NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Um die Wurst -- Eine Frau in Frauenfeld

© Caspar Martig
Bereit für den grossen Frauenfelder Festtag: Catherine Stäheli mit Salzissen. Linktext
Von Andreas Heller
Wenn Anfang Dezember ein Ausschuss der Bürgergesellschaft des Frauenfelder Stadtteils Erchingen zusammensitzt, gibt es nur ein Traktandum: die Wahl der Wurst, die am dritten Montag im Januar, am traditionellen Festanlass zum Berchtelistag, den Gesellschaftern und Ehrengästen serviert werden soll. Mit kritischem Gaumen beurteilen die Vorkoster die von den Frauenfelder Metzgern eingesandten Würste, die sogenannten Salzissen – und meistens macht die Wurst der Metzgerei Stäheli das Rennen.

Dass in dieser Metzgerei seit kurzem eine Frau das Zepter führt, hat daran nichts geändert, die Stäheli-Salzisse war auch heuer die beste. Die Festanlässe der Frauenfelder Bürgergesellschaften sind jedoch bis heute Männersache; Frauen haben erst am späteren Abend Zutritt, wenn die Wurst längst gegessen ist.

Der Brauch, der in Frauenfeld etwa den gleichen Stellenwert geniesst wie in Zürich das Sechseläuten, geht zurück aufs 16. Jahrhundert. Seit jener Zeit pflegt die Bürgergesellschaft der Stadt einen Teil ihres jährlichen Ertrags in Form von Wurst, Brot und Wein an ihre Mitglieder auszuschütten. Erchingen und andere umliegende Gemeinden folgten dem Beispiel, und heute ist der Berchtelistag ein grosses Fest für alle Bewohner der Stadt.

Nicht nur an den hochoffiziellen Zusammenkünften der Bürgergesellschaften wird den in heissem Wasser erwellten und mit Brot und Kartoffelsalat servierten Würsten zugesprochen; auch auswärtige Bürger frönen dem Schmaus, entweder bei einer sogenannten Schamauchengesellschaft oder ganz einfach in einer der vielen Beizen der Stadt. Am Berchtelistag ist in Frauenfeld Freinacht.

Die Salzisse, die heute den ganzen Winter über produziert wird, ist die richtige Wegzehrung für eine ausgiebige Zecherei. Nahrhaft ist sie und von grossem Kaliber: Ein Viertelkilo bringt sie locker auf die Waage. Sie ist prall gefüllt mit gutem Kalb- und Schweinefleisch, Speck und Zwiebeln; gewürzt wird sie mit Muskat, Macis, Kardamom und Aromat. Mit ihrem feinen Brät gleicht die Salzisse dem Thurgauer Stumpen, zumal in der geräucherten Variante. Es gibt sie aber auch «grün», in der Art der Siedwurst. Wie diese wird auch die Salzisse nach traditioneller Art in Handarbeit mit einem Hölzchen verschlossen.

Catherine Stäheli, ursprünglich gelernte Floristin, hat das Rezept von ihrem Vater übernommen. Das blutige Fleischerhandwerk – wie auch den Umgang mit schlauen Viehhändlern – überlässt sie ihrem Chefmetzger Willi Bachmann. Nicht nur die Bürgergesellschaften sind noch immer eine Männerdomäne, auch der Metzgerberuf. Die kecke Frauenfelderin kann damit leben: «Wenn es wirklich um die Wurst geht, dann sage ich, wo’s langgeht.»

Andreas Heller  ist NZZ-Folio-Redaktor.



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