NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Moos angesetzt

Jann Wenner und das "Rolling Stone"-Magazin.

Von Kathrin Meier-Rust

A ROLLING STONE GATHERS NO MOSS - irgendwann in den frühen sechziger Jahren begann diese alte Volksweisheit einer aufbrechenden Generation aus dem Herzen zu sprechen. Dem Liedermacher Muddy Waters, dann den Rolling Stones und Bob Dylan, und schliesslich auch dem dicklichen 21jährigen Jann Wenner, der sein Studium in Berkeley hingeschmissen hatte, LSD und die Beatles verehrte und ausgeflippte Musikkolumnen schrieb, die niemand drucken wollte, was ihn auf die Idee brachte, eine eigene Zeitschrift zu gründen. Er kratzte bei Freunden und Eltern 7500 Dollar zusammen, überredete einen Drucker zur Räumung eines Loft und einen renommierten Musikkritiker samt ein paar verhaschten Langhaarigen zum Mitmachen.

Die erste Nummer von «Rolling Stone» erschien am 9. November 1967, in hohem, schmalem Grossformat, auf Zeitungspapier gedruckt; sie hatte 24 Seiten und kostete 25 Cent. Auf der Frontseite zeigte sie ein Foto von John Lennon im getarnten Kampfhelm (aus Richard Lesters Film «I Won the War»), und auf der zweiten verkündete Jann Wenner in einem kurzen Editorial, seinem Blatt gehe es nicht nur um Musik, sondern auch «um die Dinge und die Geisteshaltung, die sie umschliesst». «I hope you can dig it» (Ich hoffe, Ihr kapiert das), fügte er noch hinzu, denn weitere Beschreibungen wären bullshit, und bullshit sei «wie Moos ansetzen», sei like gathering moss . . . Von den 40 000 gedruckten Exemplaren wurden ganze 5000 verkauft.

Heute hat «Rolling Stone» eine Auflage von 1,2 Millionen und residiert an der 6th Avenue in New York. Multimillionär Jann Wenner - «Citizen Wenner» sollen ihn gewisse Leute nennen - zählt Tom Cruise, Jackie Onassis und Yoko Ono zu seinen engsten Freunden. Der Aufstieg seines obskuren Hippieblättchens aus der Drogen-Blumenkinder-Szene von San Francisco zum «Wall Street Journal der Rockmusik» ist eine der ganz grossen Erfolgsstories der amerikanischen Pressegeschichte. Wie schon so viele vor ihr, basiert auch sie auf der absoluten Symbiose einer Person mit einer Publikation. Harold Ross mit dem «New Yorker», Henry Luce mit dem «Time»-Magazin in den vierziger Jahren, Hugh Hefner mit seinem «Playboy» in den Fünfzigern, sie alle hatten mit ihren Publikationen ihre eigenen Träume und Ambitionen realisiert und damit unversehens für eine ganze Generation gesprochen. Hugh Hefner liebte Busenmädchen und wollte ein Playboy sein, Jann Wenner liebte Rockmusik und wollte ihre Stars kennenlernen - in beiden Fällen zeigte sich, dass Millionen Zeitgenossen dasselbe wollten. Wenner hatte früh und klar erkannt, was dann später jeder sah, nämlich dass Bob Dylan und die Beatles, damals noch Kultgestalten einer marginalen, freakigen Jugendszene, der Kitt waren, der eine Generation zusammenhielt: «Rock and Roll ist die einzige Weise, in der die riesige und formlose Macht der Jugend strukturiert ist, die einzige Art, auf welche sie definiert werden kann», schrieb er 1968.

Die Orgien jener Zeit sind längst Legende. Alle waren sie offenbar permanent im Rausch - Haschisch, LSD, Bier, Wodka, am liebsten alles zusammen - und permanent ohne Geld. Und doch wurde die Zeitung, die da eine Handvoll Hippies bastelten - ein Tierpfleger als Redaktor, ein Holzschnitzer als Graphiker, ein paar weibliche Allroundtalente und der manische Chef mit dem Babygesicht -, sehr schnell zum erfolgreichsten Magazin der amerikanischen «counterculture». «Rolling Stone» schrieb nicht über Alternativkultur, sondern war Teil von ihr: drogenfreundlich, aber nie mystisch, intellektuell, aber mit Spass, subversiv und politikfeindlich, auch wenn die Politik von links kam. Wenner hat in den ersten Jahren einige Mitarbeiter verloren oder gefeuert, die, als die Alternativkultur im Protest gegen Vietnam zur politischen Kraft wurde, mehr politisches Engagement zeigen wollten.

Musik war und blieb das Zentrum von «Rolling Stone». Rockstars wurden über viele Seiten hinweg und mit demselben Ernst interviewt wie andernorts Politiker - damals eine Provokation, für die übrigens die berühmten Schriftstellerinterviews der «Paris-Review» das Vorbild abgaben. Hier feierte eine Generation ihre Helden - und betrauerte sie, wenn sie fielen: Die Sondernummern zum Tode von Janis Joplin, Jimi Hendrix und John Lennon erreichten Rekordverkaufszahlen.

Doch daneben erblühte im «Rolling Stone» auch bald die grosse, wilde Reportage: über Woodstock und Altamont natürlich, aber auch über das Derby in Kentucky, über den Massenmörder Charles Manson, über die entführte Patty Hearst. In den frühen siebziger Jahren war «Rolling Stone» die Brut- und Heimstätte des angriffigsten, unverblümtesten und phantasievollsten Journalismus des Landes. Das grösste Talent Wenners bestand nämlich darin, Talente aufzuspüren und anzufeuern - verkrachte Journalisten ebenso wie rockbegeisterte Schüler oder Dienstverweigerer aus dem Gefängnis - indem er ihnen zwar kaum Geld, aber um so mehr Freiheit bot. Alles gab es bei «Rolling Stone», monatelange, ja jahrelange Recherchen, ein schier unbeschränkter Umfang der Geschichte, die abwegigsten Themen und der verrückteste Stil zwischen psychedelisch und obszön. Das alles zusammen ergab dann den «Gonzo-Journalismus», jene völlig subjektive, sozusagen dem Bewusstseinsstrom des Autors entfliessende Art des Schreibens, bei der die Haltung des Reporters viel mehr zählte als ein paar «zufällige» Fakten und nichts so verachtet war wie die «objektive Berichterstattung».

Als Erfinder des «Gonzo» gilt Hunter S. Thompson, dieser narzisstische, sich permanent an Drogen, unflätiger Selbstinszenierung und Provokation berauschende Genius des alternativen Machismo. Er hatte 1971 im «Rolling Stone» sein Début mit «Fear and Loathing in Las Vegas», der legendären Reportage eines wilden «sixties trip» im Drogenrausch. Joe Eszterhas schrieb über Drogenagenten, der junge Tom Wolfe über Astronauten. Eines Tages stapfte ein 20jähriges Mädchen mit ein paar Fotos ins Büro, das man sofort an die Arbeit schickte: Annie Leibovitz wurde dann - ehe sie internationale Berühmtheit erlangte - bekannt dafür, dass sie aus Nervosität ihre Kamera verlor und die Mietautos irgendwo stehenliess . . .

Es war eine Sternstunde des amerikanischen Journalismus, und «Rolling Stone», so meinen heute noch viele, hätte die grösste Zeitschrift des Jahrhunderts werden können . . . wenn Jann Wenner seine talentierten Schreiber nicht nur gefunden, sondern auch behalten hätte. Greil Marcus, David Felton, Grover Lewis, Joe Eszterhas und viele der illustren Namen mehr - längst gehören sie zum Establishment der amerikanischen Presse- und Literaturwelt, vom «Rolling Stone» vertrieben und brüskiert in persönlichen Konflikten mit Jann Wenner. Zynisch waren sie durch Namen ersetzt worden, die gerade mehr Gewinn, mehr Aufsehen versprachen. 1984/85 veröffentlichte «Rolling Stone» Tom Wolfes Roman «The Bonfire of the Vanities» in Fortsetzungen, nur um den mittlerweile zugkräftigen Namen 21mal aufs Titelblatt zu setzen. Abgestossen von derartigen Glamourtouren ihres Chefs, verliessen die besten Leute die Zeitschrift, meist im Streit.

Unzimperlichen Geschäftssinn hatte Jann Wenner von Anfang an bewiesen. Schon die erste Adressliste hatte er der Konkurrenz gestohlen, Inserenten wurden geradezu routinemässig belogen, die Arbeitskraft und der Idealismus der Mitarbeiter stets schamlos ausgebeutet, und um die Bürger zu schockieren, war ihm jeder Reklametrick recht: Zum ersten Jahrestag des Bestehens von «Rolling Stone» schmückte jenes Foto das Titelblatt, das John Lennon und Yoko Ono nackt, wie Gott sie erschaffen hat, zeigt. Einige Zeitungshändler wurden daraufhin wegen Verkaufs von Obszönitäten gebüsst, und schon war das Untergrundblatt aus San Francisco in ganz Amerika bekannt. Wenners Fazit in der nächsten Nummer: «Drucke eine berühmte Vorhaut, und die Welt wird sich einen Weg zu deiner Tür bahnen.»

Fragwürdiger war es dann schon, wenn so mancher «Rolling Stone»-Kritiker sein Urteil einem Deal mit der Musikindustrie opfern musste oder wenn Wenners Freunde - Art Garfunkel, Tom Cruise - die Interviews, die mit ihnen geführt worden waren, selbst redigieren durften . . . Beide Praktiken brachten eben gute Beziehungen und Profit, und um beides zu maximieren, zog Wenner 1977 nach New York. Er hatte die Zeichen der Zeit wiederum früher als andere erkannt: Aus Hippies waren Yuppies geworden.

«Rolling Stone» wechselte vom Zeitungs- auf Glanzpapier, die Sprache wurde gezähmt, die Artikel wurden kürzer. Aufs Titelblatt kamen Stars, alte und neue Wenner-Freunde, und nicht mehr die Aufrisse der gut recherchierten frechen Reportagen, die es immer noch manchmal gab (und gibt). 1985 erreichte die Auflage eine Million Leser, «Rolling Stone» war ein Massenblatt geworden. Aber noch immer scheuten die grossen Kosmetik-, Mode- und Autoinserenten das ungewaschene Schmuddelkinder-Image. Besonders augenfällig wurde der Zeitenwandel in jener Eigenwerbekampagne, mit der «Rolling Stone» damals die PR-Branche der Madison Avenue ins Blatt holte. Sie hiess «Vorstellung und Wirklichkeit» und zeigte jeweils zwei Bilder. Zum Beispiel unter Vorstellung: eine Klammer zum Halten eines Joints und unter Wirklichkeit: eine Banknotenklammer; ein psychedelisch bemalter Bus - ein schnittiger Sportwagen; ein Hippie mit langen Haaren - ein geschniegelter Yuppie; George McGovern - Ronald Reagan; eine leere Seite - ein Stück Seife. Nur eine Bildfolge hat Jann Wenner dann doch verhindert: das Friedenszeichen konfrontiert mit dem Mercedes-Stern.

Einige alte Mitarbeiter sollen geweint haben, als sie die Bilder sahen . . . Dafür kamen nun die Inserate, für die «Rolling Stone» früher tabu gewesen war - Mode, Kosmetik, Parfum, Autos und sogar ganzseitige Anzeigen der US-Army -, und das ganz grosse Geld. Wenner wurde Multimillionär, komplett mit Landhaus, Limousinen und Privatjet.

Ihn nun zum zynischen Verräter an hohen Idealen zu stilisieren hiesse wohl, dieses Blumenkind zu verkennen. Er habe «Rolling Stone» gegründet, um John Lennon kennenzulernen, hatte er einem Mitarbeiter der ersten Stunde gestanden. Rastlos, besessen, skrupellos und genial, das Exempel eines erfolgreichen Unternehmers, hat der blauäugige Knabe aus San Francisco seinen Erfolg erworben, um endlich dabeisein zu können bei den Stars und ihren Parties. Rosengärten und Ideale hatten andere gesucht - Wenner wollte «fun».

Im Entrée der heutigen «Rolling Stone»-Büros in New York hängt neben dem Platz der Empfangsdame ein Kunstwerk an der Wand: eine zersplitterte E-Gitarre, in einen eleganten Kubus aus Plastic eingegossen. Sie gehörte Pete Townshend, dem Gitarristen der Who, der einst nach jedem Konzert seine Gitarre zertrümmerte und der in einem der ersten grossen «Rolling Stone»-Interviews über Ursprung, Sinn und Symbolik dieser rituellen Handlung Auskunft gegeben hatte. Die Provo-Sponti-Aktion in hygienischem Plastic als teures Kunstwerk - Moos hat eben viele Erscheinungsformen.

Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin in Washington.


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