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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Rock’n’Roll in der Hölle
© Heinz Unger
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| Es rockt und rollt beim Blick in die Regalwand. In der Vitrine Hochprozentiges – ein Überbleibsel aus Rockerzeiten? |
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Ein Comiczeichner mit Fernbedienung gegen das Fernweh? Ein Tätowierer mit getarnter Sitzgruppe? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Hier wohnt ein Mannsbild. Ein Kerl, der einst auf seiner Harley-Davidson durch die Staaten brauste, der sich auf dem häuslichen Wandbild in prominenter Gesellschaft zeigt. Amerika, Easy Rider, Death Valley, Falkenauge – es rockt und rollt nur schon beim Anblick der ganzen Menagerie in der Stube.
Die fast schon psychedelisch gemusterte Polstergruppe neben der Häkeltischdecke auf dem Wohnzimmertisch und den Batikvorhängen, ausgestopftes Kleingetier, Schrumpfkopftrophäe und eine beachtliche Sammlung von Totenschädeln in den Tiefen der Ikea-Wohnwand zeugen von einem mehr als eigenwilligen Geschmack.
Der Bewohner ist ein Lonely Rider, eigen und einzelgängerisch; einst in den Jagdgründen Amerikas unterwegs, lebt er, mittlerweile in der Generation 50 plus angekommen, das Fernweh mit der Fernbedienung aus.
In dieser Wohnung dröhnen aber nicht nur Led Zeppelin und Deep Purple aus den aufgehängten Lautsprechern, in der Werkstatt surrt auch regelmässig das Tätowiergerät. Professionell ausgerüstet mit Farbtöpfchen, Schragen und Medizinallampe, verpasst unser Mann seiner Kundschaft das gewünschte Outfit hautnah, Vorlagen und Muster hat er in seiner Bleibe mehr als genug.
Hochprozentiges im Buffet dient nicht zum Desinfizieren, und Aschenbecher sind nicht Verzierung, vermutlich pflegt er seine alten Lebensgewohnheiten aus Rockerzeiten genussvoll weiter, ist trotzdem aber ein ganz Ordentlicher mit diesem properen Plattenboden.
Ein Hell’s Angel, ein Höllenflieger – er mag es skurril mit einem makabren Touch, doch hinter diesem Auftritt kann man einen vom Typ «harte Schale, weicher Kern» vermuten, der mit Freude seine Wohntrophäen herzeigt.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Totenschädel, flügelschlagende Vogelstandbilder und Fotos von Motorradmotiven – wohnt so ein echter Hell’s Angel? Oder braucht der Bewohner, ich tippe auf einen Mann, dieses Gruselkabinett beruflich? Haben wir es mit einem Comic- oder wissenschaftlichen Zeichner zu tun?
Die Örtlichkeit weist auf eine Etagenwohnung in einem 1960er-Jahre-Wohnblock hin. Ein eingezogener Balkon, eine Sitznische, sehr gross kann diese Wohnung nicht sein. Etwas Weite schafft das raumhohe Tapetenbild in der Sofaecke vom National Memorial Mount Rushmore. Vielleicht ein Werk des Bewohners, der sich ganz unbescheiden am rechten Bildrand neben die illustre Gruppe gesellt hat?
Beim Bodenbelag und den Sitzbezügen setzt man auf das Praktische: Keramische Bodenplatten halten den härtesten Belastungen stand, und im Bezug der Sitzmöbel – einer Art Tarnanzugsmotiv – sind die Flecken bereits eingewoben. Dazu kontrastiert eine in die Zimmerecke gestellte Wohnwand aus hellem Nadelholz, irgendwie riecht es hier nach Rocky Mountains.
Der Arbeitsplatz ist am aufschlussreichsten: weisse Möbel, anthrazitfarbener Boden – ein Labor. Hier herrscht peinlichste Ordnung, fast sterile Sauberkeit. Eine Lupenlampe, ein Arbeitsstuhl und eine weitere Sitzgelegenheit, vermutlich für einen Kunden. Wird hier tätowiert? Damit würde sich auch die sinnbeladene Motivsammlung in der gesamten Wohnung erklären.
Stefan Zwicky
Lacky Grossenbacher und Moni Leuenberger, Tätowierer
«In Grenchen wohnen wir aus strategischen Gründen. Als ich in den 1980er Jahren zu tätowieren begann, war das im Kanton Bern verboten. Also zogen wir in den Kanton Solothurn. Ich bin ein Urgestein der Szene. Damals gab es in der Schweiz vier oder fünf Tätowierer. Mein Kollegenkreis brachte mich dazu. Ganz wichtig: Ich bin kein Hell’s Angel – eher ein Easy Rider. Damals gehörte ich zur Rockerszene, da waren Tätowierungen schon immer gefragt. Meine erste Tätowierung stach ich mir mit 14 Jahren selbst: einen Pantherkopf mit Kreuz auf den linken Unterarm. Meine Eltern waren nicht begeistert.
Anfangs mischte ich die Farben noch selber, auch die Nadeln lötete ich selbst. Mein linkes Bein ist das Versuchsbein. Hatte man eine Nadel gelötet, musste man ja schauen, ob sie auch funktionierte. Alle alten Tätowierer haben so eine Versuchsecke. Wir nennen das Friedhof. Ich stehe so um neun Uhr auf und trinke meinen Kaffee, dann gehe ich zeichnen, was am Tag gestochen werden muss. Um eins geht’s los. Am Ende meiner Tage möchte ich gerne voll sein. Meine Tattoos haben für mich ihre speziellen Bedeutungen. Moni hätte auch gerne mehr – aber ich finde kaum Zeit für sie. Wir kennen uns seit fast dreissig Jahren. In Burgdorf kam sie aus dem Spunten heraus, in den ich gerade hineinwollte. Sie war 18 und ein Teddygirl, ich war 20 und ein Rocker. Ich wusste sofort: Die will ich. Dass sie damals einen anderen hatte, war uninteressant, ich musste aber schon noch etwas baggern, bis sie nachgegeben hat.
Wir waren viele Jahre in Europa auf der Harley unterwegs – als reisende Tätowierer. Wir schliefen in den Clubs, in denen wir abends tätowierten. Manchmal bekamen wir nächtelang keinen Schlaf, in jungen Jahren hält man das locker durch. In dieser Wohnung leben wir seit zehn Jahren. Das grosse Bild im Wohnzimmer ist ein Auftragswerk. Ein Freund hat es für mich gemacht. Ob ich der Biker auf dem Bild bin? Nein, ich war noch nie mit der eigenen Harley in den Weiten Amerikas unterwegs. Die Zeichnungen stammen von David Man, in der Bikerszene ist sein Name ein Begriff. Ich besitze zwei Harleys, Moni eine Suzuki und eine Harley. Wen ich im Falle eines Feuers retten würde? Moni hat selber Beine, der Töff nicht. Harley ist eine Lebensphilosophie. Moni denkt ebenso.
Als wir hierherkamen, betrachtete man uns als Abschaum – die haben sogar Wetten abgeschlossen, wie lange wir mit dem Studio überleben würden. Wir hatten auch keine Chance, eine Wohnung zu finden. Das war wieder typisch schweizerisches Bünzlitum. Haben Sie einen Job? Nein? Dann gibt es auch keine Wohnung. Suchte ich einen Laden, hiess es: Haben Sie eine Wohnung? Also hat Moni einen Job als Serviertochter angenommen, wir zogen in ein Zimmer im Restaurant, um eine Adresse zu haben.
Mittlerweile sind wir integriert. Ich bin Präsident der Jugendkommission und Mitglied der Baukommission. Man würde mir eher SP geben, aber ich bin SVP. Politisch bin ich seit 1978, seit den Anfangsjahren der Autopartei. Ob schon Parteikollegen zu mir kamen, um sich tätowieren zu lassen? Das kommt vor.
Gegen halb neun Uhr abends sind wir fertig. Moni ist im Geschäft für die Administration zuständig. Moni kocht gut, ich kann nicht klagen. Wir essen nicht speziell gesund, trinken aber selbstgemachten frischen Jus, weil wir nicht so extreme Fruchtesser sind. Ich koche nie, aber alleinstehend deshalb zugrunde gehen würde ich nicht, es gibt genügend Beizen. Wir essen meistens im Wohnzimmer. Bei den Möbeln sage ich, welche Eigenschaften sie zu erfüllen haben, Moni hat dann freie Hand beim Design.
Als wir zusammenkamen, hatte ich Schlangen: zwei Boas, einen Königs- und einen Tigerpython. Die längste war 3 Meter 20. Manchmal kamen sie auch aufs Sofa. Sie sind alle tot. Während wir auf Reisen waren, betreute sie ein Kollege: Der einen ist im Terrarium ein Stein auf den Kopf gefallen, der anderen riss eine Ratte den Rachen auf, und die dritte starb an einer Infektion.
Die Totenköpfe sammle ich seit Jahren. Wichtig ist, dass sie originell und schön verarbeitet sind, Kitsch mag ich nicht. Ich mache prinzipiell keine Hausarbeit. Wir haben unsere Aufgabenbereiche klar aufgeteilt. Was auch im Sinne von Moni ist. Zurzeit schauen wir uns um, ja, die Wohnung wird frei, allerdings ohne Einrichtung.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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