in Black Mountain (North Carolina) stattfinden. Dort ist es deutlich kühler als die 30 bis 35 Grad, die im Osten von Tennessee im Sommer herrschen. Cornwell bot an, eine Klimaanlage zu finanzieren, damit der Versuch im Sommer durchgeführt werden könnte, doch da keine Leiche zur Verfügung stand, musste die Sache bis zum Herbst warten.
An einem Wochenende im September 1993 besuchte Cornwell schliesslich die Body Farm. Es fand gerade ein wichtiges Football-Spiel statt, und Bass vermutete, Cornwell habe eines der letzten Hotelzimmer in der Stadt erwischt. Bei späteren Besuchen war sie nicht mehr auf nahe Hotels angewiesen: Sie flog mit dem eigenen Helikopter nach Knoxville und mähte dabei auch einmal den Zaun der Leichenfarm nieder.
Bass führte sie durch das Reich der Toten. Cornwell macht eifrig Notizen. Ihre Heldin Kay Scrapetta sagt später: «Der Boden war übersät mit Walnüssen, gegessen hätte ich jedoch keine davon, weil der Tod hier den Boden regelrecht durchtränkt hatte und alle möglichen Körperflüssigkeiten in das Erdreich dieser Hügel gesickert waren.»
Bass hatte alles für das Experiment vorbereitet. Um die Verhältnisse in einem Keller zu simulieren, bediente er sich des Betonfundaments eines geplanten Geräteschuppens. Darüber stellte er eine umgekehrte Sperrholzkiste, 2 Meter 50 lang und je 1 Meter 20 hoch und breit.
Ein paar Wochen nach Cornwells Besuch traf die Leiche 4-93 ein. Wie von Cornwell gewünscht, legten sie Bass und seine Mitarbeiter mit dem Rücken auf den Betonsockel. Unter den Körper steckten sie ein Ein-Cent-Stück und andere Gegenstände, darüber kam die Sperrholzkiste. Sechs Tage später holte Bass die Leiche ins Leichenschauhaus. Am unteren Rücken trug sie eine kreisförmige Vertiefung, in deren Mitte schwach das Bild von Abraham Lincoln zu sehen war – die Leiche verriet, dass sie auf einer Münze gelegen hatte. Scrapetta konnte also im Buch dieses Indiz brauchen, um den Fall zu lösen. Bass schickte Cornwell einen Bericht mit Fotos.
Einige Monate später erfuhr er, dass sie ihren Roman «The Body Farm» nennen würde. Und nicht nur das, Bass bekam als Dr. Lyall Shade – «trotz seiner gewaltigen Kompetenz ein bescheidener und introvertierter Mann von sehr sanftmütiger Art» – einen Auftritt. Selbst dass seine Mutter im Altersheim aus Stoffresten Ringe fertigte für die ordentliche Fixierung der Totenschädel, hat Cornwell nicht erfunden. Bass war bekannt dafür, seinen Studenten solche Ringe zum Abschluss zu schenken.
Körperspenden willkommen
Nachdem das Buch publiziert worden war, blieb das Telefon von Bill Bass wochenlang nicht mehr still. Reporter aus aller Welt wollten Lyall Shades Alter Ego interviewen; Fernsehteams filmten auf dem Gelände der Farm der Leichen. Bass hatte Schwierigkeiten, die Leute abzu wimmeln. Einmal erkundigten sich in der selben Woche zwei Mütter, ob Bass nicht die Pfadfindergruppen ihrer Söhne durch die Farm der Leichen führen könne.
Doch die Aufmerksamkeit war auch ein Segen. Die Anzahl Leute, die beabsichtigen, ihren Körper nach dem Tod der Body Farm zu spenden, hat seither deutlich zugenommen. Wegen der Herkunft der Leichen wurde Bass auch schon angegriffen. Die medizinischen Sachverständigen von Tennessee schickten ihm immer wieder Leichen, auf die niemand Anspruch erhob. Vielfach waren es Obdachlose gewesen. Darunter auch Kriegsveteranen, was Bass nicht wusste. Als ein Fernsehsender Bass’ Arbeit als Schändung verstorbener Kriegsteilnehmer darstellte, lancierten einige Parlamentarier ein Gesetz, das die Forschung an herrenlosen Leichen verunmöglicht hätte. Das Gesetz wurde schliesslich abgelehnt. Es setzte sich die Meinung durch, dass die Sorge um die Überreste Verstorbener hinter der Notwendigkeit, Verbrecher zu ergreifen, zurücktreten sollte.
Bill Bass ist heute 76 Jahre alt. Er hat auf der Farm der Leichen mehr als 300 Leichen beim Verwesen zugesehen. Wird seine eigene dereinst in der Body Farm liegen? «Werde ich praktizieren, was ich predige? Werde ich mein Leben zu seinem logischen Abschluss bringen?» fragt er sich in «Der Knochenleser».
Früher hätte er ohne zu zögern Ja gesagt. Doch seine jetzige Frau neige eher zu einer «traditionelleren und – zumindest nach ihrer Denkweise – würdigeren letzten Ruhestätte». Bass wird die Entscheidung ihr und seinen Söhnen überlassen. Er wäre wohl auch nicht unglücklich, wenn sein Körper nicht in der Body Farm landen würde. «Der Wissenschafter in mir will die Spendeneinwilligung unterschreiben. Der Rest meiner Person kann nicht vergessen, wie sehr ich Fliegen hasse.»