IM SOMMER 1996 hatte eine Swissair-Maschine nach Peking ungewöhnliche Fracht an Bord: Przewalskipferde aus der Schweiz, direkte Nachkommen der letzten echten Wildpferde. In Peking wurden die Tiere in eine Propellermaschine umgeladen, sie landeten nach 28stündiger Reise in der Dschungarischen Senke der Wüste Gobi, in der mongolischen Heimat, wo ihre Vorfahren vermutlich Ende der sechziger Jahre ausgestorben sind. Mit unterschiedlichem Mut wagten sich die drei Hengste und fünf Stuten, die bisher nur den Wildpark Langenberg der Stadt Zürich oder das Gehege der Werner-Stamm-Stiftung in Oberwil, Baselland, kannten, aus den Transportkisten in die staubige Leere.
Während die amerikanischen Mustangs oder die australischen Brumbies lediglich verwilderte Hauspferde sind, handelt es sich beim Przewalskipferd um die mongolische Unterart des eigentlichen Urpferdes Equus ferus, wie es gegen Ende der letzten Eiszeit von Asien bis nach Spanien verbreitet war und in Lascaux vor 17 000 Jahren an die Höhlenwand gemalt wurde. Vor etwa 6000 Jahren kam es dann den Menschen in den Sinn, mit Pferden nicht nur ihren Bauch zu füllen, sondern sie auch vor einen Karren zu spannen und auf ihren Rücken zu reiten. So unterschiedlich Araberhengst und Brauereiross heute erscheinen mögen - sie stammen beide vom Equus ferus ab.
Die Jagd hatte in den letzten 2000 Jahren in Europa die verschiedenen Unterarten des Wildpferdes sukzessive eliminiert. Und als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Ukraine auch noch die letzten Steppentarpane erledigt waren, glaubte man das Wildpferd ausgestorben. 1878 erhielt der russische Major Nikolai Przewalski in Kasachstan an der chinesischen Grenze von einem Zöllner den Schädel und das Fell eines pferdeähnlichen Tieres, das einheimische Jäger weiter im Osten erlegt hatten. Przewalski vermutete eine noch unbekannte Art und brachte die Trophäen nach St. Petersburg zum Zoologen Poljakow, der das Tier schliesslich als neue Wildpferdart beschrieb: Equus przewalskii (später wurde es als Unterart Equus ferus przewalskii klassiert).
Die Entdeckung neuer Wildpferde war eine wissenschaftliche Sensation. Die Zoologischen Gärten und die Sammler seltener Wildtiere wollten alle so ein Wildpferd haben. Um die Jahrhundertwende setzten Fangaktionen im grossen Stile ein. 1899 gelang es dem deutschen Fürsten Friedrich von Falz-Fein, von mongolischen Jagdtrupps sieben Fohlen zu erwerben. Man beschränkte sich auf Fohlen, weil erwachsene Wildpferde für die Häscher viel zu schnell und zu ungestüm waren. Und die Fohlen bekam man auch erst nach stundenlanger Hatz mit Rennpferden in die Schlinge, wobei der Leithengst, der jeweils seine Familie zu verteidigen suchte, kurzerhand erschossen wurde. Anfangs überlebten die gefangenen Fohlen nicht lange, da sie die Schafsmilch, die man ihnen gab, nicht vertrugen. Erst als man Hauspferdstuten als Ersatzmütter organisierte, überstanden die Wildpferdfohlen das Kidnapping. Aber selbst dieser Ammendienst war von Brutalität begleitet: Damit die Stute überhaupt ein fremdes Fohlen an die Zitzen liess, tötete man ihren eigenen Nachwuchs und verkleidete die Przewalskifohlen mit dem der Amme vertrauten Fell.
Besonders aktiv war der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck. Er brachte im Jahre 1901 für den Herzog von Bedford und für etliche Zoos in Europa und in den USA 28 halbjährige Przewalskifohlen in den Westen - 24 weitere Wildfänge waren entweder schon in der Mongolei oder auf dem monatelangen Transport zugrunde gegangen. Zudem brachten die Hagenbeck-Expeditionen Skelette und Felle für Museen. So kam auch das Zoologische Museum der Universität Zürich zu seinen zwei ausgestopften Wildpferden. 1903 war die Sammlerwut bereits vorbei. Das Geschäft war immer schwieriger geworden, denn die Fangaktionen hatten die Herden zersprengt und in unzugängliche Wüstengebiete getrieben.
Insgesamt erreichten nur 55 Przewalskipferde lebend den Westen. Trotz jahrzehntelangen Bemühungen vermehrten sich die Tiere nur schlecht. Nach grösseren Verlusten im Zweiten Weltkrieg war 1956 der weltweite Zuchtbestand auf 41 Tiere geschrumpft. Illegale Jagd, aber auch die Konkurrenz durch mongolische Viehherden an den kargen Wasserstellen hatten die freilebenden Wildpferde mittlerweile ebenfalls dezimiert. 1968 wurde in der Wüste Gobi zum letztenmal eine Wildpferdfamilie beobachtet. In den siebziger Jahren begriff die Fachwelt endlich, dass sich das Przewalskipferd nur mit einem weltweit koordinierten Zuchtprogramm retten liess. Denn die insgesamt lediglich auf 13 verschiedenen Wildtieren ruhende genetische Basis war verkümmert, weil die Zuchtstationen aufeinander eifersüchtig waren und sich voneinander abschotteten. Der gezielte Austausch von Zuchttieren führte prompt zum erhofften Aufschwung. 1980 gab es in Gefangenschaft bereits 416 Wildpferde. Heute leben an über 175 Orten um die 1800 Tiere.
So war die Zeit reif geworden, das Wildpferd wieder in seiner Heimat in der mongolischen Wüste anzusiedeln. Man war sich allerdings einig, dass man die Zootiere nicht einfach in die Wüste entlassen konnte. Denn in den hundert Jahren im Asyl hatten sich die Wildpferde an energiereiches Futter und menschliche Obhut gewöhnt. Das gefangene Wildpferd stand allzuoft in der Einzelbox. Das Leben in Freiheit erfordert aber ein ständiges Sich-Bewegen in Wind und Wetter, ein fortwährendes Horchen, Gucken und Schnuppern im engen Sozialverband.
In den letzten Jahrzehnten war ausserdem die mongolische Steppe mehr und mehr vertrocknet, das ohnehin karge Futter noch weniger geworden. In einer aufwendigen Analyse untersuchte in den achtziger Jahren ein russisch-mongolisches Forscherteam, wo überhaupt ein Ansiedeln von Wildpferden noch aussichtsreich wäre. Man registrierte in 17 Gebieten die Anzahl der Haustiere und der verwilderten Hauspferde, zählte die Wasserstellen, mass den Ertrag der Weiden, klärte die Häufigkeit blutsaugender Insekten, das Vorhandensein natürlicher Verstecke und wintersicherer Einstände ab. Die Note eins erhielten die Vorhügel des Tachin-Shar-Nuruu in der Dschungarischen Senke der Wüste Gobi im Südwesten der Mongolei. Dies war just der Ort, wo bis in die sechziger Jahre die Wildpferde noch heimisch gewesen waren. Dort war ausserdem bereits das Naturreservat Gobi B mit einer Fläche von einem Drittel der Schweiz ausgesondert. So bestand ein gewisser Schutz vor Störungen.
1992 begann die deutsche Christian-Oswald-Stiftung im Tachintal am nordöstlichen Rand des Reservates, die ersten Przewalskipferde an die mongolische Umwelt zu gewöhnen. Die Schweiz beteiligt sich unter der Leitung von Ewald Isenbügel von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich und Christian Stauffer vom Stadtforstamt Zürich massgeblich am Projekt. Entlang einem Bach wurden Gatter mit Flächen von bis zu einem Quadratkilometer eingerichtet. Zwischen 1992 und 1997 flog man insgesamt 40 Wildpferde in die Mongolei. In den Gehegen werden die Tiere nur noch im Winter gefüttert und veterinärmedizinisch zurückhaltend betreut. In den ersten beiden Jahren ist ein Drittel der Tiere gestorben. Offenbar sind die Umstellung auf hartes Klima und karge Nahrung sowie die Belastung durch Parasiten doch enorm gross. Damit die Tiere in den ersten Monaten nicht auch noch durch sozialen Stress belastet sind, will man künftig die Pferde schon vor dem Transport zu passenden Gruppen zusammenstellen oder im Tachintal vorerst als konfliktarme Gruppen (etwa als reine Stutengruppen) halten.
Besser erging es den mittlerweile im Tachintal Geborenen. Bereits sind 14 gesunde Fohlen zur Welt gekommen, die mit der harschen Umwelt erstaunlich gut fertig werden. Drei der Jungtiere kamen trotzdem um. Die Fohlen ertranken bei Hochwasser im Bach.
Der endgültige Härtetest kommt am Tag, an dem die Gatter geöffnet werden. Im Herbst 1995 liess man eine etablierte Stutengruppe mit einem erfahrenen Leithengst erstmals frei. Die etwas gar fürsorglichen mongolischen Verantwortlichen trieben jedoch die Tiere aus Angst vor Wölfen häufig ins Gehege zurück. Immerhin konnten sich die Pferde an die weitere Umgebung gewöhnen. Im Sommer 1997 war die Herde endgültig frei. Berittene Betreuer treiben jetzt die Wildpferde zum Kennenlernen an einzelne Quellen oder locken sie im Winter mit Futter an weitere Schlüsselstellen im Reservat. Für diesen Sommer ist die Freilassung einer zweiten Gruppe, die mit Radiosendern ausgerüstet ist, geplant, damit man endlich genauer erfährt, wie sich Pferde in der freien Natur verhalten. Die Wildpferde waren nämlich vor dreissig Jahren aus ihrem letzten Verbreitungsgebiet verschwunden, bevor die Zoologen ihr natürliches Verhalten überhaupt hatten erforschen können.