NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Der Luftsegler

© Syl Hillier
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Ein Riss öffnet sich im dichten Gewebe der Zeit.

Von Lars Gustafsson

Die Dämmerung hielt lange an. So ist es noch in dieser ­Jahreszeit. Und als etwas, das der Dunkelheit glich, sich schliesslich über die Waldränder im Norden und Osten senkte, teilte sich die Wolkendecke, und ein Luftsegler wurde an der mondbeschienenen Seite der Wolke sichtbar.

Das geschieht in dieser Gegend nicht selten, aber trotzdem war der Eindruck an diesem Frühlingsabend besonders stark. Es erinnerte mich daran, wie überraschend sie in meiner Jugend wirkten, vor langer Zeit, als sie aufzutauchen begannen, von Süden her, während das Land sich wieder mehr bevölkerte.

Es war Ende Mai, ein aufklarender Abend nach dem Regen. Wir radelten bis weit in die Dämmerung hinein und noch weiter und freuten uns an dem Gesang der Nachti­gallen.

Der Segler glitt so langsam dahin – es gab fast keinen Wind –, dass wir uns eine Weile mit ihm unterhalten konnten, und er behauptete, er könne die Seen bis zum Åmänningen hin sehen. Er kann sich nicht höher als vielleicht hundert Meter befunden haben.

Ich vermute, der Mann wollte mit uns scherzen. Vielleicht kannte er uns. Es war schwer, ihn als etwas anderes als eine dunkle Silhouette am Rand des Ballonkorbs zu erkennen. Ich glaube, er war tatsächlich wirklich.

Ich hätte ihn gern gefragt, ob er draussen auf dem Åmänningen Boote sehen konnte, von der einzigartigen Perspektive aus, die ein solcher Aussichtspunkt gewähren musste. Doch da war es schon zu spät. Die Dunkelheit war gefallen.

Zusammen waren wir sechs, mit unseren schwer beladenen Fahrrädern auf dem Weg nach Norden. Wir hatten einen langen Tag hinter uns, drinnen verbracht, wie man wohl sagen kann, und genossen die frische Nachtluft. Wenn man schnell genug radelt, gleicht die Körperwärme, die man produziert, ungefähr die ungünstigen Einwirkungen des Fahrtwinds aus; es gibt eine Geschwindigkeit, bei der man sich tatsächlich im Gleichgewicht befindet.

Allerdings ist es schwierig, sich zu unterhalten, wenn man in einer Reihe radelt. Der Weg vom Kloster Sevalla zu den Ruinen von Skultuna ist zu schmal, als dass man nebeneinander radeln könnte. Ich weiss das, da es mir mindestens einmal passiert ist, dass ich im Eifer des Gesprächs mit einem Mitradler das Pech hatte, dass sein Pedal in mein Vorderrad geriet und ich auf dem harten Weg auf die Nase fiel.

Nur dieser Umstand hinderte uns daran, das interessante und ziemlich exaltierte Gespräch fortzusetzen, das wir den ganzen Nachmittag lang geführt hatten.

Wir hatten schon viel von dem Fund gehört. Die Brüder von Sevalla hatten ihn während der Ausgrabungen für das neue Refektorium im Spätherbst gemacht. Sie hatten tief gegraben, viel tiefer, als man es für etwas so Einfaches wie einen Speisesaal tut. Nach ihrer eigenen Aussage, weil sie das Magazin der Bibliothek erweitern wollten. (Das braucht überhaupt nicht die richtige Erklärung zu sein. Sie sind nicht verpflichtet, alles zu erklären, was sie tun oder warum sie es tun. Und der Kluge verzichtet darauf, allzu viele Fragen nach solchen Dingen zu stellen.)

Der Fund, der schon viele Besucher angezogen hatte, nachdem er im November des letzten Jahres aus seinem tiefen Lager von postglazialem Lehm herausgehoben und sorgfältig gesäubert worden war, war grösser, als wir es erwartet hatten. Er füllte fast den ganzen Raum aus, in dem er unter starken Lampen auf einem niedrigen Gestell aus Böcken und soliden Brettern placiert worden war.

Doktor Pectus, ein freundlicher, recht anspruchsloser und sehr zerstreuter Mann in den oberen Siebzigern, den ich schon viele Jahre lang aus vielen Zusammenhängen kenne, empfing uns ohne grössere Zeremonien. Mir kam der Gedanke schon nach dem ersten Austausch von Höflichkeiten, ihm wäre es lieber, wenn ich mich äussern würde. Ohne selbst allzu viel sagen und sich damit auf allerlei Theo­rien festlegen zu müssen. Man findet das manchmal bei sehr ehrgeizigen Menschen, die gern die Ansichten anderer Leute abwarten, bevor sie ihre eigenen aussprechen.

Aber bei Doktor Pectus glaube ich eher, dass es sich um echte Unsicherheit handelt.

Ziemlich ungepflegt, muss man wohl sagen, besonders für ein Mitglied des Klosters Sevalla, mit Schmutzrändern unter den Nägeln und Lehmflecken an den Manschetten, einer kleinen Brille mit Silberfassung, die nie ordentlich geputzt schien, und einer leichten, aber merkbaren Tendenz zum Stottern, wenn er sich wirklich für etwas engagierte, wovon er erzählen wollte.

Die Frage, die ihn jetzt offenbar beschäftigte und beunruhigte, war die von postglazial und präglazial.

So wie der Fund lag, als man darauf stiess, war er offenbar ganz von geschichtetem Lehm aus der spätesten Eiszeit umgeben.

(Eine Komplikation war, dass der Doktor es die ganze Zeit über geschickt vermied zu sagen, in wie viel Metern Tiefe; vielleicht hatten die Sevalla-Brüder gute Gründe dafür zu verbergen, wie tief sie graben und warum sie so tief graben. Es ist auch nicht meine Sache, dem nachzuforschen.)

Diese Angelegenheit mit postglazial und präglazial ist tatsächlich nicht so einfach, wie sie klingen mag. Ein schwerer Gegenstand, der in geschichtetem Lehm gefunden wird, muss nicht da gelegen haben, als der Lehm dorthinkam. Er kann über lange Zeit durch die Lehmschichten hinabgesunken sein. Besonders, wenn die Lehmschichten einige Zeit unter dem Meeresboden gelegen haben. Die normale Berechnung ist, dass das letzte Inlandeis sich vor zehn- bis zwölftausend Jahren zurückgezogen haben muss. Wenn der Fund tatsächlich aus der glazialen Zeit stammt, muss er also alles, was wir über die menschliche Geschichte und ihre verschiedenen zivilisatorischen Phasen gelernt haben, völlig über den Haufen werfen.

Schon das klingt natürlich nach Unsinn, aber noch unsinniger wird es, wenn man anfängt, von präglazial zu sprechen. Wie lange wandert Inlandeis? Vielleicht mehrere Hunderttausend Jahre. Ausserdem gibt es, worauf ich den Doktor so höflich wie möglich hinwies, sogenannte interglaziale Zeiten. Wärmere Unterbrechungen in einer Eiszeit, in der die Eismassen sich mehr oder wenig vollständig zurückziehen. Wir rechnen normalerweise mit mindestens vier solcher interglazialer Perioden.

Aber wie man auch räsoniert, gibt es hier ein Problem. Das enorme Alter des Gegenstands stimmt nicht mit diesen von Menschen gemachten Komplikationen überein. Wenn sie nun von Menschen gemacht sind?

Unsinn! Welch andere Kraft könnte einen Gegenstand von solcher Komplexität formen?

In dem Gespräch, das zwischen den Radfahrern geführt wurde und das der Fahrtwind immer wieder in langgestreckte Fragmente zerriss (wie Fahnen), figurierten seltsame Erzählungen von anderen Ausgrabungen und anderen Funden. Von denen einige wohl in die Welt der Mythen gehörten – wie der fabelhafte Goldfund von Hassle vor ungefähr hundert Jahren – und andere vermutlich in die Welt der Wirklichkeit. Die Hypothese, die Dr. Pectus für einen Moment angedeutet hatte – in einer Ecke, während die anderen allzu sehr mit dem Fund beschäftigt waren –, war auch für mich allzu phantastisch, allzu phantasievoll.

Dass antike Kulturen die Kunst beherrscht haben sollten, durch die Luft zu segeln! Was für eine seltsame Idee, und welche umwälzenden Konsequenzen für unser ganzes Bild der Antike würde das mit sich bringen, wenn es wahr wäre!

Was ich sofort einwendete, war natürlich – selbst wenn die Alten über Kraftquellen verfügt hätten, die das ermöglicht hätten –, dass jedes vernünftige Motiv fehlt. Das Luftsegeln, ein gefährlicher und sicher auch spannender Sport für junge Tollköpfe beiderlei Geschlechts in einem Alter, in dem man gern sein Leben aufs Spiel setzt, da man sich unter allen Umständen für unsterblich hielt, musste ja vernünftigerweise ein Motiv haben. Ich hatte, sagte ich ihm, Schwierigkeiten, ein solches zu entdecken.

(Später bin ich unsicherer geworden, aber das ist eine andere Geschichte.)

So radelten wir im Mondschein weiter und dachten jeder für sich über etwas nach, was wir nicht begreifen konnten. Wir machten eine Pause, gleich am ersten Waldrand, da jemand pinkeln musste, und wie immer in solchen Situa­tionen gab es gleich noch einen mit demselben Bedürfnis. Sten schob sein Fahrrad zu mir hoch und vertraute mir an, was er sich auf dem Weg ausgedacht hatte.

«Vielleicht war der Fund gar kein Fund? Könnte man sich nicht vorstellen, dass er von einer ganz anderen Stelle gekommen ist und dass die ehrwürdigen Brüder von Sevalla (dass sie politisch geschickt sind, steht ja ausser Zweifel) ihn möglicherweise von woanders in ihr Kloster gebracht haben?»

«Aber», sagte ich. «Ist es wirklich möglich, dass sie etwas so Grosses über Land transportieren könnten, ohne dass jemand es bemerkt hätte? Und ich kann mir nicht denken, dass sie etwas so Bemerkenswertes an diesem Ort hätten zustande bringen können? Aber könnte nicht den Alten etwas so Bemerkenswertes gelungen sein?»

Ich will versuchen, es so zu beschreiben, wie es mir in Erinnerung ist, freilich mit der Gefahr aller möglichen Fehler und Irrtümer.

Eine Art Schaufelrad, wie in einer Mühle, mit Schaufeln aus einem viel härteren Material, und sehr eng nebeneinander angebracht und alle kunstvoll gebogen. Ungefähr tausend kleine scharfe Schaufelblätter, mit äusserster Genauigkeit nebeneinander placiert.

Natürlich konnte es nicht rotieren, aber einer der Sevalla-Brüder, der es uns zeigte, war der bestimmten Auffassung, es hätte dies in früheren Zeiten wirklich gekonnt.

Man fragt sich natürlich, zu welchem Zweck?

In unserem sehr stimulierenden Gespräch, das uns half, uns einigermassen wach zu halten, an diesen Punkt gelangt, entdecke ich, dass vom Rand des Skultunawalds eine lange Reihe von Reitern kam. Sie ritten auf sehr disziplinierte Art in einer schmalen Kolonne, da der Weg wirklich nur Platz für einen Reiter aufs Mal lässt. Ihre grossen, losen Mäntel erschweren es zu sehen, ob sie möglicherweise bewaffnet sind und in dem Fall eine Gefahr für uns darstellen.

Ich wende mich an Dr. Pectus, der, über den Lenker gebeugt und scheinbar tief auf etwas ganz anderes konzen­triert, diese fremde Reiterschar nicht bemerkt zu haben schien, schweigend und anscheinend mit einer wichtigen Aufgabe beschäftigt. Vielleicht ist es eine Art militärische oder paramilitärische Truppe – und in diesem Fall mit allen möglichen Gefahren verknüpft? Marodeure? Herumstreunende Räuber? Oder eine Art Soldateska, ausgeschickt, um das Terrain für die eine oder andere Invasion zu erkunden, Vorboten einer neuen Völkerwanderung?

«Dr. Pectus – wollen wir?»

«Nein, nein. Sie gehören nicht hierher.»

«Wie bitte?»

«Sie gehören nicht hierher.»

«Sondern?»

«Sie befinden sich in einer anderen Erzählung. Sie gehören zu einer anderen Zeit.»

Damit war die Diskussion beendet. Ich frage mich, wann das passierte. Wann diese Art von Erlebnissen ein Teil unserer «Normalität» wurde. Oder vielleicht ist sie es immer gewesen?

Die Alten glaubten – so wurde mir gesagt – an so etwas wie eine Seelensubstanz, eine persönliche Identität, eine Art von festem kleinem Punkt inmitten der Erlebniswelt.

Ganze Literaturen basierten auf dieser Vorstellung einer Lebenserzählung.

«Ich glaube», murmelte ich zu Dr. Pectus hin, der sich immer noch über seinen Lenker beugte, als suche er nach einer defekten Stelle am Vorderreifen, «ich glaube, was uns von den Alten trennt, ist, dass die Zeit für sie ganz und gar zusammenhängend gewirkt haben muss. Sie sahen offenbar Zeit und Raum als ein Kontinuum.»

«Du hast so recht, mein Junge. Ja, so sahen sie es. Zweifellos.»

«Sie haben keinen Zeitrutsch, keine Senkungen und Lawinen erlebt.»

«Oder», sagte Dr. Pectus, der jetzt eher bemüht schien, das Gespräch zu beenden, um in seine eigenen Überlegungen zu flüchten, «als sie zu verstehen begannen, war es leider eigentlich schon zu spät.»

Die Alten hatten die kompliziertesten mathematischen Beweise den Maschinen überlassen. Irgendwann unterwegs war diese Unsicherheit entstanden.

Was sie tatsächlich erfunden oder eher entdeckt hatten, war viel mehr, als sie selbst begreifen konnten. Ein Riss im dichten Gewebe der Zeit.

Längst hatte sich die Dämmerung auf die weitgestreckten Felder zwischen Sevalla und Skultuna gesenkt. Der Luftsegler und seine silbrige Kugel waren nicht mehr zu sehen.

Übersetzung aus dem Schwedischen: Verena Reichel, München.

Zur Biographie von Lars Gustafsson.

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