NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Das Vermächtnis

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Er war der letzte Sulzer an der Spitze des Unternehmens: Georg Sulzer, genannt Gög (1909–2001). Linktext
Hundertfünfzig Jahre lang gehörten die Männer der Familie Sulzer zu den führenden Industriellen der Schweiz. Dann begann der Niedergang des Winterthurer Schiffsmotoren- und Webmaschinenbauers. Vier Erben blicken zurück. Und nach vorn.

Von Stefan Keller

Der letzte Sulzer an der Spitze des Unternehmens hiess Georg, aber seine Familie nannte ihn Gög. Als Georg Sulzer im Frühjahr 1982 altershalber vom Verwaltungsratspräsidium zurücktrat, feierten ihn die Aktionäre mit einer stehenden Ovation. Niemand hatte so lange und so unangefochten bei Sulzer regiert wie er. Nie zuvor hatte die Firma so stark expandiert. Als Georg Sulzer im Sommer 2001 hochbetagt an der Zürcher Goldküste starb, war er von der Welt aber schon vergessen: keine Nachrufe in der internationalen Presse, wie sie die Vorgänger noch erhalten hatten, in Schweizer Blättern bloss eine kurze Notiz. Tatsächlich schien es, als sei mit dem letzten regierenden ­Sulzer auch sein Lebenswerk erloschen. Bei der Gebrüder Sulzer AG in Winterthur hatten die Nachfolger Gögs jedenfalls kaum einen Stein auf dem andern gelassen.

Gög oder Johann Georg Sulzer, geboren 1909, von Beruf Ingenieur wie alle Sulzer, sofern sie nicht Juristen geworden sind. Aufgewachsen in Winterthur und Washington, wo der Vater im Ersten Weltkrieg den Posten des Schweizer Botschafters bekleidete. Verheiratet mit einer Schwarzenbach aus der Seidenindustrie.

1934 tritt Georg ins Familienunternehmen ein, das vom Vater und mehreren Onkeln geleitet wird. Der Vater, Hans Sulzer, gehört zur dritten Generation der Familie, wenn man bei der Firmengründung 1834 zu rechnen beginnt. Seit dem Washingtoner Aufenthalt trägt er den Minister­titel. Die Onkel heissen Carl und Robert, Albert und Oscar. Auch zwei Männer von ausserhalb zählen zur Firmenspitze: Heinrich Wolfer und Friedrich Oederlin, sie haben in die Familie eingeheiratet.

Alle diese Sulzer-Herren sind als Ingenieure oder Juristen nach dem Studium rasch in die Direktion aufgestiegen und belegen zudem einen Sitz im Verwaltungsrat. Sie wohnen in Winterthurer Villen mit Parkanlagen. Sie präsidieren wichtige Wirtschaftsorganisationen, den Vorort des Schweizerischen Handels- und Industrievereins, verschiedene Handelskammern, den Arbeitgeberverband der Maschinenindustrie. Sie halten sich Dienstboten, Gärtner, Gouvernanten. Mit ihren Gattinnen organisieren sie elegante Soireen, und manche sammeln Kunst: ein Hobby, das sie mit den Reinharts teilen, der zweiten schwerreichen Familie in Winterthur. Sie sind hohe Offiziere der Schweizer Armee, einer sitzt im Winterthurer Gemeinderat, einer im Kantonsrat, einer gehört als Mitglied der Freisinnigen Partei dem Nationalrat an.

Anders als andere Gründerfamilien der Schweiz – die Maggi, die Bally, die Schoeller oder Saurer – sind die Sulzer nicht im 19. Jahrhundert aus dem Ausland eingewandert, um von der hiesigen Freiheit zu profitieren. Sie waren schon immer da. «Das Geschlecht Sulzer», heisst es in einer Geschichte Winterthurs, «ist seit 1408 nachgewiesen und war im 19. Jahrhundert die grösste Bürgerfamilie in der Stadt. Es gab Jahre, da machten die Nachkommen der Familie bis zu einen Viertel aller Taufen aus, und im Rate trugen bisweilen die Hälfte der Mitglieder diesen Namen.»

1934, als Georg ins Unternehmen eintritt, veröffentlicht Sulzer gerade eine Festschrift zum hundertjährigen Bestehen. Man hat mit einer Drehereiwerkstatt und einer Giesserei angefangen, zuerst Messing-, danach Eisenguss und Maschinenteile für die boomende Ostschweizer Textilindustrie. Seit 1841 werden auch Heizkessel gebaut, seit 1865 Dampfmaschinen und Kompressoren, Pumpen, Kältemaschinen und ab 1897 Dieselmotoren. Das Patent dazu wird direkt bei Rudolf Diesel erworben, der seit einem studentischen Praktikum in Winterthur der Firma verbunden ist.

Grosse, stationäre Motoren baut Sulzer, Kraftwerke für die Industrie und – obwohl weit und breit kein Meer in der Nähe ist – Antriebssysteme für die internationale Seefahrt. Die Gebrüder Sulzer werden zu führenden Schiffsmotorenbauern, immer stärkere und effizientere Maschinen verlassen die Winterthurer Fabrikhallen. Bald sind die schnellsten und schwersten Ozeanriesen mit Sulzer-Motoren statt mit Dampfmaschinen ausgerüstet.

Seit 1914 gibt es neben der Gebrüder Sulzer AG eine Sulzer Unternehmungen AG als Holding. Die Geschäftsleitung beider Firmen wird unter den Männern aufgeteilt und von Bruder zu Bruder, von Cousin zu Schwager, von Onkel zu Neffe vererbt, nur selten vom Vater direkt auf den Sohn. Die Töchter erhalten Aktienpakete und gelten als gute Partien. Sulzer-Fabriken gibt es im deutschen Ludwigshafen sowie in Paris, dazu Niederlassungen auf drei Kontinenten.

Vor dem Beginn der grossen Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren beschäftigt die Firma Sulzer insgesamt 10 000 Leute. In Winterthur stellt sie einen Viertel der Arbeits­plätze.

Ein ehemaliger Bundesrat erinnert sich

Einer, der sich an diese Zeit gut erinnert, ist Rudolf Friedrich, 86 Jahre alt und ehemaliger Bundesrat. Friedrich sitzt in seiner Villa an der Wülflingerstrasse in Winterthur, ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Es ist ein herbstlicher Augusttag, im grossen Garten reifen schon erste Trauben, der alte Herr hat sie sorgsam in Gaze verpackt, um sie vor den Vögeln zu schützen.

Rudolf Friedrich war Rechtsanwalt und arbeitete nie bei Sulzer. Sein Vater war Arzt und betrieb eine Praxis in dem Haus, das der Sohn heute noch bewohnt. Friedrichs Grossvater mütterlicherseits hiess Carl Sulzer-Schmid. Er präsidierte den Verwaltungsrat der Gebrüder Sulzer AG ab 1914 und jenen der Sulzer Unternehmungen AG ab 1920. Von 1917 bis zum Tod 1934 sass er zudem im Nationalrat. Dort hatte er seinen Onkel Eduard Sulzer-Ziegler abgelöst, der als Erbauer des Simplontunnels in die Geschichte einging oder genauer: als Präsident einer Gesellschaft, die dieses epochale Bauwerk finanzierte und es von italienischen Arbeitern unter prekären Bedingungen bauen liess.

Natürlich sei er in die Familientradition hineingewachsen, sagt alt Bundesrat Friedrich. Doch seine eigene politische Karriere habe mit der Firma nichts zu tun. Ihn hätten die Krise der 1930er Jahre, der aufkommende Nationalsozialismus, der militärische Hilfsdienst als Pfadfinder und der nachfolgende Aktivdienst politisiert. Der Nationalsozialismus sei im Elternhaus vehement abgelehnt worden, sagt Friedrich, die Eltern seien «maximal anti­nazi» gewesen, auch die Lehrer im Gymnasium hätten so gedacht.

Ab und zu kam der Grossvater oder einer der Grossonkel an die Wülflingerstrasse zu Besuch, und die wirtschaftliche Lage war stets Tischgespräch. Carl Sulzer-Schmid, den die Arbeiter heimlich «Gottvater» nannten, habe sich fast ebenso sehr wie um das Schicksal des Unternehmens um jenes der Beschäftigten gekümmert, versichert der Enkel. Die Sulzers seien noch echte Patrons gewesen. Es sei nicht bloss um Gewinnmaximierung gegangen.

Zwischen 1929 und 1934 verschwinden in der Winterthurer Metallindustrie 4000 von ursprünglich 10 000 Jobs. Arbeitslosigkeit und Armut erreichen höchste Ausmasse. Anders als andere Industrieorte der Schweiz – Arbon, Biel, La Chaux-de-Fonds oder Zürich – ist Winterthur nie eine rote Stadt. Einer vergleichsweise moderaten sozialdemokratischen Linken steht hier eine bürgerliche Mehrheit aus Freisinnigen und Demokraten gegenüber. Der Stadtpräsident wird während der Krisenzeit von der Demokratischen Partei gestellt.

1936 ziehen Exporte und Konjunktur wieder an. Im Juli 1937 verlangt die Sulzer-Belegschaft eine Lohnerhöhung und droht mit Kampfmassnahmen. Ein Grossonkel Friedrichs, Oberst Robert Sulzer-Forrer, nimmt an der Betriebsversammlung teil, klettert in der Montagehalle auf einen grossen Motor und hält eine Rede von nationaler Bedeutung: Der Streik wird daraufhin abgesagt. Eventuell hätte er schnell auf andere Betriebe übergegriffen und dabei einen Vertrag torpediert, der wenige Tage später zum Abschluss kommen sollte. Am 19. Juli 1937 unterzeichnen Gewerkschaftsfunktionäre und Unternehmer der Metall- und ­Maschinenindustrie ein Friedensabkommen. Die Arbeiter erklären sich darin bereit, auf das Mittel des Streiks zu verzichten.

Nachfolger von Oberstbrigadier Carl Sulzer-Schmid, dem Grossvater des Bundesrates, wird 1934 der bereits erwähnte Minister und Oberstleutnant Hans Sulzer-Weber, der Vater von Gög. Er versieht das Amt bis zu seinem Tod 1959; dann tritt sein Sohn die Nachfolge an.

Vom Generalsekretär zum Restaurator

Auch Enkel des Ministers leben heute noch, einer ist der 61jährige Alfred R. Sulzer, der eigentliche Hüter der Familiengeschichte und der Erinnerungen des Clans. Alfred Sulzer wohnt in einem mittelalterlichen Turm in der Zürcher Altstadt mit Fresken aus dem 13. und 14. Jahrhundert an den Wänden. Als Feriendomizil besitzt er ein schlossähnliches Weinbauernhaus in Malans; der Kauf und die sanfte Sanierung historisch wertvoller Bauten sind sein eigentlicher Beruf, seit er 1988 bei Sulzer hat aussteigen können.

Alfred R. Sulzer sass nie im Verwaltungsrat, allerdings nahm er an seinen Sitzungen teil. Er war Generalsekretär des Konzerns unter Armin Baltensweiler und Pierre Borgeaud, zwei Nachfolgern seines Onkels Georg. Der Angehörige der fünften Sulzer-Generation erlebte in diesem Amt einen ersten unfreundlichen Übernahmeversuch in den 1980er Jahren – jenen des Tessiner Financiers Tito Tettamanti –, der noch erfolgreich abgewehrt werden konnte: mit Hilfe des Financiers und späteren Bankrotteurs Werner K. Rey.

Alfred R. Sulzer kontrollierte das Aktienregister und das Konzernarchiv, und wenn jemand schlecht über die Sulzer-Vergangenheit schrieb, wie beispielsweise der Journalist Niklaus Meienberg 1978 im «Winterthurer Stadtanzeiger», dann ärgerte sich der Generalsekretär und versuchte die Angriffe abzuwehren.

Sie ärgert ihn noch heute, jene Meienberg-Geschichte, die von seinem Grossvater handelte: Im Zweiten Weltkrieg hatte der Bundesrat den ehemaligen Minister Hans Sulzer reaktiviert und ihn als Leiter einer Delegation zu kniffligen Wirtschaftsverhandlungen mit den Alliierten nach London geschickt. Im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich liegen Briefe, die Verwaltungsratspräsident Sulzer per diplomatischen Kurier aus England an den Delegierten des Verwaltungsrates, seinen Freund Heinrich Wolfer in Winterthur, sandte und in denen er sich bitter über die anhaltenden Rüstungslieferungen der Schweiz an Nazideutschland beklagte: «Wenn wir uns nur nicht so ganz an die ­Achsenmächte verkauft hätten!» schrieb er 1942 an Heinrich Wolfer.

Heinrich Wolfer seinerseits schickte Briefe zurück, in denen auch von Grossaufträgen die Rede war, die Sulzer aus Deutschland erhielt. Offiziell weigerte sich die Firma zwar, «typisches Kriegsmaterial» an die Deutschen zu liefern. In der Chefetage hielt man das Naziregime für gefährlich, und Wolfer schrieb im Sommer 1942 nach England: «So wie es den Juden erging», werde es bald auch «den Industriellen» gehen, Hitler werde ihnen «den Kopf vor die Füsse legen». Motoren für Handelsschiffe lieferte Sulzer trotzdem. Im Herbst 1944 setzten die Alliierten die Firma des unglücklichen Diplomaten und seines vorsichtigen Delegierten deshalb auf eine schwarze Liste und verboten jedes Geschäft mit ihr.

Aber nicht diese Begebenheit erzählte Meienberg im «Stadtanzeiger». Sondern jene von Oscar Sulzer, Verwaltungsrat und Cousin von Minister Sulzer, der vor dem Krieg während kurzer Zeit eine Organisation von Schweizer Frontisten mitfinanziert hatte. Aufgrund eines deutschen Aktenstückes glaubte der Journalist, auch der anglophile Hans Sulzer habe noch 1943 einen deutschen Sieg über «die Angelsachsen» explizit herbeigewünscht und sei eigentlich selber ein Faschist gewesen.

So etwas war im Winterthur der späten 1970er Jahre nicht etwa eine historische Behauptung, die entweder ­bewiesen oder widerlegt werden konnte, sondern ein Sa­krileg: Rudolf Friedrich, damals noch Nationalrat der Freisinnigen Partei und pas­sionierter Leserbriefschreiber, protestierte öffentlich. Er sprach Meienberg jede moralische Legitimität ab. Bei Sulzer fand eine Krisensitzung statt. Der «Stadtanzeiger» wurde unter Druck gesetzt – der Konzern entzog ihm laut Meienberg für einige Zeit die Inserate – und musste sich entschuldigen.

Er sei eigentlich selber ein verhinderter Historiker, sagt Alfred R. Sulzer, der Jus studiert hat und heute denkmal­geschützte Häuser renoviert. Ihn interessiere gerade bei dieser Frage, wie sich Menschen in historisch schwierigen Situationen verhielten. Dann führt er freimütig andere ­Familienmitglieder an, die den Nationalsozialisten weitaus näher gekommen seien als sein Grossvater, der Minister. Mütterlicherseits ist Alfred R. Sulzer mit den Koechlins verwandt. Onkel Carl Koechlin regierte die Chemiefabrik Geigy in Basel und erklärte sie 1933/34 für «arisch». Ganz anders war Onkel Alphons Koechlin, ein Pfarrer und Kirchenpolitiker, der sich aktiv um Flüchtlinge, darunter auch Juden, kümmerte.

Alfred R. Sulzer ist 1976 in die Gebrüder Sulzer AG eingetreten, «als die fetten Jahre schon vorbei waren», wie er sagt. Ausgetreten ist er in der Zeit um seinen vierzigsten Geburtstag, als nach dem Übernahmeversuch durch Tettamanti wieder der normale Alltagstrott einkehrte. Der Strukturwandel in der Schweizer Industrie sei damals voll im Gange gewesen, sagt Alfred R. Sulzer, aber in Winterthur habe man sich den Veränderungen nur mit Mühe angepasst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Unternehmen zunächst eine goldene Zeit erlebt. Im Schiffsmotorenbau wurde Sulzer zum Weltmarktführer. Auch die neue Webmaschinenabteilung, die seit den 1930er Jahren geplant und seit den 1950er Jahren aufgebaut worden war, verkaufte und verkaufte: Jede zweite Jeans in der Welt, hiess es noch Ende des Jahrhunderts, werde auf einer Sulzer-Maschine gewoben. In Oberwinterthur war 1956 ein riesiges Giessereizentrum entstanden. 1961 kaufte Sulzer die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM, 1963 die Maschinenfabrik Escher-Wyss.

An der Spitze des Unternehmens stand nun Georg oder Gög, er war gleichzeitig Delegierter und Präsident des Verwaltungsrates. In der Geschäftsleitung sassen zwei seiner Cousins, Söhne von Carl Sulzer-Schmid und Heinrich Wolfer. Auch in der vierten Generation dominierten Sulzer-Männer das Management. Die Mitarbeiterzahl stieg von 12 000 auf 34 000. Anfang der 1980er Jahre brachen erstmals die Gewinne ein.

Der Sicherheitsberater in seinem Revier

Beat Wolfer, der Enkel von Verwaltungsrat Heinrich Wolfer-Sulzer, arbeitete schon als Student in der Firma, die er nicht Sulzer, sondern – wie die Arbeiter und Arbeiterinnen – Sulzere nennt. Mit weiblichem Artikel: die Sulzerei.

Er habe in der Sulzere sein Praktikum gemacht, sagt der 68jährige Wolfer, und sei dann als diplomierter Maschineningenieur ETH in die Gasturbinenabteilung eingetreten. Während des Praktikums in Giesserei und Schmiede wunderten sich die Arbeiter, dass ein Wolfer im Über­gwändli arbeiten konnte. Wolfer seinerseits wunderte sich über das enorme Know-how dieser Facharbeiter und über ihre schlechten Löhne.

Da habe zum Beispiel ein Schmiedemeister riesige Kurbelwellen für Dieselmotoren praktisch von Auge schmieden können, sagt Wolfer. Hätte er einen Fehler gemacht, hätte es Hunderttausende von Franken gekostet. Und was habe der verdient? Achthundert im Monat! Er habe mit seinem geliebten und bewunderten Grossvater darüber gesprochen. Aber der Grossvater hielt es für normal: Das sei eben so, sagte Heinrich Wolfer bloss.

Nach dem Studienabschluss arbeitet Beat Wolfer im Verkauf und merkt schnell, dass er zwar Schaufelwinkel berechnen kann, aber von Betriebswirtschaft keine Ahnung hat. Nichts Derartiges gelernt an der ETH. Zwei Jahre später – er hat schon eine Familie – zieht Wolfer in die USA, um in Chicago einen Master of Business Administration zu erwerben.

Der begehrte Studienplatz an der Northwestern University wird ihm von einem Freund der Familie vermittelt, dem Industrieberater Lester B. Knight. Nach Abschluss mit Spitzennoten tritt Beat Wolfer in Knights Unternehmen in Chicago ein, er wird Assistent des Chefs und berät jetzt zum Beispiel den Chemiemulti Sandoz in Basel bei der Einführung eines Informationssystems. Einige Jahre später wechselt er in ein Zürcher Büro und berät die Regierung von Saudiarabien, die für ihr neugebautes Aussenministerium ein Sicherheitskonzept bestellt. Als selbständiger Berater kehrt Wolfer schliesslich zur Firma seiner Vorfahren zurück und verfasst dort eine Marketingstudie für Sulzer-Gasturbinen.

Er wird Mitglied der Jagdgesellschaft des verstorbenen Grossvaters, in der hauptsächlich Industrielle und Politiker jagen, auch sein Schwiegervater, der Präsident der Winterthur-Versicherungen. Er geht mit Armin Baltensweiler auf die Pirsch, dem Swissair-Präsidenten, der bald Nachfolger von Onkel Georg wird. Aufgrund der Erfahrungen in Saudiarabien erhält Beat Wolfer den Auftrag, sich um den Werkschutz bei Sulzer zu kümmern. Dieser bestand bisher hauptsächlich darin, dass die Firmenportiers geladene Pistolen in der Schublade liegen hatten.

Wolfer führt also ein professionelles Risk-Management ein, nicht nur in Winterthur, sondern weltweit. Gefahren werden definiert und Massnahmen ergriffen. Er wird, wie er selber sagt, «quasi Hofberater in Sicherheitsfragen». ­Allerdings immer nur von aussen und nie als Angestellter. Er berät auch Banken und bereitet sie auf plötzliche Krisen, Demonstrationen, Besetzungen und sonstige riskante Ereignisse vor. Bis dann gegen Ende des Jahrhunderts die Elektronik so viel wichtiger wird und die Sicherheit der Daten jene der Gebäude an Bedeutung bei weitem übertrifft: Da zieht er sich aus dem Geschäft zurück und lässt ein Haus mitten ins Revier seiner Jagdgesellschaft im Zürcher Weinland bauen. Von der Gebrüder Sulzer AG besitzt Wolfer heute noch hundert Aktien. Er hat die Nachfolger von Onkel Gög, die Nachfolger dieser Nachfolger und deren Nachfolger gesehen.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre feiert der Konzern noch einmal Rekordergebnisse, doch das täuscht. In den 1990er Jahren versinkt Sulzer in eine gigantische, nicht enden wollende Krise. Die Zerschlagung des Unternehmens wird beschlossen, die traditionsreichsten Teile werden ausgelagert, verkauft oder eingestellt. Man nennt es Devesti­tionsprogramm. Innerhalb weniger Jahre verwandelt sich der Maschinenbaukonzern, dessen Produkte alle Welt kannte – vom Motor bis zu den ultramodernen stählernen Hüftgelenken –, zu einer Technologiefirma, von der auch in Winterthur fast niemand mehr weiss, was sie eigentlich macht.

Dass die Dieselmotoren verschwanden und dann die Textilmaschinen, jene Produkte, für die der Name Sulzer stand, hält Beat Wolfer für einen Fehler. «Man hätte einen Rank finden müssen», sagt er. Etwas mehr Ausdauer wäre nötig gewesen. Er glaubt, «die Alten» hätten das besser gemacht und nicht so schnell aufgegeben.

Doch es folgte Reorganisation auf Reorganisation. Auch die Lokomotivfabrik wurde geschlossen. Das Fabrikareal in Winterthur geräumt. Die Giesserei in Oberwinterthur aufgelöst. Die Sulzer Medica nach einer Haftungsklage abgestossen. Feindliche Übernahmeversuche folgten auf feindliche Übernahmeversuche und erhöhten den Druck auf das schlingernde Unternehmen. Bis schliesslich einer der Raider sich durchsetzen konnte: der russische Oligarch Wictor Wekselberg, der im Frühjahr 2009 mit 31,2 Prozent des ­Kapitals den Verwaltungsratspräsidenten abwählen liess. Weltweit beschäftigt Sulzer zu diesem Zeitpunkt etwa 12 000 Leute, die Zahl der Arbeitsplätze in Winterthur ist auf weniger als 800 geschrumpft.

Beat Wolfer besucht heute noch die Generalversammlungen. Das sei so ein nostalgischer Anlass, findet er, um ehemalige Kollegen zu treffen. Und wegen Wekselberg macht er sich keine grossen Sorgen: Dieser habe ja viel Geld in die Firma gesteckt. Er werde sie nicht untergehen lassen. Auch die Jagd habe sich grundlegend verändert, sagt Wolfer, der in den letzten Jahren zahlreiche weidmännische Ehrenämter versah. Grossvater Heinrich Wolfer sei jeweils mit dem Chauffeur ins Revier seiner Jagdgesellschaft gefahren. Der Jagdaufseher habe ihn erwartet und zum Ansitz geführt, an die Stelle, an der jeden Abend um 19 Uhr der Bock erschienen sei. Um 18 Uhr 45 sei der Grossvater eingetroffen. Um 19 Uhr sei der Bock erschienen. Der Grossvater habe den Bock geschossen. Der Chauffeur habe den Grossvater nach Hause gefahren. Höchstens, dass sie vor der Heimfahrt noch im «Sternen» oben etwas assen.

Ein Sulzer, der Geschäfte in Dubai macht

In einer Genfer Villa, hinter Hecken und teuren Zäunen, sitzt Patrick Sulzer, geboren 1975. Neben dem Hauseingang ist ein Wappen der Familie eingemauert, und über sein Bett hat der junge Mann einen Teller mit demselben Wappen gehängt. Doch Patrick Sulzer ist im Genfer Elternhaus nur noch Gast, seit einigen Jahren wohnt er in Dubai und berät dort westliche Investoren, während seine Frau, eine Französin, für den Luxusgüterkonzern Richemont das Marketing von der Türkei bis nach Indien betreut.

Patrick Sulzer gehört zur sechsten Generation der Industriellenfamilie, sein Urgrossvater war Minister Hans Sulzer. Er ist als Sohn des Banquiers John Sulzer in Holland, Belgien und Genf aufgewachsen. Deutsch spricht er lieber nicht. Seine Grossmutter war eine Merian, die Mutter gehört zum Clan der de Weck aus Freiburg.

Was verbindet den 34jährigen Patrick Sulzer mit der Winterthurer Familientradition, vom Wappenteller einmal abgesehen? Das Unternehmertum, sagt Sulzer. «Am Beginn unserer Familie standen grosse Entrepreneurs.» Mit solchen Unternehmern arbeite er in den Emiraten zusammen. Früher oder später wolle er selber einer sein.

Sulzer, der in Oxford studierte, ist Partner der Emirates Business Consultants EBC, die in enger Verbindung zu Scheich Butti bin Juma Al Maktum steht, einem Cousin des Emirs von Dubai. Der Senior Partner von EBC ist persönlicher Berater des Scheichs. Zu Patrick Sulzers interessantesten Mandaten zählt beispielsweise die RAK Composites im benachbarten Emirat Ras al-Khaimah, dort, wo die ETH Lausanne kürzlich einen Campus eröffnet hat und nächstes Jahr der America’s Cup stattfinden soll. RAK Composites setzt auf künstliche Verbundstoffe, mit denen heute noch Schiffe – wie die America’s-Cup-Gewinnerin Alinghi – und morgen vielleicht schon Häuser hergestellt werden. An RAK Composites beteiligt sind die RAK Ceramics, der Alinghi-Ingenieur Bertrand Cardis und der Schweizer Unternehmer Jean-Jacques Miauton, ehemaliger Chef des Baustoffkonzerns Gétaz Romang. RAK Ceramics ist regierungseigen und gilt als grösster Keramikproduzent der Welt.

Wie sieht der Unternehmer aus, der Patrick Sulzer sein möchte? Ein Unternehmer nach seiner Vorstellung habe nie ein Problem, sondern stets eine Lösung: «Die Probleme kommen, und er löst sie eins nach dem anderen.» Die Partner von RAK Composites, besonders der Schweizer Miauton, seien genau solche Leute. Zu den grössten Problemen der immer noch wachsenden Weltbevölkerung gehöre neben dem Wassermangel das Fehlen von Häusern, sagt Sulzer: Allein in Indien brauche es demnächst 24 Millionen Häuser! «Und nun erklären Sie mir», fragt er, «wie könnte man 24 Millionen Häuser auf traditionelle Weise bauen?» Das gehe nur mit neuen Konstruktionen. RAK Composites arbeitet daran.

Ein anderes Unternehmen, in dem sich Patrick Sulzer engagiert, heisst Ethics. Hier ist er selber Aktionär und Verwaltungsrat. Ethics hat seinen Hauptsitz im waadtländischen Aubonne und will einen weltweiten ethischen Standard für Unternehmen etablieren. Ethics will die Unternehmen zerti­fizieren, ihnen nach sorgfältiger Untersuchung ethische Glaubwürdigkeit bescheinigen. Dass Glaubwürdigkeit immer wichtiger werde, sagt er, habe sich auch beim weltweiten Kollaps der Finanzmärkte gezeigt. «Die Finanzmärkte haben die Wirtschaft nur benützt», dabei wäre das Gegenteil nötig: «Die Finanzmärkte müssen der Wirtschaft dienen.» Viele Firmen und sogar Regierungen könnten sich mit einer Ethics-Zertifizierung nach dem Debakel neue Glaubwürdigkeit verschaffen. In Dubai hat Ethics schon ein Büro eingerichtet, und von Genf fliegt Sulzer nach Brasilien, weil auch dort eins eröffnet wird.

Er wäre gerne Unternehmer wie die Vorfahren, sagt Patrick Sulzer im Garten seiner Eltern, wo Wasser plätschert und die Vögel wunderbar singen. In Dubai werde er oft auf seinen Namen angesprochen, den man erstaunlicherweise dort besser kenne als in Genf. Von Zeit zu Zeit habe er auch eine Idee, welche Art von Unternehmen er gründen und aufbauen werde. «Aber ich habe bis anhin ein Problem», sagt Sulzer: «Il faut que ça bouge. Ich langweile mich zu schnell.»

Stefan Keller ist Journalist und Historiker; er lebt in Zürich.


Leserbriefe:

Zu Das Vermächtnis - NZZ-Folio Family Business (11/09)

Die Frage sei erlaubt, ob denn die in Winterthur unter Einwohnern und Angestellten gängige Unternehmensbezeichnung „d’Sulzere“ wirklich einen matriarchalisch-beschützend weiblichen Hintergrund hat. Ich könnte mir ebenso gut vorstellen, dass „d’Sulzere“ oder „bi de Sulzere schaffe“ eher von der männlichen Mehrzahlform, also der Kurzform des über Generationen geführten Firmennamens „Gebrüder Sulzer“ abgeleitet wurde. Ein Mehrzahl–s gab es ja in der Mundart nicht und schon nicht ein „n“ wie es die Deutschen pflegten (bei Sulzern).
Jakob Forster, Oberrieden




Zu Das Vermächtnis - NZZ-Folio Family Business (11/09)

Winterthur, 1940. Die Sekundarschule mit je einer Sechs in Geographie und Turnen sowie Fünfern in Deutsche Sprache, Französische Sprache, Rechnen, Geschichte, Geometr.- und Tech. Zeichnen sowie Englische Sprache abgeschlossen; sonst keine Note unter 4-5. Draussen herrschte Krieg. Die Schweiz ruhig. Nachts Verdunkelung. Die Fenster verklebt mit schwarzem Papier bei geschlossenen Fensterläden.
Lehrstellensuche. Gebrüder Sulzer oder Volkart Brothers, gegr. 1851 in Winterthur und Bombay, was ich damals nicht wusste. Die Stadt und deren Pioniere waren 1939 kein obligatorischer Lehrstoff; ein gravierender Mangel (aus heutiger Sicht). Am Familientisch eines kleinen Beamten war die grosse Welt der Industrie und des Handels (Wirtschaft) kaum ein Thema. Die persönliche Vorstellung bei Sulzer war eine Erniedrigung, als der Machtmensch (Personalchef) den verunsicherten Schulabgänger aber bereits als Ortswehr-HD eingeteilten Lehrstellensuchenden barsch aufforderte, die „ Hände aus dem Sack“ zu nehmen. Ich sollte nicht und nie zu den „human resources“ von Sulzer gehören. Dabei war ich Winterthurer Bürger. Zu einem Gespräch mit Volkart Brothers kam es nie. Statt den Beruf eines Kaufmanns zu erlernen, durchlief ich die vierjährige Lehre als Vermessungstechniker mit dem Ziel, nach Kriegsende in Übersee (bei Shell in Borneo) eine Anstellung zu finden, wo Schweizer gesucht waren. Die Zeiten änderten sich. Holland zog sich aus Indonesien zurück. Sulzer wie Volkart waren Begriffe. Wie die Versicherung. Deren Werbeslogan „Winterthur ist überall“ um die (halbe) Welt ging. Winterthur ist „Family Business“. Ein gutes Stück Schweizer Geschichte jedenfalls, das aus lauter Bescheidenheit nicht in Vergessenheit geraten darf.
Erwin A. Sautter-Hewitt, Zumikon ZH




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