. . . und «auch Familienhund Milli» erschien zu dem Empfang, der dem Staatsgast im Weissen Haus gegeben wurde, der deutschen «Tagesschau» zufolge. Es ist noch nicht lange her, da waren Stürme namenlos und Hundenamen nicht nachrichtenwürdig. Was ist hier geschehen?
Die Kosenamen von Haustieren ihren Lesern routinemässig mitzuteilen, das ist eine Erfindung der Boulevardzeitungen: Wenn sie das Muster der Krawatte und den Namen des Hundes drucken, so erwecken sie den Anschein von Genauigkeit, der den Leser in dem Glauben wiegen soll, er könne auch den Hauptsachen vertrauen. Ausserdem verbreiten sie damit eine Atmosphäre des Dabeigewesenseins, sie holen den Staatsgast in die Wohnküche und bieten Milli den dort Hockenden zum Streicheln an. (Das ist der Zwangshandlung verwandt, zu der Walt Disney Millionen Grossmütter im gesamten Abendland getrieben hat: «Bambi!» rufen sie, sobald ein Reh über die Bildschirme hüpft.)
Wirbelstürme, ja seit einigen Jahren sogar Hoch- und Tiefdruckgebiete mit menschlichen Vornamen zu versehen, war zunächst ein Sprachwitz, den sich die Meteorologen leisteten - zur leichteren internationalen Verständigung, wie sie sagten, aber natürlich mit einem Schuss Mutwillen: Denn wenn schon Autokäufer einen 600 SLI spielend von einem 400 CLX-24 unterscheiden können, so wäre natürlich eine Numerierung der Wettererscheinungen zumutbar und noch weit praktischer gewesen. Aber sie wollten sich einen Spass machen, die Meteorologen - warum nicht.
Sobald sie nun im Fernsehen auftraten oder ihre Sprachsitten an Journalisten weitergaben, war es geschehen: «Justus lässt die Deutschen schwitzen» und «Andrew fetzt übers Ferienparadies»; natürlich sammelt er auch «neue Kraft» und «verwüstet Versicherungsbilanzen». So ein Kerl ist er, der Andrew. Auch Menschen hat er umgebracht.
Daraus ergeben sich eine nachdenkliche Beobachtung und eine Frage. Heissen eigentlich Wirbelstürme? Was heisst das, «heissen»? Heisst ein Auto «Bimbo», wenn sein Eigentümer diesen Namen auf die Heckscheibe gepinselt hat - oder ist er einfach ein Narr, der die Leute mit einer privaten Albernheit behelligt? Die nachdenkliche Beobachtung aber ist, dass wir uns mit «Andrew» zu den Anfängen der Sprache zurückbegeben: zur Personifizierung.
Das Echo war ja im griechischen Mythos keine Sache, sondern eine Nymphe, die Echo, die sich mit den Menschen einen Schabernack erlaubte, und im germanischen Mythos entstand der Donner durch die Hammerschläge des Gottes Donar oder Thor. So hat sich der primitive Mensch einst alle Naturerscheinungen erklärt, und kleine Kinder sind dafür noch heute leicht zu haben, ja sie setzen von sich aus Gnome in die Welt: eine Person an die Stelle eines Rätsels.
Auf dieses Entwicklungsstadium also fallen wir zurück, wenn wir zum Wirbelsturm «Hallo, Andrew!» sagen. Natürlich, wir wissen, dass da kein Dämon bläst; doch indem wir so tun, als müsse eine Katastrophe einen menschlichen Namen tragen, haben wir den Hurrikan ein bisschen enträtselt und entdämonisiert. Er passt nun besser in die Küche, zu Bambi dem Reh und Milli dem Hund.
Nur: Heisst er «Andrew»? Das lässt sich bestreiten. Wörter zu erfinden, Namen zu verleihen, das ruft ja noch nicht Sprache ins Leben; heissen tut ein Ding erst dann, wenn die Sprachgemeinschaft einen Vorschlag angenommen hat. Auch Finger und Zehen «heissen» nicht, obwohl man von gutmütigen Irren hört, die sich zwanzig Namen für sie haben einfallen lassen.
Die Namen der Wirbelstürme scheinen sich im kritischen Stadium zu befinden: Nach den Meteorologen und den Journalisten soll es schon die ersten Mitbürger ausserhalb dieser beiden Berufsgruppen geben, die den Hurrikan mit Namen anreden, ihm also gleichsam auf die Schulter klopfen. Wäre es so, dann «hiesse» er. Dann wäre die Welt um eine Kinderei bereichert. Desto leichter könnte die Zeitung ihn auch einen «Mörder» schelten (welche Wohltat bei der Suche nach der Überschrift).
Für ein paar Feinfühlige bliebe in diesem Fall nur noch, sich dem Wirbelsturm gegenüber so zu verhalten wie Hans Castorp im «Zauberberg» gegen die schöne Russin, die Thomas Mann, beziehungsreich genug, Clawdia Chauchat getauft hat: Castorp sprach den Namen mehrmals nach, indem er «zu Frau Chauchat hinüberblickte und ihn ihr gewissermassen anprobierte».
Wollten wir, auf vergleichbarem Niveau, den Hurrikanen Namen anprobieren - würde dann ausgerechnet «Andrew» herauskommen? Der Name ist armselig und beziehungslos. Winfried hat nichts mit Wind zu tun und wäre überdies zu freundlich. Hotzenköcherle, das ist ein guter schweizerischer Name und ergäbe einen absolut unverwechselbaren Wirbelsturm. Schionatulander aus dem «Parzival» vielleicht eher für ein Hochdruckgebiet. Uitznauatlailotlac hiess ein aztekischer Fürst, das ist nicht gelogen - ideal für Dauerregen. Schliesslich die Delegation, die James Joyce im «Ulysses» zusammengestellt hat: Don Pecadillo y Palabras y Paternoster de la Malora de la Malaria, den hört man wahrlich die Karibik heimsuchen, und (so im englischen Original!) den Herrn Hurhausdirektorpräsident Hans Chuechli-Steuerli. Wieviel Charakter ist darin, mit Andrew und Milli verglichen! Weniger haben etwas so Kraftvolles wie Hunde und Hurrikane nicht verdient.