NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Jeder ein König

Die gute Nachricht: Die Zukunft hält Schönheit und Reichtum für uns alle bereit. Die schlechte: Der Spass am Protzen nimmt ab.

Von Luca Turin

Früher waren die Reichen auch schön. Man muss sich nur Gruppenfotos aus der Vorkriegszeit ansehen, die immer aufschlussreicher sind als Einzelportraits: das Bild von einem Kostümball für den Grafen und die Gräfin von Beaumont in der Rue d’Astorg zum Beispiel, verglichen mit den Arbeitern der Schokoladefabrik Roter Oktober. Die Reichen waren grösser und gesünder, sie hatten feinere Hände und deutlich mehr Zähne im Gesicht.

Und dann blickt man sich in der Gegenwart um und stellt fest: Die durchschnittlichen Zeitgenossen der entwickelten Welt sind viel schöner als die Reichen der Vorkriegszeit. Ob man in Mailand in die U-Bahn steigt oder in Krakau ins Tram, man ist von attraktiven jungen Riesen umgeben, die ihre Eltern um Kopfeslänge überragen. Körpergrösse ist ein wichtiges Merkmal von Schönheit, und sie nimmt mit steigendem Einkommen zu. Die beiden antiken Bronzestatuen von klassischen griechischen Kriegern im Museum von Reggio Calabria sind fast einen Drittel grösser als die Menschen jener Zeit. Heute würden sie in einem Basketballteam kaum auffallen. Diese Entwicklung schreitet ungestüm voran. Extrapolieren wir die letzten fünfzig Jahre, können wir mit gutem Grund annehmen: Die Zukunft hält Schönheit und Reichtum für uns alle bereit.

In einem Punkt sind die heutigen Reichen allerdings immer noch im Vorteil: Sie sind schlank – auch dies ein Merkmal von Schönheit. Arme Europäer und Amerikaner dagegen, so reich sie im Weltmassstab auch sein mögen, haben mit Fettleibigkeit zu kämpfen. Um sie los zu werden, braucht man mehr Geld. Die wirklich Reichen wiederum haben, ausser dass sie so schlank sind wie die wirklich Armen, nur ein Mittel, um sich von der Masse abzuheben: die Veredelung des eigenen Erbgutes.

Ich sass einmal in einem Restaurant in der Nähe des Friedhofs von Recoleta in Buenos Aires, war von lauter Exemplaren der örtlichen Oberschicht umgeben und ertappte mich bei der Beobachtung, dass diese Viehzüchter nicht nur am Erbgut ihrer Angus-Rinder herumdoktern. Ganz offensichtlich versuchen sie, die Zuchtwahl auch auf sich persönlich auszudehnen, denn seit Generationen heiraten reiche Männer dort schöne Frauen. Aber da die Veredelung von Genen eine langwierige Sache ist, sind die Reichen dort im Durchschnitt immer noch genauso hässlich wie wir alle.

Aber sind die Reichen heutzutage denn überhaupt noch reich? 1854 besass Napoleon III. das einzige Aluminiumbesteck in ganz Frankreich. Es wurde für Staatsbankette benutzt, und das Metall war teurer als Gold. In heutige Verhältnisse übersetzt, wäre dies etwa so, als besässe Bill Gates den einzigen iPod. Aber iPods existieren nur, weil sie – ganz im Gegensatz zu seltenen Metallen, Meisterwerken der bildenden Kunst, Edelsteinen, gefangenen Indianern und vom Aussterben bedrohten Tieren – in grossen Mengen produziert werden. Die verschiedenen Prozesse, die zu ihrer Herstellung führten, waren so teuer, dass jeder einzelne Schritt nur erfolgen konnte, weil zahllose Menschen den iPod wollten. Gäbe es nur einen einzigen iPod, könnte selbst Bill Gates sich das Gerät kaum leisten.

Die Massenproduktion wird oft als Demokratisierung beschrieben, aber in Wahrheit handelt es sich um einen Prozess der Royalisierung: Sie hat Könige aus uns allen gemacht. François I. von Frankreich wäre verblüfft: Benvenuto Cellini ist zu Philippe Starck geworden und Leonardo da Vinci zu Edwin Land – und diese Leute erschaffen nicht mehr Einzelstücke. Die heutigen Reichen sehen sich auf die klassische Antike zurückgeworfen, wo man sich nicht durch Verschiedenheit, sondern durch blosses Mehr auszeichnete: grössere Feste, grössere Häuser, mehr Land, mehr Ehefrauen, mehr Tänzerinnen, mehr Diener.

Doch zurück zur Zukunft: Wenn sie uns tatsächlich mehr Reichtum bringt, was unzweifelhaft der Fall ist, dann kann uns vielleicht Science-Fiction etwas darüber sagen, welche Art von Schönheit wir dereinst für unser Geld kriegen. Vergessen wir die negativen Utopien vom Typ «Terminator»; sie beruhen alle auf der unsinnigen Annahme, dass die Welt in Zukunft von Dingen beherrscht sein wird, die man nicht für Geld kaufen kann. Realistischer sind die Alternativen «Atlantis» und «Star Wars» oder, um eine allgemeinverständliche Analogie zu benutzen: das Athen und das Rom der Zukunft.

Zuerst zu Athen: Die Technologie ist so weit ausgereift, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt; stattdessen über-all Pastellfarben und natürliches Licht; Weisheit zählt mehr als brutale Gewalt; Gesundheit und Schönheit, so weit das Auge reicht. Auf der anderen Seite Rom: Alles genau wie damals; Barbaren, die eingeäschert werden müssen; endlose Kriege an den Lichtjahre entfernten Rändern des Imperiums; Schiffsladungen voll technischem Schnickschnack; alle Welt trägt Uniform; nur hie und da ein galaktischer Senator von der Kontrollstation als einsamer Repräsentant von Kultur.

Weder im einen noch im anderen Szenario taucht eine vorzeigbare Figur auf, die irgendetwas besässe. Beim steroidgeschwängerten Parthenon im Hintergrund von Athen handelt es sich eindeutig nicht um eine Privatvilla. Man stellt sich das ideale Heim künftiger Familien vor wie ein Haus von Richard Neutra: ruhig, sparsam, durchdacht und natürlich erhaben über so triviale Dinge wie Miete und Hypothekarzins. In Rom dagegen gehört alles der Föderation, und das Raumschiff selbst ist bloss eine Millionen Dollar schwere Kombination aus Firmenwagen und Betriebskantine.

Man gewinnt den Eindruck, als gehöre es zu den unvermeidlichen Folgen steigenden Wohlstands, dass es keinen Spass mehr macht, damit zu protzen: die weitere Anhäufung von Reichtum wird uninteressant. Im Grunde ist es schon heute recht schwierig zu protzen: Längst reicht es nicht mehr aus, jemanden zu sich nach Hause einzuladen, um ihn zu beeindrucken, man braucht Heerscharen von Imageberatern und fähigen Fotografen, die alles ins rechte Licht setzen. Dies läuft für gewöhnlich auf jene Art klinische Fotografie hinaus, wie man sie in Illustrierten findet. Die Tiefenschärfe dieser Aufnahmen ist so gross, dass man von den Schuhspitzen der auf dem Sofa sitzenden Berühmtheiten bis zum Porzellanlöwen auf dem Kaminsims alles gestochen scharf erkennt, damit auch Minderbemittelte wie wir auf einen Blick erkennen, dass mehr nicht unbedingt besser ist.

Amerika ist uns wie immer einen Schritt voraus. Dort bleibt den Reichen nur noch die Wahl zwischen Krassheit (Rom) und Anmut (Athen). Die krass Reichen klüngeln zusammen und gehen in Gala auf Parties; die anmutig Reichen reiten einsam über ihre Ranch in Montana. Die Namen der beiden grossen Parteien verweisen interessanterweise auf ein und dasselbe, nämlich das Gemeinwohl, aber die krass Reichen wählen republikanisch (Rom), während die anmutig Reichen ihre Stimme den Demokraten (Athen) geben.

Athens Niedergang stand für die Zerbrechlichkeit der Intelligenz gegenüber der Dummheit: das Klassikradio konnte jederzeit durch Marschmusik unterbrochen werden, um den Beginn des Prinzipats zu vermelden. Aber seit den 1960ern schlägt Athen zurück, es errang zunächst mental die Oberhand über die befreiten Sklaven, die man gemeinhin als «die Linke» bezeichnet, und nimmt es neuerdings sogar mit den Sklavenhaltern auf. Was hat sich verändert? Fast alles, was in den letzten zwanzig Jahren etwas wert war – Molekularbiologie, PC, billiges Telefonieren, Internet –, war das Ergebnis von Software (Geist) und nicht von Hardware (Muskeln). Es ist nicht zu übersehen, wie abgetakelt die Hardware mittlerweile aussieht, jüngst wurde sogar ihre schönste Blüte, die Concorde, für immer eingemottet. Vielleicht ist es interessanter, durchschnittlich reich im Paradies zu sein, als der reichste Mann in der Hölle.

Die Anzeichen mehren sich, dass das Schlimmste vorbei ist. Die Vielfalt ist auf dem Vormarsch, sogar wo es um Schönheit geht: von Olivia de Havilland über Grace Kelly bis zu Carole Bouquet schien das weibliche Idealbild in Marmor gehauen, blass und ohne jedes Prickeln. Man vergleiche dies mit der facettenreichen Sperrigkeit einer Liv Tyler oder dem wechselhaften Funkeln einer Scarlett Johansson. Diese Schönheitsikonen sind keine Ideale, denen man nacheifern müsste, sie repräsentieren einen bestimmten Typus – und als Repräsentant kann jeder von uns auftreten.

Die Krassen sind ausserdem immer stärker auf die Anmutigen angewiesen. Der Dotcomboom hat unzählige Neureiche hervorgebracht. Zum ersten Mal in der Geschichte kamen viele Leute rasch zu Geld, ohne stehlen, lügen oder betrügen zu müssen. Entsprechend lautet Googles Leitspruch: «Du sollst nichts Böses tun.»

Eines Tages werden wir wissen, ob die Reichen wirklich schön sind oder ob sich die Begriffe Reich und Schön in Luft auflösen, sobald sie auf jeden zutreffen – was wahrscheinlicher ist. Für die Zukunft jedoch werden Athen und Rom fortbestehen, Athen als Zuckerbrot und Rom als Peitsche. Vorderhand geht also alles so weiter wie gehabt, oder wie es die amerikanische Kolumnistin Ann Landers einmal ausdrückte: «Die Armen wären gern reich, die Reichen wären gern glücklich, die Alleinstehenden wären gern verheiratet, und die Verheirateten wären gern tot.»

Luca Turin ist Forschungsleiter der Firma Flexitral Inc.; er lebt in London.




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