ALS LUTHER dem Volk aufs Maul schaute, sprach das Volk anders als heute. Ein Schreiber, der jetzt noch auf Mäuler schauen wollte, müsste eine sehr kritische Auswahl unter ihnen treffen; und dass man dem Volk nach dem Maul schreiben sollte, hat auch Luther nie behauptet.
Wie reden sie heute, die Leute? Gesprächsfetzen aus einer grossstädtischen Grünanlage: «Das gilt natürlich vor allem für den irrationalen und emotiven Bereich.» Ein dreizehnjähriger Schüler ins Mikrophon: «Wir haben uns mit den Problematiken der Luftverschmutzung befasst.» Ein Fussballtorwart im Fernsehinterview: «Darüber wird zu gegebener Zeit im Kreis der Mannschaft noch zu sprechen sein.» Der Berliner Bürgermeister Diepgen im Gespräch: «Natürlich gehört zum Erscheinungsbild eines Mannes wie ich auch die Jeans-Komponente.»
So reden sie, immer mehr Leute, wenn sie nicht gerade fäkalisch reden. Sie haben zu viele schlechte Bücher gelesen, zu viele behördliche Rundschreiben empfangen, zu vielen Wahlreden gelauscht, zu viel Soziologie studiert und zu viel mit Computern gespielt - und so ist es schlechtes Schriftdeutsch, das ihnen aus dem Munde schwappt. Wie aber sollten Redensarten, die ihr bisschen Leben aus raschelndem Papier beziehen, zum Vorbild dafür taugen, wie man schreiben sollte? Was Lessing und Goethe fast gleichlautend ihren Schwestern rieten - «Schreibe, wie du redest, so schreibst du schön!» -, ist heute falsch.
Doch ganz richtig war es nie. Neben den Nachteilen hatte die geschriebene Sprache schon immer ihre Vorzüge. Der Schreiber bringt seine Sätze richtig zu Ende - welcher Sprecher tut das schon! Der Schreiber hat Zeit, um Klarheit zu ringen und sich selbst zu korrigieren, nur das Endprodukt seiner Mühen bekommen wir zu lesen - und das ist fast immer besser als das Gestammel, zu dem die meisten in spontaner Rede neigen, jedenfalls, wenn es sich um einen komplizierten Vorgang handelt; man höre sich nur einmal den Zeugen an, der vor Gericht den Hergang eines Verkehrsunfalls schildern soll. Gute Schreiber nehmen sich überdies die Zeit, treffende Wörter und Bilder zu suchen. Hätte irgend jemand aus dem Stegreif formulieren können, was Paulus, der noch dazu ein schwacher Redner war, an die Korinther schrieb? «Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.»
So viel Saft, Kraft und Kürze sind erst mit der Schrift in die Welt gekommen: Wir besässen weder Schlagworte noch Aphorismen, noch die Lyrik, hätte nicht einst der Zwang, Wörter in Holz zu schnitzen oder in Stein zu meisseln, dem Geschnatter und Geschwätz der schriftlosen Horde dramatisch entgegengearbeitet - mit der Bibel als einem der grossartigsten Endprodukte.
Und natürlich sah Luther nicht nur dem Volk aufs Maul, sondern auch dem Apostel auf die Schrift; Übersetzungen in andere Sprachen zeigen, wie die Kraft des Paulus überall durchschlägt: «Si je n'ai pas la charité, je suis un airain qui résonne, ou une cymbale qui retentit.» Als Luther dann noch die verfeinerte Kultur der sächsischen Hof- und Kanzleisprache dem Volk entgegentrug - da konnte er so schreiben, dass das Volk ihm aufs Maul schaute. Nicht zuletzt deshalb freilich, weil er verstanden werden, weil er wirken wollte, weil er das Ohr des Volkes suchte. Und das ist das Problem, das die meisten Schreiber nicht erkennen oder nicht zu lösen vermögen: einen guten Text so zu schreiben, dass er wie gesprochen ins Ohr geht - dahin also, wo wir auch beim stummen Lesen die optischen Symbole der Schrift in die Laute der Sprache zurückübersetzen. Von der Alltagsrede abgehoben darf, ja soll der geschriebene Text durchaus sein - nicht so geschrieben, wie die Leute sprechen, sondern so, wie sie gern sprechen würden; sie lieben ja auch Reime, die sie selbst nie produzieren könnten.
Nur rascheln dürfen die Worte nicht. Das Geräusch von Papier, der Geruch von schlecht gelüfteten Behörden beraubt die Sprache aller Kraft - und noch mehr die Positur, in die sich so viele setzen, sobald sie zu schreiben beginnen: erhabene Sätze für den Lateinlehrer oder für die Ewigkeit.
Es gibt zwei schlichte Methoden, dieser Versuchung entgegenzuwirken. Die eine: Man stelle sich beim Schreiben vor, dies alles erzähle man seiner Grossmutter oder einer anderen Person, die nicht Soziologie studiert hat; und den fertigen Text prüfe man noch einmal darauf und tilge alle Witterungsbedingungen, wenn man doch Wetter sagen würde; alle Problemlösungsaktivitäten, wenn es mündlich hiesse, dass ein Problem zu lösen, eine Aufgabe anzupacken ist.
Die zweite, die ergänzende Methode: Man lese laut, was man geschrieben hat (wie hier in anderem Zusammenhang schon einmal angeraten). Dann entfalten sich die Kompetenzdefizite in ihrer ganzen Scheusslichkeit und erweisen sich als Wissenslücken, und schmerzlich krümmt sich das Trommelfell, wenn es eine Passage hören muss wie diese aus der «Zeit»: «Ist dieser Streit entscheidbar? Er ist es! Dass er es erst jetzt, erst so spät - Wittgenstein ist fast vierzig Jahre tot - ist, gehört zu den ärgerlichsten Kapiteln der Editionsgeschichte.» Ändern, was nach Reibeisen klingt oder nach Styropor! Wer maulfaul ist, findet keine Ohren, und es geschieht ihm recht.