NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Wege nach Bern

Wie man Volksvertreter wird.

Von Andreas Heller

DIE KLASSISCHE TOUR. Wie jeder Kandidat, der für die Christlichdemokratische Volkspartei ins Rennen steigt, hat auch Hans Ruckstuhl von der Parteizentrale einen dicken Ordner zugeschickt bekommen. «Dienstleistungen der CVP Schweiz» heisst das von einem PR-Fachmann ausgearbeitete Werk, das den angehenden und bisherigen Politikern durch die Fährnisse des Wahlkampfes helfen soll: mit Spickzetteln zu politischen Sachfragen von A wie Alpenkonvention bis Z wie Zauberformel, mit Adressen, Checklisten, Bestellscheinen für Werbeartikel, mit Hinweisen auf Kurse, in denen die Kandidatin oder der Kandidat lernen soll, wie man zum Volke redet, wie man sich fürs Fernsehen kleidet, wie man den politischen Gegner in den Senkel stellt. Ob CVP oder PVC, alles ist eine Frage des Marketings, lehrt der Rhetorik-Dozent.

Hans Ruckstuhl, 48, seit zwölf Jahren Nationalrat, sitzt barfuss in der Küche seines Bauernhofes in Rossrüti SG und erklärt: «Ich habe bis jetzt keinen dieser Kurse besucht, und dabei wird es bleiben.» Er habe seinen eignen Stil und halte sich lieber an Bewährtes - etwa an seine Erfahrungen, als er noch mit den Erzeugnissen des elterlichen Hofes nach Wil zu Markte fuhr. «Schon damals habe ich bemerkt, dass sich die Leute nicht unbedingt beim lautesten Marktschreier drängten, sondern dort, wo sie etwas Besonderes fanden - die ersten Klaräpfel zum Beispiel oder die letzten Kirschen.» Ein guter Verkäufer, sagt Hans Ruckstuhl, sei nicht einfach ein guter Schnörri. Wer etwas verkaufen wolle, der müsse auch etwas bieten, das nicht bereits alle andern hätten.

Hans Ruckstuhl ist Landwirt und Politiker, ein Bauernvertreter; er ist engagierter Katholik und deshalb Mitglied der CVP. Und so wie sich das eine scheinbar nahtlos zum andern fügt, so ist in seiner politischen Karriere der eine Schritt dem anderen gefolgt. Mit 18 Jahren gehörte der junge Bauer, der sich darauf vorbereitete, den elterlichen Hof zu übernehmen, zu den Gründungsmitgliedern der lokalen Gruppe der Katholischen Landjugend. Es war die Zeit um 68, als die kirchlichen Jugendverbände in eine tiefe Krise gerieten. Auch die Jugend auf dem Lande hatte die Beatles und Jimi Hendrix entdeckt und war mit staatsbürgerlichen Vorträgen und Unterhaltungsabenden mit Singen und Kegeln kaum mehr anzulocken. Da sah sich Hans Ruckstuhl aufgerufen, Gegensteuer zu geben.

Unterstützt von den Kapuzinern und den Notabeln der lokalen CVP, avancierte er zum Präsidenten der kantonalen Dachorganisation der lokalen Landjugendgruppen. Die Lokalzeitungen berichteten darüber; sein Name wurde bekannt. Er war kaum 24, als die Parteispitze bei ihm anklopfte und ihn fragte, ob er nicht vielleicht für den Kantonsrat kandidieren möchte. Ruckstuhl sagte zu, obwohl er eigentlich ganz andere Ambitionen hatte. «Ich war damals Aktuar der Militärschützen Rossrüti und liebäugelte mit dem Präsidium. An eine politische Laufbahn hatte ich überhaupt nicht gedacht.»

Ruckstuhl, der bestandene Politiker, weiss, dass offen bekundete Ambitionen hierzulande einer Karriere wenig förderlich sind. Nein, auch das Amt des Nationalrats habe er nicht eigentlich gesucht. Er habe sich lediglich zur Verfügung gestellt, als der Bauernvertreter der CVP-Nationalrat seinen Rücktritt gab. Und wie in den Kantonsrat wurde er auf Anhieb in den Nationalrat gewählt, dank einer potenten Hausmacht, die er als Präsident der katholischen Landjugend, als Kantonalpräsident des katholischen Bauernbundes, als Aktuar der Militärschützen hinter sich zu scharen verstand. Eine Wählerschaft, die ihm bis heute treu geblieben ist. Sie hat ihn noch jedesmal in seinem Amt bestätigt - obwohl Ruckstuhl auch in Bern nicht gerade zu den lautesten Marktschreiern gehört.

«Meine Absicht war es nie, denen in Bern oben den Tarif zu erklären», sagt der CVP-Nationalrat. Seine Sache sei eher die dezidierte Interessenvertretung in den Kommissionen und in den Couloirs der Verwaltung, die «Päckli-Politik». «Auf der andern Seite sehe ich mich auch als Vermittler, der dem Volk bei mir zu Hause die eidgenössische Politik näherbringen muss.» Um solche Informationsveranstaltungen, die jetzt selbstverständlich auch als Wahlplattform dienen, etwas attraktiver zu gestalten, hat Hans Ruckstuhl, der Hobby-Fotograf, eine kleine Diaschau über die Arbeit des Parlaments zusammengestellt. Denn allein wegen der Rede eines Politikers, soviel ist für ihn klar, kommt auch auf dem Lande keiner mehr an eine Wahlveranstaltung. Heute müsse man schon zusätzlich noch etwas bieten: Einen Auftritt der Harmoniemusik, einen Apéro, eine Gratiswurst. «Das Volk ist anspruchsvoller geworden und auch kritischer. Es glaubt dem Politiker nicht mehr alles.» Auch einer wie Hans Ruckstuhl, einer, der sich nun weiss Gott immer als echter Volksvertreter gefühlt hat, hat es festgestellt.

AUS DER BÜRGERBEWEGUNG. Es war irgendwann Anfang der siebziger Jahre. Katrin Kuhn wohnte damals als frischgebackene Sekundarlehrerin im Solothurnischen. Blickte sie aus dem Haus, sah sie den Kühlturm des KKW Gösgen, und jedesmal, wenn sie ihn sah, bedrängten sie die gleichen Fragen: Wie sicher ist dieses KKW eigentlich? Was geschieht mit den Abfällen? «Ich war eine höfliche Staatsbürgerin, die dachte, dass man in diesem Staat Fragen stellen kann und darauf eine ehrliche Antwort bekommt. Doch die Antworten, die mich überzeugt hätten, blieben aus. Statt dessen antwortete der Staat mit Knüppeln und Tränengas.» Es sei wie ein Erwachen gewesen, sagt die 42jährige Frau, die diesen Herbst für die Grünen im Aargau sowohl für den Ständerat als auch für den Nationalrat kandidiert. «Die Schweiz, wie ich sie kannte, hatte für mich plötzlich ein anderes Gesicht. Und so engagierte ich mich in der Anti-AKW-Bewegung.»

Persönliche Betroffenheit, kein Zweifel, war von Anfang an die Triebfeder von Katrin Kuhns politischem Handeln. Als junge Mutter stieg sie in Wohlen in die Lokalpolitik ein, «weil ich als Frau und Mutter auf die Gestaltung meiner unmittelbaren Umgebung Einfluss nehmen wollte». Sie nahm für die vom Kabarettisten Peach Weber in Wohlen gegründete lokale Oppositionellengruppierung «Eusi Lüüt» Einsitz in Kommissionen, die sich mit Planungsfragen und Bauvorhaben beschäftigten. Kinderfreundliches Bauen, Freiräume, Verkehrsberuhigungen und Spielplätze gehörten dort zu ihren Hauptanliegen. Sie habe sich stets als Vertreterin von Bevölkerungsgruppen verstanden, die sonst in der Politik kaum zu Worte kämen, sagt Katrin Kuhn: als Vertreterin der Kinder, der Frauen, der älteren Leute, der nicht erwerbstätigen Bevölkerung ganz allgemein.

Die Politik, das ist für Katrin Kuhn ausgemacht, wird heute vom kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzendenken dominiert. «Das Sagen haben Männer im Alter zwischen 40 und 60. Doch das ist nur ein kleiner Teil des Volkes. Hier will ich einen Kontrapunkt setzen, indem ich für ein langfristiges Denken plädiere. Denn nur so wird die Welt von morgen noch lebenswert sein.»

Wie viele aus basisdemokratischen Bewegungen fand Katrin Kuhn Anfang der achtziger Jahre bei den Grünen eine parteipolitische Heimat. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern der aargauischen Kantonalpartei, und seit sechs Jahren vertritt sie diese auch im kantonalen Parlament. Sie verzichtet konsequent aufs Auto, und auch das Engagement für Kinder ist bei Katrin Kuhn nicht bloss ein politisches Lippenbekenntnis: so hat sie als Mutter von vier eigenen Kindern die Erziehung von drei Pflegekindern übernommen, und immer wieder stand ihr Haus auch als temporäre Wohnstätte für in Not geratene Frauen offen - ohne dass die Kandidatin dies an die grosse Glocke hängen möchte.

Nun, im Wahlkampf, ist Katrin Kuhn ihrerseits auf freiwillige Unterstützung angewiesen: auf die Schauspielerin, die gratis bei der Realisation eines Lokalradio-Spots mithilft, auf den Fotografen, der gratis ein Bild fürs Wahlplakat macht, auf Frauen und Kinder, die Bettelbriefe verschicken. Denn das Wahlkampfbudget der Grünen Aargau ist mit rund 70 000 Franken relativ bescheiden; das reicht gerade für die Placierung von ein paar Plakaten und den Druck der Wahlbeilage, die jede Partei den Wahlzetteln beilegen darf.

Manchmal, sagt Katrin Kuhn, fühle sie sich nachgerade als «personifizierter Bettelbrief». Doch gehöre dies offenbar zum Wahlkampf, so wie das Ritual der Podiumsdiskussionen, bei denen jeder meist nur die bereits allseits bekannten Positionen vertrete. «Mit der Zeit wartet man nur noch auf die nächste Atempause des Gegners, um endlich selbst das Wort ergreifen zu können.» Katrin Kuhn hofft, dass sie sich diese Unart nach den Wahlen möglichst schnell wieder abgewöhnen kann.

DER QUEREINSTEIGER. Ein prominenter Name gereicht jeder Wahlliste zur Zierde. Ein prominenter Name mobilisiert Wähler, denen Köpfe wichtiger sind als Parteiprogramme. So kalkulierte die Parteileitung der Berner SVP, so dachte Bundesrat Adolf Ogi, als sie den ehemaligen Eishockeyspieler des SC Langnau und späteren Trainer der Eishockey-Nationalmannschaft anfragten, ob nicht auch die Politik etwas wäre für ihn.

Es war am 16. Mai 1991. Simon Schenk, 49, erinnert sich noch ganz genau an den Tag. «Im ersten Moment dachte ich, ich höre nicht recht. Ich war vollkommen baff. Ich zögerte.» Simon Schenk war nicht einmal eingeschriebenes Mitglied der SVP und bedingte sich etwas Bedenkzeit aus. Schliesslich sagte er zu, weil er «ein Zeichen setzen» wollte und weil er hoffte, mit einer Kandidatur auch Leute für die Politik zu sensibilisieren, die bis anhin wenig damit anfangen konnten: Jugendliche und Sportbegeisterte.

Dass er sich mit diesem Entscheid auch ein bisschen auf Glatteis begab, nahm er in Kauf, und er stand dazu. «Auf den paar wenigen Wahlveranstaltungen, die ich besuchte, sagte ich ganz offen: Fragt mich etwas über den Sport, in die Politik muss ich mich erst noch einarbeiten.» Die Botschaft genügte, und Simon Schenk schlitterte auf den neunten Listenplatz: vierter Ersatzmann - ein Achtungserfolg. «Ausschlaggebend war wohl, dass ich im Unterschied zu andern Kandidaten bereits bekannt war», sagt Simon Schenk, räumt aber auch ein: «Dass ich damals von der Partei als Lockvogel missbraucht worden bin, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.»

Mit den Wahlen vor vier Jahren hatte Simon Schenk das Thema Politik wieder abgehakt; es erschien ihm als eine kurze Episode, denn wie sollte er damit rechnen, dass ausgerechnet vier Berner SVP-Nationalräte im Laufe einer einzigen Legislaturperiode aus ihrem Amt ausscheiden würden? Doch genau das geschah. Und nun, 1994, war er plötzlich doch noch an der Reihe. «Ich hörte die Meldung am Radio. Ich überlegte und überlegte und sagte schliesslich zu, nicht zuletzt, weil ich mich aufgerufen fühlte, das Emmental, das seit 30 Jahren keinen Nationalrat gestellt hat, endlich wieder in Bern zu vertreten.» Als Nachfolger des SVP-Deputierten Heinz Schwab aus Lobsigen nahm er gleich Einsitz in die prestigeträchtige Geschäftsprüfungskommission, und für ihn war alles so neu, das er sich im Hirni fast eine Zerrung geholt habe.

Wer als Ersatzmann ins eidgenössische Parlament nachrückt, von dem wird erwartet, dass er sich mit dem Bonus des Bisherigen auch bei den nächsten Wahlen zur Verfügung stellt. Das ist eine der vielen Spielregeln, die Simon Schenk schnell gelernt hatte. Und so wird er auch diesen Herbst kandidieren. Und diesmal professionell. So hat er nach den Empfehlungen der Parteizentrale ein persönliches Wahlkomitee auf die Beine gestellt und - ein Coaching für den Coach - einen Kurs besucht, wo er das überzeugende Auftreten während einer politischen Debatte trainieren konnte.

Sein sportlicher Ehrgeiz sei geweckt, erklärt Simon Schenk. In seiner kurzen Amtszeit habe er aber auch bemerkt, wie wichtig es für eine Randregion ist, dass sie einen Vertreter in Bern hat. «Eigentlich ist es traurig, aber gewisse Anliegen werden erst richtig ernst genommen, wenn sie von einem Nationalrat vorgetragen werden.»

FRAUENPOWER. Beatrice Geier, Nationalratskandidatin der Baselbieter Freisinnigen, ist eine selbstbewusste Frau, und wenn sie aus ihrem beruflichen und politischen Leben erzählt, lässt sie bisweilen verhaltenen Stolz funkeln. «Ich habe schon früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen», sagt die 54jährige Dame im feinen gelb-schwarzen Deux-pièces, «und ich habe eigentlich nie den bequemsten Weg gewählt.»

Anstatt nach der Matura an der Universität Nationalökonomie oder Kunstgeschichte zu studieren, entschied sich die Tochter aus der liberalen Stadtbasler Familie für eine Schneiderinnenlehre. Sie war sich auch, wie sie betont, nicht zu schade für ein Industriepraktikum als Akkordschneiderin. Zielstrebig bildete sie sich zur Modedesignerin aus und machte darauf im selben Unternehmen, wo sie ihr Praktikum absolviert hatte, eine rasche Karriere. «Eine spannende Zeit, von der ich heute noch profitiere. Wie in der Modebranche braucht man ja auch in der Politik Visionen. Man muss spüren, woher der Wind weht; man muss auf ein Ziel hinarbeiten und dabei auch Risiken in Kauf nehmen.»

Heute ist Beatrice Geier Berufspolitikerin. Ihren angestammten Beruf hat sie aufgegeben, weil sich der mit vielen Reisen verbundene 150-Prozent-Job auf die Dauer mit einem einigermassen normalen Familienleben nicht mehr habe vereinbaren lassen - für Beatrice Geier jedoch nur ein äusserlicher Bruch in ihrer Biographie, weil sie sich nie allein auf die Mutterrolle habe fixieren lassen. Als die Kinder klein waren, bildete sie sich zur Erwachsenenbildnerin aus, später gab sie nach der Methode der Themenzentrierten Interaktion Kurse in Gesprächsführung und Wahrnehmungstraining. Und als die beiden Kinder in die Schule kamen, erfolgte - nun allerdings ganz klassisch - der Einstieg in die Politik.

Beatrice Geier kam zu Ohren, dass die kantonale FDP eine Arbeitsgruppe zu den Themen Schule und Erziehung plante. Sie meldete sich und wurde noch am ersten Abend zur Vorsitzenden gewählt. Sie nahm Einsitz in die Sekundarschulpflege von Liestal, in der sie gleichfalls bald einmal zur Präsidentin avancierte. Beatrice Geier war da, wenn sie gebraucht wurde. So auch 1987, als sie von der damaligen Parteisekretärin der FDP Baselland angefragt wurde, ob sie nicht im Wahlkampf mithelfen wolle. Sie sagte wiederum zu, zumal sie sich gerade beim Tennisspielen eine Verletzung an der Achillessehne zugezogen hatte und dementsprechend etwas freie Zeit hatte. So wurden ihre Talente auch in der Kantonalpartei bekannt. Der damalige Parteipräsident wurde bei ihrem Ehemann vorstellig und fragte ihn an, ob er etwas dagegen hätte, wenn man seine Frau in die Parteileitung holte . . .

Beatrice Geier erzählt die Anekdote mit einem Schmunzeln. Und schmunzeln muss sie ebenfalls, wenn sie bemerkt, dass sie zwei Jahre später auch in diesem Gremium zur Präsidentin gewählt wurde, obwohl sie, entgegen dem Anforderungsprofil, über keinerlei militärische Führungserfahrung verfügte. Zwei Jahre später wurde sie ausserdem in den Baselbieter Landrat gewählt.

In der Geschäftsleitung der FDP Schweiz übernahm Beatrice Geier das heikle Frauendossier, und die Gleichstellung der Geschlechter bezeichnet sie denn auch als eines ihrer zentralen Anliegen. Da scheut sie, die ihre Positionen sonst eher wohltemperiert vertritt, sich denn auch nicht, bisweilen Klartext zu reden. So geschehen am Tag der Wahl von Ruth Dreifuss in den Bundesrat, als sie am Fernsehen keck kundtat, sie schliesse nicht aus, der Partei den Rücken zu kehren, wenn es den Freisinnigen nicht gelinge, vermehrt Frauen in öffentliche Ämter zu hieven - eine Äusserung, die bei gewissen Parteikollegen für ein gehöriges Rumoren sorgte.

Tatsächlich ist auch im Baselbieter Freisinn der Frauenanteil, obwohl in salbungsvollen Wahlplattformen mit 30-Prozent-Quoten immer wieder wortreich versprochen, bis heute weit unter dem gesteckten Ziel geblieben. Darüber täuscht auch der steile Aufstieg von Beatrice Geier nicht hinweg. Sie selbst sagt: «Als ich für das Präsidium angefragt wurde, war die Partei derart zerstritten und finanziell gebeutelt, dass schlicht keiner das Amt übernehmen wollte.» Erst in der Not wurde die Frau zur Hoffnungsträgerin.

DER SPRENGKANDIDAT. Im Büro hängt ein Kalender der Ems-Chemie, und Felix Huwiler bekennt: «Mein Vorbild ist der Dr. Christoph Blocher.» Dann holt der Mann mit dem Spitzbärtchen noch einmal ganz tief Luft und setzt an zu einer längeren Tirade gegen die Europäische Union, die Classe politique, gegen die Linken und Netten. Man kennt das Argumentationsmuster mittlerweile, doch horcht man auf, zumal darunter auch Sprüche sind, die man andernorts derart krude noch nicht gehört zu haben glaubt. Etwa dann, wenn Huwiler, Sympathisant von Paul Kuhns St.-Michaelsvereinigung in Dozwil, gegen den «Humanismus und Liberalismus» der Kirchen und gegen die «sozialistische Demontage» der Familie zetert, um im nächsten Satz zu proklamieren: «Ich bin nicht grundsätzlich gegen Frauen in der Politik, aber ich meine doch, dass Frauen, die Mutterpflichten zu erfüllen haben, in der Politik am falschen Platze sind.»

Felix Huwiler nennt seine Ehefrau Mami. Er ist 48 Jahre alt, ursprünglich gelernter Bauer, heute Unternehmer und Vater von fünf Kindern. In seiner Biographie sind somit durchaus Parallelen zu derjenigen seines Vorbildes zu erkennen, auch wenn bei ihm alles ein paar Nummern kleiner ist.

Vor zehn Jahren übernahm er in Dozwil im Thurgau die Firma, in der er im Aussendienst gearbeitet hatte. Das Unternehmen produzierte Anbindvorrichtungen für Ställe; das Geschäft lief schlecht. Huwiler übernahm das Steuer, stellte auf Metall- und Apparatebau um. Heute beschäftigt die Firma ein Dutzend Mitarbeiter, und die Auftragsbücher sind voll mit Bestellungen von Schweizer Industrieunternehmen. «Gute Schweizer Qualität und pünktliche Lieferung lassen uns im internationalen Konkurrenzkampf bestehen», erklärt Huwiler, der Unternehmer. Dass eine Integration der Schweiz in Europa seinem Unternehmen eher Nachteile als Vorteile bringen würde, steht für ihn ausser Frage. «Denn noch mehr als in der Schweiz regieren doch in der EU die Grosskonzerne. Sie lassen die Politiker nach ihrer Pfeife tanzen, während das Mittel- und Kleingewerbe immer mehr unter Druck kommt.»

Es war im Vorfeld der Abstimmung über einen Beitritt der Schweiz zur Weltbank und zum Währungsfonds, als Felix Huwiler das erstemal eine politische Veranstaltung besuchte. Vor der EWR-Abstimmung trat er der in seinem Wohnort Altnau neu gegründeten SVP bei sowie der von Christoph Blocher präsidierten AUNS, der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz. Und nun liess er kaum mehr eine Abstimmungsveranstaltung aus: mit Kollegen von der AUNS gehörte er zu den Claqueuren, die die Stimmung in den Sälen aufheizten, wenn Politiker und Staatssekretäre das Wort für den EWR ergriffen. Das EWR-Nein war Felix Huwilers erster politischer Triumph, und als dann die Blauhelm-Vorlage anstand, gehörte er, jetzt Stützpunktleiter der AUNS im Thurgau, erneut zu den treibenden Kräften des Nein-Komitees. «Ich bin dagegen, dass . . .» Die Negation ist Felix Huwilers Programm. Er trommelte gegen das Antirassismusgesetz, und als Sekretär der Neuen Bauernkoordination gehörte er auch zum schillernden Häufchen der Gatt-Gegner, was ihm prompt einen Auftritt in der Fernsehsendung «Arena» eintrug. Huwiler nutzte die Gunst der Stunde und schimpfte nach Kräften auf die Grossverteiler, «die Totengräber eines gesunden Bauernstandes». Er habe gespürt, dass er mit seinen Voten Ängste zum Ausdruck bringe, die in weiten Kreisen des Volkes geteilt würden, sagt Felix Huwiler. «Ich spreche für die schweigende Mehrheit, die in Bern viel zuwenig vertreten ist.»

Um dies zu ändern, meldete er über einen Kollegen sein Interesse für einen Platz auf der Nationalratsliste der SVP an - ohne je eine Antwort zu erhalten. So entschied er sich auch in eigener Sache für den Alleingang. Unterstützt von der Freiheitspartei, den Schweizer Demokraten und der Katholischen Volkspartei, steigt er nun als Ständeratskandidat ins Rennen und macht als solcher dem SVP-Parteipräsidenten Konkurrenz. «Denn diese Wahlen sind» - Felix Huwilers Augen flackern - «vielleicht die letzte Gelegenheit, die Schweiz vor dem Untergang zu retten.»




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