Es lächeln in unvollständiger alphabetischer Reihenfolge: Brigitte Bardot, Marlon Brando, Maria Callas, Charlie Chaplin, Maurice Chevalier, Winston Churchill, Gary Cooper, Alain Delon, Marlene Dietrich, Jane Fonda, Cary Grant, Audrey Hepburn, Rock Hudson, Grace Kelly, Sophia Loren, Kim Novak, Anthony Perkins, Gina Lollobrigida, Romy Schneider, Liz Taylor.
Ort des Lächelns bzw. der Handlung: die französische Riviera zur Zeit der «Golden Fifties». Hotel- und Casinobesitzer haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Etablissements wieder auf Hochglanz gebracht. Die Bühne für die Aufführung der Gesellschaftskomödie «Glitz and Glamour» steht bereit, Jetset und Halbwelt leben von Gala-Night zu Gala-Night. Auch das Cast ist komplett: Stars und Starlets, Sänger und Klatschtanten, Playboys und Filmproduzenten, Primadonnen und Reeder, Ex-Kaiser und Ex-Prinzen, Autorennfahrer und Fürsten, Hasardeure und Ballerinen.
Ständiger Augenzeuge ist der irische Fotograf Edward Quinn (1920–1997). Am Ende des Jahrzehnts wird er die Spuren des Tag- und Nachtlebens im Epizentrum des Show- und Big Business, der Kunst, Musik und Literatur auf mehr als 100 000 Negativen gesichert haben.
Brennpunkte des Mondänen sind das Filmfestival von Cannes und Hotels wie das Carlton, in dessen Suiten sich früher die Tänzerin und Luxuskurtisane La belle Otéro mit Hoheiten aus England, Spanien und Russland vergnügte. Inspiration zu den schwarzen Zwillingskuppeln des «Carlton» war für den Architekten angeblich Otéros mythischer Busen. Ärger gab es später dann mit einem herumkrakeelenden Journalisten namens Benito Mussolini, den man der Hotelhalle verwies. In Zimmer 328 spielte schon Aristide Briand 1922 Cello.
Die Fünfziger sind ein Jahrzehnt der Gewalt und Unsicherheit: atomare Bedrohung, Bürgerkriege im Kongo und in Algerien, Suez- und Zypernkrise, Rassenunruhen in Notting Hill und Little Rock, McCarthys Hexenjagd. An der Côte d’Azur schaut man lieber weg und hinüber zum grossen Nat King Cole, der im «Sporting d’Eté» in Monte Carlo unter Sternenhimmel und zu Meeresrauschen «True Love» singt. Die Existentialisten und ihre Musen wiegen sich im «Vieux Colombier» in Juan-les-Pins barfuss und cheek to cheek zu Sidney Bechets «Petite fleur». Der Mond scheint auf Kaviar. Liz Taylor zieht mit Gefolge in Nizza ein.
Weiter weg wird James Dean das Idol einer Jugend, die gegen die Erwachsenen, gegen die Atmosphäre aus Biederkeit und Mief rebelliert. Aufgeschreckte Eltern sehen in der Jukebox eine Gefahr für die Moral und im Rock’n’Roll Verrücktheit und Anarchie. Was damals ausserdem passiert: Plastic ersetzt das Bakelit. Die Pauschalreise wird erfunden, die Schallmauer durchbrochen, der Weltraum erobert. Die Teenager kommen. Françoise Sagan schreibt «Bonjour Tristesse». Charles Schultz erfindet die Peanuts, Citroën lanciert die DS 19.
Das Highlife auf dem Boulevard der Selbstdarstellung gleicht einem Fortsetzungsroman. Er spielt in einem gesellschaftlichen Durchlauferhitzer, der von der lokalen Klatschpresse bei Maximaltemperatur in Betrieb gehalten wird. Und noch ist im Land des permanenten Kameralächelns mit Cleverness und Beziehungen auch unbehindertes Fotografieren möglich – bevor im Lauf der 1960er strikt koordinierte TV- und Presseverträge, Agenten und PR-Berater den Zugang zu den Stars zu reglementieren beginnen und sich das Paparazzi-Prinzip durchsetzen wird.
Rückblende: Edward Quinn weiss schon früh, dass das Leben anderswo ist. Nicht im armen Dublin, wo er geboren wurde. Nicht in Belfast, wo er in einer Band Hawaiigitarre spielte. Nicht in Diensten der Royal Air Force, bei der er im Zweiten Weltkrieg als Funknavigator arbeitete. Nicht in den Klapperkisten der Chartair, in denen er in den ersten Nachkriegsjahren funkend zwischen Afrika und Europa hin und her pendelte.
Endstation Sehnsucht heisst beim jungen Quinn: Côte d’Azur. In Monte Carlo besucht er eine Freundin, ist beeindruckt von der «ruhigen, altmodischen Eleganz» und schlägt sich erst einmal auch hier als Musiker (Eigenwerbung: Eddie Quinero, le célèbre guitariste électrique) und Andenkenfotograf (Matrosen vor ihren Kriegsschiffen posierend) durch. Die erste Kamera ist geborgt, die Technik lernbar. Das Auge hat man, oder man hat es nicht. Mit der Investition in eine Rolleiflex, einen alten Vergrösserer, ein Cabriolet und ein kleines Apartment auf dem Rocher von Monaco in Sichtweite des Fürstenpalasts macht Quinn seine Faszination für das soziale Feuerwerk an der Blauen Küste endgültig zu seinem Beruf.
Edward Quinn, der Fotoreporter, richtet sein Objektiv zunehmend auf die Hollywoodstars und Milliardäre, die sich an der Côte d’Azur von Ruhm und Geldverdienen erholen und von denen es hier genauso wimmelt wie von jungen Frauen, die sich mit Pin-up-Fotos Hollywood und Cinecittà anbieten. Modellagenturen gibt es noch keine, dafür Fachzeitschriften, in denen steht, wie die Amateurmodelle zu drapieren seien, um die monotone Umgebung aus Sand zu durchbrechen und die Phantasien des Betrachters zu befeuern.
Bric-à-brac wird empfohlen, aber etwa auch eine Gitarre, die neben das Modell in den Sand zu legen sei, um dem Bild eine «besondere Note» zu geben. Quinn schafft sich Zugang zum internationalen Zeitungs- und Newsgeschäft. Der «American National Enquirer» schickt ihm Musterfotos, die deutlich machen, worauf man in der Redaktion scharf ist: «Wie Sie sehen, bevorzugen wir Bikinis und den Typ Frau, der sie gut ausfüllt.» Aus heutiger Sicht hat das Posen- und Verrenkungsrepertoire von Quinns «Busty Girls» etwas Bieder-Linkisches, weil man alles zeigen wollte, aber nichts zeigen durfte.
Edward Quinn wagt sich immer tiefer in den Society-Dschungel an der Blauen Küste vor. Mit Audrey Hepburn geht er 1951 auf Fotosafari im Hinterland. Die Aufnahmen landen auf dem Tisch von Hepburns Agenten und verschaffen dem damals noch kaum bekannten Starlet die Hauptrolle in «Roman Holiday» an der Seite von Gregory Peck. Nach einiger Zeit arbeitet Quinns Netzwerk aus Hotel- und Studiodirektoren, Barkeepern, Sekretärinnen, Türstehern und Bediensteten einwandfrei.
Vertrauliche Tips verschaffen ihm den bildentscheidenden zeitlichen Vorsprung, wenn ein Star oder eine Millionenerbin im Anflug ist. Und sie weisen ihm den Weg zu Hotelsuiten und Luxusvillen, die reichere Beute versprechen als die Strandpromenaden mit den anonymen Pin-up-Modellen auf dem unwahrscheinlichen Weg zum Ruhm. Quinn macht sich auf die Jagd nach Shots, die die Massenblätter einem Millionenpublikum als Einblick in das wahre Leben der Schönen und Reichen verkaufen werden. Er fotografiert, was sich vermarkten lässt und ihm damit die Existenz sichert. Er hilft mit, den Glamourbedarf der Klatschpresse zu decken – aber er liefert auch fotografische Qualität. Das schafft ihm Zugang zu angesehenen Illustrierten wie «Paris Match» und «Life», mit deren Empfeh lung Quinn auch an der Hotelzimmertür von Stars wie Sophia Loren anklopfen kann.
Die Sophia-Loren-Episode während des Filmfestivals von Cannes 1955 ist bezeichnend für seine Arbeitsweise. Pressekonferenz im Hotelzimmer der Loren: Während die Fotografenmeute sich ins Zeug legt, verschwindet Quinn im Badezimmer und kommt erst wieder heraus, als der Pulk abgezogen ist. Charmant entschuldigt sich «Ted» bei der Loren und begründet sein Verhalten mit der Bitte um ein paar Aufnahmen aus eigener Sicht, wie es seine Art sei. Sophia Loren leuchtet das ein, und Quinn nutzt wie immer virtuos den Spielraum zwischen kalkulierter Selbstinszenierung und Spontaneität, den ihm viele Stars mit sichtlichem Vergnügen gewähren.
Ohne Anbiederung gelingen Quinn fotografisch produktive Augenblicksbeziehungen, die uns als Betrachter das Gefühl geben, hinter der Star- und Hollywoodfassade die Privatperson zu ahnen. Vielleicht ist aber auch genau das authentisch, was inszeniert scheint, und brillant gespielt, was natürlich wirkt. Das passt zu Quinn, weil auch er auf dem schmalen Grat zwischen List und Liebenswürdigkeit seine besten Resultate erzielte. Die Schwarzweiss-Ästhetik entrückt seine Bilder zudem in Bezirke der Nostalgie und Sehnsucht, wo Unausgesprochenes mehr sagt als das geheimnislos Explizite. Ausserdem haben die Stars vom Anti-Paparazzo Quinn nichts zu befürchten. Er stellt seine Selbstdarsteller nicht bloss, sondern so dar, wie sie sich selber am liebsten sehen. Der Yellow Press sind normalerweise nicht Portraits, sondern Totalen zu liefern, damit in den Bildredaktionen der Sex-Appeal durch gewagte Bildausschnitte noch gesteigert werden kann. Wie erfolgreich Quinn selbst diese Rahmenbedingungen unterlief, zeigen erst Publikationen und Ausstellungen in seinen letzten Lebensjahren. Sie befreien seine Côte-d’Azur-Chronik endgültig aus dem Illustriertenkontext und dokumentieren ihre fotografische Qualität.
Quinn kann vielerorts vorbeischauen und fotografieren, wie er will – so auch auf Onasssis’ Jacht «Christina», auf die der Reeder am liebsten Hollywoodprominenz einlädt. John Wayne stösst auf Quinn an, der gerade eine Pathé-Filmkamera mustert – wie einen Colt. Somerset Maugham lässt sich im Bett rauchend fotografieren, stoisch. Marlon Brando bummelt für Quinn mit seiner Verlobten (Fischerstochter, kein Happy End) durch das Städtchen Bandol. Grace Kelly unternimmt 1955 für Quinn einen Rundgang durch den Fürstenpalast in Monaco, bis der verspätete Rainier III. eintrifft: Handshake, ein Jahr später Hochzeit. Doch da weht bereits ein anderer Wind. Die düstere Zukunft für Einzelgänger wie Quinn beginnt sich abzuzeichnen. Fürstin Gracia bringt jetzt ihren Privatfotografen mit, und Rainier hat einen PR-Agenten engagiert.
Eine Kleinbildserie von 1956 dokumentiert den entfesselten Mambo des Sexsymbols, das die freizügige Alternative zu Bergman, Kelly und Hepburn sein wird: Brigitte Bardot. Bis zu diesem Zeitpunkt ist für Quinn auch mit BB eine von Einverständnis und Lockerheit im Umgang geprägte Zusammenarbeit möglich. Danach ist die Bardot auf Fotos meist nur noch als berechnend inszeniertes Produkt der Filmindustrie zu sehen.
Eine andere Serie Quinns zeigt den Flirt zwischen Kim Novak und Cary Grant (Cannes, 1959); sie ergäbe verheissungsvolle Aushangfotos zu einer nie gedrehten Hollywoodromanze. Und immer wieder traut der Betrachter seinen Augen nicht. Ist der Dicke im Nadelstreifen-Zweireiher mit Hut und Sonnenbrille, der eben aus einem Eisenbahnwagen gestiegen ist, ein Mafioso, ein Detektiv oder ein Leibwächter? Es ist König Faruk, 1953 in Monte Carlo. Ein Soldat mit Helm, Tornister und Gewehr lehnt inmitten von Zivilisten an einer Promenadenmauer. Kommt einem der smarte Krieger nicht bekannt vor? Er heisst Frank Sinatra und spielt in «Kings Go Forth» einen GI in den Wirren am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ist der elegante Herr, der eine deutlich jüngere Frau anlächelt, die ihrerseits in Quinns Objektiv lächelt, Liebhaber, Vater oder Ehemann? Es ist der 80-jährige Aga Khan III. mit Zsa Zsa Gabor.
Edward Quinns Leica und Rolleiflex laufen heiss: Winston Churchill logiert in der Villa La Pausa in Roquebrune. Silvana Mangano und Gina Lollobrigida spielen in der Villa von Dino de Laurentiis Boccia. Jean Seberg dreht «Bonjour Tristesse». Jean Cocteau stösst auf die Gesundheit Romy Schneiders an. In Menton verbringt T. S. Eliot die Flitterwochen mit seiner jungen Frau Valérie. Die Callas verliebt sich in Onassis. Otto Preminger inszeniert ein Tête-à-tête zwischen Jean Seberg und David Niven. Vivien Leigh geht mit ihrem Mann Sir Laurence Olivier auf Kreuzfahrt, Gianni Agnelli nach einem Autounfall am Stock. Ella Fitzgerald, Marlene Dietrich, Charles Aznavour, Sammy Davis und Eartha Kitt treten im «Sporting d’Eté» in Monte Carlo auf. Zwei von Charlie Chaplins Kindern landen mit Swiss Air Lines in Nizza. Robert Mitchum bringt seiner Frau ein Ständchen auf der Mandoline. Und abseits vom Glamour lebt und arbeitet der Mann, der Quinns Arbeit völlig neue Perspektiven eröffnet: Pablo Picasso.
Schon bei der ersten Begegnung in einer Keramikausstellung ( 1951) bewährt sich Quinns Strategie, zu warten, bis die Luft rein und ein Gespräch mit dem Künstler möglich ist. Quinn bekommt einen Termin, Picasso stellt fest: «Lui, il ne me dérange pas.» Der Tag ist der Beginn einer zwanzigjährigen Freundschaft und fotografischen Auseinandersetzung mit einem Künstler, die alle Facetten der Person auslotet und die künstlerische Arbeit bis in die feinsten Verästelungen sichtbar macht.
Überhaupt war die «Parallelhandlung» zu Quinns Erkundungen in der Welt der Stars und Celebrities seit seiner Ankunft an der Côte d’Azur die Bekanntschaft mit Künstlern wie Joan Miró und Max Ernst, später mit Francis Bacon und Georg Baselitz.
Den Schlussstrich unter das Leben an der Côte d’Azur zogen Edward Quinn und seine Frau 1992. Die letzte Destination war aus familiären Gründen Altendorf SZ. Dort betreut Gret Quinn seit dem Tod ihres Mannes 1997 das Edward-Quinn-Archive. Es reicht in der Kategorie «Stars» von Aimée, Anouk bis Wood, Nathalie, unter «Kultur» von Aragon, Louis bis Warhol, Andy und unter «Celebrities» von Adenauer, Konrad bis Zita, ex Empress of Austria. Gelegentlich verhilft Gret Quinn mit dem Vergrösserungsapparat den Haupt- und Nebendarstellern von damals zu einem flüchtigen Comeback. Etwa dann, wenn auf dem Fotopapier immer deutlicher zu sehen ist, wie diffuse Grauzonen langsam Gestalt annehmen und sich zu Martine Carol, der «französischen Antwort auf Marilyn Monroe», entwickeln.
Namen ohne Ende. Viele Darsteller aus Quinns Riviera-Chronik sind inzwischen vergessen. Andere leben im kollektiven Filmbewusstsein weiter, auch wenn sie längst tot sind. Ganz nebenbei schärft sich beim Betreten von Quinns Welt ohnehin das Bewusstsein für die Vergänglichkeit, für ein definitives – The End.
Heinz Bütler ist Filmemacher in Zürich. Er dreht zurzeit fürs Kino den Dokumentarfilm «Edward Quinn – Riviera Cocktail».