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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
«Udo war ein hässliches Entlein»
© Udo Jürgens
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| Immer auf Augenhöhe: Udo Jürgens und Manfred Bockelmann auf dem Zürichsee im Sommer 2003. |
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Sie waren drei Brüder, einer fühlte sich immer fremd. Udo Jürgens und Manfred Bockelmann über Kunst, Rivalität und Liebe. Und über ihren verstorbenen Bruder Joe.
Von Anja Jardine
Manfred Bockelmann, Maler, 65
Es gibt da dieses Foto von Schloss Ottmanach in Kärnten, wo wir aufgewachsen sind, das sagt alles. Es zeigt eine Abendgesellschaft, die Damen in langen Kleidern, sehr festlich das Ganze, im Mittelpunkt Udo am Klavier, alle lauschen verzückt. Am Bildrand in der Flügeltür lehnt Joe, mein ältester Bruder, er ist 12 oder 13, und an seinem Blick sieht man, dass er denkt: «Die Welt ist ungerecht. Ich bin der Hübschere, der Intelligentere, der Sportlichere, und dies Gespindel da am Klavier, das kaum mit den Füssen an die Pedale reicht, zieht alle in seinen Bann.»
Und so war es. Joe hat die Mädels auf dem Tanzboden herumgeworfen, aber wenn Udo anfing, auf seiner Handorgel zu spielen, scharten sie sich sofort um ihn und himmelten ihn an. Dabei war er ein wirklich hässliches Entlein gewesen. Udo war spindeldürr, immer krank, hatte abstehende Ohren, konnte auf einem Auge nur 10 Prozent sehen, er konnte sich nirgends behaupten. Nur am Klavier. Die Musik hat alles verändert. Und das war für unseren grossen Bruder nur schwer auszuhalten, dass ausgerechnet dieser Schwächling plötzlich an ihm vorbeirauschte. Sein Leben lang hat Joe darunter gelitten.
Mein Glück war der grosse Altersunterschied. Joe war zwölf Jahre älter als ich, Udo neun, dadurch war er für mich nie ein Rivale. Beide haben mich lange kaum wahrgenommen. Ich war süss, der Kleine eben, aber einfach uninteressant für sie.
Das änderte sich erst, als ich acht oder neun Jahre alt war. Da sass ich mal vor dem Radio und habe Musik gehört, so ein volkstümliches Rumtata. Udo beobachtete das und begann, mir diese Musik zu erklären. Er setzte sich ans Klavier und zeigte mir, was ihr fehlte – Zwischentöne, Disharmonien. Ich verstand, was er meinte. Ich habe damals schon gemalt und die Erwachsenen oft mit meinen Bildern verblüfft. Udo hatte mein Talent sofort erkannt. Und als er mir nun etwas über Dreiklang, Rhythmus, Komposition und so weiter erzählte, ahnte ich, dass es auch mit dem zu tun hatte, was ich tat.
Udo war mein erster Kunsterzieher. Und er wiederum spürte, dass er in mir jemanden hatte, der ihn wirklich verstand, während Joe mit seiner ganzen Art nichts anzufangen wusste. Joe hat Udo immer zu verstehen gegeben: Alle mögen dich für grossartig halten, aber ich weiss, dass du nur ein kleiner Furz bist. Er hat ihn richtig psychisch gequält. Mobbing vom Allerfeinsten. Udo hat lange vergeblich um seine Anerkennung gerungen. Wir hingegen waren uns nah. Und sehr ähnlich.
Ich bin auch jemand, der sich nur über die Kunst ausdrücken kann, nur dort zurechtkommt. Aber die Musik war durch Udos hohe Musikalität belegt. Auch meine Eltern haben aufgehört zu musizieren, als er anfing; neben ihm kam sich jeder stümperhaft vor. Er konnte kaum sprechen, als er die erste Handorgel geschenkt bekam, und am nächsten Tag wunderten sich meine Eltern, woher die Opernmelodie ertönte. Udo hatte sie im Radio gehört und spielte sie nun auf den paar Knöpfen nach. Aus dem Gehör. Es war unglaublich. Ein anderes Mal hat er auf dem Klavier dieses Geräusch imitiert, das man schon von weitem hörte, wenn sich Bomber näherten. Das gibt einen ganz bestimmten anschwellenden Ton. Und was Udo da spielte, klang so echt, dass alle für einen Moment alarmiert waren.
Udo litt unter Albträumen. Er hatte das Bombardement von Klagenfurt von einer Wiese aus beobachtet. Von dem Tag an, so hat meine Mutter oft erzählt, hat er jede Nacht geschrien, wie von Sinnen. Dann musste sie ihn herumtragen, nur sie konnte ihn beruhigen. Ich selbst habe keine bewussten Erinnerungen an den Krieg, bin 1943 geboren. Aber auch ich hatte immer grosse Ängste, die ich hinter meiner Freundlichkeit verbarg. Das war meine Taktik: mich unsichtbar zu machen. Die souveräne Welt der Erwachsenen erschien mir unerreichbar. In der Schule habe ich mich auf die letzte Bank gesetzt und gehofft, dass mich niemand sehe. Das Malen war für mich so überlebenswichtig wie für ihn die Musik.
Mein Vater war Landwirt, und es lag nahe, dass ich auch einer würde. Als ich auf dem Hof eines Onkels in der Lüneburger Heide eine Elevenzeit absolvierte, hat Udo mich mal besucht. Das war 1964, es war kalt und hat nur geregnet, die Felder standen unter Wasser. Ich habe grad Zuckerrüben aufgeladen, als ich am Feldesrand im Nebel einen Menschen im weissen Mantel stehen sah, der bemüht war, nicht schmutzig zu werden. Udo wollte sehen, wie es mir gehe. Er hat meinem Vater dann einen Brandbrief geschrieben, dass Landwirtschaft nicht das Richtige für mich sei.
Ich habe in Graz Malerei und Fotografie studiert und bin dann nach München gegangen. Mein Bruder Joe, der damals schon in führender Position bei der Ölgesellschaft BP war, hatte mir einen Job in der Grafikabteilung verschafft. Doch den wollte ich nicht haben. Da ist er ausgerastet, hat gebrüllt: «Glaubst du, die warten da auf dich?» Schon wieder einer, der es wagte, so ganz anders zu leben als er mit seinem sehr bürgerlichen Leben. Noch ein Bruder, der seine Hilfe nicht brauchte. Das war eine ungeheuerliche Kränkung für ihn.
Natürlich hat niemand auf mich gewartet. Ich habe anfangs Studenten für die Kartei des Studentenschnelldienstes fotografiert, drei Mark das Portrait. Aber es ging rapide aufwärts, und schon bald war ich als Fotojournalist für den «Stern» und alle möglichen Zeitungen unterwegs. Nach sechs Jahren habe ich mir gesagt, du wolltest doch Maler werden. Ich habe einen radikalen Schnitt gemacht, mich auf die Malerei konzentriert und schon bald die ersten Bilder verkauft. In dieser Zeit bin ich zufällig in Zürich Hundertwasser begegnet, habe für ihn die Kamera wieder hervorgeholt und ein Kunstbuch gemacht, das extrem erfolgreich wurde. Mein Leben war für Udo auch immer interessant. Er hat rege teilgenommen, ist zu meinen Vernissagen angereist, so wie ich zu seinen Konzerten.
Ich bin emotional auf 150, wenn Udo spielt, leide wie ein Hund. Erst wenn ich merke, dass es gut kommt, dass die Leute sich freuen, bin ich wie erlöst. Ich weiss, dass das irrational ist, weil er ja noch nie gescheitert ist. Aber er ist nicht immer gleich gut. Es gab auch schon Momente, in denen ich dachte: «Schade, jetzt gibst du etwas von dir preis, damit das Publikum völlig ausrastet, und das wäre doch nicht nötig.» Ein bisschen so, als wenn man dem Affen Zucker gibt. Das kann uns allen passieren, aber es ist gefährlich. Das brauche ich Udo gar nicht zu sagen, er weiss es selbst ganz genau. Ich wüsste niemanden, den ich mit Udo vergleichen kann. Grönemeyer vielleicht. Aber das müssen die erst mal schaffen – über 40 Jahre immer präsent zu sein, immer volle Häuser. Er ist aussergewöhnlich.
Um seine Popularität habe ich ihn nie beneidet. Die Art der Aufmerksamkeit, der Udo ausgesetzt ist, wäre für mich eine Katastrophe. Vor fast 30 Jahren hat er das Lied geschrieben: «Mein Bruder ist ein Maler». Es ist mittlerweile ein Klassiker. Vorausgegangen war ein Gespräch zwischen uns beiden, in dem Udo zu mir sagte: «Weisst du, ich beneide dich um dein Leben, du hast deine Familie um dich, wenn du arbeitest, und Bilder sind etwas Bleibendes. Bei mir ist alles so flüchtig, bin immer unterwegs, und nach dem Auftritt kommt nur die Einsamkeit im Hotelzimmer.» Und ich habe gesagt: «Aber du hast den Erfolg. Die Menschen weinen, applaudieren, toben, fallen dir zu Füssen. Die Malerei hingegen ist eine sehr stille Angelegenheit.»
Als das Lied herauskam, fragten alle: «Ja, wo ist denn dieser Bruder?» Ich war damals schon recht erfolgreich und zeigte meine Arbeiten auf der Kunstmesse in Köln, Düsseldorf und Basel, es ging richtig gut los. Nun kam dieses Lied. Es war die Zeit von «Griechischer Wein». Und die Leute dachten, ich male Bilder, so wie Udo singt. Doch das tue ich nicht. Meine Kunst ist anspruchsvoller, das weiss Udo auch. In dem Lied gibt es diese Strophe: «Wenn seine Frau mal traurig ist, malt er ihr Orchideen, und seinem Kind, das weint, den Clown, der Lachen schenkt.» – Ich habe noch nie einen Clown gemalt! Also nein! Die anspruchsvollen Galeristen dachten: «Um Gottes willen. Wenn wir Bockelmann ausstellen, kommen die Leute, weil sie den Bruder von Udo Jürgens sehen wollen. Wir dürfen uns gar nicht dem Verdacht aussetzen, dass wir auf Udo Jürgens spekulieren.»
Die haben dann die Finger von mir gelassen, es gab einen spürbaren Einbruch, während Kaufhausgalerien Schlange standen. Anfang der 1980er waren meine Ausstellungen überfüllt von einem Publikum, das man sonst nie in Galerien sieht. Sie kamen, um Udo Jürgens nah zu sein. Ich habe das nie ganz ablegen können. Trotzdem habe ich es Udo nicht übelgenommen. Er hat das nicht gewollt. Er hatte das Lied für mich geschrieben, es war ihm ernst. In meiner Branche haben viele gedacht, dass ich sauer auf ihn sei, war ich aber nicht. Der Udo ist mein bester Freund.
Gleichzeitig war er mir auch ein mahnendes Beispiel. Dass man ihn in die Schlagerecke gestellt hat, ist aus seiner Sicht unberechtigt, aus meiner nicht ganz. Es gab Dinge, die hätte ich radikal abgelehnt. Bestimmte Sendungen, bestimmte Milieus darf man nicht aufsuchen. Es gibt Lieder, die sind zum Kompromiss geworden, da hat er sich hinreissen lassen, den Himmel etwas blauer zu malen als nötig. Das ist seiner Unaufmerksamkeit dem Management gegenüber zu verdanken. Er hat sich bequasseln lassen, damit er seine Ruhe hat.
Es ist für viele schwer zu begreifen, wie es ist, so sehr von einem Talent beherrscht zu werden wie Udo. Schon als junger Mann hat er zu meinen Eltern gesagt: «Ihr wisst gar nicht, was es bedeutet, ständig Töne im Kopf zu haben.» Er ist gefangen in seiner Welt. Manchmal erzählt man ihm etwas und spürt plötzlich, dass man ihn nicht erreicht. Vor allem für die Frauen, die ihn liebten, war das schwer. Sein chaotisches Liebesleben, all die Frauengeschichten, das ist ja nicht Dummheit oder Absicht – Udo ist ein sehr liebesfähiger Mensch, aber zwangsläufig so mit sich beschäftigt, dass viele Erwartungen an ihn unerfüllt blieben.
Auch Joe wäre gern näher bei Udo gewesen, aber Joe konnte es nicht zeigen. Unser Leben lang haben wir versucht, ihn einzubeziehen, haben uns abgesprochen, wer ihn anruft. Aber Joe hat uns nicht geglaubt, dass wir ihn brauchten. Ich glaube, er hat gedacht: «Ich habe von uns dreien die Arschkarte gezogen, obwohl ich alles gemacht habe, was die Eltern wollten.» Er hat mir immer leid getan. Aus Selbstschutz war er uns gegenüber lange abweisend. Erst kurz vor seinem Tod änderte sich das. Er ist 2006 innerhalb von neun Monaten an Krebs gestorben. Wir waren beide bis zum Schluss bei ihm, auch Udo ist über Nacht geblieben. Da hat Joe endlich verstanden, dass wir ihn liebten. In Todesnähe, als er schon die meiste Zeit abwesend war, gab es für ihn nur noch Udo. Alle anderen waren schon aus seinem Bewusstsein entschwunden. Sein letztes Wort war Udo.
Udo Jürgens, Sänger und Komponist, 74
Wenn mein Vater seine drei Söhne hätte beschreiben sollen, hätte er gesagt: Joe, der Älteste, ist ein kräftiger, intelligenter Bursche, gut in der Schule, charakterfest, athletisch – er war mit 17 schon 1 Meter 93, hatte breite Schultern, schmale Hüften, schwarze, lockige Haare: ein Adonis! –, der wird zweifellos seinen Weg machen. Über mich hätte er gesagt: Udo ist unser Sorgenkind, ein Spargel, nicht gut in der Schule, gehänselt von seinen Mitschülern, vollkommen unsportlich, immer kränklich und nörgelig, weint viel, leidet unter Albträumen – der wird wohl nie ohne die Unterstützung der Familie zurechtkommen. Und der Kleinste, Manfred, ist ein unglaublich sonniger, freundlicher, verträumter, kleiner Kerl. Keine Ahnung, was aus dem mal wird.
Ich weiss noch genau, wie mein Vater aus dem Krankenhaus kam und zu Joe und mir sagte: Ihr habt einen kleinen Bruder. Da war ich neun und Joe zwölf. Wir haben uns gefreut über diesen winzigen Wurm in der Wiege, konnten aber lange nicht viel mit ihm anfangen. Ich kann mich nur erinnern, dass er fast immer gelächelt hat und sehr friedlich war. Als wir nach dem Krieg aus Norddeutschland zurück nach Kärnten gereist sind, zehn lange Tage auf der Ladefläche eines LKW unter ungeheuerlichen Strapazen, in Kälte und Nässe, stand Manfred die ganze Zeit in einer Öltonne, damit er nicht runterfiel, und trotz Wahnsinnskälte und Hunger hat er nie gejammert, alles klaglos über sich ergehen lassen.
Später, als er fünf oder sechs war, haben Joe und ich dann unsere Machtspielchen mit ihm getrieben, ihn zum Zigarettenholen ins Schloss geschickt, wenn wir am Teich waren – das war ein weiter Weg –, und wenn er zurück war, hatten wir kein Feuer. Los jetzt! Er hat nie widersprochen, war immer freundlich und gutmütig, und wir haben das schamlos ausgenutzt, waren wirklich ekelhafte Typen.
Als er dann so neun war, sind wir uns sehr nah gekommen und es bis heute geblieben. Ganz anders als mit meinem älteren Bruder, zu dem ich immer eine extrem problematische Beziehung hatte. Ich habe Joe beneidet um seine Kraft und Sportlichkeit, habe lange um seine Gunst gerungen. Doch keine Chance. Die hat er mir verweigert. Erst später, als ich erwachsen und intelligent genug war, hab ich verstanden, dass die Dinge anders gelagert waren, und bin auf ihn zugegangen. Er hat mich nie angerufen, erst ganz am Ende. Manfred und ich wussten, dass es an uns war, ihn einzubeziehen.
Als Manfred anfing zu malen, war mir sofort klar, dass er grosses Talent hat. Er war zehn oder elf, da hat er aus der Erinnerung Venedig gemalt, so grandios, dass er es heute nicht besser könnte. Von der Komposition, von den Farben her – das war einfach meisterhaft. Es war auch das erste Bild von ihm, das meine Eltern gerahmt haben. Er hat es mir damals geschenkt. Ich habe schnell gemerkt, dass ich in ihm jemanden habe, der mir ähnlich ist, der mich versteht. Er versinkt genauso in seiner Malerei wie ich in der Musik.
Ich war als Kind unglaublich unglücklich, das hatte wohl mit meiner Musikalität zu tun, mit der ich nicht fertig wurde. Ich habe Geräusche gehört, hatte im Traum wahnsinnige akustische Erlebnisse, die mir Angst machten. Erst als ich das Klavier entdeckte, wurde es besser. Von dem Moment an hatte ich auch Narrenfreiheit. Für Joe war das schwierig, er musste um Anerkennung kämpfen, während sie mir zufiel. Am Konservatorium bekam ich sofort Einzelunterricht, ich war aller Liebling, stand immer im Mittelpunkt. Wenn Gäste kamen, wurde ich gebeten zu spielen, und die Erwachsenen hatten Tränen in den Augen.
Während all das Joe wahnsinnig auf die Nerven ging, hat Manfred mich vorbehaltlos bewundert, er fing an, sich für Musik zu interessieren, und ich spielte ihm Jazz vor, Sinatra, englische Musik. Ich war sein Vorbild. Und als ich dann mit 19 das Angebot bekam, mit dem Orchester Werner Müller von Rias Berlin Aufnahmen zu machen, war das natürlich eine Sensation. Ganz Europa hat damals auf Langwelle Rias Berlin gehört, «Schlager der Woche», Caterina Valente mit «The Breeze and I» wochenlang in Amerika auf Platz eins der Hitliste. Dieses Orchester hatte Weltruhm erlangt, und ich durfte nach Berlin fliegen! Ich weiss es noch wie heute: Mit einer Super Constellation nachts um eins ab München, der Flug dauerte drei Stunden, und um fünf Uhr morgens landete man in Tempelhof.
Berlin war ein Moloch, noch völlig kaputt, und doch schon voller Leben, immer Aufbruch, das war herrlich. Und dann komm ich ins Studio, und da sitzen 70 Musiker, ein ganzes Tanzorchester, und der kleine Werner Müller, den ich nur von Bildern kannte, steht leibhaftig vor mir! Ich dachte, ich sink auf die Knie. Vier Titel haben wir aufgenommen und dann noch mal vier mit dem Michael-Greif-Orchester vom Sender Freies Berlin. Ich bekam 150 Mark pro Titel und bin dann mit über 1000 Mark wieder nach Hause geflogen, für Manfred war ich der Grösste. Der hat sich immer gefreut wie ein Schneekönig. Auch wenn ich ein neues Auto hatte oder so etwas. Neid entspricht nicht seinem Naturell.
Manfred hat keine Sekunde damit gehadert, dass ich mehr Geld verdiene. Das ist im Showbusiness einfach auch anders. Und er wusste immer, wie sehr ich ihn schätze. Ich war schon sein Fan, als er zwölf war. Wir sind auf Augenhöhe. Ausserdem weiss er selber, wer er ist und was er kann. Zumal er dieses Leben, das ich führe – die Menschen, von denen ich umgeben bin, das Presse-Bohei und das Frauentheater –, all das hat er nicht nur mit brüderlicher Liebe begleitet, deren ich mir absolut sicher bin, sondern immer auch mit erheblicher Kritik. Manfred hat ein stabiles und glückliches Familienleben, das mir so nie gelungen ist. Er zählt für mich zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben, vermutlich ist mir keiner näher.
Anja Jardineist NZZ-Folio-Redaktorin.
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