HINTER DEN MAUERN des Gardequartiers bei der Porta Sant' Anna weht der Geist längst vergangen geglaubter Zeiten. Die Empfangsräume sind mit Darstellungen heroischer Taten von Schweizer Söldnern geschmückt; durch die Kasernengänge eilen Männer in schwarzen Pelerinen, unter denen blau-gelb gestreifte Strümpfe hervorlugen; im Ehrenhof üben Rekruten mit Hellebarden die Achtungstellung, dass die Absätze knallen.
Andreas Walpen ist seit 17 Jahren Teil dieses eigentümlichen Mikrokosmos. Er hat die verschiedensten Stufen der Hierarchie durchlaufen, vom Rekruten über den Hellebardier bis zum Korporal und Wachtmeister. Der Walliser Hüne hat schon die verschiedensten Uniformen und Hüte getragen und bei besonderen Anlässen auch die Eisenrüstung und den Helm mit dem roten Federbusch. Er hat Persönlichkeiten aus aller Welt, von Gorbatschew bis Arafat und Lady Diana, zum Papst eskortiert - unvergessene Höhepunkte in der langen Gardekarriere des heute 39jährigen.
Schweizergardist zu werden, erzählt der gelernte Vermessungszeichner mit roten Wangen, sei sein Jugendtraum gewesen. Schon als Bub eiferte er jenem Jungwacht-Führer nach, der in die Dienste der päpstlichen Garde eingetreten war. Später hätte er sich zwar auch eine Berufskarriere in der Schweizer Armee vorstellen können, doch als diese nicht den gewünschten Verlauf nahm, meldete er sich beim Rekrutierungsbüro der Garde. Da er alle Anforderungen - katholische Konfession, ledig, gut beleumundet, ein Lehrabschluss, voll militärdiensttauglich und mindestens 174 Zentimeter gross - erfüllte, erhielt er bereits kurze Zeit später den Marschbefehl. Die Rekrutenschule im Vatikan dauerte drei Wochen, und am 6. Mai 1982 wurde Andreas Walpen, Bürger von Reckingen und aufgewachsen in Fiesch, als Gardist vereidigt.
«Ich schwöre, treu, redlich und ehrend zu dienen dem regierenden Papst Johannes Paul II. und seinen rechtmässigen Nachfolgern, um mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben», sprach der junge Mann, und der Schwur ist für ihn heute noch gültig. Er quittierte den Dienst nicht bereits nach zwei oder drei Jahren wie die meisten. Er blieb und arbeitete sich zum Unteroffizier empor.
Als Wachtmeister befehligt er eines der drei «Geschwader», deren Auftrag es ist, Tag und Nacht über die persönliche Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz zu wachen. Weitere Pflichten der insgesamt 110 Mann starken Garde sind die Begleitung des Papstes auf Reisen, die Kontrolle der Eingänge zum Vatikanstaat sowie die Leistung von Ehren- und Ordnungsdiensten. Oft melden sich Besuche kurzfristig an, weshalb die Gardisten stets abrufbereit sein müssen.
«Auch der Papst ist ja sehr aktiv und setzt uns manchmal schon ziemlich unter Druck», sagt der Wachtmeister. «Es werden viele Opfer verlangt. Aber der Glaube hilft über manches hinweg.» Einer, der nicht der festen Überzeugung sei, dass der Heilige Vater tatsächlich der Stellvertreter Christi auf Erden sei, für den könne dieser Dienst schon zur Qual werden. Eine Anspielung auf die Bluttat, die kürzlich diese Mauern erschütterte? Walpen lakonisch: «Der Herrgott hat uns eine schwere Prüfung geschickt. Aber er hätte dies nicht getan, wenn er nicht eine Lösung wüsste.»
Der Glauben hat ihm auch geholfen, als er sich lange gedulden musste, bis er die Erlaubnis erhielt, seine Verlobte Anna vor den Traualtar zu führen. Gardisten ist eine Heirat nämlich nur erlaubt, wenn verschiedene Bedingungen erfüllt sind: Die Frau muss ebenfalls Katholikin sein, der Mann mindestens 25jährig und mindestens Korporal; und da jeder Gardist im Quartier zu logieren hat, muss dort auch noch eine Wohnung frei sein. Das Paar erfüllte alle Voraussetzungen, nur die Dienstwohnung fehlte. Fünf Jahre musste es sich gedulden, bis auch diese Bedingung gegeben war.
«Da musste man manchmal schon auf die Zähne beissen», sagt Walpen, der mittlerweile auch stolzer Vater ist. «Aber es hat sich gelohnt.»