UNSPEKTAKULÄR IST DIE TRAKTANDENLISTE und entsprechend auch der Aufmarsch an der Gemeindeversammlung: nicht einmal zwei Prozent der Stimmberechtigten haben sich aus den Stuben locken lassen. Ein Traktandum nach dem anderen kann ohne Wortmeldung abgehakt werden. Bis zum Kredit für ein Mehrzweckfahrzeug. Ein Gewerbler will wissen, weshalb man den Auftrag ins Nachbardorf vergebe und nicht dem Schorer Willy, der auch solche Fahrzeuge im Angebot habe und immerhin in der Gemeinde Steuern zahle.
Der Gemeinderat ist nicht überrascht. Hier auf dem Land dringt selbst leises Murren an die Ohren der Gemeindeväter, und so kann denn der Huber Ernst, der die Gemeindebetriebe unter sich hat, ruhig den vorbereiteten Zettel aus dem Mäppli zupfen und referieren. Der Schorer Willy sei in den letzten Jahren von der Gemeinde ausgiebig berücksichtigt worden, sagt er, und er untermauert das auf den Rappen genau mit den Beträgen aus den vergangenen drei Jahren. Raunen im Saal. Huber interpretiert dies als Applaus, steckt den Zettel wieder ins Mäppli und lehnt sich befriedigt zurück.
Eine Wortmeldung. Das Steuerregister sei seines Wissens nach wie vor nicht öffentlich, und in diesem Sinne gehörten auch Geschäftszahlen nicht an die Gemeindeversammlung, stellt Furrer Hans, Präsident des Fussballklubs, mit tiefer Stimme fest. Die Zustimmung ist nicht zu überhören, und nach einer wohlbemessenen Pause fügt Hans hinzu: «Wir müssen doch heute Schweizer Produkte kaufen. Wenn die zu teuer sind, können wir einen europäischen Hersteller in Betracht ziehen, aber keinesfalls so einen Japaner.»
Der leicht irritierte Huber Ernst preist darauf langfädig das Evaluationsverfahren, wiederholt sich, verheddert sich, kommt ins Schwitzen. Noch eine Wortmeldung: «Ist denn dieses Japanerli überhaupt stark genug, um den Schnee vom Trottoir zu räumen, wenn's wieder einmal einen richtigen Winter gibt?» Darauf sagt Ernst, beim Schneepflügen sei nicht die Stärke, sondern das Gewicht des Fahrzeugs ausschlaggebend, und da bringe das auserwählte Modell wirklich alles mit.
Da meldet sich der Furrer Hans vom Fussballklub noch einmal: «Unter diesem schweren Japaner geht bestimmt unser Platz kaputt, wenn's nicht trocken ist. Was nützt uns ein teures Fahrzeug, wenn wir es nur auf Asphalt benutzen können?» Nicken und Brummeln im Saal machen klar, dass das Geschäft chancenlos ist. Da unternimmt der Huber Ernst einen Verzweiflungsschlag: «Wenn ihr nicht zustimmt, dann reinigen wir euch im nächsten Winter kein einziges Trottoir. Punkt.» Lautes Gelächter, das Wort wird nicht mehr verlangt, die Ja-Stimmen lassen sich an einer Hand abzählen.
«Was ist denn in den Furrer gefahren?» fragt Huber seine Kollegen, als sich der Saal nach der Versammlung langsam leert, und wenig später fragt ein paar Häuser weiter Furrer am Stammtisch im «Sternen»: «Was ist denn in den Huber gefahren?» Ganz einfach: Huber hat nicht berücksichtigt, dass Geld hierzulande zur Intimsphäre gehört. Furrer wollte sich zu diesem Fahrzeug gar nicht äussern. Aber als da Geschäftszahlen ausgebreitet wurden, da musste er einen Pflock einschlagen. Er gab damit dem dumpfen Unbehagen klare Konturen, das sich bei vielen Anwesenden zwischen Herz und Bauch breitgemacht hatte, und mit seinen Entgegnungen festigte Huber das Gefühl, es sei wohl etwas faul an der Sache.
Rückblickend sind solche Fehler leicht auszumachen. Doch gouverner, c'est prévoir, Regieren heisst Vorausblicken, und in der direkten Demokratie schweizerischer Ausprägung ist bei diesem Vorausblicken den Regionen zwischen Herz und Bauch besondere Beachtung zu schenken. Wenn es dort unten nicht stimmt, dann kann der Kopf den besten Argumenten nicht folgen. Das gilt in der Gemeinde, im Kanton und in der Eidgenossenschaft. Ein minuziöses Drehbuch wird ausgearbeitet, damit die schwerverdauliche Steuererhöhung an der Gemeindeversammlung Chancen hat.
Das Auflisten von Argumenten und Gegenargumenten ist dabei nicht einmal die halbe Arbeit. Entscheidend ist die Rollenverteilung. Wohl hört der Kopf auf den Inhalt, doch zuerst beurteilt der Bauch den Absender. Es kann entscheidende Stimmen kosten, wenn der zugezogene Birkenstöckler, ein notorischer Nörgler mit östlich-nasalem Voralpendialekt, an die Verantwortung appelliert und erklärt, wer mit niedrigen Steuern Schulden mache, der prasse auf Kosten der Kinder. Wenn hingegen der Präsident des Schützenvereins, wegen seiner Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Dramatiker auch Dorf-Dürrenmatt genannt, erklärt, das A und O einer guten Finanzpolitik sei der Weitblick und wer weiter als nur gerade bis an den Rand des eigenen Geldsäckels blicke, der müsse der Steuererhöhung zustimmen, dann nicken viele anerkennend, und einige merken es selber vielleicht nicht einmal.
Im übersichtlichen Rahmen einer mittelgrossen Gemeinde ist vieles vorhersehbar, da kann einem das Regieren in der direkten Demokratie noch Freude machen. Da ist es sogar möglich, den hyperaktiven Freiheitsparteiler, der seit kurzem Haus und Herd am Dorfrand sein eigen nennt, beim ersten Auftritt an der Gemeindeversammlung so unmissverständlich mit dem dörflichen Freiheitsbegriff vertraut zu machen, dass er noch am selben Abend beschliesst, statt hier gleich auf höherer Ebene zu politisieren.
Doch was auf Bundesebene leichter zu holen ist als an der Gemeindeversammlung, das sind lediglich kleine Bestätigungen, die das Gefühl von politischem Gewicht verschaffen können: eine Nische auf der Leserbriefseite, ein Platz auf einem Podium, die nötigen Unterschriften für ein Referendum. Solche netten Achtungserfolge sind der Senf auf der direktdemokratischen Bernerplatte, aber an Kalorien, beziehungsweise an Einfluss oder gar Macht bringen sie rein gar nichts. Dazu braucht es Mehrheiten, und Mehrheiten sind an der Urne nicht leichter und nicht anders zu holen als im Säli.
In der direkten Demokratie ist alles Argumentieren verlorene Liebesmüh, wenn nicht zuvor der Raum zwischen Herz und Bauch beackert worden ist. Diffus muss dort die Idee verankert werden, es gehe bei einer Vorlage um nicht weniger als um das Schöne und das Gute im Land. Wenn es darum geht, solch fundamentale Einsichten zu vermitteln, lässt man die weitblickenden Politiker und die dynamischen Macher konsequent in der Garderobe und rückt die Minderheiten ins rechte Licht. Tiere, Kinder, Frauen und Landschaften dürfen vorübergehend Hauptrollen übernehmen.
So schaut uns treuherzig der Sennenhund tief in die Augen, und schmucke Statisten aus Gotthelf-Filmen preisen sich als Lebensraumpflegerinnen an, wenn es um die heillos komplizierte Landwirtschaftspolitik geht; es picknickt die junge Familie Durchschnitt in der Postkartenlandschaft, und vor tiefblauem Himmel hält ein pubertierendes Steinböcklein keck den Kopf schräg, wenn der alpenquerende Güterverkehr auf die Schiene geprügelt werden soll.
Auf diesem Fundament können und müssen dann die Politiker weiterarbeiten, aber sie müssen auch weiterhin dieses Fundament behutsam pflegen. Wenn sich am Fernsehen in der politischen Freitagsdiskussion «Arena» ein Bundesrat und ein Landammann gegenüberstehen, dann treten sie so wohlvorbereitet an, dass es in unseren konservativen Landen trotz Picknick und Steinböcklein eigentlich nur auf ein Unentschieden mit leichten Vorteilen für den Bundesrat hinauslaufen kann. Alle Argumente sind längst auf dem Tisch. Doch dann gelingt es dem Landammann Töne anzuschlagen, die in der Gegend zwischen Herz und Bauch etwas ansprechen, und vom Moment an scheint jedes seiner Argumente nicht nur ins Zentrum zu treffen, sondern auch gleich doppelt zu zählen. Der Bundesrat wird unsicher, seine Argumente scheinen kaum mehr zu treffen und gar nicht zu zählen, und weil er darob kurz die Fassung verliert, schlägt er Töne an, die in den Gefilden zwischen Bauch und Herz ganz ungute Gefühle wecken. Wenn so dem Bundesrat der sicher geglaubte Sieg gegen eine extreme Initiative entgeht, dann ist es ihm wohl kaum anders zumute als dem Gemeindepräsidenten, dem der problemlose Kredit für das Mehrzweckfahrzeug bachab gegangen ist. Nur: In der Gemeinde kann man die Vorlage vier Monate später noch einmal bringen, und es wird nicht einmal das Wort verlangt.
Man kann sich allerdings täuschen. Da glaubte männiglich doch tatsächlich, diffuse Ängste vor einer übermächtigen EU würden irgendwie sanft entschlafen, wenn es nur ums Ankoppeln an eine komplexe Hilfskonstruktion namens EWR gehe. Mit gewissenhafter Informationsarbeit und klaren Antworten auf alle Fragen schritt man zuversichtlich voran, bis da einer entgegenkam, der zwischen Herz und Bauch schlummernde verschwommene Gefühle weckte, indem er sie in klare Holzschnitte fasste. In seltener Eintracht traten Regierung, Parteien und Medien mit einer beispiellosen Informationsoffensive gegen die Holzschnitte an. Doch prompt wurde ein anderes Gefühl geweckt und umgehend mit Holzschnitten verstärkt: Die wollen uns überreden. Wenn dieses Gefühl aufkommt, regt sich im Niemandsland zwischen Bierbauch und Demokratieherz alteidgenössischer Trotz: Die müssen nicht meinen!
Das letzte Wort will in helvetischen Landen der Stimmbürger haben, er ganz allein. Das ist die Hauptsache, und wenn der Bürger das letzte Wort hat, dann muss er sich nicht einmal an die Urne bemühen. In Rekordzeit kam eine Rekordzahl von Unterschriften für die F/A-18-Initiative zusammen, nachdem das Gefühl geschürt worden war, hinter dem Rücken des Volkes seien mitten in der Krise Milliarden für ein teures Spielzeug für Militärpiloten bewilligt worden. Mit dem Argument, ein Ja zu dieser Initiative sei ein Nein zum Militär, stürzte der Verteidigungsminister manchen senkrechten Schweizerbürger in ein tiefes Dilemma. Aber der Soldat zieht im Schweizer Herzen den kürzeren, wenn er gegen den Demokraten anzutreten hat.
Gerade noch rechtzeitig wurde dies im Verteidigungsministerium erkannt, und vom Tag an redete nicht mehr der oberste Soldat den Soldaten ins Gewissen, sondern der Demokrat zeigte alles Verständnis für die Demokraten. Die Zweifel der Bürger seien anfänglich auch seine Zweifel gewesen, sprach der Landesvater, und nachdem die Bürger mit so viel Mitgefühl abgeholt worden waren, liessen sich sehr viele bereitwillig auf die Seite der Befürworter herüberführen.
Zur soliden gefühlsmässigen Absicherung der neu gewonnenen Überzeugungen bediente man sich schliesslich noch eines Mittels, das während Jahren unter schärfster Aufsicht knausrig zählender Polizisten der Opposition überlassen worden war. Auf zur nationalen Demonstration auf dem Bundesplatz in Bern, auf zum Zelebrieren des Wir-Gefühls an symbolträchtigem Ort! Getragen von kräftiger Blasmusik, stiegen letzte Zweifel im Stumpenrauch aus dem Fahnenmeer empor und schwebten davon. Und nicht allein das. Der Aufmarsch war so eindrücklich, dass selbst im Medienabklatsch unmissverständlich herüberkommen musste: da sind ganz viele bodenständige, gute Schweizer für unsere schöne, gute Schweiz eingetreten.
Nach diesem Coup konnten die Gegner des neuen Kampfflugzeugs getrost alle Hoffnung fahren lassen, und ein Zürcher Parteipräsident begann im stillen zu überlegen, wie man mit ähnlichen Mitteln den Turbo zünden könnte, wenn es um die Wahlen in den Nationalrat geht.
Im Hinblick auf Wahlerfolge kann der Zone zwischen Bauch und Herz kaum zuviel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Gewählt und gesungen wird hierzulande zwar nach Noten, aber kaum ab Blatt, und auch eine Kuh wählt man nicht im Versandhauskatalog aus. Wahlprospekte voller Allerweltsgesichter, die aus einem Gestrüpp von Worten möglichst knapp am Leser vorbeiäugen, verschieben keine Sitze. Entscheidend ist der Auftritt, und entsprechend stolpern Häuptlinge wie Indianer zur Selbstinszenierung. Weil sich längst die Einsicht durchgesetzt hat, dass die besten Chancen hat, wer gradlinig, klar und unmissverständlich kommuniziert, wollen alle kühn zum Holzschnitt greifen.
Aber es gelingt nur den wenigsten. Namentlich die bedauernswerten Leader der Regierungsparteien kommen damit mehr schlecht als recht zurecht: Weil sie hier und dort auch noch ein Wählersegment bei der Stange halten möchten, drucken sie, wenn immer möglich, in raschester Folge drei, vier Holzschnitte übereinander. Mal entsteht so ein Vexierbild, mal ein Zerrbild, und zuverlässig meldet sich bei einigermassen sensiblen und unvoreingenommenen Bürgerinnen und Bürgern aus dem Universum zwischen Herz und Bauch das schale Gefühl: da kann doch wohl etwas nicht stimmen.
Landauf, landab bauen Politikerinnen und Politiker im Hinblick auf die Wahlen auf dieses dumpfe Unbehagen und geben ihm mit Worten, Bildern oder Karikaturen unmissverständlich klare Umrisse. Der Erfolg hält sich in Grenzen. Abstimmungen sind eins, Wahlen etwas anderes. Wenn Furrer Hans dumpf rumpelnde Gefühle an der Gemeindeversammlung in träfe Worte fasst und so dem Huber Ernst das Mehrzweckfahrzeug bodigt, dann heisst das noch lange nicht, dass der Hans den Ernst nicht mehr in den Gemeinderat wählt. Das allgemeine Gefühl zwischen Herz und Bauch mag vielleicht schlecht sein, doch allein bei der Idee, man könnte ja einmal eine andere Partei wählen, regen sich noch viel schlechtere Gefühle, deshalb wählt man immer ungefähr gleich und wartet mit der Revolte bis zu einer der nächsten Abstimmungen.
Ruedi Helfer, Bremgarten BE, ist Bundeshausredaktor bei Radio DRS.