Einerseits haben die Vorkämpferinnen einer Verweiblichung der Sprache recht und sind gegen vorschnellen Spott in Schutz zu nehmen. Mann kann schon stutzen über die Selbstverständlichkeit, mit der der Mann sich und nur sich zum «Menschen» ernannt hat wie im Englischen und in den romanischen Sprachen: man, homme, uomo, hombre. Man darf sich ärgern, dass die Bäuerin sprachlich eine Ableitung vom Bauern ist, denn historisch war es umgekehrt, war der Bauer eine Ableitung der Bäuerin: Der Ackerbau wurde einst von den Frauen eingeführt, und noch heute steht eher die Leistung des Bauern hinter der der Bäuerin zurück als umgekehrt. Indem nun die Sprache den Bauern zum Stammwort machte, drückte sie eine männliche Rangordnung aus und durchdrang uns mit ihr.
Auch darf man stutzen, wenn man in den eidgenössischen Einbürgerungsrichtlinien liest: «Ein Ausländer kann nach der Eheschliessung mit einem Schweizer . . .» Dass damit eine Ehe zwischen Männern nicht gemeint sein kann, ist zwar offensichtlich, ändert aber nichts an dem sprachlichen Kuriosum.
Nur: Was wäre die Alternative? Die meisten Vorschläge, wie man dem Übel abhelfen könnte, sind geeignet, ein neues und oft grösseres Übel an die Stelle des alten zu setzen. Entweder nämlich wollen sie der Sprache eine Eigenschaft aufnötigen, die sie nicht haben kann: Exaktheit; oder eine andere Eigenschaft, die sie nicht haben sollte: bürokratische Aufblähung.
Logisch und exakt ist an der Sprache fast nichts. Damit müssen wir leben. Der Schosshund sitzt auf dem Schoss, der Schäferhund nicht auf dem Schäfer. Personne heisst erstens jemand und zweitens niemand, da die Franzosen das logisch notwendige ne meistens weglassen. Einen, den wir exakt als «missbräuchlichen Autobahngegenrichtungsfahrbahnbenutzer» beschreiben müssten, nennen wir einfach «Geisterfahrer» - jeder versteht es, und dabei nehmen die Männer sogar eine Benachteiligung in Kauf, da man ja zumeist nicht wissen kann, ob nicht eine Geisterfahrerin am Steuer sitzt.
Auch wird gern übersehen, dass das sprachliche Geschlecht mit dem natürlichen Geschlecht nichts zu tun hat. Der Mensch, die Person, das menschliche Wesen haben drei grammatische Geschlechter, unabhängig davon, ob wir einen Mann oder eine Frau damit benennen. Die Weib und das Sache: Das wäre doch das mindeste, was wir vom Weiblichen und vom Sächlichen erwarten müssten. Die Schildwache konnte ihrem Kind ein guter Vater sein (wenn sie zum Beispiel einen Dienstboten geheiratet hatte). Warum sagen wir der Löwe, die Schlange, das Pferd, obwohl diese Tiere dieselben zwei Geschlechter haben? Das Italienische bietet für Männlein und Weiblein das Modell nonno - nonna an - aber guida und pilota sind meistens Männer. Wo sollen die Italiener in dem Satz «Mario e Maria sono belli» beim Adjektiv das Weibliche unterbringen? Andererseits werden, den Frauen zum Trost, in manchen Oberbegriffen die Männer benachteiligt: Die Geschwister lassen die Brüder unerwähnt und das Brautpaar den Bräutigam.
Die feministische Forderung, die Sprache solle die natürlichen Geschlechter widerspiegeln, hätte also in der älteren Steinzeit erhoben werden müssen, als sie entstand. Die Sprachen, wie sie heute sind, widersetzen sich allen Ansprüchen an Exaktheit und Gerechtigkeit mit Haut und Haaren. Wer trotzdem dagegen angehen will, dem bleiben nur zwei Wege: erstens der Rechtschreibungstrick mit dem grossen I in der Wortmitte (StudentInnen) - die Duden-Redaktion hat es verworfen, sprechbar ist es nicht; und zweitens die Forderung, eine zum Teil groteske Umständlichkeit in Kauf zu nehmen. Einem Politiker mag es noch zuzumuten sein, dass er an die Bürgerinnen und Bürger appelliert und sich bei den Wählerinnen und Wählern bedankt; doch in die lebendige Sprache wird das niemals Einzug halten, und auch bei amtlichen Texten verfängt man sich rasch in einem bürokratischen Wortdickicht.
Schon gibt es, vorab in sozialdemokratisch regierten Gemeinwesen, Arbeitsgruppen, die «geschlechtsbezogene Formulierungen» aus Gesetzen und Vorschriften tilgen sollen. Was dabei herauskommt, sind Vorschläge, aus dem Lehrer die Lehrperson zu machen, aus den Politikern die politisch Verantwortlichen, oder in der Verfassung zu formulieren: «Der Ministerpräsident bzw. die Ministerpräsidentin beruft die Minister bzw. Ministerinnen. Er ernennt seinen Stellvertreter bzw. seine Stellvertreterin bzw. sie ihren Stellvertreter bzw. ihre Stellvertreterin.»
Das Anliegen der Frauen ist verständlich, aber die Exaktheit, die sie fordern, bringt die Sprache um, und noch vorher erweisen sie sich einen Bären-/Bärinnendienst, dann nämlich, wenn die solcherart entzweite Sprache lächerlich wird. Soll der Lexikoneintrag statt «Affen» in Zukunft Affen/Äffinnen heissen und im weiteren Text dann die A./Ä.? Sollen wir Verbrüderungen unterlassen? Sollen wir uns das Wort Säuferwahn verbitten, weil es die Säuferinnen benachteiligt? Sollen wir uns mit den amerikanischen Feministinnen verschwistern, die aus dem hero, seiner griechischen Herkunft spottend, das Englische he herauslesen und folglich nach dem Golfkrieg auch die sheros gefeiert wissen wollten?
Es ist gut, Ministerinnen zu haben; aber wie wir sie nennen, ist ziemlich egal, und wer es dennoch wichtig findet, holt sich Beulen an der Sprache. Wenn der Kapitän des sinkenden Schiffes rief: «Alle Mann an Deck!», so ist noch keine Frau ertrunken, bloss weil sie beleidigt in der Kajüte geblieben wäre.