NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Dr. X’ gesammeltes Schweigen

Bekenntnisse eines Zahnarztes.

Von Mikael Krogerus

Über den «Herrn Doktor»
Es ist für manchen Zahnarzt ein Problem, dass man nicht mehr «Herr Doktor» sagt. Das war ein ganz elementarer Teil des beruflichen Selbstverständnisses. Dass die Gehilfinnen einfach so wenig Respekt haben, macht uns fertig. Aber dann muss einer sich fragen: Wie geht er mit seinen Gehilfinnen um? Da versteh ich auch die andere Seite. Ein Machogehabe aus mangelndem Selbstwertgefühl wird in diversen Praxen kultiviert. Wenn die mehr Selbstwertgefühl hätten, würden sie ihre Gehilfinnen nicht so herumkommandieren.

Ich habe auch einen Komplex – wer hat das nicht –, aber einfach, um es mal zu sagen: Ich wollte Zahnarzt werden, weil ich nicht kämpfen muss, um etwas zu kriegen. Die Leute wollen etwas von mir. Auch im übertragenen Sinn: Ich muss sie nicht erst in die Knie zwingen, sie liegen schon.


Über die Erziehung
Ich wurde sehr streng erzogen. Dort, wo ich aufgewachsen bin, waren wir so etwas wie eine Vorzeigefamilie. Meine Grossmutter war Hebamme, die hat die halbe Stadt zur Welt gebracht. Jeder hat dazu beigetragen, dass das Geschäft floriert. Jeder kannte mein Gesicht, und ich für meinen Teil habe immer gegrüsst, dann klingelte die Kasse im Geschäft. Mein Vater war Elektriker, meine Eltern hatten es recht, ich hatte nie das Gefühl von Enge oder existentieller Angst. Zusammenfassend kann man dennoch sagen: Meine Erziehung war Druck, und ich hatte ein schlechtes Selbstvertrauen.

Als Kind wollte ich Konditor werden, dann irgendetwas mit Mode. Es ging mir um Selbstbestätigung. Als ich dann meine Praxis aufgebaut hatte, alleine, merkte ich: Die Leute kommen wegen mir, nicht wegen meinem Vater. Durch den Erfolg wuchs auch mein Selbstwertgefühl.


Über Patienten
Es sind immer dieselben. Die kommen wie selbstverständlich verspätet. Das sind Menschen, die haben das Gefühl, sie seien beim Coiffeur und nicht beim Zahnarzt. Ich hatte mal eine Patientin, sozial auf hohem Level, ziemlich schwierige Zahnsituation, sie kam zu mir und sagte erst mal, ihr eigentlicher Zahnarzt habe eine Praxis an der Madison Avenue, halte überall Vorträge, sei sehr berühmt. Einschüchterung! Na ja, dann öffnet sie den Mund, du schaust rein und denkst, was soll da Madison Avenue sein? Alles recht mittelmässig und hingeschmiert.

Nach anderthalb Stunden schwerer Arbeit reiche ich ihr den Spiegel, und sie kontrolliert ihre Frisur. Ich meine, da weisst du auch, was für eine Beziehung sie zu ihrem Mund hat und zu mir. Da kommt dann bei mir sofort wieder diese Einsamkeit: Ich gebe alles, kotz mich aus, halte ihr stolz den Spiegel vor, hoffe auf etwas Anerkennung – und sie streicht sich durchs Haar. Andere wieder sind für zwei Stunden eingeschrieben, kommen zu spät und eröffnen dir, dass sie in einer Dreiviertelstunde in der Kronenhalle zu einem Geschäftsessen erwartet würden.

Was tun? Mit der Arbeit beginnen, dem Restaurant die Verspätung mitteilen und meinen Job durchziehen. Am liebsten sind mir die einfachen Menschen. Aber wer ist schon einfach? Niemand ist einfach. Aber Fremdarbeiter, arme Leute, einfach Leute, die sich auch nicht sicher fühlen. Sie sind dankbar, das ist angenehm.


Über Menschen
In der Praxis kann man Charakterstudien betreiben: Nach der Behandlung geht der Dank der Patienten an mich; die Gehilfin, also meine Assistenz, wird ignoriert. Zu Unrecht! Während der Behandlung ist meine Zusammenarbeit mit der Gehilfin wie ein Ballett, wir sind wie ein alteingespieltes Ehepaar. Es wird kaum gesprochen. Worte sind aufs Wesentliche beschränkt. Sie arbeitet mir zu, in die Hand, damit ich mich nur auf den Mund beschränken kann. Da finde ich die Undankbarkeit der Patienten unmöglich, vielleicht ist es aber auch gar nicht böse gemeint, vielleicht wollen sie die Praxis einfach fluchtartig verlassen.

Beim Spülen gibt es zwei verschiedene Typen: Ich sag: «Bitte spülen», da schnellt der eine hoch, voll durch die Lampe, den Schwenktisch, alles egal. Dann gibt es den andern, der lässt sich langsam hochfahren und hört nicht auf zu spülen, bis das Glas leer ist, und draussen sitzt der nächste und schlitzt die Zeitung, weil du zehn Minuten verspätet bist.

Dann ist der drinnen und hat erst mal noch meine Gehilfin zur Schnecke gemacht, traut sich aber nicht, mir etwas zu sagen. Der fürchtet sich natürlich vor mir in dieser Position, schaut aber demonstrativ auf seine Armbanduhr. Dann fange ich an, und er verstrickt mich in eine Diskussion, sobald er mal den Mund frei hat, obwohl er es doch eigentlich eilig hat. Der denkt, ich gehöre ihm. Ich muss immer gut drauf sein. Du musst ruhig bleiben und dem Patienten das Gefühl geben, du hättest alle Zeit der Welt, obwohl du sie nicht hast.


Über den Mund als offenes Buch
Wenn du jemanden über Jahre hinweg begleitest, siehst du oft an der Mundsituation, in was für einer psychischen Verfassung der Patient sich befindet. Man erkennt die Ernährung, die Prioritäten. Probleme möchte man gegen aussen verheimlichen: Die Zähne sind doch etwas vom ersten, was man ein bisschen vernachlässigt, oder? Man beginnt sich anders zu ernähren, setzt Gewicht an, isst mehr Schokolade. Süsse Essgewohnheiten zeigen sich am Speichel, der wird zähflüssig und viskös. Psychopharmaka trocknen den Mund aus.


Über Geld
Geld wird in der Zahnmedizin mit Technik verdient. Technik heisst Porzellankronen, Brücken, Prothesen, einfach alles, was vom Zahntechniker kommt. Wenn ich eine Krone mache, wird der Zahn präpariert, ein Abdruck genommen, ein Provisorium erstellt. Der Abdruck geht ins Labor, wo der Techniker die Porzellankrone macht. Das bedeutet für mich eine andere Form der Arbeit, weniger Stress und mehr Geld. Ich will und muss aber auch die soziale Situation des Patienten in Betracht ziehen und möchte nicht um jeden Preis Technik verkaufen, das gute Gewissen und ein guter Schlaf am Abend sind mir wichtig. Die Alternative zur Technik: Mit den heutigen Composite-Materialien ist in der Zahnrestauration sehr vieles machbar.

Das Modellieren einer Füllung ist ein Kunsthandwerk. Das macht mir wahnsinnig Spass, auch wenn ich damit weniger verdiene. Diese Alternative ist aber auch nicht immer möglich, ich muss abwägen zwischen Aufwand und Ertrag. Die Banken spielen hierbei keine unwesentliche Rolle. Sie zwingen dich, Umsatz zu machen, also Technik zu verkaufen, das heisst: Kronen, auch wenn Composite-Füllungen ausreichen würden. Bei den Banken kannst du mit Ethik nichts erreichen. Obwohl ich seit zwanzig Jahren tätig bin, habe ich meine Praxisschulden noch nicht vollständig zurückgezahlt, etwas muss ich also falsch gemacht haben, das weiss ich. Meine Eltern hatten mir bei der Finanzierung der Praxis geholfen, da bin ich sehr dankbar. Das hat mir bisher erlaubt, nicht verbissen Kronen verkaufen zu müssen. Aber da kommt das Problem: Wenn ich mit ein bisschen handwerklichem Geschick Zähne gut aufbaue, braucht das Zeit, und die kostet Geld. Aber du fragst dich: bin ich das wert, so viel Geld für zweieinhalb Stunden? Dann sagt mir der Buchhalter: Sie müssen das kalkulieren, sonst können Sie Ihre Praxis schliessen.

Mir reicht das, was ich habe. Ich muss ja nicht mehr haben als ein gutes, schönes Leben. Ich werde nicht reich werden. Was ich möchte ist das, was ich habe.


Über Schmerzen
Vorsichtig das Gewebe über die Nadel stülpen und reinschlüpfen, nicht ruckartig, sondern sachte und langsam. Dann abtasten, um zum Ort zu kommen, wo du sie setzen willst; langsam injizieren, wenig Druck. Sinnlich. Der Schmerz darf den Patienten nicht überrumpeln, er muss Zeit haben, sich dem Schmerz anzupassen. Auch mit den hauchdünnen Einwegspritzen ist das Spritzensetzen noch eine Kunst. Das muss dir als Zahnarzt tagtäglich klar sein: Du befindest dich in einer Beziehung, die für dich Alltag ist und für das Gegenüber Ausnahmezustand. Dein Gegenüber hat meistens nicht geschlafen, hat erhöhte Temperatur, schwitzt, ist oft flutschnass hinten am Rücken.

Beim Spritzensetzen merkt einer, was du kannst, wie sensibel du bist. Es ist grausam, was man als Zahnarzt alles falsch machen kann.

Das Stressigste am Beruf ist, die Nervosität des Patienten zu neutralisieren. Der Patient spürt jede Spannung. Du darfst die Nervosität nicht zurückgeben. Du musst dich selber zurückstellen, auch wenn du selbst nervös oder angespannt bist. Du musst den Patienten fragen, zum Beispiel ob er Schmerzen hat. Der denkt bestimmt: «Himmel, ich kann ja nicht antworten», aber darum geht’s ja nicht, ich verstehe auch Handzeichen. Ich frage ihn dosiert, damit er merkt, dass wir miteinander kommunizieren, dass ich auf ihn reagieren kann, auch wenn er den Mund voller Schläuche hat.


Über Angst
Zahnarztpraxen sind wie ein Spiegel unserer Welt, weil die Dinge, die bei uns ablaufen, archaisch sind. Die meisten Patienten haben Angst. Sie haben Angst vor dem Unbekannten. Deshalb musst du dem Patienten schrittweise erklären, was du tust. Das Schlimmste für ihn ist das Warten auf den Schmerz, diese ständige Spannung. Viele geben Laut, bevor der Schmerz da ist, um mich zu warnen. Wenn die Spritze dann erst mal gesetzt ist, fällt diese Angst weg, Erleichterung für uns beide. Ich arbeite lieber mit Anästhesie, weil der Patient dann ruhiger ist und weniger Speichel produziert.

Die Arbeit selbst stresst dich schon auch. Aber den wirklichen Stress, den machen dir nicht die Zähne, den machen dir die Menschen. Keiner fragt dich als Zahnarzt: Wie geht es Ihnen? Du musst immer fragen: «Wie geht es Ihnen?» Dir muss es immer gutgehen. Du musst alles Pri vate und Persönliche zurückstellen. Du musst funktionieren.


Über Aggressionen
Diese ständige Konzentration, dieses Immer-parat-sein, immer nett, immer freundlich, immer zurückgenommen, jeden Tag immer dieses Sich-selbst-Überwinden, auch wenn du manchmal nicht möchtest … Also das tönt jetzt furchtbar, aber manchmal kommen einem beim Anästhesieren wirre Gedanken. Die Nadel dringt langsam ein, und du denkst: so, und jetzt bin ich dran. Ausrasten, durchknallen, zustechen, rumwühlen … aaahh! Amok. Das Gefühl kommt immer wieder mal. Also verstehen Sie mich recht, die Gefahr besteht nicht wirklich, ich brauche die Patienten ja auch. Aber immer ruhig, immer kontrolliert, immer so nah am Hirn, dann steigt es irgendwann in dir hoch – es ist eine Gratwanderung zum Wahnsinn. Ich glaube, jeder kennt das, jeder muss sich ja bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, aber wir Zahnärzte ganz speziell. Es heisst ja, wir hätten die höchste Selbstmordrate.

Ich habe Psoriasis. Mein Coiffeur sagt: das ist die Zahnarztkrankheit. Die ist zwar eigentlich genetisch bedingt, aber trotzdem leiden merkwürdigerweise sehr viele Zahnärzte daran. Es ist eine Stresskrankheit. Ich spüre diesen Stress, diese ganze Belastung physisch. Du darfst nicht einmal tief durchatmen, ohne dass der Patient denkt, du stöhnst, weil er ein schwieriger Fall sei.


Über Intimität
Ich denke vieles, wenn ich in einen Mund schaue. Wundere mich über manche schlecht gemachte Füllung, aber ich wundere mich selten über schlechte Zähne. Was ich respektlos finde: wenn jemand völlig verfilzt zum Zahnarzt kommt, sie sollten sich die Zähne putzen. Manchmal kommen Phantasien, wo dieser Mund wohl überall schon war. Dann beginnen auch diese sexuellen Gedanken. Es ist ja ein Wahnsinn, was mit dem Mund alles gemacht wird und wozu er verwendet wird, verstehen Sie?

Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Frauen sind bereit, sich hinzugeben, sind auch leidensfähiger. Vielleicht, weil ihnen die passive Rolle vertraut ist. Sie legen sich hin und nehmen es hin. Männer wollen steuern, sind deshalb oft verspannt, weil sie hier für einmal nicht am Ruder sind. Sie sind mir ausgeliefert. Der ganze zahnärztliche Akt ist eine Penetration, du musst eindringen, aber du musst in der Intimität eine Distance bewahren.

Als ich meinen Vater zum ersten Mal behandelte, war er ein alter Mann. Es war ein sehr spezielles Gefühl, ihm so nahe zu treten. Wir Kinder kannten keine Intimität zwischen den Eltern und jetzt war ich ihm körperlich so nah. Für mich war sein Mund bisher das, was er für mich als Vater gewesen war: ein Rätsel. Vorher war er die Autorität gewesen, nun hatte sich das gekehrt, jetzt war ich in der starken Position. Er ertrug das mit Gelassenheit. Das Alter hatte ihn sanft gemacht.

Als er dann später nicht mehr aufstehen konnte, musste ich ihn umarmen, ich hatte das vorher nie getan.


Über das Zahnarztsein
Ich liebe es, auf Leute einzugehen, ich liebe es, Angst abzubauen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Leute kommen und es schätzen, dass man sie anfasst und an ihnen etwas macht und ihnen ein paar persönliche Worte sagt. Und das von mir, einem Zahnarzt! Das ist auch ein Bereich, in dem man ein guter Arzt sein muss. Oft erfährt man erst später, welche Rolle man im Leben eines Patienten spielte.

Wenn du dich um jemanden kümmerst, wenn du jemandem Aufmerksamkeit schenkst, wird Vertrauen aufgebaut. Das kostet Kraft, aber das macht es aus, warum ich diesen Beruf so liebe. Ich habe mich früher immer gescheut, zu sagen, ich werde Zahnarzt, weil das immer verbunden wurde mit schnellem Geldverdienen. Ich glaube, dass früher viele auch deshalb diesen Beruf gewählt haben. Heute ist das anders. Du hast zwar immer noch ein rechtes Einkommen, aber reich wirst du nicht mehr.


Als Zahnarzt bist du immer etwas gezeichnet. Die einen denken, Zahnärzte hätten zu viel Geld, die anderen betrachten unsere Arbeit etwas abschätzig, obwohl sie doch froh sind, dass es uns gibt. Als Zahnarzt bist du befangen in deiner künstlerischen Ausdruckskraft und begrenzt in dem Raum, den du gestalten kannst. Manchmal fragst du dich, ob du wirklich dein ganzes Leben lang immer nur sagen willst: Bitte spülen, bitte spülen? Vielleicht suchen deshalb viele Zahnärzte andere Ausdrucksformen und Zusammenhänge, um sich auszutoben.

Letztlich bist du als Zahnarzt eine Servicekraft. Du bist da und musst versuchen, deine Kunst zu verkaufen, und du dienst den Patienten, die paradoxerweise aber dir ausgeliefert sind auf deinem Stuhl. Aber du bist immer nur der Zahnarzt, zu dem die Leute zu spät kommen und sagen: Das muss in 30 Minuten fertig sein.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


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