|
|
NZZ Folio 12/09 - Thema: Guten Appetit! Inhaltsverzeichnis
Zerlegt -- Die feine englische Art
© Patrick Rohner, Zürich
|
| Feinstrickpullover «Simeon», Merinowolle, John Smedley, 298 Franken. |
|
 |
Ein Pullover von John Smedley ist teuer, aber er wird aus feinerem Garn gestrickt als andere – und zwar noch immer in England, wo das Unternehmen vor 225 Jahren gegründet wurde.
Von Jeroen van Rooijen
John Smedley I., König der englischen Feinstrickpullover und Gründer des gleichnamigen Unternehmens aus Matlock, Derbyshire, ist seit fast zweihundert Jahren tot. Gegründet wurde die Firma 1784 als einfache Wollweberei. Seither haben sieben Generationen der Familie die Ideen des Patrons weiterentwickelt. Heute rühmt sich John Smedley, eines der ältesten noch immer am Ort seiner Gründung produzierenden Familienunternehmen der Welt zu sein. Und es will auch in Zukunft in den grünen Hügeln Englands statt in chinesischen Sonderwirtschaftszonen produzieren. John Smedley steht heute für Feinstrick – in den 1960er Jahren wurde das Geschäft mit den Poloshirts, Pullovern und Cardigans zunehmend wichtiger als die davor lukrative Herstellung von Unterwäsche. Die meisten Strickspezialisten verarbeiten Wollgarne bis zu einer Feinheit von 24 Gauge (Nadeln pro Inch) – darüber, also mit noch feineren Garnen, wird die Produktion erschwert, weil der Faden häufig reisst. John Smedley verwendet allerdings am liebsten Garne mit Feinheiten von 24 bis 30 Gauge. In Sommerkollektionen kommen Baumwollgarne aus Sea Island Cotton zum Einsatz, für die kältere Jahreszeit wird den extrafeinen Merinofasern von neuseeländischen Schafen der Vorzug gegeben. Ein Zertifizierungssystem erlaubt es, die Produktionswege dieser Wolle bis zum einzelnen Schaf zurückzuverfolgen.
Verstrickt werden die Garne auf japanischen und italienischen Flachstrickmaschinen, welche die Einzelteile des Pullovers «fully fashioned» ausspucken, also als fertig vernähbares Element, das nicht mehr zugeschnitten werden muss. Mit dieser Technik werden nur jene Flächen gestrickt, die zur Herstellung eines Pullovers benötigt werden – Verschnitt, so wie er bei Meterware unvermeidbar ist, gibt es nicht.
Der auf dieser Seite zerlegte Pullover aus der aktuellen Winterkollektion von John Smedley ist aus schokoladenschwarz gefärbter Merinowolle mit einer Feinheit von 30 Gauge gestrickt und hat einen offenen Polokragen. Die Kragenleiste sowie der Kragen haben einen roten Streifen, der die Halslinie akzentuiert. Der Rumpf ist relativ gerade geschnitten, die Ärmel werden mit einer Linie an das Rumpfteil gesetzt, die dem Raglanärmel von Mänteln ähnlich sieht.
Nach dem Annähen der Kragenteile und dem Schliessen der Armkugel werden die Seitennähte des Pullovers und die Ärmelnähte in einem Stück mit einer elastischen Kettelnaht zugenäht. Die Nahtzugaben betragen kaum drei Millimeter. Die Nahtenden werden von den Näherinnen mit einer feinen Nadel in das äusserste Ende der Nahtlage zurückgeführt und verstätet.
«Gekauft werden diese Pullover von Menschen, die Understatement schätzen», sagt Cristine Puntigam-Illi von der Modeagentur Amerey Fashion in Küsnacht, die John Smedley für die Schweiz vertreibt. Sie ist selbst «mit Smedley aufgewachsen» – ihr Vater verkaufte Baumwolle nach Derbyshire.
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|