NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Die Erschaffung des Tempos

Wohin uns der Trieb nach höher, schneller, weiter führt.

Von Peter Gendolla

<Die Zukunft war früher auch besser.> Karl Valentin

Die Vorstellung von der Zeit als Kreis, als sich ewig wiederholender Zyklus, ist so alt wie die Beobachtung der Sterne. Die Vorstellung von der Zeit als Linie, die in eine neue, glückliche oder elende Zukunft führt, beginnt da, wo ihr ein fixer Punkt, ein Jahr Null gegeben wird, von dem an die Geschichte er-zählt oder berechnet werden kann. Das soll spätestens 777 v. Ch., in der Ära des babylonischen Herrschers Nebukadnezar, unternommen worden sein. Und die Vorstellung von der Zeit als Punkt, in dem ihr Beobachter förmlich zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit zerrissen wird - heute nennen wir das Echtzeit -, konzipierte bereits Seneca, 60 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung.

Dass alles unüberschaubarer und dichter wird, die Klage oder Begeisterung darüber, dass das Leben sich unaufhaltsam beschleunigt, ist allerdings neueren Datums. Eigentlich erst mit den technischen und medizinischen Fortschritten des 19. Jahrhunderts, mit Eisenbahn, Telegraf und Bevölkerungsexplosion beginnen auch die Reden von Raserei und Stillstand. Dass Zeit einst anders wahrgenommen wurde, davon erzählen die Mythen der unterschiedlichen Kulturen; und bis man Beschleunigung erfahren konnte, brauchte es seine Zeit.

Von der Erschaffung der Zeit erzählen die Schöpfungsmythen, etwa die «Götterlehre von Memphis» aus der Hochdynastie des alten Ägypten im 14. Jahrhundert v. Ch. «Am Anfang war nur das grosse, unbewegte und unendliche Weltmeer, ohne Leben, aber voller Stille.» Die Zeit entsteht aus der Unzeit. «Atum aber ward nach geraumer Zeit seines Alleinseins überdrüssig und . . . gebar Schu, den Windhauch, und Tefnut, die Feuchtigkeit, indem er sie aus seinem Munde spie. Schu und Tefnut aber erzeugten Geb, die Erde, und Nut, den Himmel. Diese aber zeugten Isis und Osiris . . .»

Der kosmogonische Akt erzeugt die Gegensätze, die neue Gegensätze aus sich hervorbringen. Mythen erzählen nichts Einmaliges, sie bannen vielmehr Zyklen, in denen Tag und Nacht, Trockenheit und Flut, Aussaat und Ernte ineinanderkreisen. In der glücklichen Zusammenarbeit von Isis und Osiris, die von Seth - der Dürre, der Unfruchtbarkeit, dem Bösen - unterbrochen, durch geschicktes Handeln der Göttin wiederaufgenommen werden kann, spiegelte sich etwa die an den Nil gebundene Agrarwirtschaft. Mythen erzeugen das Zeitschema, auf das die Bewegungen der Sterne, das Wachstum der Pflanzen, Geburt, Krankheit und Tod projiziert und mit entsprechenden sozialen Handlungen verbunden werden können.

Solcher Kreislauf, das Vertrauen in die Wiederholbarkeit, wird durch das Christentum beendet. Mit der Einmaligkeit der Erscheinung des Messias und der durch ihn versprochenen Erlösung ändert sich alles, wird ein Datum gesetzt. Irdische Zeit wird zählbar, das Leben individuell und gerichtet, nach Christi Vorbild einrichtbar. Ab jetzt bildet das Leben nur eine Abweichung vom ewigen Sein, es muss genutzt werden, damit man die Ewigkeit so bald als möglich wieder erreicht. Die Zeit wird zu einer Linie in die Zukunft.

Der ganze, unendlich komplexe Kommunikationsprozess, in den die europäischen Regionen, Gruppen, Gesellschaften mit dem Beginn der Neuzeit treten, lässt sich auch als Anpassung von Massen, Gewichten, Münz- oder Geldsorten, kurz gesagt: als Normierungsprozess, beschreiben. Das allgemeinste Raster dafür liefert die abstrakte, in Zahlen ausdrückbare Zeit, Newtons «tempus absolutum». Mit der Erfindung präziser Uhren im 14. Jahrhundert war sie vergleichbar und überprüfbar geworden. So konnten auch Arbeitszeiten exakter definiert werden, mussten Verabredungen eingehalten, Geschäfte präzis terminiert, Zeitpläne für alles und jedes aufgestellt werden. Nach der Uhr, die den Zeittakt gibt, wurde dabei das Geld zu dem Ding, das die Zeit zählt und vor allem aufbewahrt, damit sie getauscht werden kann.

Die Inkarnation des Kalküls mit der Zeit ist natürlich der Kaufmann, der Händler, der beste Kenner des Geldwesens. Er muss alles beherrschen, was mit der Zeit zusammenhängt, das heisst zunächst vor allem all die verschiedenen Zeiten kennen, die es auf der Welt gibt. «Denn ohne die Beobachtungen der Zeiten werden grosse Unklarheiten und Irrtümer in den Handlungen der Menschen auftreten, wo Kaufleute (im Hinblick auf ihren Handel und ihre Geschäfte) die Verfügung und die Verwaltung über den Reichtum der Königreiche und Gemeinwesen innehaben», schreibt Malynes 1622 in seiner «Lex Mercatoria», einem der vielen Handbücher für Kaufleute der damaligen Zeit. Unter der Vorgabe, dass die Zeit eigentlich Gott gehöre und von ihm nur ausgeliehen sei, um sie zu seinem Ruhme zu nutzen, wird sie ihm tatsächlich entwendet, säkularisiert, kapitalisiert. Auf einem ersten Höhepunkt dieser Auseinandersetzung, die die Zeit immer langfristiger plant und zugleich immer knapper macht, wird das Tagebuch Mode. 1712 empfiehlt der «Spectator», Tagebuch zu führen, damit die Leute sich der ungeheuren Zeitverschwendung bewusst werden.

Lange war es der Sonnenumlauf - nicht umsonst ist die Sonne eine Hauptgottheit früher Kulturen -, der auch die sozialen Prozesse regelte. Das innerhalb dieses Grundrhythmus variable, von Wetterlaunen abhängige Tageslicht begrenzte die Zeiten für Arbeit, Handel und Krieg. Zunächst unter dem Schutz der Kirche, dann gegen und schliesslich ohne sie entwickeln die mit genaueren Instrumenten ausgestatteten neuen Naturwissenschaften die Vorstellung einer objektiven, physikalischen Zeit. Vom älteren, konkreten, menschenzentrierten Zeitbegriff wird eine absolute Zeit getrennt. Auch die Natur wird zu einem autonomen, mechanischen Prozess, die Welt selbst zu einer Art Uhr. 1687 liefert Newton in den «Mathematischen Prinzipien der Naturlehre» die Definition: «Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfliesst an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äusseren Gegenstand. Sie wird auch mit dem Namen Dauer belegt.»

In der Absicht, Wissenschaft und Technik endlich von klerikalen Irrtümern zu befreien, wird zugleich die Schere zwischen konkret erlebter und abstrakter Zeit weiter geöffnet. Alle Aktivität wird immer mehr auf eine Zukunft ausrichtet, wie der Magnet die Eisenspäne auf sich zentriert. Die neue Physik der Galilei, Kepler, Newton scheint rein naturgegebene Potentiale zu berechnen, Bewegungsursachen, Gravitations- oder Reibungskräfte, die die Körper nach unveränderlichen Gesetzen beeinflussen. Tatsächlich setzt sie immense Beschleunigungskräfte frei, biegt die ins Jenseits zeigende Linie der Zeit auf die Erde zurück, wo die Dinge immer präziser und geschwinder bewegt werden können. Natürliche Energieformen werden analysiert; immense Phantasie wird investiert, sie in technische Wirklichkeit umzusetzen: in Maschinen, die die bisherigen mühseligen Arbeiten von Tier und Mensch in Bruchteilen der bisher benötigten Zeit verrichten.

Die «Newton-Zeit» ist die Zeit der Transformation des Handwerks, die Zeit der Mechanisierung der Produktionsprozesse. Das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert der Aufklärung, der Ablösung feudal-klerikaler Herrschaftsformen, ist mit gleichem Recht das Jahrhundert der Maschinen genannt worden. Von Vaucansons Erfindung einer Art automatischer Steuerung für Webstühle um 1740 zu Jacquards vollautomatischer Steuerung (1801-1808), die einen ganzen Berufsstand überflüssig machte; von den Versuchen mit «tierischem Magnetismus» zu Voltas Konstruktion galvanischer Elemente 1799, dem Beginn der modernen Elektrizitätsindustrie; von Papins Dampfdruckexperimenten (1680-1690) zu James Watts Dampfmaschine von 1769: die auf Grund der Entdeckungen konstruierten Maschinen sind auch immer Zeitverkürzungsapparate. Sie entlasten im ersten Schritt vom ökonomischen und sozialen Druck, immer mehr zu produzieren, erhöhen die Herstellungsgeschwindigkeit. Also erhöhen sie im nächsten Schritt wieder den Druck, aus dem sie entstanden waren. Immer wird ein komplexer Arbeitsprozess in einzelne, vergleichsweise einfache Schritte zerlegt, die normiert und aneinandergereiht werden, so dass die gleiche Sache in kürzerer Gesamtzeit produziert werden kann.

Fords auf wissenschaftlichen Untersuchungen Taylors beruhende Erfindung des Fliessbands um 1900 bildet nur die konsequente Umsetzung dieses Prinzips in die Industrie, den endgültigen Schritt in die Massenproduktion. Die vielen im handwerklichen Herstellen nötigen Zwischen-Zeiten werden überflüssig im Moment, in dem jeder Schritt mechanisch fixiert ist. Gleichgültig, welches Material mit welcher Energie bearbeitet wird, ob Stein, Erz, Leder oder Seide mit Wasser-, Feder-, Dampf- oder Muskelkraft: wo die zeitliche Reihenfolge der jeweiligen Umsetzungen analysiert und in einer Formel festgelegt werden kann, steht der Wiederholung durch eine Maschine prinzipiell nichts mehr im Wege. Ebensowenig der Vervielfachung und weiteren Beschleunigung solcher Prozesse. Industrialisierung bedeutet die Verkoppelung von Produktion, Transport, Verteilung und Verbrauch der Dinge auf der Grundlage eines Prinzips: der abstrakten Zeit.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts werden nicht bloss die Manufakturen nach und nach von Fabriken abgelöst, wo die automatischen Webstühle von Dampfmaschinen angetrieben werden, die ein Tausendfaches der bisher verwendeten Antriebe leisten. Die so massenhaft produzierten Waren müssen auch möglichst schnell zu den alten und den neu entstehenden Märkten transportiert werden. 1820 fahren die ersten «Dampfwagen» in den Strassen Londons. 1825 wird die Strecke Stockton - Darlington eröffnet, 1838 die berühmte Strecke zwischen London und Manchester. Von hier datiert die Vernetzung Europas, Nordamerikas, der Erdkugel mit Stahlschienen, auf denen Menschen und Güter mit steigender Geschwindigkeit bewegt werden, bis zu den Hochgeschwindigkeitszügen unserer Tage, dem TGV, dem ICE, dem Pendolino.

Mit der Eisenbahn beginnt auch das panoramatische Sehen, kommt das erste Kino: schnellbewegte Landschaften vor dem Abteilfenster in einem stillgestellten, nur noch diffus erschütterten Körper. Was von nun an wahrgenommen wird, ist die abstrakte Zeit selbst - reine Bewegung der Dinge, die immer weniger Widerstand entgegensetzen, an dem der Körper sein Gewicht oder die eigenen Kräfte erfahren könnte.

Dampfmaschine, Gas- und Elektromotor liefern im 19. Jahrhundert die Mittel für neue Beschleunigungsschübe. In der zweiten Jahrhunderthälfte ist das Eisenbahnnetz, obwohl bereits sehr dicht, noch zu grob; dem Menschen ist nach mehr Mobilität. 1885 unternimmt Karl Benz erste Ausflüge mit einem dreirädrigen Motorwagen. Als Sohn eines Lokomotivführers hatte er die Idee, «ein Fahrzeug herzustellen, das ohne Pferde, ähnlich wie die Züge auf den Schienen, sich auf der Landstrasse schienenlos bewegte». 1894 begann der Serienbau des Autos, es kostete 2000 Reichsmark und erreichte 20 km/h. Bereits 1912 wurde ein Rennwagen auf 160 km/h beschleunigt.

Die Konsequenzen der weiteren Technik- und Verkehrsgeschichte des Automobils, der Utopie von der individuellen und grenzenlosen Beweglichkeit beschäftigen Städte- und Landschaftsplaner, Unfallkliniken und Versicherungsgesellschaften, Ökoparteien, Ökonomen-, Psychologen- und Theologenkongresse, die Mehrheit der arbeitenden oder dienstleistenden Bevölkerung der Industrienationen. Die ganz irdischen Auswirkungen des ganz jenseitigen Mythos grenzenloser Mobilität bilden das grösste Problem für Adam Smiths «Wohlstand der Nationen».

Wortwörtlich haben die höheren Beschleunigungen von immer mehr Menschen und immer mehr Gütern zu immer mehr Stillstand geführt, werden die gleichen Strecken nicht schneller, nur mit anderen Geschwindigkeitsverteilungen zurückgelegt: kurzfristig hohe Geschwindigkeit plus stundenlange Staus und Stop and go. Der Wunsch nach mehr Zeit, der verständliche Antrieb, die zum Überleben notwendigen Zeiten mit immer neuen technischen Mitteln möglichst zu verkürzen, um fürs eigentliche Leben, den selbsterfundenen Spass und die gemeinsamen Lüste, soviel Zeit wie möglich zu gewinnen, führt nur allzuoft ins krasse Gegenteil, in die unendlichen Nicht-Zeiten der modernen Gesellschaften: lähmendes Warten, tote Pausen, industrialisierte Unterhaltung.

Das gilt nicht allein fürs Auto, das sich zusehends in einen gemütlichen Wohn- und Warteraum mit Internet-Anschluss verwandelt. Andere hilfreiche Technologien haben ähnliche Effekte. Sie schenken Zeit und rauben sie gleich wieder. Kluge Statistiker behaupten, dass die moderne Hausfrau mehr Zeit mit Wasch-, Trocken-, Spül- und Kaffeemaschinen verbringt als die frühere mit Windelwaschen und Kartoffelschälen. Auch wenn immer mehr Leute sich ihre Einkäufe nach Hause bringen lassen: immer mehr müssen dennoch immer weitere Strecken zu den Grossmärkten an den zersiedelten Stadtrandgebieten zurücklegen, und zwar im Auto - siehe oben.

Die paradoxen Effekte der Rationalisierung sind in vielen sozialen Bereichen beobachtbar, in Fabriken, Verwaltungen, in der Freizeit, um die herum sich ja nicht umsonst eine der profitabelsten Industrien herausgebildet hat. Die eingesetzten Mittel, als Zeitverkürzungstechnologien gedacht, stärken und verlängern nur das «Objekt», das sie doch abschaffen sollten: gezählte, abstrakte Zeit.

Nun taucht am Horizont der späten Industriegesellschaften etwas auf, das ihren Trieb nach höher, weiter, schneller beenden könnte, ausgerechnet, indem sie ihn sich endgültig austoben lassen: die Bewegung, diesmal die Kommunikationsgeschwindigkeit, nähert sich ihrer natürlichen Grenze, der Lichtgeschwindigkeit. Aus den gravierenden Zeitproblemen der Industrialisierung hat sich die sogenannte Informationsgesellschaft entwickelt, als Notlösung gewissermassen. Mit den noch schnelleren Verkehrsmitteln nach dem Auto, also den Flugzeugen, Überschallflugzeugen, Raketen, Spaceshuttles und so weiter, wurde ja keine Zeit gewonnen, die leere Zeit wurde nur anders verteilt, in kleinere Häppchen aufgeteilt. Dabei trieben die immer schnelleren Maschinen ihre Besatzungen ans Äusserste der körperlichen Möglichkeiten, bis die Beschleunigung nicht mehr von menschlichen Körpern, nur noch von ihren Bildern und Stimmen ohne Todesgefahr überschritten werden konnte. In den technischen Kanälen des Informationszeitalters werden sie (fast) so schnell wie das Licht.

Nicht mehr Personen und Dinge, aber doch umfassende Informationen über sie bewegen sich fortan ungebremst um den Globus. Zugleich wird die Wahrnehmung von Raum und Zeit, vor allem die Wahrnehmung des eigenen Körpers, unendlich zerstreut, beliebig zerlegbar und zusammensetzbar, auf welchem Bildschirm auch immer. Der eigenen Gegenwart geht das Band verloren, das vom mythischen und religiösen Denken geliefert worden war, das als Versprechen einer erfüllten Zukunft in Resten immer noch auch den letzten Börsenmakler antreiben mag.

So müssen die Medien eine Aufgabe übernehmen, deren Ziel sie durch ihre Strukturen zugleich dauernd unterminieren. Wie im Mythos müssen sie natürliche Ereignisse und kulturelle Aktivität zu einem Sinn verschmelzen, etwas erzählen, das jedem seine Zeit und seinen Ort auf einem überschaubaren, zumindest vorstellbaren Weg zuweist. Der Ort dieser neuen Erzählungen ist das Netz, die neue Zeit heisst Echtzeit. Die neuzeitliche Zivilisation hatte die mythischen Kreise aufgeschnitten und zu einer langen, ins Offene zielenden Linie gebogen, auf der viele kleine Einzelgeschichten angesiedelt werden konnten: statt der Erzählung von Göttern und Königen und Rittern die Bildungsgeschichten vom erfolgreichen Bürger, Kaufmann, Unternehmer, Ingenieur, Wissenschafter, die unermüdlich den Rest der Menschheit, all die Arbeiter, Neger, Bettler, Frauen und Kinder, in eine immer reichere Zukunft führten.

Die grössere Geschwindigkeit, die Erweiterung ökonomischer Potenz haben aber zu ebenso heftigen Krisen geführt, die nicht mehr wie noch die ersten bürgerlichen Revolutionen auch als Chance, als Befreiung wahrgenommen wurden. Allen voran die zwei grossen Kriege unseres Jahrhunderts haben mitsamt den Landschaften, Städten und Einwohnern, die in Krater, Ruinen und verbranntes oder verstrahltes Fleisch verwandelt wurden, auch die grosse Zukunftslinie gesprengt.

Diese Explosionsbewegung der Materie wird nun abgelöst von der Beschleunigung und ungebundenen Zirkulation ihrer Zeichen, Bilder und Töne. Nach einer drei-, vierhundert Jahre währenden Phase des beschleunigten Körpertransports gab es - etwa seit Talbots Erfindung der Negativfotografie 1839 - den immer höher beschleunigten Bildertransport. Vom Malteserkreuz, das den gleichmässigen Bildlauf in Kamera und Projektor regelt und so die Überlistung des Zeittaktes der Augen, die Bewegungsillusion des Kinos, ermöglicht, zum Kathodenstrahl der Braunschen Röhre, zu den Ladungen der LCD- oder Laser-Displays - all diese Systeme werden von internen Taktgebern gesteuert.

Die interne Regulation durch Zeitpunkte steuert dabei zugleich die externe Zerlegung der Aussenwelt in Raumpunkte, also die Umsetzung ihrer drei Dimensionen in die zwei Dimensionen unserer technischen Bilder, mögen sie uns noch so plastisch erscheinen. Immer nur wird ein Raum durch die Anordnung technischer Sensoren in eine Fläche aus Linien und Punkten transformiert und diese Punkt für Punkt nach einem definierten Zeittakt auf eine andere Fläche - Papier, Leinwand, Monitor, LCD-Schicht - übertragen. Nichts als diese Synchronisation von Raumpunkten mit Zeitpunkten wird mit den gegenwärtigen Rechnertechnologien perfektioniert, eben das meint Digitalisierung: Umsetzung der vielfachen analogen - Seh-, Hör-, Tastsignale, Wellen, Molekülpäckchen - in diskrete Zeit-Zeichen. Diese werden in Nanosekunden, in Echtzeit also, zum Empfänger transportiert und wieder zusammengesetzt. Um die unvorstellbare Geschwindigkeit solcher Datenübertragung etwas deutlicher zu machen: Eine Sekunde hat so viele Nanosekunden, wie ein Dreissigjähriger an Sekunden erlebt hat.

Die skizzierte Beschleunigung kommt mit der elektronischen Vernetzung der Welt an ihr Ziel. Das sieht aus wie globale Uniformisierung, bedeutet am Ende aber doch globale Freilassung: die Individualisierung der an diesen Kommunikationsprozessen beteiligten Personen, Gruppen, Gesellschaften. Ob E-Mail, der synchrone Entwurf von Bauten oder Drehbüchern in Intranets, das Plaudern in Chat-rooms oder vernetzte Adventure games: In der neuen sogenannten interaktiven Kommunikation ändert sich das Zeitmodell oder Synchronisationssystem, über das Denken und Handeln organisiert wird.

Während wir kommunizieren, können unsere Worte und Pläne bereits geändert werden, von Menschen oder Programmen, zeitgleich. Das ist ein noch sehr irritierender, unser eingeübtes Alltagshandeln verwirrender Prozess. Der neue Zeit-Raum entzieht sich unserer Anschauung und muss deshalb mit immer neuen Bildern erläutert werden, mit Videoclips, mit Computerspielen. So bildet die «Echtzeit» den neuen Mythos, über den wir versuchen, unser rechnergestütztes Handeln und die damit verbundenen Ereignisse zu verstehen. Wieder wird ihnen eine Erzählung unterlegt, aber diesmal nicht von einem Gott, der die Zeit aus sich gebiert oder Mensch wird, damit wir in die Ewigkeit zurückkehren können. Diesmal handelt der Mythos vom puren Hier und Jetzt, er behauptet, dass wir alle auf einen Schlag miteinander reden könnten, ein einziges unendliches Bewusstsein in den Weiten des Cyberspace sind.

Was in den blitzschnellen - manchmal auch elend langsamen - Austauschprozessen zwischen Menschen, Maschinen und Programmen geschieht, was tatsächlich während der aus dem Raum in die Zeit verschobenen Simulationen passiert, dafür gibt es noch keine wohlgeformte Theorie. Wie die Zeit hier genau funktioniert, werden wir vielleicht erst später erfahren. Wie sagte der brave Soldat Schwejk zu seinem Freund, als er einberufen wurde: «Wir treffen uns nach dem Krieg um vier.»

Peter Gendolla ist Professor für Allgemeine und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Siegen (D) und Mitglied der International Society for the Study of Time. Sein Buch «Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung» erschien 1992 als Dumont-Taschenbuch.


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